Donnerstag, 29. November 2018

Krise! Und nun?

Es gibt diesen ganz wunderbaren Begriff der so genannten "kritischen Lebensereignissen", damit sind alle Arten von Ereignissen mit großen Belastungen und Veränderungen gemeint. Manche davon können durchaus positiv sein (z.B. Umzug), doch selbst die positiven kritischen Lebensereignisse gehen mit einer Menge Stress und Belastungen und Veränderungen einher. Von den ganzen traditionell eher negativ besetzten kritischen Lebensereignissen (Todesfälle, Jobverlust, schwere Krankheit und co) mal ganz zu schweigen.

Nun ist mir über die Jahre aufgefallen, dass ich Menschen in solchen Lebenslagen zwar einerseits konkret an der jeweiligen Situation arbeite, welche sehr individuell ist. Jedoch andererseits fast immer dieselben Standardideen aus der Reserve hole. Quasi meine "Krise, und nun?"-Checkliste.
Diese erfasst erstaunlich viele Punkte, die sich mehr auf das körperliche Befinden beziehen. Ich bin kein Arzt, kein Mediziner. Daher sind die mit einer Prise Salz zu genießen (aber nicht zu viel, Salz kann ungesund sein). Sie beruhen auf immer wieder zu beobachtenden und in verschiedenster Literatur beschriebenen Zusammenhänge zwischen Körper und Geist. Und, wie mir auffiel, gerade der Körper wird in Krisen gern vernachlässigt. Was sich leider auch auf das geistige Krisenbewältigungspotential auswirkt.

Hier also meine "Krise, und nun?"-Checkliste:

- Grundzüge einer gesunden Ernährung einhalten!
Hier geht es darum Mangelernährung zu vermeiden. Das Gehirn braucht bestimmte Nährstoffe, verschiedene Vitamine, Spurenelemente, essentielle Fettsäuren, um gut zu funktionieren. So formuliert, wenn jemand in einer Krise jeden Tag Pizza isst, oder sich eine Schachtel Praline herein pfeift, sehe ich da kurzfristig kein Problem drin. Packe ich nun das Wort "nur" hinzu, sich also nur von Pizza oder Pralinen ernährt, dann kracht er körperlich und geistig herein. Schlecht. Auch in Krisen gehören Obst, Gemüse und weitere Bestandteile einer ausgewogenen Ernährung auf den Speiseplan!

- 4x pro Woche 20 Minuten Bewegung!
Bewegung wirkt stimmungsaufhellend einerseits, erlaubt andererseits mehr geistige Flexibilität. Beugt zudem Schmerzentwicklungen vor. Selbst wenn die Bewegung selbst als anstrengend und unangenehm erlebt wird, so hat sie doch deutliche Auwirkungen auf den geistigen und körperlichen Allgemeinzustand. Und die erhöhte geistige Flexibilität ist extrem wichtig.

- Tagesstruktur einhalten!
Körper und Geist mögen keinen Strukturverlust. Regelmäßig aufstehen, essen, Körperhygiene. Vielleicht bestimmte Rituale, siehe z.B. in dieser Liste einige Ideen, in den Alltag einbauen, ist wichtig.

- täglich mindestens 5 Minuten Herzensgüte-Meditation!
Zwei Gefahren drohen in einer kritischen Lebensphase.
Einerseits hart der Welt gegenüber zu werden, sich zu isolieren, zu verbittern. Mitgefühl anderen gegenüber abzubauen.
Andererseits hart sich selbst gegenüber zu werden, sich zu überfordern, zu verlieren. Mitgefühl sich selbst gegenüber abzubauen.
Eine gute Möglichkeit dem vorzubeugen sind Herzensgüte-Meditationen. Welche genau ist vollkommen und total egal, so lange sie (was typisch ist für Herzensgüte bzw. "metta") sowohl Mitmenschen als auch sich selbst einschließt.

- täglich mindestens 30 Minuten mit einem anderen Menschen sprechen!
Dies hat zwei Gründe. Erstens sind wir Menschen soziale Wesen. Zweitens, dies gilt auch für den hierauf folgenden Punkt, funktioniert unsere Gedankenwelt auf sehr fundamentale Art und Weise anders, wenn wir Gedanken in die Welt hinaus bringen. Sie sortieren sich, werden greifbarer, lösungsorientierter, verweilen weniger in Schleifen. Mit anderen Menschen sprechen ist allein aus dem sozialen Aspekt wichtig. Wenn dann noch hinzu kommt, dass man über die Krise selbst auch etwas sagen kann, umso besser. Sprechen und aufschreiben ist um Welten hilfreicher als nur über etwas nachzudenken.

- "Tagebuch" führen!
Es reichen wenige Stichworte, ein paar Zeilen. Egal ob im Stil eines Gedankenflusses, oder zielgerichtet. Erfüllt einerseits eine wichtige Funktion, wenn sozialer Austausch über den Kriseninhalt nicht möglich ist. Nimmt andererseits Last vom Erinnerungssystem. Das versucht in aller Regel sich Dinge zu merken, ist jedoch in Krisen damit überfordert. Was wiederum zu Belastungen führt. "Sich Dinge von der Seele schreiben" ist nicht umsonst ein geflügeltes Wort.

- täglich mindestens 30 Minuten etwas in Richtung Hobbies bzw. Interessen tun!
Eine der größeren Gefahren in Krisensituationen ist, dass wir die "Plus"-Seite im Leben ignorieren. "Erst die Krise, dann das Vergügen" funktioniert nicht. Unsere Seele ist wie ein Muskel. Ein Arm, der wochenlang nicht belastet wird, baut Muskeln ab. Genauso verhält es sich auch mit Fähigkeiten wie Spaß oder Entspannung. Ansonsten gelingen die immer weniger gut und irgendwann fast gar nicht mehr. Auch wenn es sich nicht passend oder richtig anfühlt. Gerade in Krisen ist Ausgleich wichtig.

- täglich mindestens 15 Minuten das Haus und den Ort der Krise verlassen!
Spaziergänge, Einkäufe, völlig egal. Das hat mehrere Gründe. Erstens können hier neue Impulse in sonst festgefahrene Gedankenkreisläufe kommen. Zweitens besteht die Gefahr des vollkommenen Rückzugs, wenn nur im Haus geblieben wird. Drittens haben auch Natur und Sonne eine gewisse Wirkung auf die Seele. Viertens um Teil des Lebens zu bleiben. Leben bedeutet konstante Veränderung. Draußen bekommt unsere Seele das mit. Eingeschlossen in den eigenen vier Wänden nicht. An einem Haus in Detmold gibt es einen wunderbaren Spruch. "Schlechte Zeit, gute Zeit, vergehen beid'". Das erlebt unsere Seele da draußen.

- mindestens 1x pro Woche neue Dinge ausprobieren!
Auch dies wieder aus mehreren Gründen. Erstens neue Anregungen bzw. Input, um nicht in festgefahrene Gedankenkreise zu geraten. Zweitens um eine der stärksten Ressourcen zu unterstützen, die wir Menschen zur Krisenbewältigung haben. Neugier! Neugierig zu sein, offen zu sein, hilft sehr bei der Krisenbewältigung. Aber auch dies ist etwas, was geübt werden sollte. Und nicht nur beim "Kriseninhalt". Ein recht berühmter amerikanischer Psychiater des vergangenen Jahrhunderts hat z.B. neue Patienten zu Beginn der Therapie teils wirklich abwegige Aufgaben gegeben, wie z.B. einen bestimmten Hügel zu besuchen, neue Straßenwege zur Arbeit entdecken und ähnliches. Oft Dinge, die rein gar nichts mit der eigentlichen Störung zu tun hatten. Jedoch Ressourcen, nämlich Neugier und eine Orientierung aufs Handeln, aufbauten, die sich dann im Verlauf als sehr hilfreich heraus stellten.

Nun beginnt die Adventszeit. Ich wünsche allen Lesern eine besinnliche Zeit.

Auch eine Nachricht in eigener Sache. Wie sich durch die nur mehr sehr sporadische Aktivität abzeichnete werde ich kaum mehr neue Beiträge im Blog veröffentlichen. Ich mag es für die Zukunft nicht ganz und zu 100% ausschließen. Aktuell ist mein Eindruck, dass sich ein ganzer Berg an verschiedensten Themen hier findet und es nun auf mich wie eine recht runde Sache wirkt. Ganz rein subjektiv. Daher sage ich nun "bis dann, und danke für den Fisch!"

Donnerstag, 28. Juni 2018

Essigessenz, oder auch: Umgang mit alten Mustern

Manche kuriosen, oder auch tragischen, Begebenheiten bleiben im Gedächtnis. Und manchmal steckt da mehr drin, als auf dem ersten Blick scheint.

Vor einigen Monaten sah meine Mutter, dass bei einem großen Discounter Essigessenz im Angebot war. Bat mich, da vier oder fünf Flaschen von zu holen. Sie entkalkte lieber mit Essigessenz als mit chemischen Mitteln. So weit, so normal.

Gleichzeitig sprach die Bitte in doppelten Sinne von einer gewissen Entkoppelung von der Realität. Da war eine positive Entkoppelung, nämlich das Verbleiben in Normalität. In einer Situation, die nicht mehr normal war. Sie war zu dem Zeitpunkt bereits schwer erkrankt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Essigessenz überhaupt noch benutzen würde, war sehr gering. Und trotzdem ist es auch unter solchen Vorzeichen wichtig Normalität aufrecht zu erhalten. Mit Hoffnung zu leben. Die sich auch in so kleinen Dingen zeigt.

Auch eine negative Entkoppelung. Als ich dabei war die Wohnungsauflösung vorzubereiten fand ich insgesamt 8 Flaschen Essigessenz. Wieso also noch einige mehr holen? Ein altes Muster, noch aus den Nachkriegsjahren. Man weiß ja nicht, wann es wieder etwas gäbe - also sich eindecken, wenn die Gelegenheit gerade da ist!

Ergab in den Nachkriegsjahren Sinn.

Heutzutage weniger.

Alte Muster haben so ihre Eigenart, dass sie häufig sinnvoll waren. Ihren Sinn jedoch im Laufe der Jahre und Jahrzehnte verloren. Manche gehen dadurch fort. Andere bleiben.

Wie also damit umgehen?

Trägt man selbst so ein altes Muster mit sich, dann haben sich meiner Erfahrung nach folgende Schritte bewährt:

- Das Muster benennen und eingrenzen. Um es fassbarer und damit wahrnehmbarer zu machen. Wir Menschen laufen zu über 90% auf Autopilot und entsprechend irgendwelchen Mustern, über die wir nicht nachdenken. Wie oft hast du darüber nachgedacht, wie eine Tür funktioniert? Oder abgewogen, ob du dir die Zähne putzt? Das sind Autopilotmuster. Die sind zu einem Großteil absolut nützlich. Zumindest die weniger nützlichen sollten wir, um damit arbeiten zu können, aber greifen können. Das geht durchs Benennen und Eingrenzen. (Im geschilderten Fall Hamstertendenzen bei Angeboten und Überkompensation von Verbrauch.)

- Das Muster erkennen lernen. Das ist der schwierigste, und zugleich wichtigste Schritt. Er setzt den Blick auf sich selbst voraus. Das Muster nämlich dann erkennen, wenn es gerade abläuft. In dem Moment entsteht eine wichtige Möglichkeit zur Veränderung. Weniger eingebrannte Muster lassen sich auch vorab abfangen, durch entsprechende Planung. Eingebrannte Muster jedoch werden so automatisiert ausgelöst, dass der Zeitpunkt zur Veränderung nicht vorab, und erst recht nicht danach ist. Sondern in der Musteraktivierung. Das gelingt, wenn wir uns bewusst werden, was wir gerade tun. (Achtsamkeitsmeditation, deren positive Effekte mittlerweile in einer Legion Studien gefunden wurde, macht nichts anderes als genau diese Fähigkeit zu trainieren.)

- Eine wohlwollend-akzeptierende Grundhaltung finden. Es gibt einen schönen Reim im englischen Sprachraum, "what you resist, persists", mit der Ergänzung "what you accept you'll gain the power to transform" (übersetzt sinngemäß "was man mit Widerwillen begegnet, das bleibt; was man akzeptiert, das lässt sich verändern"). Alte Muster mögen (teils große) Schwierigkeiten machen. Mit Gewalt gegen sie zu kämpfen löst jedoch in aller Regel genau die grundlegenden Emotionen aus, aufgrund derer sie sich entwickelt haben (im Beispiel ausgeprägte Ängste in Bezug auf die Grundversorgung). In dem Moment, wo wir voll auf Emotion sind, handeln wir emotional, und das ist in aller Regel entsprechend alter Muster. Also Muster akzeptieren, um nicht die volle emotionale Wucht um die Ohren gehauen zu bekommen. (Auch diese Grundhaltung ist etwas, das geübt werden sollte.)

- Gleichzeitig eine Koppelung an die Gegenwart herstellen. Im Sinne von "liebes Muster X, auch wenn du mir aus ehemals guten Gründen zu Y rätst, aufgrund von Z entscheide ich mich für..." (um im Beispiel zu bleiben "liebe Hamstertendenz, auch wenn ich gerade am liebsten noch fünf weitere Flaschen Essigessenz kaufen möchte, ich habe genug Essigessenz für mehrere Jahre da, und kann mir jederzeit im Notfall weitere Essigessenz in anderen Geschäften kaufen. Daher werde ich keine holen."), anders formuliert die Entscheidung nicht mehr emotional oder auf Autopilot treffen, sondern vom Kopf her. Dies wird im Laufe der Zeit neue, sinnvollere Muster bilden.

- Schließlich eine Rückkoppelungsschleife einbauen, am Ende schauen, wie ist es gelaufen, was war das Ergebnis? Was fiel leicht, wo traten Schwierigkeiten auf, was kann in Zukunft anders bzw. besser gemacht werden?

Die klassischen Änderungsversuche überspringen Schritt 1, ignorieren Schritt 2 und 3 und wundern sich, weshalb der Veränderungsschritt so schwer ist. Ist wie ein Auto im vierten Gang anfahren. Geht, setzt jedoch eine Menge Feingefühl im Fuß voraus.

Habe ich das im Falle der Essigessenz gemacht? Nein. Nicht jedes alte Muster muss verändert werden. Auch das halte ich für einen wichtigen Leitsatz.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Mayonnaise im Tank

Wenn es uns gut geht, dann vergessen wir es oft. Und wenn es uns nicht gut geht, dann reicht es alleine oft nicht - und die Kraft uns darum zu kümmern fehlt häufig.
 
Sprechen wir nämlich einmal über die Bedürfnisse unseres Gehirns. Unser Gehirn ist sehr anpassungsfähig. Wäre es ein Sportwagen, es könnte sogar mit Salatöl oder Mayonnaise fahren.
Dennoch fährt es mit Super Plus besser als mit ranziger Mayo.
 
...
 
Was können also so kleine Dinge sein, welche dem Hirn gut tun?

Ich möchte nur einmal ein paar Ideen einwerfen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit.

- gesunde Ernährung. Unser Gehirn braucht bestimmte Stoffe um gut zu funktionieren. Es kann zwar auch arbeiten, wenn manche davon fehlen, jedoch mit Problemen. Omega 3-Fettsäuren, Mineralstoffe und Spurenelemente, Vitamine... in einer abwechslungsreichen und gesunden Ernährung sind die drin. (Beziehungsweise sollten drin sein. Falls sie fehlen, ist es keine abwechslungsreiche und gesunde Ernährung.)

- Bewegung. Zwischen Herz und Hirn besteht eine sehr enge Verbindung. Was dem Herzen gut tut, das tut in aller Regel auch dem Hirn gut. Zudem hat Bewegung selbst eine Wirkung auf unser Gehirn. Es löst positive Prozesse aus, die sonst nicht stattfinden.

- regelmäßige Entspannungszeiten. Abschalten können und dürfen. Damit einhergehend auch so etwas wie Natur, Wasser, Tiere... je nach persönlicher Vorliebe.

- jetzt wird es etwas komplizierter. In unserem Gehirn werden verschiedene körperliche Rhythmen verwaltet. Normalerweise (also bis vor so ca. 150 Jahren) half das Sonnenlicht diese Rhythmen im Einklang zu halten. Manche Gehirne brauchen keine Unterstützung. Andere jedoch schon. So etwas wie Sonnenaufgangswecker, Vermeidung von blauem Licht am Abend, soweit möglich Einhaltung einer gewissen Regelmäßigkeit im Tagesablauf hilft dabei die im Einklang zu halten.

- Gemeinschaft. Wir Menschen sind soziale Wesen. Es gibt mittlerweile einige Studien, welche z.T. dramatische Gesundheitsfolgen von Einsamkeit beschreiben. Durch Fernsehen oder soziale Medien lässt sich da unser Gehirn nur sehr bedingt austricksen.

... und bestimmt noch eine Menge mehr ...

Ich finde es wichtig, dass nicht nur am "Gedankeninhalt" geklebt wird. Sicher ist dieser auch extrem bedeutsam, nur wenn man ständig Mayo in den Tank gibt, dann wird das Auto kaum problemfrei und gut fahren können.

Samstag, 31. März 2018

Sternenstaub

Sprechen wir über Sternenstaub.

Die erste Materie im Universum war Wasserstoff. Es gab keine anderen Atome, nur Energie und Wasserstoff und eine ganze Menge Nichts.

Woher stammt alle andere Materie? Sei es Sauerstoff, Eisen oder Gold? Woher stammt das, woraus unsere Erde und auch wir bestehen?

...

Alles jenseits des Wasserstoffs entstand in Sternen. Und in den Explosionen sterbender Sterne.

Nahezu alles, was uns umgibt. Nahezu alles, was wir sind, ist Sternenstaub.

Wenn wir, oder unsere Welt, der Schmetterling sind, dann waren längst vergangene Sterne unsere Raupen.

Und aus jener Asche und Staub all der vergangenen Sterne wurde unsere Erde, mit all ihrer Schönheit.

Und wir wurden daraus, zu Bewusstsein erwacht. Lebendig gewordener Sternenstaub.

Mit diesen eher astrophysischen Gedanken wünsche ich frohe und besinnliche Ostertage.

Sonntag, 21. Januar 2018

Karten lesen einmal anders...


Es gibt ein ganz wunderbares Gedankenexperiment zur Erklärung von Psychotherapie, Beratung und/oder Coaching, das leider heutzutage nicht mehr funktioniert. Weshalb? Es wird heute beantwortet mit "ich hole mein Smartphone heraus und nutze es als Navi".
Daher sagen wir einfach mal, es ist eine Zeit ohne Smartphones. Ein Mensch findet sich in einer fremden Stadt wieder. Was braucht er, um sich dort zurecht zu finden?
An der Stelle kann man erst einmal gut sammeln. Zumindest konnte man es früher. Heute kommt als Antwort "ohne Smartphone würde ich sterben!"
Dann kamen als Antworten eigentlich immer:
- Karte
- Kompass
Manchmal kam auch:
- Leute, die man nach dem Weg fragen kann
Irgendwie nie kam, zumindest soweit ich mich erinnere
- Ziel
Auch, aber weniger überraschend, kam nie:
- ein grundlegendes Verständnis wie Städte funktionieren, also was sind Bürgersteine, Ampeln, Kreuzungen und so weiter.
Nun ist das Leben zum Glück nicht wie sich unvermittelt und ohne Hilfsmittel in einer fremden Stadt wiederzufinden. Es gibt Ziele, nämlich Bedürfnisse. Es gibt einen angeborenen Kompass, nämlich unser emotionales System. Im Laufe unseres Lebens bilden wir sowohl "tiefe Karten" (also das zuletzt erwähnte grundlegende Verständnis) aus als auch Karten unserer Umwelt. (An der Stelle zeigt sich auch, weshalb Smartphone als aktualisiertes Bild nicht funktioniert, weil es Kompass und Karte und "Leute, die man fragen kann" vereint).
Trotzdem kommt es immer wieder zu Störungen. Die können überall auftreten.
Es kann sein, dass der Kompass entweder falsche Richtungen anzeigt; oder, was häufiger der Fall ist, nicht gelesen werden kann. Es kann sein, dass die Karte der Stadt nicht stimmt. Noch fataler, wenn die "tiefe Karte" nicht stimmt. (Konkretes Beispiel, Reisen nach Großbritannien! Dort stimmt unsere tiefe Karte nicht bezüglich Verkehr.)
Es kann auch sein, dass wir gar nicht das richtige Ziel anpeilen. Haben Hunger und peilen ein Bekleidungsgeschäft an.
In Psychotherapie, Beratung und/oder Coaching geht es meiner Meinung nach nicht darum jemanden einen bestimmten Weg in einer bestimmten Stadt vorzugeben. Sondern zu ermöglichen, selbst passende Wege zu finden. Das hieße den Kompass lesen lernen (und im Zweifelsfall reparieren). Es hieße selbst die Karten verbessern zu lernen und Fehler zu erkennen. Es hieße sich über die eigenen Ziele bewusst zu werden. Und es hieße auch Irrwege zu erkennen, und Störungen bzw. Schwierigkeiten aufzugreifen als Hinweis auf Irrwege.

Samstag, 6. Januar 2018

Die Grabsteinfrage

Es gibt eine Reihe von Fragen, die ich gerne stelle. Wenn auch oft in sehr abgemilderter Form. Finde es gleichsam sehr erkenntnisreich, wenn ich mir diese einmal selbst stelle.
 
Darf ich vorstellen? Die berüchtigte Grabsteinfrage!
 
"Wenn du irgendwann einmal, in hoffentlich sehr vielen, vielen Jahren auf dein Leben zurück blickst, was möchtest du sehen? Was möchtest du gehabt haben? Erlebt haben? Getan haben? Nicht getan haben?"
 
...
 
Die Antwort auf diese Fragen scheinen naheliegend zu sein. Doch wenn wir wirklich darüber nachdenken, dann kann die Antwort darauf sehr schmerzhaft sein. Doch je schmerzhafter sie ist, desto wichtiger ist sie.

"Ich wünschte, ich hätte mehr Überstunden gemacht" hat zum Beispiel, glaube ich, noch nie jemand auf dem Sterbebett gedacht.

Es ist eine Frage, die zeigen kann, was uns wirklich wichtig ist. Uns selbst. Nicht, was uns unsere Eltern, Freunde, Lehrer, Kollegen, Medien, Gesellschaft oder was auch immer (mehr oder weniger wohlmeinend) vorzuschlagen versucht.

In dem Sinne frohes neues Jahr!

Sonntag, 31. Dezember 2017

Und täglich grüßt das Murmeltier

Ein Film, den ich sehr mag, ist "und täglich grüßt das Murmeltier". Das nicht nur wegen des Humors. Auch zwischen dem, was im Film zwischen den Zeilen abläuft. Oder besser gesagt, was im Film auf der Meta-Ebene passiert. Da steckt, finde ich, überraschend viel Weisheit drin. Gerade wenn man den Film auch betrachtet als Parabel in Bezug auf Lebenskrisen vom Typ "Midlife-Crisis" und ähnliches.

Schon vor der Endloszeitschleife ist der Protagonist nicht glücklich, merkt es jedoch nicht. Erst als sich alles immer und immer und immer wieder wiederholt, bemerkt er sein Unglücklichsein. Sicher in einem völlig skurrilen Kontext; aber, wenn ich mit Menschen in bestimmten Lebenskrisen stecken, dann beschreiben sie letztendlich dasselbe. Auch wenn sich nicht der spezielle Tag wiederholt, so sind die Tage doch allesamt gleich, nur von kurzen Lichtblicken (z.B. Urlaub) durchbrochen.

Was macht der Protagonist? Zuerst geht er auf Angriff über. Versucht im Außen aus dem Leid zu fliehen. Erst sehr wörtlich, dann auch übertragen. Er sucht nach Glück im Außen - Geld, Frauen, Bewunderung. Das ganze durch Tricks, Betrug, Abkürzungen. Macht ihn auch allesamt nicht glücklich.

Stürzt dann in eine tiefe Krise. Nach der Krise fängt er an Anteile seiner selbst auszubauen, die von Anfang an vernachlässigt waren. Er lernt im Laufe des Films unter anderem Achtsamkeit, Mitgefühl, Dankbarkeit, Orientierung auf den Augenblick (statt auf das Ergebnis), das Loslassen der eigenen Maske. Anfangs wirkt der Protagonist zwar sehr egozentrisch, doch ist er eigentlich gar nicht bei sich. Zum Ende hin ist er es viel mehr. Und dann erst findet er zu einem besseren Leben.

Letzteres ist - Hollywood - zwar mit einer typischen Romanze verbunden. Jedoch war er bereits vor dieser, und bevor die Endlosschleife aufhörte, wieder deutlich glücklicher.

In dem Film steckt die Idee, dass uns, wenn wir eine Leere im Leben wahrnehmen, nicht schauen sollten, "wie kann diese Leere im Außen gefüllt werden?"; sondern, was fehlt uns, um die vielen kleinen und großen Wunder und Chancen und Gelegenheiten um uns wahrzunehmen und zu nutzen? Um dann das Leben führen zu können, das wir uns wünschen?

In dem Sinne frohes neues Jahr!