Montag, 31. Dezember 2012

Kluge Ziele?!

Zitat Homer Simpson: "Ich bin so klug, ich bin so klug, K-L-U-K!"

Wie lautet der erste Schritt der Problemlösung? Erkennen, dass es ein Problem gibt. Heute haben wir uns also hier virtuell versammelt, um über Ziele zu sprechen. Denn viele setzen sich zum neuen Jahr Ziele. Wie erfolgreich deren Umsetzung ist, steht auf einem anderen Blatt.

Persönlich halte ich es so, dass ich nach der Problemidentifikation unmittelbar damit anfange, das Problem anzugehen - und nicht ritualhaft auf einen bestimmten Tag warte. Ich weiß noch, wie mir vor vielen, vielen Monaten ein Anzug zu einem Anlass etwas zu eng saß. Da stellte ich meine Ernährung um - erfolgreich und dauerhaft.

Aber was macht Ziele gut zu verfolgen bzw. zu erreichen? Englisch ist da eine passendere Sprache - what are smart goals?
S - Simple
M - Measurable
A - Affect
R - Reasonable
T - Timed

Ein schönes, und sehr passendes Akronym. Ein gutes Ziel ist strukturell einfach, messbar, emotional geladen, realistisch und in einem vernünftigen Zeitrahmen gesetzt.

Strukturelle Einfachheit ist wichtig, weil übermäßig komplexe Ziele etwas davon haben, eine Konversation voraus zu planen. Stattdessen konzentriert man sich lieber auf das Ziel der Konversation, nicht auf die einzelnen Worte.

Messbarkeit sorgt für Erfolgserlebnisse. Damit man weiß, man hat sein Ziel (oder ein Schritt zum Ziel) erreicht.

Emotionale Ladung ist meiner Überzeugung nach der wichtigste Aspekt. Ziele, mit denen man emotional etwas verbindet, beziehungsweise die man in ein wichtiges größeres Oberziel integrieren kann, lassen sich viel viel einfacher umsetzen als emotional neutrale Ziele. Die verfolgt man wenn dann nämlich aus volitionalen und nicht motivationalen Gründen, und rein volitionale Ziele zu verfolgen bedeutet immer einen Kampf gegen innere Widerstände.

Realistisch, nun, sich Flügel wachsen lassen zu wollen wird nicht klappen. Tut mir leid. Es sollte schon menschenmöglich erreichbar sein. Man kann durchaus groß träumen, und große Ziele haben - aber sie sollten nicht gegen die Gesetzmäßigkeiten unserer Welt verstoßen.

Der Zeitrahmen hat zwei Begrenzungen: Einerseits darf er nicht unrealistisch eng sein, aber er darf auch nicht zu weit sein, da sonst möglicherweise der Antrieb, etwas zu tun, nachlässt. Irgendwo in der Mitte zwischen diesen Extremen sollte er sich befinden. (Zeitrahmen spielt natürlich keine Rolle, wenn man etwas dauerhaft ändert.)

In dem Sinne wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr - und wenn du Vorsätze haben solltest, erfolgreiche!

Sonntag, 30. Dezember 2012

Worte lassen das Gehirn schrumpfen!

Ich wollte schon immer eine Schlagzeile haben, die bildwürdig ist. Worum es mir eigentlich geht, war die Vorstellung anzugreifen, dass gedankliche und verbale Vorgänge einerseits und körperliche Vorgänge andererseits komplett getrennte und sich nicht beeinflussende Sphären seien.

Mir fielen da viele schöne Beispiele aus dem Alltag ein.

Aber wesentlich reißerischer ist da etwas anderes. Sprechen wir über die posttraumatische Belastungsstörung (PTSD): Sie tritt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bei Personen auf, die in ein traumatisches Ereignis verwickelt waren. Nun hat die PTSD den 'Vorteil', dass man da ein zentrales auslösendes Element kennt - entsprechend wurden Programme entwickelt, um den Betroffenen direkt vor Ort zu helfen, damit nicht (mit einer gewissen Verzögerung) sich eine PTSD entwickelt.

Auch wenn ich dafür bestimmt wieder viele böse E-Mails bekomme, die klinische Psychologie hat einen Nachteil: Tierversuche sind nicht möglich. Medikamente werden auf die gröbsten Nebenwirkungen erst (und, von tragischen Ausnahmefällen abgesehen, auch relativ erfolgreich) an Tieren getestet, aber bei Therapie- und Präventionsmethoden im psychologischen Bereich geht das nicht.

Und man kann jetzt auch nicht einmal experimentell dort herangehen und freiwillige Versuchsgruppen einem Trauma aussetzen. Ergo: Die Methoden zur PTSD-Prävention wurden, nachdem sie entsprechend theoretisch untermauert waren, in der Praxis angewandt.

Wer konnte ahnen, dass Methoden, die bei der Behandlung von PTSD durchaus nützlich sind, bei Traumaopfern ohne PTSD Probleme verursachen können? Ich meine, Methoden, die gezielt den dysfunktionalen Umgang mit Traumata korrigieren auf Leute loszulassen, die vielleicht eigene und durchaus funktionale Umgangsweisen haben? Wie kann das schon schiefgehen?

Übrigens: Eine der körperlichen Symptome der PTSD ist, dass das Gehirnvolumen schrumpft.

Was mich auf die Mitte zurückbringt: Die ersten Präventionsmethoden sorgten dafür, dass bei den Betroffenen häufiger PTSD auftrat. Entsprechend kurzlebig war deren Einsatz.

(Zur Ehrenrettung von uns Psychologen sollte ich hier aber auch erwähnen, dass die Intervention von Laien durchgeführt wurde, auch wenn mir persönlich die Sache auch methodisch fragwürdig vorkommt.)

Um damit auf den Titel zurückzukommen: Hier haben also über mehrere Schritte Worte das Gehirn geschrumpft, nämlich in den PTSD-Zusatzfällen.

Was wiederum den Kreis schließt: Sind Körper und Geist wirklich so getrennte Sphären?

Hm?

Samstag, 29. Dezember 2012

Beispiele, Anwendung, so etwas halt!

Im Januar werde ich in einen kleinen Gewissenskonflikt kommen*. Da ich personalbedingt quasi ein Zwei-In-Eins-Seminar anbieten muss, werde ich da keine Zeit haben, mal die ganzen Theorien und Modelle vom Publikum anwenden zu lassen.

Was, denke ich, dem Publikum sogar ganz recht ist. Ist ja auch einfacher, so repetitoriumsartig einfach alles auf sich einprasseln zu lassen.

Dummerweise sind aber gerade die "praktischen" Teile der Seminare jene, von denen die Leute am meisten mitnehmen. Meiner Erfahrung nach lernen sich Modelle am besten, wenn man sie an ganz konkreten Beispielen anwendet. Und diesen Rat möchte ich hier auch einmal loswerden: Egal, wo und wie du gerade lernst, wende das gelernte auf irgendwelche Beispiele an.

So erkennt man am besten, welche Aussagen dahinter stecken, was die Absichten sind, wie es sich zu anderen Modellen verhält. Oder auch Regeln. Was auch immer. Egal ob Psychologie oder meinetwegen die theoretische Führerscheinprüfung. Selbst Vokabeln - einfach einmal Sätze mit bilden.

Wissen ist nicht dazu da, im Kopf abgelegt zu werden. Wissen ist dafür da, angewendet zu werden. Und gleichzeitig legt es sich damit auch viel besser im Kopf ab!

* = zugegebenermaßen stimmt das nicht ganz. Ich habe dafür schon eine Lösung gefunden. Verantwortungsdiffusion ist toll!

Freitag, 28. Dezember 2012

Ethik und andere Schwierigkeiten

Vielleicht ist dir aufgefallen, dass die richtig berühmten Experimente der Psychologie schon einige Jahrzehnte auf den Buckel haben. Man denke da an den kleinen Albert (Furchtkonditionierung von Kindern), das Milgram-Experiment (Autoritätshörigkeit), die Stanford-Gefängnisstudie (Auswirkungen von Status), oder auch so Späße wie der Hawthorne-Effekt (Produktivitätssteigerung durch Veränderungen), und viele, viele mehr.

Heutzutage geht so etwas nicht mehr. Weil es völlig zurecht durch keine Ethikkommission mehr durchkommt - immerhin hat man es mit Menschen zu tun, nicht mehr mit Versuchsratten. Stattdessen hat man dann Experimente, die ganz spezielle kleine Verhaltensweisen betrachten, oder über Korrelationen arbeiten. Auf diese Weise werden auch viele neue Erkenntnisse gewonnen, sehr wertvolle sogar, sie sind bloß nicht so eindrucksvoll.

Ist dies das eigentliche Problem? Der geringe "Wow!"-Effekt? Hm. Vielleicht. Die Puzzlestücke sind relativ klein. Die Ergebnisse meist sehr kontextsensitiv. Der allgemeine Erkenntnisgewinn, die Ausweitbarkeit, die Einsicht in die Natur des Menschen, nur sehr bedingt.

Nur muss man auch dazu sagen, bei komplexeren Situationen erzeugt man auch teils sehr komplexe Sachverhalte. Nehmen wir Emotionen! Hast du schon einmal reine Wut, reine Enttäuschung, reine Traurigkeit, reine Freude, reine Liebe gespürt? Am Ende sind es doch meist ganze Emotionsgeflechte, zusammen auftretende Gruppen von Emotionen, die da hervorkommen. So etwas experimentell zu untersuchen stelle ich mir schwierig vor - von den ganzen anderen Faktoren einmal abgesehen, welche die Erforschung im Labor schwierig machen.

Irgendwie muss ich gerade daran denken, wie es da die Geisteswissenschaften machen. Dort werden qualitative Methoden teils sehr groß geschrieben, während jene in der Psychologie bisher eher eine untergeordnete Rolle spielen. Bloß sind qualitative Methoden, gerade in der Psychologie, oft komplett in die Irre führend. Da hat man dann vielleicht einen komplexen Sachverhalt und ein hochgradig für die Praxis relevante Fragestellung, und am Ende kann man mit der Antwort nichts anfangen, weil sie sich dummerweise nicht quantitativ beweisen lässt (lies: Man keine Vorhersagen daraus ableiten kann, die sich dann auch bestätigen).

Schlecht.

Ich weiß nicht, ob es eine Moral von der Geschichte gibt. Ich weiß nicht einmal, weshalb genau ich das gerade schreibe. Vielleicht auch nur, weil ich gerade an eine 'Studie' denken musste, die voll auf das hier geschilderte Problem hereingefallen ist.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Denk positiv! ...?

Mich erreichte eine kleine Nachfrage zu folgender Aussage:
Sich zu sagen, alles sei toll, ist aus psychohygienischer Sicht sicherlich besser, als negativen Gedanken nachzuhängen. Bloß davon abgesehen bringt es nicht allzu viel.
 Halte ich nun positives Denken für gut oder schlecht? Ich neige zum Pragmatismus und sehe es daher so, dass das durchaus als so genanntes "Pattern Interrupt" dienen kann (eben indem man damit negative Gedankenschleifen unterbricht, was gut ist). Ansonsten nur ist es mein Glaube (ich behaupte nicht, hier DIE WAHRHEIT zu kennen - ich vertrete nur meine Weltsicht), dass das Universum nicht unser persönlicher Wunschbrunnen ist. Sollte ich damit richtig liegen (und für mich deutet eine Menge darauf hin - oder haben sich die 250.000 Toten des Weihnachtstsunamis 2004 alle ein nasses Grab gewünscht? Um nicht Godwins Gesetz auszulösen...), dann hat es schlicht überhaupt keine über die Unterbrechung hinausgehende positive Wirkung. Umgekehrt natürlich kann es sich negativ auswirken - schwere Krankheiten werden nicht dadurch weggehen, dass man sich selbst einredet, man sei gesund. Ebensowenig wirst du zu Reichtum gelangen, wenn du dir immer nur selbst einredest, "bald habe ich fünf Millionen Euro und spende die Hälfte einem gewissen Blogger, weil er mich auf die Idee gebracht hat!"

Wenn man wirklich Ziele erreichen will, ist eine positive Grundeinstellung durchaus empfehlenswert - aber nicht bloßes sich selbst etwas einreden, sondern zielgerichtetes Denken und Handeln. (Gollwitzer sprach hier von realisierungsorientierter Bewusstseinslage.)

Was positives Denken durchaus erreichen kann, ist am Selbstbild etwas zu verändern. Problem dabei ist nur, dass das verhältnismäßig ineffektiv ist. Ja, es funktioniert. Aber es hat etwas davon, ein Kreuzfahrtschiff mit Paddeln zu bewegen. Da gibt es einfach um Welten wirkungsvollere Methoden.

Nur umgekehrt muss man da auch sehen, sich selbst gut zuzureden ist immer noch besser als sich negativ zuzureden. Das ist auch eine Folge der Evolution: Gemeinhin reagiert unser Organismus (egal ob Körper oder Geist) auf negative Reize erheblich stärker als auf positive, weil es bei negativen Reizen in der Entwicklungsgesichte meist um Leben und Tod ging. Sich selbst immer negativ zuzureden kann daher viel leichter zu emotionalen und motivationalen Konsequenzen führen.

Allerdings lassen sich negative Gedankenschleifen auch viel einfacher unterbrechen. Sie "nicht füttern" (Aufmerksamkeitsfokus nicht darauf richten) und sobald wie möglich an etwas anderes denken. Oder sie durch ein Signal unterbrechen (z.B. mental "Stopp!" sagen) und dann an etwas anderes denken.

Aufmerksamkeit ist ein interessantes Thema. Irgendwann sollte ich darüber mal schr--- oh, ein Vogel!

Dienstag, 25. Dezember 2012

Seufz.

So etwas wünscht man sich zu Weihnachten. Wegen Schweigepflicht und co nur relativ grob umrissen.

Vor etwas über fünf Jahren half ich einer damals Jugendlichen bei verschiedenen Angststörungen - eigentlich nur im Rahmen von Sofortmaßnahmen um die Zeit bei einem Therapeuten zu überbrücken. Denn da es da um den Schulabschluss ging, war die ganze Sache zeitkritisch. Also ein paar einfache behavioristische Techniken. Die wirkten aber so gut, dass die Idee mit der Therapie irgendwie eingeschlafen ist.

Heute bekam ich dann einen Anruf von der Mutter. Die (inzwischen) junge Frau hat sich dann nach über fünf Jahren, um einfach mal alles aus ihrer Kindheit aufzuarbeiten, doch für den Beginn einer Therapie entschieden. Nachdem sie nun fast fünf Jahre überwiegend angstfrei war, läge sie jetzt nur noch seit Tagen zusammengerollt da, weint in sich hinein, und schwadroniert über ihre Ängste.

Da ist etwas ziemlich schiefgelaufen. Bloß aus der Entfernung kann ich auch nicht sagen, was. Und mit Urteilen möchte ich mich da zurückhalten. Also habe ich dann nur an die Übungen von damals erinnert und die Adresse von einer Kollegin durchgegeben, die in der Gegend ihre Praxis hat. Keine Ahnung, wo sie bisher war - denn ganz ehrlich, so eine drastische Verschlimmerung hinzubekommen ist schon eine Kunst. Nur nach allem, was mir so erzählt wurde (was aber etwas von Stiller Post hat - immerhin über zwei Ecken), wundert es mich nicht. Wäre interessant zu erforschen, ob man mit den da eingesetzten Methoden auch Angstzustände in von vornherein gesunden Personen auslösen könnte.

Meine Vermutung ist "ja". Das ist das Gefährliche an rein geistigen Prozessen.

Hm. Irgendwie muss ich gerade an Albert denken.

Montag, 24. Dezember 2012

Sonntag, 23. Dezember 2012

Über Sprache

Sprechen wir über Sprache, und das, was wir mit ihr machen können. Sprache dient mehr als nur der Informationsweitergabe, denn sie teilt auch mit, wie wir zueinander stehen, wie wir fühlen. Ein jeder kann lernen, wie man die Sprache wesentlich zielgerichteter einsetzen kann, und dabei ist es gar nicht nötig, dies bewusst zu tun. Du musst dabei gar nicht darüber nachdenken, ob eine zielgerichtete Sprache dir so einfach von den Lippen kommt, denn wenn man kann nicht nicht kommunizieren, und wenn man schon kommuniziert, dann kann man dies auch erfolgreich tun.
Wenn du dies hier liest, wird dir bewusst, wie einfach es ist, Brücken mit der Sprache zu bauen, denn immer wenn Wörter ins Spiel kommen, so wie Bücher, die als Informationsbrücken über die Zeitalter dienen. Denn je mehr man sich der Macht der Sprache bewusst wird, desto mehr kann man jene nutzen. Es ist das einfachste der Welt, denn wir alle sprechen miteinander, Tag für Tag. Und die meisten Leute erfreuen sich daran, gleichwohl klarer und subtiler zugleich kommunizieren zu können. Und sobald du bemerkst, wie einfach dies ist, erfreust du dich an immer besserer und besserer Kommunikation.
Bemerke, wie sich selbst beim geschriebenen Wort Nuancen hervorheben, bestimmte Wörter in deinen Fokus rücken, deine Aufmerksamkeit binden; weil sie wie ein Echo in dir widerhallen. Stelle dir nur einmal vor, wie es wäre, die persönlichen Wörter anderer Menschen zu erkennen - was dir jene wohl über sie verraten können! Es ist, als wären die Möglichkeiten unbegrenzt, und das motiviert einen nur umso mehr, die Feinheiten der Sprache zu ergründen.
Es ist gut, zu erkennen, wie Sprache uns auch formt. Erinnerst du dich an die Lehren und Weisheiten, die du noch in Kindertagen gelernt hast? Die Motive und Themen aus Märchen und Sagen? Wenn du beginnst, Sprache gezielter zu nutzen, nutzt du sie auch eloquenter, zielgerichteter; und deine Sprache wird nicht nur bildreich, sie vermittelt früher oder später auch Bilder.
Wie hast du früher Sprache verwendet? Und wie heute? Bemerkst du, wie du immer noch Bilder erinnerst, von Sprache geformt, aus tiefster Vergangenheit? Wie die Geschichte von Schneewittchen und dem Wolf Werte wie Ehrlichkeit und Respekt vermittelte, in Metaphern und Allegorien? Erinnere dich, wie du einst Menschen mit Worten tief bewegt hast - vielleicht durch Zufall - aber du kannst es wieder tun, nur gezielter, und dabei so natürlich sein, wie die Sonne die Erde durch das All zieht.
Denn Sprache ist eine wunderbare Erfindung, erlaubt sie doch, unsere äußere und innere Welt zu beschreiben, anderen mitzuteilen, und so unsere und ihre Welt mitzuformen. Welch positiven Möglichkeiten sich dadurch bieten! Stelle dir nur einmal vor, wie es wäre, schon durch Gesprächen Menschen helfen zu können? War das nicht schon die Idee Freuds, durch Gespräche Menschen aufzubauen? Beruht darauf nicht die Psychologie? Beeinflussen nicht auch Freunds Verständnis von Es, Ich, und Über-Ich alle Erkenntnisse danach? Und fanden sich diese Ideen nicht schon in den alten Sagen, von Arthur über Siegfried und dem Drachen, über Cleopatra und die Sintflut? Ist es nicht toll zu sehen, wie uns die Sprache einen neuen Sonnenaufgang beschert, entgegen allem, was die alten Maya vorhersagten?

Toll, oder?

...

Okay, wach auf, komm wieder zu dir. Sofern du wach bist, super! Wenn nicht, werde wach. Der Text da oben ist vor ein paar Tagen recht spontan entstanden im Rahmen von, hm, wie kann ich das erklären? Kennst du Powerpointkaraoke? Wo man eine unbekannte Powerpointpräsentation bekommt und die dann (möglichst überzeugend) vorstellt? Nun, das da oben war Verknüpfungskarteikartenkaraoke. Um hier ganz offen zu sein, darin befindet sich eine riesige Menge Unsinn.

Hast du bemerkt, wann ich angefangen habe, Unsinn zu erzählen? Kleiner Hinweis, damit fing ich verdammt früh an. Zweiter Satz, um genau zu sein. Bist du dir sicher, jeden einzelnen Unsinn entdeckt zu haben? Was das ganze soll, nun, es ist eine Demonstration. Nämlich wie sich mehr oder weniger offenkundiger Unsinn in Sprache verstecken lässt.

Mal ein kurzes Beispiel:
"Gestern habe ich Rudolf in seiner neuen Wohnung besucht, und wir haben uns über das UFO in seiner Garage unterhalten."

Dass das UFO Unsinn ist, ist klar. Aber dennoch suggeriert der Satz, dass ich jemanden namens Rudolf kenne, dass jener eine neue Wohnung samt Garage hat, und ich ihn gestern besucht habe. Auch das stimmt nicht. Formulieren wir den Satz einmal um:

"Gestern habe ich Rudolf in seiner neuen Wohnung besucht, und wir haben uns über den neuen Audi in seiner Garage unterhalten."
Klingt schon sinnvoller. Ist aber immer noch Unsinn. Und zwar komplett. Man kann auf diese Art Dinge als Fakt verkaufen, die erstens nicht wahr sind, und zweitens nicht hinterfragt werden. Ziemlich gemein.

Übrigens hat eine der Teilnehmerinnen später ihren Kindern das Märchen von Schneewittchen und den sieben Wölfen erzählt.

Ups.

Samstag, 22. Dezember 2012

Positives Denken, Selbsthypnose, Meditation und Blumen!

Gestern wurde ich gefragt, was denn die Unterschiede zwischen Selbsthypnose, Meditation und positivem Denken sei.

... und wieder hat es nicht mit dem Ende von Alice geklappt ...

(Vorab: Kongruenz = so etwas wie "Zusammenpassung". Wenn man lächelt und in fröhlicher Stimme spricht und eine offene Körpersprache zeigt, dann ist man kongruent. Lächelt man hingegen, spricht man eher gequält und zeigt eine verschlossene Körpersprache, ist man inkongruent.)

Die Antwort darauf ist komplex, weil es eine wirklich seltsame Frage ist. Hauen wir erst einmal das 'positive Denken' weg: Sich zu sagen, alles sei toll, ist aus psychohygienischer Sicht sicherlich besser, als negativen Gedanken nachzuhängen. Bloß davon abgesehen bringt es nicht allzu viel. Ich habe ja mal ein wenig über Rahmen gesprochen - das Problem am positiven Denken ist, dass es in aller Regel inkongruent zum Rahmen ist (weil man es ansonsten nicht bräuchte), und den Rahmen selbst nur schwerlich beeinflussen kann. Aber, wie gesagt, psychohygienisch ist es sinnvoll. Denn bei einem negativen Rahmen sich negativen Gedanken hinzugeben verstärkt diesen noch, denn die sind kongruent. In dem Sinne verhindert es negative Gedankenschleifen, und unterbricht jene.

Selbsthypnose nun fängt an, mit anderen gedanklichen Zuständen zu arbeiten. Wie im ersten Post zum Thema erklärt, ist das zentrale Element jedweden hypnotischen Zustands, dass der wache Verstand gewissermaßen abgelenkt ist, seine Aufmerksamkeit von etwas anderem absorbiert wurde. Aus dem Grund wirkt Selbsthypnose schon einmal besser als positives Denken, weil währenddessen etwaige Rahmenfilter außer Funktion sind. Wie erfolgreich Selbsthypnose genau sein kann, hängt davon ab, was und wie man sich da versucht, etwas einzutrichtern. Was auch im normalen Wachzustand wirkt, kann in seiner Wirkung dann noch verstärkt werden. Was aber im normalen Wachzustand nicht wirkt, wirkt auch dann nicht. Hypnose ist kein mythischer Zustand. Diese ganzen Hypnoseshows wirken in erster Linie durch etwas, was dir auch schon bekannt sein sollte: Vorab-Rahmensetzung.

Meditation nun kann alles mögliche sein. Meist jedoch geht es da aber nicht darum, den wachen Verstand auszuschalten, sondern etwas mit ihm zu machen. Was ebenfalls zu einer veränderten Bewusstseinslage führt, aber mit gänzlich anderer Intention und Ausprägung.
Aufmerksamkeit ist ein hochinteressantes Thema. Tatsächlich lassen sich eine Reihe psychischer Störungen auch als eine Störung der Aufmerksamkeit verstanden werden kann.

Nein, ich meine nicht AD(H)S. Nehmen wir einmal soziale Phobie: Wie laufen dabei die Aufmerksamkeitsprozesse ab? Aus Sicht des Betroffenen findet sich dort einerseits eine Fokussierung auf sich selbst und die eigenen wahrgenommenen Unvollkommenheiten, die hinderlich ist. Andererseits eine andere nicht auf die aktuelle Situation im Umgang mit anderen, sondern auf die erwarteten negativen Konsequenzen. Eine ziemlich destruktive Kombination.

Die meisten Meditationen nun beruhen darauf, auf ihre Weise die Aufmerksamkeit zu kontrollieren. Mit völlig unterschiedlichen Zielen. Dabei geht es nicht darum, wie bei der Selbsthypnose, den Verstand durch etwas zu beschäftigen, sondern im Gegenteil den Verstand (und dessen Aufmerksamkeit als Fokuslinse) bewusst zu steuern.

Insofern könnte man sagen, Meditation und Selbsthypnose haben so viel gemein wie eine Palme und eine Lilie. Beides sind Pflanzen (bzw. andere Bewusstseinszustände), aber das war es dann auch schon fast. Interessanter sind die Funktionen der einzelnen Sachen. Das eine gibt uns Kokosnüsse, das andere Zierblüten.

Freitag, 21. Dezember 2012

Worte: Heute im Sonderangebot!

Da der Weltuntergang (wie zu erwarten war) mal wieder auf sich warten lässt, bin ich heute einmal bösartig.

Woran kannst du erkennen, was in einem Menschen vorgeht? An dem, was dir gesagt wird?

Bei sehr ehrlichen Menschen, nun, vielleicht. Ich kenne einige Leute, die ich für sehr ehrlich und offen gehalten haben, und die dennoch im Endeffekt, vielleicht sogar ohne sich dessen bewusst zu sein, die wildesten, haarstreubensten und verletzensten Lügen vom Stapel gelassen haben, die ich je erlebt habe. Aber das auch nur, weil... das wird kompliziert.

Die allermeiste Zeit über handeln und entscheiden Menschen nicht logisch. Sie versuchen hingegen, nachträglich irgendwie logisch klingende Rechtfertigungen zu finden, die aber meilenweit an der Sache vorbei gehen kann.

Wenn man nun irgendeine beratende Funktion hat - oder auch einfach nur die Menschen um sich herum besser verstehen will - dann ist es nicht sinnvoll, sich auf den Inhalt der Worte zu verlassen. Die richtige Reihenfolge hingegen ist:

Fluss der Emotionen > Rahmen > Handlungen > Intention > Körpersprache > "Sinn hinter den Worten" > Tonalität > Worte

Probier es einmal aus. Und wenn dir noch irgendeine Situation präsent ist, wo dich jemand für dich völlig unerwartet extrem verletzend belogen hast, versuche einmal, die Situation unter diesem Blickwinkel zu betrachten. Wie sahen dort bei jener Person die Emotionen aus? Was hatte sie für einen Rahmen? Welche Handlungen liefen davor und danach ab? Welche Intention steckte hinter dem Verhalten? Was sagte sie nonverbal und indirekt? All das führt einen viel näher an das heran, was eigentlich in jemanden vorgeht.

Und gerade als Psychologe ist es wichtig, dies erkennen zu können.

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Weltuntergangsstimmung - schon wieder.

Morgen ist der 21.12.2012, und sehr negativen Interpretationen eines uralten Kalenders nach soll dann Ende sein. Mit der Welt, mit uns allen.

Wie schon so oft. Selbst in meinem kurzen Leben habe ich schon mindestens zehn Weltuntergangstermine miterlebt. Ich bin immer noch da. Und irgendwie habe ich auch im Gefühl, übermorgen auch noch da zu sein. Ich gehe daher mal ein Apfelbäumchen pflanzen. Oder, um es mit den Worten von jemand anders zu sagen: "An Magie glauben ist eine Sache, aber auf eine Kultur etwas zu geben, die ständig Menschenopfer verlangte und dabei nicht einmal das Rad erfunden hatte, kommt ja gar nicht in die Tüte!"
(Fürs Protokoll: Hier wurden nicht Inkas mit Mayas verwechselt, die Mayas waren auch so drauf.)

Weltuntergangsfantasien sind beliebt. Waren sie schon immer. Weil sie auf eine sehr skurrile Weile tröstlich sind. Sagen sie doch, ja, es gibt eine höhere Ordnung oder Macht. Sagen sie doch, ja, wir sind dagegen hilflos, müssen also nichts versuchen zu unternehmen.  Sagen sie doch, wir werden nicht alleine sterben, sondern alle zusammen.

Lustigerweise wird es irgendwann ein Ende geben. Irgendwann. Tausende, Zehntausende, Hundertausende, vielleicht Millionen Jahre von heute an. Der Kosmos kümmert sich nicht sonderlich um uns - und spätestens wenn die Sonne überhitzt, sollten wir nicht mehr auf der Erde sein. Bis dahin ist jedoch noch viel Zeit. Morgen wird ein Tag wie jeder andere. Zumindest wieder so ein Tag wie jeder andere, an dem Weltuntergangsjünger enttäuscht werden.

Wobei... eine kleine Chance auf den Weltuntergang gibt es natürlich doch. Sprechen wir über Alice im Wunderland (die Verfilmung mit dem Herrn Depp).
  • Als ich ihn das erste mal schaute, wurde ich kurz vorm Ende auf sehr schöne Weise komplett abgelenkt.
  • Als ich ihn das zweite mal schaute, bei Bekannten, ging dort kurz vorm Ende der DVD-Player kaputt.
  • Als ich ihn kürzlich im Fernsehen das dritte mal schauen wollte, fiel kurz vorm Ende der Strom aus.
  • Als ich mir danach das vierte mal im Fernsehen als Wiederholung schauen wollte, wurde das Haus von der Feuerwehr evakuiert, weil es in der Nähe brannte.
Der DHL-Weihnachtsmann hat mir vom Amazonpol nun die DVD gebracht. Morgen werde ich sie mir anschauen. Wenn wir kurz vorm Ende von einem Gammastrahlenblitz oder anderer kosmischer Katastrophe getroffen werden - mea culpa.

(Um wenigstens etwas Psychologie da herein zu bringen: Durch zufällige Verstärkungen solcher Art wie da oben hat der Herr Skinner Tauben abergläubisch werden lassen. Behaviorismus ist toll!)

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Die Macht der Symbole

Gestern habe ich einen Weihnachtsbaum geschmückt. Die Weihnachtszeit ist seltsam, nicht wahr? Voller Symbole: Weihnachtsbäume, Nikoläuse und Weihnachtsmänner, Krippen und Lichterketten. Und, ganz unabhängig von der religiösen Einstellung, löst Weihnachten bei den meisten Menschen Gefühle aus.

Gefühle aus der Kindheit. Gefühle anhand von Erwartungen. Gefühle der Dissonanz (da die Weihnachtszeit eben oft auch stressig ist). Ich erinnere mich da an einen Artikel in einer lokalen Zeitung, der sicherlich schon über ein Jahrzehnt zurückliegt: Es ging darum, dass der November für die meisten Menschen deprimierender ist als der Dezember, weil der November noch nicht vom Licht des Advents erhellt worden würde.

Ja, toll, nein. Es ist nicht das Licht der Weihnachtszeit, es sind die Symbole. Die sind für die meisten Menschen positiv besetzt. Lösen entsprechend positive Erinnerungen aus, und aktivieren (vergleiche die erwähnten kognitiven Netzwerke im Werbeartikel I) andere positive Netzwerkknoten. Ein Dominoeffekt.

In dem Fall ein guter. Symbole sind deshalb interessant, weil Teile des Verstands in Symbolen arbeitet. Gerade im emotionalen und motivationalen Bereich. Volition ("Willenspsychologie")? Ja, da ist der logische und linguistische Teil extrem stark. Wenn dir das Finanzamt sagt, "mach deine Steuererklärung, sonst...!", dann mag das funktionieren. Wenn ich dir sage, "sei jetzt fröhlich!", dann... bist du fröhlich? Wenn ja, warst du noch nicht fröhlich, bevor ich dich dazu aufforderte? Siehst du. Das funktioniert nicht.

Symbole sind eine Möglichkeit (aber nicht die einzige!), um auch Emotionen und Motivationen zu beeinflussen. Die Weihnachtszeit zeigt dies sehr gut. Und auch soziale Programmierung. Aber das ist ein anderes Thema.

Nun ist es leider so, wie so oft, dass alles, was eine gute Seite hat, wie eine Münze eine andere Seite hat, und die meist eher schlecht ist. Symbole müssen nicht immer positiv sein. Wir haben in unserer Umwelt meist auch eine Menge Symbole, die uns negativ emotional beeinflussen. Ich erinnere mich da an eine Studie, bei der die bloße Anwesenheit eines aggressiv besetzten Symbols im Raum dazu führte, dass die Versuchspersonen sich signifikant aggressiver verhielten. Was auch kein Wunder ist - ich erinnere an das, was ich oben schrieb, was ich auch schon bei der Werbung erwähnte: Kognitive Netzwerke. In dem Fall stammt die Studie zwar aus der Sozialpsychologie, das dahinterliegende Prinzip jedoch findet sich in der allgemeinen Psychologie.

Genauso können Symbole gezielt verwendet werden. Positiv und negativ. Sicherlich auch ein Weg, über den Werbung wirkt. Auch die Politik nutzt Symbole meist exzessiv. Als positiven Kontrast, man kann damit auch in der Therapie eine Menge erreichen.

Übrigens das mächtigste mir bekannte Symbol?

Unser Geld.

Die Münzen und Scheine sind letztendlich nur Symbole für einen bestimmten Wert. Ist an sich auch ziemlich einfach zu erkennen - denn warum soll ein 500€-Schein mehr wert sein als ein 10€-Schein? Was sind soundsoviel € überhaupt? (Lustigerweise auch ein Thema, das Pratchett schon mal aufgegriffen hat - ich mag Pratchett.)

Nein, jetzt bitte nicht tief in die Wirtschafts- und Finanzwissenschaften gehen - nur einfach darüber nachdenken, welche Macht Symbole entfalten können.

Dienstag, 18. Dezember 2012

Worüber sprachen wir gerade nochmal?

Folgender kleiner Alltagstrick setzt voraus, dass man ein wenig schauspielern kann - Überraschung vortäuschen, und anschließend darf man nicht lachen oder auch nur lächeln. Außerdem sollte er extrem sparsam eingesetzt werden. Du wurdest gewarnt.

Wie gehst du damit um, wenn das Gespräch (egal ob mit einer Person, oder in einer Gruppe) sich um Themen dreht, die dir entweder nicht zusagen, oder gar (z.B. in beruflichen Situationen, z.B. in der Arbeit mit Klienten) so gar nicht zielführend sind? Einfach das Thema wechseln wäre unhöflich. Langsam versuchen, die Themen umzuleiten, kann klappen, wird ziemliche Zeit brauchen, und inwieweit es funktioniert, wer weiß?

Es gibt eine einfache, radikale Lösung.

Kompletter radikaler Unsinn, gefolgt von einem sofortigen Themenwechsel.

Beispiele für Unsinn:
- Landet da gerade eine Concorde auf der Straße?!
- Läuft da wer im Affenkostüm herum?!
- Was macht das Nilpferd im Café?!

Bringst du das richtig herüber (mit Überraschung und authentisch, als würde das wirklich geschehen) unterbrichst du die gerade ablaufenden Gedankengänge anderer. Die sind dann für ein paar Sekunden ziemlich frei umherschwebend und greifen auf, was immer du ihnen hinhältst. Eben das neue Thema.

Und lustigerweise, eben weil das so ungewöhnlich ist, wird sich weder an die Art des Themenwechsels, noch an den Themenwechsel überhaupt erinnert. Gerade bei schwierigereren Klienten durchaus hilfreich.

Nur wirklich, das sollte man echt sparsam einsetzen.

Montag, 17. Dezember 2012

Ich habe den größeren Bilderrahmen! III

Eine weniger bekannte psychische Störung, die ich aber hochgradig faszinierend finde, ist die "generalisierte Angststörung". Warum? Im Grunde, weil es sich um eine extrem destruktive Störung handelt, die keine körperlichen Mitursachen hat (zu den Gründen psychischer Störungen siehe auch "So etwas gibt es nicht!"), also rein mental und situativ aufrecht erhalten wird. Und, als ganz besonderes Schmankerl, von den Betroffenen positiv gesehen wird.

Kurz zur Erklärung, was eine generalisierte Angststörung ist: Frei umherspringende Ängste. Betroffene haben quasi permanent Angst, aber der Grund dafür passt sich ihrer Situation an. Das hält Betroffene in einem Dauerstress, mit sehr negativen Folgen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Lebensqualität unter den Vorzeichen auch nicht die beste ist.

Die allerwenigsten Betroffenen nun suchen wegen der Ängste Hilfe, sondern entweder angeregt aus ihrem Umfeld (Familie, Freunde), oder wegen Sekundäreffekten, die sich auf die Lebensqualität auswirken (Stress, Schlaflosigkeit, etc.). Die Ängste hingegen werden allgemein sogar als positiv erlebt. "Denn die helfen ja, auf alles vorbereitet zu sein!"

Hat etwas davon, den Wald abzuholzen, um einen Waldbrand zu verhindern. Was wir hier jedenfalls sehen, ist ebenfalls eine Taktik im Umgang mit Rahmen: Der Umdeutung.

Kennt man (mehr oder weniger scherzhaft) aus der Werbesprache von Maklern, wo 'rustikal' meist 'Bruchbude' bedeutet, 'gemütlich' gleich 'winzig', 'gute Verkehrsanbindung' gleich 'Durchgangsstraße und Bahnstrecke vor der Tür'.

Du kannst die meisten Verhaltensweisen und Eigenschaften umdeuten. Das kann einerseits den eigenen Rahmen stützen, andererseits den Rahmen anderer erschüttern. Man sollte es nur etwas subtiler tun als die Beispiele im letzten Absatz.

Und es muss auch gar nicht immer so negativ sein wie bei der generalisierten Angststörung. Zum Beispiel gehen oft mit Schwächen auch Stärken einher - und umgekehrt ebenso. Eine tolle Möglichkeit, um Leute aufzubauen. Umgekehrt natürlich auch eine gewisse Gefahr. Denn zum Beispiel die Interpretation bei der generalisierten Angststörung ist nicht falsch, sie ist lediglich nicht funktional.

Einmal zwei persönliche Beispiele:
- Ich habe den Spleen, mir nach jeder Mahlzeit die Zähne zu putzen. Dafür hatte ich in den letzten zehn Jahren auch so ziemlich genau gar nichts mit Zahnärzten zu tun, außer mir bei den Kontrolluntersuchungen ein Lob abzuholen. Positiver oder negativer Spleen?
- Ich bin ein ziemlicher Morgenmuffel. Sofern nicht etwas passiert, was mich aus der Bahn wirft, komplett nicht ansprechbar im Zombiemodus. Dafür erledige ich morgens nicht nur eigentliche Selbstverständlichkeiten wie Duschen und Rasieren, sondern treibe auch ein wenig Sport, esse Obst, meditiere, bilde mich auf dem Weg zur Arbeit weiter. Wiederum, positiver oder negativer Spleen?

Welche Interpretation ist funktional?

Sonntag, 16. Dezember 2012

Ich habe den größeren Bilderrahmen! II

Einmal eine kleine Geschichte: Vor einigen Wochen schaute ich mir ein paar Wohnungen einer Vermietgesellschaft an. Bei einer Wohnung sagte mir vorab der zuständige Mitarbeiter, er wisse nicht, ob die mein Fall sein würde. Die hat so einen ungewöhnlichen Schnitt und ist eher etwas zu groß.

Als ich die Wohnung dann sah, fand ich durchaus, dass der Schnitt sonderbar war - aber eigentlich verdammt praktisch! Und man hatte darin so unglaublich viele Möglichkeiten zur Raumgestaltung gehabt.

Ich habe die Wohnung nicht genommen. Wie einem das Leben manchmal mitspielt, kenne ich die Leute, die dort eingezogen sind. Die waren hellauf begeistert. Am Anfang. Und sind jetzt nur noch am motzen.

Warum?

Weil die auf einen Trick reingefallen sind, und ich nicht. Durch die Angaben des Sachbearbeiters entstand eine bestimmte Erwartungshaltung; Kriterien, nach denen die Wohnung bewertet wird. Und in denen schnitt sie gut ab - wie eben zum Beispiel der Schnitt. Ich hingegen habe den Rahmen bemerkt und nicht betreten, wodurch mir die Probleme der Wohnung ins Gesicht sprangen.

Vorab einen Rahmen vorzugeben ist eine Möglichkeit, den Rahmen anderer Menschen zu beeinflussen. Das ganze muss gar nicht einmal, wie in dem Beispiel, negativ sein. Wer in den letzten Jahren mal ein Seminar von mir besucht hat, dem wird aufgefallen sein, dass ich am Anfang immer ganz offen kommuniziere ("ihr seid hier um etwas zu lernen, und ich werde dafür sorgen, dass ihr hier sowohl für das Fach als auch für euer Leben möglichst viel mitnehmt!"). Der Trick dahinter ist, Reaktanz gegen meine doch manchmal etwas ungewöhnlicheren Vortragsmethoden zu verhindern. Die funktionieren, definitiv, die Leute nehmen eine Menge mit - aber das tun sie auch nur, weil sie den Vortrag nicht sabotieren und sich wundern, was ich für eine Show abziehe. Ich gebe ihnen einen möglichen Interpretationsrahmen schon vorher in die Hand.

Samstag, 15. Dezember 2012

Angewandte Weihnachtspsychologie

Passend zur Jahreszeit ein kleines Wissensbröckchen aus der Psychologie:
In einer Studie fand man heraus, je näher Weihnachten rückt, desto größer werden die Nikoläuse bzw. Weihnachtsmänner auf Bildern, die von den Probanden gemalt worden sind.

Ein Professor fand dafür direkt ein anderes Anwendungsfeld: Lassen wir uns von den Studierenden Geschenke schicken - und untersuchen dann, ob deren Wert mit der nahenden Klausur zunimmt!

Das war natürlich nur ein Gedankenspiel von ihm.

Freitag, 14. Dezember 2012

So etwas gibt es nicht!

Wir neigen dazu, bestimmte Phänomene zu verdinglichen. Auf diese Tendenz spielt auch das Ende von Hogfather an. In der Psychologie haben wir es jedoch nicht mit Dingen zu tun.

Und nein, ich beziehe mich dabei jetzt sogar gar nicht mal auf den Umgang mit Menschen. Die sind immerhin noch 'dinglich'. Ich beziehe mich auf die psychischen Prozesse. Es gibt kein Ding namens Phobie, es gibt kein Ding namens Zwang, es gibt kein Ding namens Liebe, es gibt kein Ding namens Stress. All diese, und viel mehr, Dinge gibt es nicht. Weil es keine Dinge sind.

Es sind Prozesse. Prozesse, die von bestimmten Faktoren aufrecht erhalten werden. Dabei hat man es in aller Regel mit einer Kombination aus inneren (also gedanklichen Prozessen) und Umgebungsfaktoren zu tun, bei einer Reihe von Prozessen dazu noch mit einem körperlichen Faktor. Gerade bei weniger tiefgreifenden Prozessen reicht es dann auch oft schon, wenn einer der Faktoren gekippt wird, um den Prozess anzuhalten. Dies erklärt, warum dann auch eine medikamentöse Behandlung, eine systemische Behandlung, und eine kognitiv orientierte Behandlung beim selben Störungsbild trotz völlig anderem Ansatz erfolgreich sein kann. Hier haben wir es nicht mit einem Hawthorne-Effekt* zu tun, sondern mit unterschiedlichen Wegen zum Ziel.

* = Verhaltensänderung durch Neuartigkeit. Man macht das Licht in einer Fabrik heller, die Leute arbeiten besser. Man macht das Licht dunkler, die Leute arbeiten besser.

Dies erklärt auch, warum bei Therapieerfolgsevaluationen die Verhaltenstherapie in aller Regel am besten abschneidet - die geht nämlich, da sie borggleich alles, was funktioniert, assimiliert hat, alle drei Faktoren an.

Dies erklärt ebenso, weshalb im Rahmen eines Psychologiestudiums so unglaublich viel völlig unterschiedliches Zeug gelernt werden muss: Es ist in aller Regel nicht sinnvoll, nur einen dieser Zugänge zu kennen. Gerade wenn man dann die einfacheren problematischen Phänomene verlässt, und es mit den dicken Brocken zu tun bekommt.

Vielleicht ist dir etwas aufgefallen: Ich habe nicht von Ursachen gesprochen. Ursachen haben wieder so etwas Dingliches. So wie ein Samen, aus dem eine Pflanze hervorgeht. Sicher haben diese Prozesse Ursachen, aber sie sind erstens nur bedingt relevant, und zweitens oft ganz anderer Natur, als man es der Alltagspsychologie nach glaubt.

Oft, so ganz klassisch nach Freud, wird in der Vergangenheit gegraben. Tatsächlich finden sich in der Vergangenheit in aller Regel so genannte Vulnerabilitätsfaktoren. Alltagssprech: Dinge, die einen anfälliger machen. Aber ein Vulnerabilitätsfaktor ist niemals ein Auslöser. Er kann es einerseits um Welten einfacher machen, in destruktive Gedankenmuster zu verfallen; andererseits zerstörerische Umgangsstrategien mit Belastungen beigebracht haben.

Was der auslösende Grund ist, hingegen ist einerseits ziemlich egal. Stoppt man die Faktoren, die den Prozess aufrecht erhalten, stoppt man den Prozess. Gerade bei komplexeren Störungsbildern wie der generalisierten Angststörung den auslösenden Grund zu finden, hat etwas von der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Interessanter sind da dann die aufrechterhaltenden Gründe.
Andererseits, selbst wenn man den Grund identifizieren kann, so löst dies doch in aller Regel extreme Reaktanz (also eine psychologische Abwehrreaktion) hervor, wenn man den kommuniziert. Das ist schlecht. Extrem schlecht. Denn dies zerstört das Vertrauensverhältnis, und ohne diesen Rapport wird jeder (nicht-medikamentöse) Therapieversuch im Sande verlaufen. Die Leute machen einfach dicht.
Was meine ich damit? Nehmen wir die posttraumatische Belastungsstörung. Da ist es nicht das Trauma die Ursache, sondern der anschließende Umgang mit dem Trauma. So etwas wollen die Leute aber nicht hören. Also sagt man es ihnen besser nicht. So Pi mal Daumen kann man davon ausgehen, dass der auslösende Grund immer extrem dicht am Beginn der Störung liegt. Alles davor sind Vulnerabilitätsfaktoren.
Gäbe es nicht die Schweigepflicht (die gilt auch, wenn man 'bloß' Psychologe ist; nicht nur für Psychotherapeuten), ich könnte eindrucksvolle Erlebnisse berichten. Da erzählt jemand, wie er X tat, und wie unmittelbar danach Y auftrat, wobei X sämtliche Kriterien für eine ganz typische Ursache erfüllt, aber derjenige sucht die Auslöser in der tiefsten Vergangenheit. Aber wehe, man versucht das Gespräch auf X zu lenken. Das funktioniert nicht. Da ist Reaktanz. Und wisst ihr was? Reaktanz ist ein verdammt gutes Zeichen dafür, sich dem Kern des Problems zu nähern. Wie einfach es da doch ist, auf Dinge auszuweichen, die keine Rolle mehr spielen!

Nur lösen kann man es nicht. Also muss man stattdessen an die aufrechterhaltenden Faktoren heran. Was zum Glück auch geht, da alles, was mental abläuft, Prozesse sind. Prozesse kann man auch beenden, ohne an den Auslöser heran zu müssen.

Dies übrigens erklärt auch, weswegen ich von der Psychoanalyse so wenig begeistert bin. Sicher, sie hat ihre Therapieerfolge - denn auch sie löst Beschäftigungen mit inneren Prozessen aus und führt oft auch zu Modifikationen in der Umgebung, aber sie tut es weltbildbedingt über große Umwege mit einer ganzen Reihe problematischer Vorannahmen.

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Hypnose I

Was ist Hypnose? Irgendein mythischer Zustand, in welchem man Leute dazu bringen kann, das zu tun, was sie sonst nie tun würden? Oder zu übermenschlichen Leistungen befähigen?

Nein. Ganz rein faktisch gesprochen ist Hypnose ein Zustand, in dem in der Wachheit der bewusste Verstand inaktiv ist.

Das ist ein völlig natürlicher Zustand. Auch du kannst jeden... na ja, die allermeisten Menschen zumindest in weniger als einer halben Minute in Hypnose versetzen! Und ich verrate dir nun, wie!

*Trommelwirbel*

*Vorhang auf*

Setze sie vor den Fernseher, schalte ihn an, und lenke die Leute nicht ab.

Völlig sinnlos?

Ja.

Und nein.

Es gibt Studien, nach denen Fernsehzuschauer schon nach wenigen Sekunden dieselbe Hirnaktivität zeigen wie Menschen in tiefster klinischer Hypnose. Einige dieser Studien trieben es sogar noch etwas weiter - indem die Versuchsteilnehmer instruiert wurden, bei wachem Verstand zu bleiben, da sich sonst der Fernseher automatisch abschalten würde.
Nach 30 Sekunden waren die Geräte dann aus.

Selbstverständlich nützt einem diese Erkenntnis nun so absolut gar nichts, weil man nicht mit Leuten in einer "Fernsehhypnose" kommunizieren kann, ohne dass der Verstand sofort wieder da ist. Warum sollte man den Verstand umgehen, fragst du dich vielleicht. Bestimmte problematische Prozesse* werden von bewussten Glaubenssätzen und Rahmen gestützt. Die umgehen zu können, das stelle ich mir als nützlich vor. Inwieweit das geht, keine Ahnung - meine Kenntnisse in dem Bereich der Psychologie sind irgendwo zwischen oberflächlich und nicht vorhanden.

* = Störungen, Probleme, all das sind keine Dinge, sondern Prozesse. Darauf aber möchte ich in einem gesonderten Blogpost eingehen.

Um damit die Brücke zu zwei vorigen Beiträgen zu bauen: Warum also hat ein starker Rahmen etwas hypnotisches? Weil er ebenfalls am wachen Verstand vorbei wirkt. Was ist noch eine Wirkrichtung von Werbung?

Damit hast du jetzt nicht gerechnet, nicht wahr? Irgendwie bin ich da auch für die richtig nervige Werbung, wie sie es teils schon seit der Jahrtausendwende gibt, dankbar. Nichts holt Leute schneller aus der fernsehbedingten Trance als so ein richtig übel nerviger Werbeclip. Man kann sich auch selbst in den eigenen Fuß schießen. (Wobei diese Werbung dann wieder eher auf Gedächtnisprozesse setzt. Wie angedeutet, Werbung ist komplex.)

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Ich habe den größeren Bilderrahmen! I

Zeit für den Hammer!

Kennst du Watzlawicks Geschichte vom Hammer? Erinnerst du dich daran? Falls nicht, in Kurzform, dort fehlt einem Mann ein Hammer. Da er einen braucht, denkt er sich, warum nicht einen vom Nachbarn leihen? Im Treppenhaus kommen ihm Zweifel. Und als schließlich der Nachbar die Tür aufmacht, hat er sich so in seine Gedanken hereingesteigert, dass er den Nachbarn anschreit und ihm mitteilt, jener könne seinen Hammer behalten.

Das war nicht der Hammer, um den es mir heute geht. Ich halte meine Studierenden ja immer dazu an, zu schauen, wo sich grundlegende Konzepte der Psychologie in ähnlicher oder gleicher Form in verschiedenen Theorien wiederfinden.

Heute spreche ich eins an, das ganz enorme praktische Implikationen hat. Gollwitzer und Kollegen nannten es 'Bewusstseinslagen', Kuhl und Atkinson 'Orientierung', Bandler 'Rahmen', diverse Emotionspsychologen 'Stimmung', und viele weitere Namen sind denkbar.

Nennen wir das Konzept, der Einfachheit halber, 'Rahmen'.

Ein Rahmen ist letztendlich so etwas wie ein Filter, aus dem ein Mensch seine Umwelt, sein Handeln und seine Perspektiven bewertet.

Ich werde es jetzt so kurz wie möglich formulieren: Rahmen zu verstehen ist der Schlüssel zu allen menschlichen Interaktionen und Handlungen.

Warum? Unbewusst reagieren die allermeisten Menschen auf Rahmen anderer, verhalten sich und denken entsprechend ihres eigenen Rahmens. Wenn man entsprechend Rahmen in Interaktionen mit Klienten anderen Menschen ignoriert, stochert man im Dunklen. Als Psychologe wird eigentlich erwartet, dass man genau das nicht tut.

Beispiele:
- Stell dir vor, du hältst einen Vortrag. Dein Rahmen kann sein, "die Zuschauer wollen etwas lernen, und ich werde es ihnen beibringen!". Oder er kann sein, "die Zuschauer werden bestimmt grantig sein, und ich bin mir eigentlich gar nicht mal so sicher über das, was ihr erzähle!". Wie wird wohl die eigene Körpersprache jeweils sein? Wie wird das Publikum reagieren? Rahmen färben alles, was wir tun. Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass der eigene emotionale Rahmen bestimmt, in welcher Art wir Tasten auf einer Tastatur beim Schreiben von Texten drücken.
- Stell dir auf der einen Seite einen Klienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung vor, der sich selbst für perfekt hält und den Fehler nur bei anderen sucht. Auf der anderen Seite jemanden mit sozialer Phobie, mit sehr geringem Selbstwertgefühl. Wie gehst du richtig mit den beiden um? Gleich? Wohl kaum.
- Kennst du Leute, die um sich herum den Raum aufhellen? Welche die ganze Stimmung einer Gruppe aufhellen? Und andererseits Leute, die alle um sich herum herunterziehen?

Die Beispiele sollten auch demonstrieren, welches Interaktionspotential hinter dem Verständnis von Rahmen steckt. Rahmen interagieren miteinander. Einerseits teilt man meist ziemlich genau anderen Menschen mit, was der eigene Rahmen ist. (Und ganz ehrlich, die meisten Rahmen sind dysfunktional.) Hier möchte ich auch auf meinen Beitrag über Sprachtakte verweisen - Worte machen keine 10% der Kommunikation "im Feld" aus, der Rest sind Körpersprache und Tonalität. Die sind nahezu immer rein vom Rahmen bestimmt. Tatsächlich ist dann sogar noch die Wortwahl vom Rahmen beeinflusst. Achte einmal darauf. Erkennt man den Rahmen einer Person, statt auf die Worte zu achten, lassen sich Menschen viel besser einschätzen.

Andererseits interagieren Rahmen miteinander. Und Rahmen sind veränderbar. Die meisten Menschen stellen sich die falsche Fragen - "Wie bringe ich meinen Klienten dazu, das und das zu tun?", "Wie kann ich meinem Kunden dies und das verkaufen?", falsch!
Richtig: "Wie bringe ich meinen Klienten in den richtigen Rahmen, das und das zu tun?", "Welchen Rahmen muss mein Kunde haben, um dies und das zu kaufen?"

Rahmen können unterschiedlich 'hart' sein. Kommen wir auf unser Beispiel mit den beiden Klienten zurück: Der Narzisst hat einen knallharten Rahmen. Da braucht es meist Wochen, um den Rahmen soweit aufzuweichen, damit er akzeptiert, vielleicht mit anderen Verhaltensweisen etwas besser zu fahren. Jemand mit sehr geringem Selbstwertgefühl hingegen lässt seine Rahmen schnell komplett zusammenbrechen. Diese Menschen sind oft erschreckend beeinflussbar, und es gehört zur verdammten Ethik unseres Berufsstands, diesen Menschen zu helfen und nicht auszunutzen. Wir sind keine Versicherungsvertreter, Kultgurus, Politiker, oder Gebrauchtwagenverkäufer. Da du diesen kleinen Blog liest, hoffe ich, dass du so im Ansatz einen moralischen Kompass hast.

So oder so, wie geht man als Psychologe mit den Rahmen anderer Menschen um? Halt, streichen wir das!
So oder so, wie geht man als Psychologe mit den Rahmen anderer Menschen um? So oder so, wie sollte man in allen Lebenslagen mit den Rahmen anderer Menschen umgehen?
1. Man sollte den Rahmen anderer verstehen.
2. Man muss seinen eigenen Rahmen behalten, so lange man agiert.

Die Wortwahl bemerkt? Den Rahmen anderer Menschen zu kennen ist nützlich, wichtig, gerade in der psychologischen Praxis. So oder so, sollte man aber seinen eigenen Rahmen behalten. In dem Moment, wo man seinen Rahmen verlässt, reagiert man nur noch. Was durchaus seinen Reiz haben kann, wenn man sich zum Beispiel auf einer Überraschungsparty entführen lässt. Aber nicht, wenn man selbst ein Ziel verfolgt - und sei es, dem Klienten helfen zu wollen. Dann bleibt man im eigenen Rahmen.

Übrigens: Bemerkst du die Logikbombe, die ich gerade gelegt habe?

Ebenfalls bemerkt: Da steht nichts davon, wie man mit den Rahmen anderer Menschen umgehen sollte. Denn das hängt von der Situation ab.

Oder wie man den Rahmen anderer beeinflussen kann. Die einfachste Möglichkeit ist, den härteren Rahmen zu haben. Ein starker Rahmen 'hat nicht etwas hypnotisches', ein starker Rahmen ist hypnotisch. Es gibt natürlich genug Situationen, wo das nicht funktioniert - da hat man dann andere Möglichkeiten. Über die aber erzähle ich ein anderes mal.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Sprachtakt-Übung

Es gibt ein paar lustige Studien zum Thema, welchen Stellenwert Worte in der Kommunikation einnehmen. Die Ergebnisse schwanken ziemlich, im Durchschnitt liegen sie jedoch unter 10%. Der Rest ist Körpersprache und Tonalität.

(Was auch der Grund ist, und ich bin mir der Ironie bewusst, weswegen ich Textkommunikation nach Möglichkeit vermeide.)

Einen Aspekt der Tonalität lässt sich sehr einfach trainieren: Der Sprachtakt. Da ich wenig Zeit habe, hier in Kürze:

1. Man schaue, wie schnell ein guter Redner, dessen Redestil man mag, spricht. Das ist wichtig, weil die meisten Leute zu schnell sprechen. Gerade wenn sie aufgeregt sind.
2. Man sage still für sich den gewünschten Takt auf. (Also innerlich zählen, entsprechend der gewünschten Geschwindigkeit, z.B. Eins Zwei Drei Vier. Schwer per Text vermittelbar, einfach ausprobieren.)
3. Man verbinde den Takt mit einer unauffälligen Geste. (Kopfnicken sähe doof aus! Finger bewegen z.B. geht jedoch.)
4. Man spreche zur Übung eine Weile im Takt der Geste.

Auf die Art kann man sich relativ schnell und unkompliziert mehrere Sprachtakte für unterschiedliche Situationen aneignen. Denn das sollte klar sein, eben weil auch die Tonalität wichtiger ist als der Inhalt der Worte: Wenn man beispielsweise ein Publikum auf einem Vortrag mitreißen will, braucht man einen anderen Takt, als wenn man einen aufgeregten Klienten beruhigen will. Oder einem ängstlichen Klienten Mut zusprechen will.

Verschiedene Takte hat man schnell alleine raus. Die Übung hilft in erster Linie, ein Gefühl für den Sprachtakt allgemein zu bekommen, und insbesondere problematische Sprechgewohnheiten (zu schnelles Sprechen, Füllwörter wie "äh", etc.) abzulegen.

Montag, 10. Dezember 2012

Behaviorismus

Nichtpsychologen, die von Psychologie hören, denken meist zuerst an Freud. Bonuspunkte in der aktuellen Jahreszeit, er hat ein wenig was von einem Weihnachtsmann. Seine Theorien sind kontrovers, aber irgendwie auch eingängig.

Kleines Problem dabei nur, so ganz wissenschaftlich bestätigen ließ sich davon nicht so viel. Und wenn man sich die Therapieerfolge psychoanalytisch orientierter Methoden anschaut, dann waren sie in ihren Urformen ziemlich mies, haben seither viel aus anderen Richtungen assimiliert, und sind dennoch nicht so erfolgreich wie jene anderen Richtungen. Hier steckt natürlich ein kleiner Glaubenskrieg hinter, nur ich möchte es einmal so formulieren, die Datenlage ist ziemlich eindeutig. Freud ist nicht das Pferd, auf das ich in Sachen Menschenbild und Therapiemethoden wetten würde.

Während Freud nun sich mit den Abgründen der Seele beschäftigte, mit Ödipuskomplexen und analen Verhaltensweisen, mit Es' und Über-Ichs, machte irgendwo in Russland ein Forscher eine Entdeckung: Hunde sabbern, wenn sie ihr Fressen bekommen. Das Fressen wird durch eine Glocke angekündigt. Folge: Irgendwann sabberten die Hunde, wenn sie schon die Glocke hörten. Das war Pawlow. Und diese Beobachtung stieß eine ganz andere Denkrichtung an.

Warum sich überhaupt mit den Dingen beschäftigen, die in der "Black Box" des Verstands vorgehen? Warum sich nicht einfach mit dem beschäftigen, was sich direkt an Verhalten und Reaktionen ablesen lässt? Dies war die Grundidee des Behaviorismus. Eine durchaus diskutable Sicht - und auch eine sehr beschränkte, von der sich die Psychologie einige Jahrzehnte später auch komplett wieder entfernte (das ganze nannte man dann "kognitive Wende"). Zugegebenermaßen war nicht nur die Grundidee des Behaviorismus grenzwertig, sondern auch die Methoden. Berühmt ist zum Beispiel, wie einem Kleinkind extreme Furcht vor bestimmten Tieren eingeflößt wurde ("kleiner Albert" - hier wurde immer mit einem Hammer auf eine Metallstange hinter seinem Kopf geschlagen, ergo ein sehr lautes Geräusch erzeugt, wenn er Reizkontakt zum Tier hatte. Quasi wie Pawlows Hunde nur in böse).

Nur anders als bei Freud gibt es bei den Behavioristen ein Problem: Ihre Methoden funktionieren. Solche Späße findet man oft, wenn Dinge rein external konstruiert werden - heißt wenn Methoden an von außen beobachtbaren Zeichen abgeleitet werden. In der Persönlichkeitspsychologie gibt es da ja den Schwank vom Psychotizismusfragebogen, in dem aus dem Grund nach gelben Regenmänteln gefragt wird.

Jedenfalls, um auf den Behaviorismus zurückzukommen, ihre gewonnenen Erkenntnisse finden sich heute fast überall wieder. Egal ob in der Verhaltenstherapie (der allgemein wirkstärksten Psychotherapie - englisch übrigens "cognitive behavioral therapy"), in Gesprächsführungskniffen, in verschiedenen pädagogischen Maßnahmen; das Weltbild des Behaviorismus mag überholt sein, ihre Methoden jedoch funktionieren (teils erschreckend) gut.

Das kann man auch jederzeit im Alltag selbst erleben: Ein Kniff aus meiner Studienzeit zum Beispiel war, positive und negative Verstärker bezüglich des Studierens zu identifizieren und zu modifizieren (in Alltagssprech: Schauen, was dazu beiträgt, dass du am Ball bleibst, und schauen, was dich davon abhält. Anschließend die nützlichen Sachen unterstützen und die negativen soweit es geht von den geplanten Lernzeiten forthalten).
Oder einfach mal selbst in Gesprächen versuchen, indem du gezielt bestimmte Bereiche (oder Wörter, oder Gesten) verstärkst und den Rest ignorierst. Man kann damit ganz schön Schabernack treiben. Umgekehrt findet sich hier auch der Grund, warum oft wichtige Gespräche völlig in den Sand gefahren werden: Es wird nicht das verstärkt, was für denjenigen wichtig ist. Es werden hingegen Dinge verstärkt, die kontraproduktiv sind. Mit "Verstärken" sind hier übrigens schlicht alle Zeichen normalen Zuhörens (Laute, Gesten, Nachfragen, etc.) gemeint. Aufmerksamkeit ist wichtig.

Apropos Verstärkung: Heute hätte ich wieder eine Fahrstunde gehabt. Ja, ich mache meinen Führerschein ziemlich spät. Jedenfalls ist die leider ausgefallen. Das nicht mal wetterbedingt, sondern weil mit dem Auto etwas ist. Schade. Jetzt fühl ich mich wie Pawlows Hund, bei dem die Glocke geklingelt hat, ohne dass es Futter gab.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Meine Filmempfehlung für die Weihnachtszeit

Manche Filme (und Bücher, und Musik, und andere Formen von Medien) sprechen gewissermaßen in Bildern. Hinter der eigentlichen gezeigten Handlung steht auch noch ein bestimmtes Weltbild, es werden bestimmte Themen in symbolischer Form angerissen. Mir ist da auch die Theorie bekannt, dass wir unsere Lieblingsfilme danach auswählen, wie sehr deren Symbolik unserer eigenen Weltvorstellung entspricht. Das ganze gar nicht einmal bewusst, denn nicht alle Filme sind dabei so offensichtlich in ihren Themen wie Rambo.

Ein sehr schöner Film, den ich gerade in der Weihnachtszeit nur empfehlen kann, ist "Hogfather". Eine Weihnachtsgeschichte basierend auf einem Roman von Terry Pratchett.

Auf den ersten Blick ist "Hogfather" einfach nur völlig skurril und abgedreht (immerhin ist die Prämisse des Films, dass der Sensenmann zeitweise die Rolle des Weihnachtsmanns übernimmt). Aber es stehen unter anderem zwei psychologische Prinzipien in stark symbolischer Form im Mittelpunkt, die den Film bzw. das Buch doch gleich viel interessanter machen. Generell mag man von Pratchett halten was man will, aber der Mann weiß, wovon er schreibt.

1. Eine konstruktivistisch orientierte Weltsicht.
2. Beeinflussbarkeit über die Kindheit.

Letzteres geht übrigens sogar direkt und indirekt. Direkt sieht man es (leider) immer und immer wieder, wenn im Erwachsenenalter selbst hochintelligente Menschen die barbarischsten Praktiken gutheißen, weil sie ihnen in der Kindheit als richtig vermittelt worden sind. Umgekehrt als positive Seite auch daran, dass die meisten Menschen ohne darüber philosophisch reflektiert zu haben sich an verschiedene unserem Zusammenleben dienlichen Werten halten.
Indirekte Beispiele sind da etwas weniger offensichtlich. Man stelle sich die Persönlichkeit als Zwiebel vor, mit verschiedenen Schichten, die im Laufe der Jahre angelegt worden sind. Dringt man bis zum Kern vor, sind Sachen wie Glaubenssatzarbeit viel einfacher zu bewerkstelligen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, all unsere Probleme kämen aus der Kindheit (hallo liebe Nichtpsychologen, Freud ist out!), nichtsdestotrotz kommt man über die Kindheit oft einfacher an den Abwehrmechanismen (in dem Fall die Störung aufrechterhaltenden Mechanismen) vorbei, um den Klienten zu helfen. Störungen wie z.B. die generalisierte Angststörung (= der Klient ist in einem Zustand von frei umherspringenden Ängsten) beruhen nahezu nur auf verkorksten Glaubenssätzen. Viele Klienten wissen das auch. Informationen finden sich dazu überall. Und doch kriegen sie es in aller Regel nicht alleine fort. Warum? Weil sie nicht am Abwehrmechanismus vorbei kommen.

Womit wir auch beim Thema konstruktivistisches Weltbild wären. Sicher, wir erschaffen uns keine obskuren mythologischen Fabelwesen durch unseren Verstand, jedoch...

... möchte ich hier auf einen der Abschlussworte des Sensenmanns verweisen, seine Antwort auf die Frage, was am nächsten Morgen passiert wäre. Die ist stark erweiterbar.

So oder so, meine Film- bzw. Buchempfehlung für die Weihnachtszeit: Hogfather!

Samstag, 8. Dezember 2012

Wie wirkt Werbung? I

Werbung ist aus psychologischer Sicht hochinteressant. Bist du jemals nach einem Fernsehabend am nächsten Tag losgefahren und hast dir fünf neue Autos gekauft? Nein? Dachte ich mir.

Warum also dieser Aufwand? Aus ganz vielen Gründen. Werbung soll auf vielerlei Wegen wirken - einiger offensichtlicher als andere. Heute möchte ich mich mit einer der weniger offensichtlichen Wirkung beschäftigen. Der Manipulation kognitiver Wissensnetzwerke.

Was sind kognitive Wissensnetzwerke? Grob gesagt ist die Theorie dahinter, dass wir unser Wissen in zusammenhängenden Gruppen ordnen. Beispielsweise gibt es dort eine Kategorie "Fisch", in der wir einerseits so die Grundannahmen über Fische haben (also was macht einen Fisch zum Fisch), andererseits auch Beispiele für verschiedene Fische abgelegt haben. Diese Kategorie "Fisch" ist wiederum mit thematisch zusammenhängenden Kategorien verknüpft - zum Beispiel "Tiere" (als übergeordnete Kategorie), "Gewässer", und so weiter. Kognitive Wissensnetzwerke sind im Allgemeinen sehr komplex. Werbung kann sich nun auf mehrere Arten darauf auswirken.

1. Knüpfung neuer Verbindungen. Das ist die übliche Methode. Bestimmte Produkte werden mit positiven Werten oder Emotionen assoziiert ("verknüpft"). Man denke dabei daran, wie bestimmte Automarken sich selbst vermitteln. Oder wie Genussmittelhersteller ihre Produkte vermarkten (z.B. der Glimmstängel und der Cowboy - denke einmal darüber nach, welche Werte dahinter stehen). Sinn einer solchen Verknüpfung ist, dass wenn du jene Werte teilst, oder jene Emotionen anstrebst, dir dann auch jene Produkte mit in den Sinn kommen.

2. Falscheinordnungen provozieren. Um auf das Beispiel mit den Fischen zurückzukommen: Wenn etwas im Meer herumschwimmt, wie ein Fisch aussieht, wie ein Fisch schwimmt, wie ein Fisch lebt - dann kann es auch ein Wal sein! Die meisten Kinder haben unglaubliche Probleme, sich zu merken, dass Wale keine Fische sind, einfach weil sie so gut in die Kategorie passen.
Was aber, wenn es eigentlich keine Ähnlichkeiten gibt? Mir fällt da ein Beispiel ein, und das ist ziemlich erschreckend. Bestimmte Snacks auf Milchbasis verkaufen sich als gesunde Zwischenmahlzeit, werden daher (ungesehen ihrer Inhalte) allgemein dort einsortiert. In Wirklichkeit sind sie jedoch am ehesten mit Torte zu vergleichen. Ich kenne keine Eltern, die ihre Kinder jeden Tag Torte essen lassen würden. Diese Snacks jedoch? Die sind doch gesund! 

Wenn man dann Eltern von übergewichtigen, von Karies geplagten Kindern vor sich hat, erkläre denen mal, dass jene Snacks vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Ist spaßig.

Worum geht es? Eine Einleitung.

Letzten Donnerstag hatte ich ein interessantes Gespräch. Besser gesagt nur eine Frage.

"Warum lernen wir das überhaupt?"

Beruflich vermittle ich Wissen im Bereich der so genannten "allgemeinen Psychologie" auf Universitätsniveau - dazu gehören Themenkomplexe wie Wahrnehmung, Emotionen, die Art wie wir denken (= Kognition), Motivation, und eine ganze Menge mehr. Diese Kenntnisse sind nützlich - nicht nur im beruflichen Kontext. Diesbezüglich gibt es die Retortenantwort - "weil ihr das später einmal brauchen werdet!", was durchaus stimmt. Aber man findet diese ganzen Themenkomplexe auch abseits davon im Leben. Denn Psychologie stößt einem auch dann zu, wenn man nicht gerade mit einem Psychologen zu tun hat.

Also dachte ich mir, warum sollte ich nicht einmal einfach ab und an mal, wenn ich die Zeit finde, Beispiele dafür geben? Auch aus meinem Freundeskreis werde ich da oft nach gefragt - und ehrlich, das ist kein Geheimwissen. Bloß zu erkennen, wie sich die teils arg abstrakten Theorien einmal angewendet auswirken, das findet sich selten. Warum die Beispiele nicht einmal schriftlich festhalten?

Auch widerfahren mir ab und an mal ziemlich kuriose Dinge. Warum die nicht auch schriftlich festhalten? Ich werde mich nicht zu Voraussagen hinreißen lassen; mein Ziel jedoch ist, in erster Linie über Psychologie und die damit mehr oder weniger eng verbundenen Themenkomplexe zu schreiben. Das ganze alltagsnäher und lebendiger, als man es gemeinhin in den Lehrbüchern findet.

Dann mal los!