Montag, 10. Dezember 2012

Behaviorismus

Nichtpsychologen, die von Psychologie hören, denken meist zuerst an Freud. Bonuspunkte in der aktuellen Jahreszeit, er hat ein wenig was von einem Weihnachtsmann. Seine Theorien sind kontrovers, aber irgendwie auch eingängig.

Kleines Problem dabei nur, so ganz wissenschaftlich bestätigen ließ sich davon nicht so viel. Und wenn man sich die Therapieerfolge psychoanalytisch orientierter Methoden anschaut, dann waren sie in ihren Urformen ziemlich mies, haben seither viel aus anderen Richtungen assimiliert, und sind dennoch nicht so erfolgreich wie jene anderen Richtungen. Hier steckt natürlich ein kleiner Glaubenskrieg hinter, nur ich möchte es einmal so formulieren, die Datenlage ist ziemlich eindeutig. Freud ist nicht das Pferd, auf das ich in Sachen Menschenbild und Therapiemethoden wetten würde.

Während Freud nun sich mit den Abgründen der Seele beschäftigte, mit Ödipuskomplexen und analen Verhaltensweisen, mit Es' und Über-Ichs, machte irgendwo in Russland ein Forscher eine Entdeckung: Hunde sabbern, wenn sie ihr Fressen bekommen. Das Fressen wird durch eine Glocke angekündigt. Folge: Irgendwann sabberten die Hunde, wenn sie schon die Glocke hörten. Das war Pawlow. Und diese Beobachtung stieß eine ganz andere Denkrichtung an.

Warum sich überhaupt mit den Dingen beschäftigen, die in der "Black Box" des Verstands vorgehen? Warum sich nicht einfach mit dem beschäftigen, was sich direkt an Verhalten und Reaktionen ablesen lässt? Dies war die Grundidee des Behaviorismus. Eine durchaus diskutable Sicht - und auch eine sehr beschränkte, von der sich die Psychologie einige Jahrzehnte später auch komplett wieder entfernte (das ganze nannte man dann "kognitive Wende"). Zugegebenermaßen war nicht nur die Grundidee des Behaviorismus grenzwertig, sondern auch die Methoden. Berühmt ist zum Beispiel, wie einem Kleinkind extreme Furcht vor bestimmten Tieren eingeflößt wurde ("kleiner Albert" - hier wurde immer mit einem Hammer auf eine Metallstange hinter seinem Kopf geschlagen, ergo ein sehr lautes Geräusch erzeugt, wenn er Reizkontakt zum Tier hatte. Quasi wie Pawlows Hunde nur in böse).

Nur anders als bei Freud gibt es bei den Behavioristen ein Problem: Ihre Methoden funktionieren. Solche Späße findet man oft, wenn Dinge rein external konstruiert werden - heißt wenn Methoden an von außen beobachtbaren Zeichen abgeleitet werden. In der Persönlichkeitspsychologie gibt es da ja den Schwank vom Psychotizismusfragebogen, in dem aus dem Grund nach gelben Regenmänteln gefragt wird.

Jedenfalls, um auf den Behaviorismus zurückzukommen, ihre gewonnenen Erkenntnisse finden sich heute fast überall wieder. Egal ob in der Verhaltenstherapie (der allgemein wirkstärksten Psychotherapie - englisch übrigens "cognitive behavioral therapy"), in Gesprächsführungskniffen, in verschiedenen pädagogischen Maßnahmen; das Weltbild des Behaviorismus mag überholt sein, ihre Methoden jedoch funktionieren (teils erschreckend) gut.

Das kann man auch jederzeit im Alltag selbst erleben: Ein Kniff aus meiner Studienzeit zum Beispiel war, positive und negative Verstärker bezüglich des Studierens zu identifizieren und zu modifizieren (in Alltagssprech: Schauen, was dazu beiträgt, dass du am Ball bleibst, und schauen, was dich davon abhält. Anschließend die nützlichen Sachen unterstützen und die negativen soweit es geht von den geplanten Lernzeiten forthalten).
Oder einfach mal selbst in Gesprächen versuchen, indem du gezielt bestimmte Bereiche (oder Wörter, oder Gesten) verstärkst und den Rest ignorierst. Man kann damit ganz schön Schabernack treiben. Umgekehrt findet sich hier auch der Grund, warum oft wichtige Gespräche völlig in den Sand gefahren werden: Es wird nicht das verstärkt, was für denjenigen wichtig ist. Es werden hingegen Dinge verstärkt, die kontraproduktiv sind. Mit "Verstärken" sind hier übrigens schlicht alle Zeichen normalen Zuhörens (Laute, Gesten, Nachfragen, etc.) gemeint. Aufmerksamkeit ist wichtig.

Apropos Verstärkung: Heute hätte ich wieder eine Fahrstunde gehabt. Ja, ich mache meinen Führerschein ziemlich spät. Jedenfalls ist die leider ausgefallen. Das nicht mal wetterbedingt, sondern weil mit dem Auto etwas ist. Schade. Jetzt fühl ich mich wie Pawlows Hund, bei dem die Glocke geklingelt hat, ohne dass es Futter gab.

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