Mittwoch, 12. Dezember 2012

Ich habe den größeren Bilderrahmen! I

Zeit für den Hammer!

Kennst du Watzlawicks Geschichte vom Hammer? Erinnerst du dich daran? Falls nicht, in Kurzform, dort fehlt einem Mann ein Hammer. Da er einen braucht, denkt er sich, warum nicht einen vom Nachbarn leihen? Im Treppenhaus kommen ihm Zweifel. Und als schließlich der Nachbar die Tür aufmacht, hat er sich so in seine Gedanken hereingesteigert, dass er den Nachbarn anschreit und ihm mitteilt, jener könne seinen Hammer behalten.

Das war nicht der Hammer, um den es mir heute geht. Ich halte meine Studierenden ja immer dazu an, zu schauen, wo sich grundlegende Konzepte der Psychologie in ähnlicher oder gleicher Form in verschiedenen Theorien wiederfinden.

Heute spreche ich eins an, das ganz enorme praktische Implikationen hat. Gollwitzer und Kollegen nannten es 'Bewusstseinslagen', Kuhl und Atkinson 'Orientierung', Bandler 'Rahmen', diverse Emotionspsychologen 'Stimmung', und viele weitere Namen sind denkbar.

Nennen wir das Konzept, der Einfachheit halber, 'Rahmen'.

Ein Rahmen ist letztendlich so etwas wie ein Filter, aus dem ein Mensch seine Umwelt, sein Handeln und seine Perspektiven bewertet.

Ich werde es jetzt so kurz wie möglich formulieren: Rahmen zu verstehen ist der Schlüssel zu allen menschlichen Interaktionen und Handlungen.

Warum? Unbewusst reagieren die allermeisten Menschen auf Rahmen anderer, verhalten sich und denken entsprechend ihres eigenen Rahmens. Wenn man entsprechend Rahmen in Interaktionen mit Klienten anderen Menschen ignoriert, stochert man im Dunklen. Als Psychologe wird eigentlich erwartet, dass man genau das nicht tut.

Beispiele:
- Stell dir vor, du hältst einen Vortrag. Dein Rahmen kann sein, "die Zuschauer wollen etwas lernen, und ich werde es ihnen beibringen!". Oder er kann sein, "die Zuschauer werden bestimmt grantig sein, und ich bin mir eigentlich gar nicht mal so sicher über das, was ihr erzähle!". Wie wird wohl die eigene Körpersprache jeweils sein? Wie wird das Publikum reagieren? Rahmen färben alles, was wir tun. Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass der eigene emotionale Rahmen bestimmt, in welcher Art wir Tasten auf einer Tastatur beim Schreiben von Texten drücken.
- Stell dir auf der einen Seite einen Klienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung vor, der sich selbst für perfekt hält und den Fehler nur bei anderen sucht. Auf der anderen Seite jemanden mit sozialer Phobie, mit sehr geringem Selbstwertgefühl. Wie gehst du richtig mit den beiden um? Gleich? Wohl kaum.
- Kennst du Leute, die um sich herum den Raum aufhellen? Welche die ganze Stimmung einer Gruppe aufhellen? Und andererseits Leute, die alle um sich herum herunterziehen?

Die Beispiele sollten auch demonstrieren, welches Interaktionspotential hinter dem Verständnis von Rahmen steckt. Rahmen interagieren miteinander. Einerseits teilt man meist ziemlich genau anderen Menschen mit, was der eigene Rahmen ist. (Und ganz ehrlich, die meisten Rahmen sind dysfunktional.) Hier möchte ich auch auf meinen Beitrag über Sprachtakte verweisen - Worte machen keine 10% der Kommunikation "im Feld" aus, der Rest sind Körpersprache und Tonalität. Die sind nahezu immer rein vom Rahmen bestimmt. Tatsächlich ist dann sogar noch die Wortwahl vom Rahmen beeinflusst. Achte einmal darauf. Erkennt man den Rahmen einer Person, statt auf die Worte zu achten, lassen sich Menschen viel besser einschätzen.

Andererseits interagieren Rahmen miteinander. Und Rahmen sind veränderbar. Die meisten Menschen stellen sich die falsche Fragen - "Wie bringe ich meinen Klienten dazu, das und das zu tun?", "Wie kann ich meinem Kunden dies und das verkaufen?", falsch!
Richtig: "Wie bringe ich meinen Klienten in den richtigen Rahmen, das und das zu tun?", "Welchen Rahmen muss mein Kunde haben, um dies und das zu kaufen?"

Rahmen können unterschiedlich 'hart' sein. Kommen wir auf unser Beispiel mit den beiden Klienten zurück: Der Narzisst hat einen knallharten Rahmen. Da braucht es meist Wochen, um den Rahmen soweit aufzuweichen, damit er akzeptiert, vielleicht mit anderen Verhaltensweisen etwas besser zu fahren. Jemand mit sehr geringem Selbstwertgefühl hingegen lässt seine Rahmen schnell komplett zusammenbrechen. Diese Menschen sind oft erschreckend beeinflussbar, und es gehört zur verdammten Ethik unseres Berufsstands, diesen Menschen zu helfen und nicht auszunutzen. Wir sind keine Versicherungsvertreter, Kultgurus, Politiker, oder Gebrauchtwagenverkäufer. Da du diesen kleinen Blog liest, hoffe ich, dass du so im Ansatz einen moralischen Kompass hast.

So oder so, wie geht man als Psychologe mit den Rahmen anderer Menschen um? Halt, streichen wir das!
So oder so, wie geht man als Psychologe mit den Rahmen anderer Menschen um? So oder so, wie sollte man in allen Lebenslagen mit den Rahmen anderer Menschen umgehen?
1. Man sollte den Rahmen anderer verstehen.
2. Man muss seinen eigenen Rahmen behalten, so lange man agiert.

Die Wortwahl bemerkt? Den Rahmen anderer Menschen zu kennen ist nützlich, wichtig, gerade in der psychologischen Praxis. So oder so, sollte man aber seinen eigenen Rahmen behalten. In dem Moment, wo man seinen Rahmen verlässt, reagiert man nur noch. Was durchaus seinen Reiz haben kann, wenn man sich zum Beispiel auf einer Überraschungsparty entführen lässt. Aber nicht, wenn man selbst ein Ziel verfolgt - und sei es, dem Klienten helfen zu wollen. Dann bleibt man im eigenen Rahmen.

Übrigens: Bemerkst du die Logikbombe, die ich gerade gelegt habe?

Ebenfalls bemerkt: Da steht nichts davon, wie man mit den Rahmen anderer Menschen umgehen sollte. Denn das hängt von der Situation ab.

Oder wie man den Rahmen anderer beeinflussen kann. Die einfachste Möglichkeit ist, den härteren Rahmen zu haben. Ein starker Rahmen 'hat nicht etwas hypnotisches', ein starker Rahmen ist hypnotisch. Es gibt natürlich genug Situationen, wo das nicht funktioniert - da hat man dann andere Möglichkeiten. Über die aber erzähle ich ein anderes mal.

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