Sonntag, 16. Dezember 2012

Ich habe den größeren Bilderrahmen! II

Einmal eine kleine Geschichte: Vor einigen Wochen schaute ich mir ein paar Wohnungen einer Vermietgesellschaft an. Bei einer Wohnung sagte mir vorab der zuständige Mitarbeiter, er wisse nicht, ob die mein Fall sein würde. Die hat so einen ungewöhnlichen Schnitt und ist eher etwas zu groß.

Als ich die Wohnung dann sah, fand ich durchaus, dass der Schnitt sonderbar war - aber eigentlich verdammt praktisch! Und man hatte darin so unglaublich viele Möglichkeiten zur Raumgestaltung gehabt.

Ich habe die Wohnung nicht genommen. Wie einem das Leben manchmal mitspielt, kenne ich die Leute, die dort eingezogen sind. Die waren hellauf begeistert. Am Anfang. Und sind jetzt nur noch am motzen.

Warum?

Weil die auf einen Trick reingefallen sind, und ich nicht. Durch die Angaben des Sachbearbeiters entstand eine bestimmte Erwartungshaltung; Kriterien, nach denen die Wohnung bewertet wird. Und in denen schnitt sie gut ab - wie eben zum Beispiel der Schnitt. Ich hingegen habe den Rahmen bemerkt und nicht betreten, wodurch mir die Probleme der Wohnung ins Gesicht sprangen.

Vorab einen Rahmen vorzugeben ist eine Möglichkeit, den Rahmen anderer Menschen zu beeinflussen. Das ganze muss gar nicht einmal, wie in dem Beispiel, negativ sein. Wer in den letzten Jahren mal ein Seminar von mir besucht hat, dem wird aufgefallen sein, dass ich am Anfang immer ganz offen kommuniziere ("ihr seid hier um etwas zu lernen, und ich werde dafür sorgen, dass ihr hier sowohl für das Fach als auch für euer Leben möglichst viel mitnehmt!"). Der Trick dahinter ist, Reaktanz gegen meine doch manchmal etwas ungewöhnlicheren Vortragsmethoden zu verhindern. Die funktionieren, definitiv, die Leute nehmen eine Menge mit - aber das tun sie auch nur, weil sie den Vortrag nicht sabotieren und sich wundern, was ich für eine Show abziehe. Ich gebe ihnen einen möglichen Interpretationsrahmen schon vorher in die Hand.

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