Montag, 17. Dezember 2012

Ich habe den größeren Bilderrahmen! III

Eine weniger bekannte psychische Störung, die ich aber hochgradig faszinierend finde, ist die "generalisierte Angststörung". Warum? Im Grunde, weil es sich um eine extrem destruktive Störung handelt, die keine körperlichen Mitursachen hat (zu den Gründen psychischer Störungen siehe auch "So etwas gibt es nicht!"), also rein mental und situativ aufrecht erhalten wird. Und, als ganz besonderes Schmankerl, von den Betroffenen positiv gesehen wird.

Kurz zur Erklärung, was eine generalisierte Angststörung ist: Frei umherspringende Ängste. Betroffene haben quasi permanent Angst, aber der Grund dafür passt sich ihrer Situation an. Das hält Betroffene in einem Dauerstress, mit sehr negativen Folgen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Lebensqualität unter den Vorzeichen auch nicht die beste ist.

Die allerwenigsten Betroffenen nun suchen wegen der Ängste Hilfe, sondern entweder angeregt aus ihrem Umfeld (Familie, Freunde), oder wegen Sekundäreffekten, die sich auf die Lebensqualität auswirken (Stress, Schlaflosigkeit, etc.). Die Ängste hingegen werden allgemein sogar als positiv erlebt. "Denn die helfen ja, auf alles vorbereitet zu sein!"

Hat etwas davon, den Wald abzuholzen, um einen Waldbrand zu verhindern. Was wir hier jedenfalls sehen, ist ebenfalls eine Taktik im Umgang mit Rahmen: Der Umdeutung.

Kennt man (mehr oder weniger scherzhaft) aus der Werbesprache von Maklern, wo 'rustikal' meist 'Bruchbude' bedeutet, 'gemütlich' gleich 'winzig', 'gute Verkehrsanbindung' gleich 'Durchgangsstraße und Bahnstrecke vor der Tür'.

Du kannst die meisten Verhaltensweisen und Eigenschaften umdeuten. Das kann einerseits den eigenen Rahmen stützen, andererseits den Rahmen anderer erschüttern. Man sollte es nur etwas subtiler tun als die Beispiele im letzten Absatz.

Und es muss auch gar nicht immer so negativ sein wie bei der generalisierten Angststörung. Zum Beispiel gehen oft mit Schwächen auch Stärken einher - und umgekehrt ebenso. Eine tolle Möglichkeit, um Leute aufzubauen. Umgekehrt natürlich auch eine gewisse Gefahr. Denn zum Beispiel die Interpretation bei der generalisierten Angststörung ist nicht falsch, sie ist lediglich nicht funktional.

Einmal zwei persönliche Beispiele:
- Ich habe den Spleen, mir nach jeder Mahlzeit die Zähne zu putzen. Dafür hatte ich in den letzten zehn Jahren auch so ziemlich genau gar nichts mit Zahnärzten zu tun, außer mir bei den Kontrolluntersuchungen ein Lob abzuholen. Positiver oder negativer Spleen?
- Ich bin ein ziemlicher Morgenmuffel. Sofern nicht etwas passiert, was mich aus der Bahn wirft, komplett nicht ansprechbar im Zombiemodus. Dafür erledige ich morgens nicht nur eigentliche Selbstverständlichkeiten wie Duschen und Rasieren, sondern treibe auch ein wenig Sport, esse Obst, meditiere, bilde mich auf dem Weg zur Arbeit weiter. Wiederum, positiver oder negativer Spleen?

Welche Interpretation ist funktional?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen