Freitag, 14. Dezember 2012

So etwas gibt es nicht!

Wir neigen dazu, bestimmte Phänomene zu verdinglichen. Auf diese Tendenz spielt auch das Ende von Hogfather an. In der Psychologie haben wir es jedoch nicht mit Dingen zu tun.

Und nein, ich beziehe mich dabei jetzt sogar gar nicht mal auf den Umgang mit Menschen. Die sind immerhin noch 'dinglich'. Ich beziehe mich auf die psychischen Prozesse. Es gibt kein Ding namens Phobie, es gibt kein Ding namens Zwang, es gibt kein Ding namens Liebe, es gibt kein Ding namens Stress. All diese, und viel mehr, Dinge gibt es nicht. Weil es keine Dinge sind.

Es sind Prozesse. Prozesse, die von bestimmten Faktoren aufrecht erhalten werden. Dabei hat man es in aller Regel mit einer Kombination aus inneren (also gedanklichen Prozessen) und Umgebungsfaktoren zu tun, bei einer Reihe von Prozessen dazu noch mit einem körperlichen Faktor. Gerade bei weniger tiefgreifenden Prozessen reicht es dann auch oft schon, wenn einer der Faktoren gekippt wird, um den Prozess anzuhalten. Dies erklärt, warum dann auch eine medikamentöse Behandlung, eine systemische Behandlung, und eine kognitiv orientierte Behandlung beim selben Störungsbild trotz völlig anderem Ansatz erfolgreich sein kann. Hier haben wir es nicht mit einem Hawthorne-Effekt* zu tun, sondern mit unterschiedlichen Wegen zum Ziel.

* = Verhaltensänderung durch Neuartigkeit. Man macht das Licht in einer Fabrik heller, die Leute arbeiten besser. Man macht das Licht dunkler, die Leute arbeiten besser.

Dies erklärt auch, warum bei Therapieerfolgsevaluationen die Verhaltenstherapie in aller Regel am besten abschneidet - die geht nämlich, da sie borggleich alles, was funktioniert, assimiliert hat, alle drei Faktoren an.

Dies erklärt ebenso, weshalb im Rahmen eines Psychologiestudiums so unglaublich viel völlig unterschiedliches Zeug gelernt werden muss: Es ist in aller Regel nicht sinnvoll, nur einen dieser Zugänge zu kennen. Gerade wenn man dann die einfacheren problematischen Phänomene verlässt, und es mit den dicken Brocken zu tun bekommt.

Vielleicht ist dir etwas aufgefallen: Ich habe nicht von Ursachen gesprochen. Ursachen haben wieder so etwas Dingliches. So wie ein Samen, aus dem eine Pflanze hervorgeht. Sicher haben diese Prozesse Ursachen, aber sie sind erstens nur bedingt relevant, und zweitens oft ganz anderer Natur, als man es der Alltagspsychologie nach glaubt.

Oft, so ganz klassisch nach Freud, wird in der Vergangenheit gegraben. Tatsächlich finden sich in der Vergangenheit in aller Regel so genannte Vulnerabilitätsfaktoren. Alltagssprech: Dinge, die einen anfälliger machen. Aber ein Vulnerabilitätsfaktor ist niemals ein Auslöser. Er kann es einerseits um Welten einfacher machen, in destruktive Gedankenmuster zu verfallen; andererseits zerstörerische Umgangsstrategien mit Belastungen beigebracht haben.

Was der auslösende Grund ist, hingegen ist einerseits ziemlich egal. Stoppt man die Faktoren, die den Prozess aufrecht erhalten, stoppt man den Prozess. Gerade bei komplexeren Störungsbildern wie der generalisierten Angststörung den auslösenden Grund zu finden, hat etwas von der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Interessanter sind da dann die aufrechterhaltenden Gründe.
Andererseits, selbst wenn man den Grund identifizieren kann, so löst dies doch in aller Regel extreme Reaktanz (also eine psychologische Abwehrreaktion) hervor, wenn man den kommuniziert. Das ist schlecht. Extrem schlecht. Denn dies zerstört das Vertrauensverhältnis, und ohne diesen Rapport wird jeder (nicht-medikamentöse) Therapieversuch im Sande verlaufen. Die Leute machen einfach dicht.
Was meine ich damit? Nehmen wir die posttraumatische Belastungsstörung. Da ist es nicht das Trauma die Ursache, sondern der anschließende Umgang mit dem Trauma. So etwas wollen die Leute aber nicht hören. Also sagt man es ihnen besser nicht. So Pi mal Daumen kann man davon ausgehen, dass der auslösende Grund immer extrem dicht am Beginn der Störung liegt. Alles davor sind Vulnerabilitätsfaktoren.
Gäbe es nicht die Schweigepflicht (die gilt auch, wenn man 'bloß' Psychologe ist; nicht nur für Psychotherapeuten), ich könnte eindrucksvolle Erlebnisse berichten. Da erzählt jemand, wie er X tat, und wie unmittelbar danach Y auftrat, wobei X sämtliche Kriterien für eine ganz typische Ursache erfüllt, aber derjenige sucht die Auslöser in der tiefsten Vergangenheit. Aber wehe, man versucht das Gespräch auf X zu lenken. Das funktioniert nicht. Da ist Reaktanz. Und wisst ihr was? Reaktanz ist ein verdammt gutes Zeichen dafür, sich dem Kern des Problems zu nähern. Wie einfach es da doch ist, auf Dinge auszuweichen, die keine Rolle mehr spielen!

Nur lösen kann man es nicht. Also muss man stattdessen an die aufrechterhaltenden Faktoren heran. Was zum Glück auch geht, da alles, was mental abläuft, Prozesse sind. Prozesse kann man auch beenden, ohne an den Auslöser heran zu müssen.

Dies übrigens erklärt auch, weswegen ich von der Psychoanalyse so wenig begeistert bin. Sicher, sie hat ihre Therapieerfolge - denn auch sie löst Beschäftigungen mit inneren Prozessen aus und führt oft auch zu Modifikationen in der Umgebung, aber sie tut es weltbildbedingt über große Umwege mit einer ganzen Reihe problematischer Vorannahmen.

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