Dienstag, 29. Januar 2013

Ein besonderes Schmankerl...

Warum schreibe ich so viel über Konstruktivismus, der Subjektivität der Wirklichkeit? Vielleicht, weil ich gerne den Advocatus Diaboli spiele? Oder weil ich irgendeine seltsame Agenda habe?

Nun. Ich habe heute die Erlaubnis bekommen, gehörig anonymisiert einen Fall zu schildern. Vielleicht bringt jener etwas Licht ins Dunkel.

Seit frühester Kindheit hatte Frau K. Angst von Heidelbeeren. Lange Jahre wähnte Sie sich allergisch, fürchtete bei Verzehr zu sterben. (Sicherlich eine Phobie im subklinischen Bereich, aber nun gut.)

Nun wurde von Ärzten festgestellt, dass Frau K. nicht allergisch ist. Woher kam also diese Angst?

Die stumpfe Vermutung wäre eine klassische Konditionierung - eben die Annahme, sie hätte irgendwann mal nach dem Verzehr von Heidelbeeren irgendeine (davon unabhängige aber dennoch konditionierende) starke körperliche Reaktion gehabt. Allerdings hat Frau K. nie bewusst Heidelbeeren gegessen.

Eine verdrängte Erinnerung?

Nein. Das war es auch nicht.

Vielleicht Lernen am Modell, hat sie möglicherweise einmal gesehen, wie jemand anderes unschön auf Heidelbeeren reagiert hat?

Geht schon in die richtige Richtung. Aber die Wahrheit war viel skurriler. Und zwar fand sie sich in einem Kinderbuch.

Dort stirbt einer der Protagonisten an einer allergischen Reaktion, während er zusammen mit einem Freund Heidelbeeren isst, und jener Freund die Symptome für einen Scherz hielt.

Heißt hier haben wir es schon einmal mit einer völlig verschobenen Furcht zu tun - eben, dass das, was für die Romanfigur galt, auch für sie gelten würde. Und sie hatte wirklich panische Angst vor Heidelbeeren, das war nicht nur bloßes Unwohlsein.

Damit hörte es aber nicht auf. Was Frau K. nicht wusste, und erst durch das Durchblättern des Buchs herausfand, weil sie es damals einfach nicht wahrgenommen hatte: Der Protagonist war nicht durch die Heidelbeeren gestorben, sondern durch den Stich einer Biene.

Das heißt, wir haben es hier mit mehreren Fehlassoziationen gleichzeitig zu tun. Nichts von dem, was ursächlich für die Entstehung der Phobie war, war in irgendeiner Form real. Und das war völlig egal. Denn entscheidend war nur, was damals für das kleine Mädchen K. real war.

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