Samstag, 5. Januar 2013

Ich habe den größeren Bilderrahmen! IV

Ich habe ja schon ein wenig über Rahmen gesprochen. Was sie sind. Vorabrahmensetzung. Neuinterpretation. Eins fehlt jedoch noch. Hier muss ich weiter ausholen.

Ein interessantes Detail, das immer wieder berichtet wird, ist, dass Psychologen ungewöhnlich hoch auf Machiavelli-Skalen abschneiden. Das zeigt sich bereits schwächer ausgeprägt bei Studienanfängern, nimmt ab da dann noch zu. Nun ist die Frage, ob das an den Inhalten der Psychologie liegt, oder Leute im Laufe des Studiums herausfallen, die jene Weltsicht nicht teilen. Wer Machiavelli nicht kennt, das war ein italienischer Höfling, der sich viel mit Machtstrukturen und Einfluss beschäftigte. Euphemisch gesagt, er beschäftigte sich mit Pragmatismus und Überzeugungsarbeit. Weniger nett ausgedrückt, er beschäftigte sich mit Manipulation und Intrigen.

So etwas hat einen schlechten Ruf. Klingt moralisch anrüchig. Allerdings möchte ich hier einen anderen Rahmen vorschlagen: Er beschäftigte sich damit, wie man Veränderungen herbeiführen kann. Was dir vielleicht auch schon mal aufgefallen ist, dass das mit Argumenten alleine oft nicht funktioniert. Denke nur an politische Diskussionen! Das sind Schaukämpfe, vergleichbar mit Wrestling. Dort geht es nicht darum, den Gegner zu überzeugen (das klappt nie), dort geht es nicht darum, Kompromisse zu finden (das Ergebnis steht bedingt durch die politischen Machtverhältnisse ohnehin schon vorher fest); nein, es geht einzig und allein darum, die Zuschauer zu beeinflussen. Ich denke, ich wäre nicht so zynisch gegenüber Politikern eingestellt, wenn sie das wenigstens offen kommunizieren würden. Schmierentheater. Das jedoch hier einen Punkt illustrieren soll, und das auch Machiavelli schon skizziert hat: Worte allein funktionieren nicht.

Tatsächlich müssten sich ja, wenn Worte allein genügen würden, die allermeisten Menschen selbst therapieren können. Sofern keine Medikamente notwendig sind, ist ja das notwendige Wissen durchaus leicht zu erhalten. Nur warum tun sie das dann nicht? Das hat viele Gründe. Vermutlich könnte ich das ganze Jahr darüber schreiben, und jeden Tag einen anderen aufführen. Der wichtigste ist jedoch, dass der direkte Weg über Worte allein in etwa so wirksam ist, wie mit Erbsen auf Flugzeugträger zu werfen. Man braucht Wissen über den Geist, Wissen über Zugänge, Wissen über Diagnostik, um überhaupt erst einmal Zugang zu dem Problem und den Ressourcen zu bekommen, um eine Veränderung herbei führen zu können. Damit beschäftigen sich Aspekte der Psychologie, und ebenso Personen wie eben Machiavelli - wenn auch aus völlig anderen Gründen.

Rahmen nun sind so eine Ressource, die verbal zugänglich sind, und durch die man wirklich Veränderungen herbeiführen kann. Mehr, als man mit rein sachlogischen Argumenten jemals erreichen könnte. Beispiel generalisierte Angststörung: Den Leuten dort ihren Rahmen aufzuzeigen, und warum der nicht funktional ist, hilft. Ihnen hingegen zu sagen, ihr Verhalten sei nicht funktional, nun, das wissen die Betroffenen oft selbst, und tun es dennoch. Man könnte jetzt sagen, das läge daran, dass sie nicht aus dem Rahmen herauskommen. Stimmt. Das dahinterliegende Problem jedoch ist, sie wissen gar nichts von dem Rahmen. Erster Punkt des Problemlösekreises: Problem erkennen!

So, aber was macht man jetzt mit so einem komplett dysfunktionalen Rahmen? Da er nicht mit dem eigenen Rahmen interagiert, bringt es nichts, dort einfach nur den eigenen zu halten. Ebenso ist es für eine Vorab-Rahmensetzung zu spät. Eine Reinterpretation von Ereignissen und Handlungsweisen im Rahmen des dysfunktionalen Rahmens funktioniert ebenfalls nicht, weil jener das Problem ist. (Wunderbar übrigens, wie hier Floskeln a la 'im Rahmen von' sprachlich illustrieren, was gemeint ist.)

Es bleibt eine Möglichkeit: Der Rahmen muss zerstört werden.

Um das hier ganz deutlich zu sagen, deshalb die lange 'Einleitung', hier haben wir es mit dem Vorschlaghammer zu tun. Alles, worüber ich bisher geschrieben habe, bot Rahmen an, ließ die vorhandenen Rahmen intakt und überließ die Modifikation dem Gegenüber. Es waren (halbwegs vernünftig eingesetzt) subtile Methoden. Die in vielen Situationen angemessener sind als die Rahmenzerstörung. Und man muss dazu auch sagen, Rahmenzerstörungen sind, so sie erfolgreich sind, hochgradig verändernd. Um es weniger politisch korrekt zu sagen, sehr manipulativ.

Eine Rahmenzerstörung setzt voraus, dass der Rahmen überhaupt zerstörbar ist. Das ist nicht immer der Fall. Psychopathische und sehr leidenschaftliche Menschen haben Rahmen, die in aller Regel unkaputtbar sind. Im Falle des leidenschaftlichen Menschen zumindest was das Ziel der Leidenschaft angeht. Ebenso muss der eigene Rahmen stark genug sein, denn der darf nicht brechen. Eine Rahmenzerstörung geht immer mit Verunsicherung einher, und man überwindet nicht die Unsicherheit anderer, wenn man selbst unsicher ist.

Wie nun funktioniert eine Rahmenzerstörung? Da gibt es zwei Herangehensweisen, interne und externe.

Eine interne Rahmenzerstörung zeigt Brüche und Schwachstellen des Rahmens auf. Wie zum Beispiel, wenn man einem Klienten mit generalisierter Angststörung zeigt, welche Konsequenzen sich aus den Glaubenssätzen ergeben. Man legt hier den Grundstein dafür, dass der Rahmen bewusst wird, hinterfragt wird, und zu Fall gebracht wird. Da ich gerne Kontraste aus positiven und negativen Anwendungen bringe, möchte ich an dieser Stelle auch Charles Manson erwähnen. Wer ihn nicht kennt, er war eine Art Sektenguru in den USA, der mit einer ähnlichen Vorgehensweise seine Anhängerinnen soweit mental durch die Mangel drehte, dass sie für ihn mordeten. Er hat ihnen aufgezeigt, wie ihnen von der Gesellschaft einige problematische Rahmen vermittelt worden sind, und die daraus entstehende Unbehaglichkeit als Hebel gegen diverse weitere Glaubenssätze genutzt. Mit ziemlich fatalem Erfolg.

Eine externe Rahmenzerstörung hingegen ähnelt auf dem ersten Blick der Reinterpretation - bloß wird diesmal nicht die Situation im Sinne des Rahmens neu interpretiert, sondern der Rahmen selbst. Beispiel Expositionstherapie bei Phobien: Oft haben die Klienten vorher auch schon Situationen gehabt, in denen sie längere Zeit ihren Ängsten ausgesetzt waren, aber ohne daraus therapeutischen Nutzen zu ziehen. In dem Fall aber wird ihnen dann ein Vorabrahmen angeboten, und gleichzeitig die natürliche körperliche Reaktion auf den Angstreiz im Sinne des Therapieerfolgs vermittelt. Es ist nicht die Exposition alleine (die durchaus auch hilft, aber ohne die Rahmenmanipulation viel langsamer), sondern die damit einhergehende Vorabrahmensetzung und Rahmenzerstörung. In der kognitiven Verhaltenstherapie steckt eben nicht nur Behaviorusmus.
Um die Schattenseite aufzuzeigen, nun, viele aggressive Verkäufer nutzen auch Rahmenzerstörung. Beispiel:
Kunde: "Tut mir leid, für Produkt X fehlt mir das Geld!"
Verkäufer: "Im Gegenteil, sie sind nicht bereit dazu, *Wert* zu zeigen und einen Kredit aufzunehmen, um Produkt X zu kaufen und ihr Leben zu verbessern!"
(*Wert* wäre hier jeweils etwas, was die Person wahrscheinlich für sich wichtig erachtet - zum Beispiel Verantwortungsbewusstsein, oder Mut, oder Familiensinn, was auch immer. Bonusminuspunkte dafür, dass hier durchaus auch Werte funktionieren, die der Aussage komplett entgegenstehen. Sich beispielsweise für etwas zu verschulden, was man nicht glaubt, na ich würde das nicht verantwortungsbewusst nennen. Oder setze ich dir gerade nur einen Rahmen vor?)
Das Beispiel mag stumpf erscheinen, so etwas funktioniert aber erschreckend oft.

Das Bewusstsein für Rahmen lässt sich ebenfalls intern oder extern nutzen. Die interne Nutzung meint, dass wir uns unserer eigenen Glaubenssätze, Vorstellungen und Filter der Realität bewusst werden, und sie so umformen, wie sie uns am besten dienen. Und ebenso, unsere Rahmen vor äußerer Beeinflussung abzuschotten. Externe Nutzung meint, den Rahmen anderer zu beeinflussen.

Ist das vertretbar? Das hängt von der eigenen Intention ab. Ich werde hier keinen Moralapostel spielen. Gerade ich nicht. Wer kann schon von sich behaupten, früher zu verschiedensten Anlässen und selbst im engsten Freundeskreis Spitznamen wie 'Luc' bekommen zu haben? Nicht nach dem Fernseh-Raumschiffkapitän. Nach dem Engel.

Das waren noch Zeiten. Worauf ich hinaus wollte, es sollte ebenso klar sein, die Intention ist Teil des Fundaments des eigenen Rahmens. Denn das erfasst die Machiavelli-Skala nicht: Mit welchen Absichten man handelt. Wobei man hier Machiavelli wohl Unrecht tut: Sein Ideal des Fürsten war kein Tyrann, sondern jemand, der das Volk zum beidseitig besten Vorteil zu steuern wusste. Hm.

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