Dienstag, 8. Januar 2013

Konstruktivismus II

Was fühlst du gerade in deinem linken Fuß?

Sicherlich etwas. Irgendetwas. Socken auf der Haut vielleicht. Boden unter der Sohle, so du etwaige Schuhbekleidung trägst und nicht gerade den Fuß hochgelegt hast. Falls nicht, vielleicht Luft, die deine Haut umstreicht? Vielleicht ein kleines Kribbeln in den Zehen? Auf alle Fälle fühlst du etwas in deinem linken Fuß.

Und wie war das, bevor du hier angefangen hast zu lesen? War dir dort bewusst, was in deinem linken Fuß vorgeht? Wahrscheinlich nicht. Oder was war vor zehn Sekunden in deiner rechten Schulter los?

Selbst das, was unsere Sinne an den Verstand melden, ist direkt von einer Vielzahl an Filtern betroffen. Der wichtigste ist die Aufmerksamkeit. Worauf wir keine Aufmerksamkeit richten, wird zwar registriert; solange es jedoch keine bestimmte Schwellen überschreitet (man also nicht z.B. in eine Glasscherbe tritt, auf einer Party seinen Namen im Gemurmel hört, etc) nimmt man es einfach nicht bewusst wahr.

Ein weiter Filter sind Interpretationsmöglichkeiten. Was geschieht dort überhaupt? Dieser Text hier kann von deinem Verstand entschlüsselt werden, immerhin dürfte er vorhin deine Aufmerksamkeit erfolgreich auf deinen linken Fuß gelenkt haben. Wäre er in chinesischen Schriftzeichen geschrieben, oder als Binärcode (also nur der Ironie willen in Nullen und Einsen) veröffentlicht worden, wäre das schon einmal nicht gelungen. Wissen formt so in gewisser Weise ebenso die Welt, wie wir sie wahrnehmen.

Schon seit Ewigkeiten bekannt, Stimmungen tun dies ebenso. Sie beeinflussen, wie wir urteilen, wie wir Entscheidungen treffen, wie wir Situationen interpretieren.

Glaubenssätze ebenso. Übertreibungen sind toll - stelle dir nur einmal vor, wie jemand auf Kritik reagiert, der entweder paranoid oder narzisstisch ist. Selbe Situation, völlig andere Interpretation. Oder wie jemand mit Herausforderungen umgeht, der eine interne Kontrollüberzeugung (Selbstwirksamkeitserwartung) oder externe Kontrollüberzeugung (gelernte Hilflosigkeit) hat.

Wir streben danach, Dissonanzen abzubauen. Oft durch Neuinterpretationen, wenn es sein muss. Dissonanz wird als unangenehm erlebt, also wenn zum Beispiel die eigene Handlung nicht zu den eigenen Worten passt, oder die gewünschte Situation und nicht der realen Situation. Oft wählt der Geist den einfachen Ausweg - Worte werden falsch erinnert und verdreht, die Wunschsituation so pervertiert, dass sie irgendwie zur realen passt. Inkongruenz. Ich kenne nur ganz wenige Menschen, die wirklich kongruent sind.

All diese Mechaniken wirken sich auch noch auf unsere Erinnerungen aus! Auch sie sind von einem Aufmerksamkeitsfokus betroffen. Auch sie werden durch aktuelle Glaubenssätze und Stimmungen gefärbt. Auch sie versuchen wir von Dissonanzen zu befreien. Wir manipulieren unsere eigenen Erinnerungen permanent, und nur die wenigsten bemerken dies.

So nehmen wir also nur einen kleinen Teil dessen wahr, was unsere Sinne überhaupt erfassen. Und den Teil, den wir wahrnehmen, der wird dann auch noch durch verschiedene Filter, Netze und Linsen gejagt. Schloss Teil 1 mit dem Fazit, dass wir ohnehin nur eine Arbeitsdefinition der Welt erfassen, so muss man doch dazu sagen, selbst diese Arbeitsdefinition wird in Fetzen geschnitten, zerknittert, verbogen, in Farbe getunkt.

Und noch sind wir immer nicht im Kern der Psyche angekommen!

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