Mittwoch, 9. Januar 2013

Konstruktivismus III

Was ist real?

Besser gefragt, wie weit deckt sich unsere Vorstellung von der Wirklichkeit mit jener Wirklichkeit?

In den vorigen beiden Artikeln habe ich aufgeführt, wie ohnehin nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit bereits durch unseren Geist verzerrt überhaupt bis in unser Innerstes vordringt. Was geschieht dort? Dort trifft das wahrgenommene Abbild, jene zurechtgebogene Arbeitsdefinition auf unsere innere Weltvorstellung. Und letztere hat es in sich.

Zu ihr gehören Erwartungen. Ein durchgängiges Ergebnis von Studien ist, dass erwartungskonforme Ereignisse viel öfter zur Kenntnis genommen werden als Ereignisse, die jenen widersprechen. Diese Erwartungen gehen dazu noch über die irgendwie aktuell überprüfbare Realität hinaus. Denn hinter ihnen stehen die Glaubenssätze.

Glaubenssätze wurden ja schon erwähnt, da sie bereits auf dem Wahrnehmungslevel als Filter wirken. Und bei Rahmen eine große Rolle spielen. Glaubenssätze sind, vereinfacht gesagt, alles, was man glaubt. Ich spreche hier nicht nur von Religionen. Deswegen verwende ich auch den Begriff "Glaubenssatz" und nicht "Glauben". Tatsächlich muss ich immer innerlich schmunzeln, wenn jemand sagt, er würde an nichts glauben. Glaubenssätze äußern sich in Einstellungen, Überzeugungen, Erwartungen, eigenen Definitionen, Perspektiven, sowohl auf sich selbst als auch auf andere bezogen. In dem Moment, wo man die Sätze "ich bin ..." oder "das ist ..." beendet, spielt ein Glaubenssatz mit herein. Tatsächlich könnte man sagen, aber auch das ist ein Glaubenssatz, immer wenn man etwas im Rahmen von "ist" verfestigt, ist es ein Glaubenssatz. Ich bin mir der linguistischen Ironie bewusst.

Die Wirklichkeit ist (wahrscheinlich) zu einem gewissen Grad fluide - flüssig, interpretierbar. Einerseits werden Prozesse verdinglicht (siehe "So etwas gibt es nicht!"), das heißt es findet von Anfang an eine komplette Falschkategorisierung statt. Ein Prozess ist etwas ganz anderes als ein Ding. Sieht man Prozesse als Dinge, beschränkt man damit seine Handlungsmöglichkeit enorm. Andererseits wird vom Kleinen aufs Große geschlossen - und so sehr es mich auch bestürzt, das zugeben zu müssen, da haben die Philosophen recht, so ein Schluss ist logischer Unfug. Nur weil ein Klient z.B. in einer Situation ein Problem hat, sind teils nur winzige Änderungen notwendig, und er hat (und hatte) keine Probleme. Aus "ich bin XYZ" wird dann "bis heute habe ich in Situationen ABC das Verhalten XYZ gezeigt, weil in mir IJK vorging". Hier kann man viel einfacher ansetzen als an "ich bin XYZ".

Selbstbilder. Glaubenssätze. Die meisten Glaubenssätze haben wir völlig unbewusst erworben. Im Laufe unseres Lebens, durch unsere Erfahrungen, durch Vorbilder, wie auch immer. Manche sind funktional, manche sind es nicht.

Unabhängig davon, ob sie funktional sind, sie sind letztendlich Konstrukte in unserem Geist. Wie wir uns und unsere Mitmenschen und unsere Welt sehen, hängt stark von ihnen ab. Sie können uns glücklich und unglücklich machen.

Dazu kommen noch Glaubenssätze, die ich als "importiert" bezeichnen möchte. Annahmen darüber, was man glaubt, was die Gesellschaft, der Freundeskreis, die Familie gutheißt. Es können richtige oder falsche Annahmen sein, hier wird wieder Stille Post gespielt, jedoch ist auch deren Verhaftung in der Realität fraglich.

Glaubenssätze sind nicht (per se) schlecht. Tatsächlich brauchen wir sie, um zu funktionieren. Man kann nicht permanent alles hinterfragen. Aber: Die meisten Menschen verwechseln Glaubenssätze mit der Realität. Sie sind nicht real. Dysfunktionale Glaubenssätze lassen sich ändern. Mit ihnen die "Realität" der Person. Denn das, was man als Wirklichkeit wahrnimmt, ist oft sehr viel mehr als die Wirklichkeit.

Sich auf das zu besinnen, was wirklich ist, kann sehr befreiend sein. Und erschreckend.

Denn die Konsequenz, die sich daraus ergäbe, findet sich in vielen Religionen, in vielen philosophischen Werken. Eine der Grundfragen der Menschheit, seit Jahrtausenden.

Und vielleicht, nur vielleicht, ist die Antwort auf die Frage, wer wir sind, einfach nur zu sagen "ich bin".

Vielleicht auch "ich bin nicht".

Vielleicht ist dies auch dasselbe.

Kommentare:

  1. Lieber Björn, ich höre in deinen Beiträgen einige Begriffe (z.B. Glaubenssätze) aus der NLP-Terminologie heraus. Es würde mich freuen, wenn du mal etwas über NLP schreiben könntest. VG und weiter so! Ein interessierter Leser

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  2. Gerne! Ideen und Anregungen sind immer willkommen.

    LG,
    Björn

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