Donnerstag, 3. Januar 2013

Vorhersage: Mensch vs. Maschine

Ein kleines Detail findet sich (in gänzlich unterschiedlicher Form) in vielen Anwendungsfächern der Psychologie: Nämlich die Frage, was das zukünftige Verhalten am besten vorhersagt. Eine wichtige Frage, nur die bisher gefundenen Antworten gefallen so ziemlich niemanden. Jedoch hat es noch nie jemanden genutzt, unbequeme Erkenntnisse zu ignorieren. Was für Erkenntnisse gibt es bisher? Auf das Wesentliche destilliert?

1. Je einfacher, desto besser.
=> Beispiel Arbeits- und Organisationspsychologie: IQ-Tests haben (je nach Metastudie) teils eine doppelt so hohe Vorhersagekraft wie ausgefeilte Assessment Center.

2. Vergangenes Verhalten ist ein sehr guter Prädiktor für zukünftiges Verhalten.
=> Um wiederum auf die Arbeits- und Organisationspsychologie zurück zu greifen: Was bei Assessment Centern dann meist die beste Vorhersagekraft hat, sind Arbeitsproben. Was den Studienerfolg am besten voraussagt, sind Schulnoten (bei traditionell Studierenden, bei nichttraditionell Studierenden ist der Zusammenhang komplexer).

3. Statistische Vorhersagen sind besser als klinische Vorhersagen.
=> Das ist ein echt kontroverses Thema, wozu es jedoch eine Menge Studien gibt. Auch mit ein Grund, weshalb die Psychologie so auf quantitative Verfahren abfährt. Die Grundidee hier ist, dass valide statistische Größen genauere Vorhersagen erlauben als die Gesamtbeschau der Person.

4. Klinische Vorhersagealgorithmen können statistische Vorhersagen ergänzen bzw. übertreffen, wenn sie statistisch angewendet werden.
=> Auch das fand man in verschiedenen Studien. Psychologen, die sehr gute Vorhersagen trafen, wurden gefragt, wie sie zu den Urteilen kamen. Wurden diese Algorithmen dann 'blind' der Person gegenüber angewendet, wurden die Ergebnisse der rein statistischen Vorhersage teils sehr gut ergänzt, teils übertroffen. Immer aber wurde der Mensch aber überholt.

Wie kommt es dazu? Weil sich die Menschen, so deprimierend es auch klingt, nicht an die eigenen Regeln halten. Äußere Einflüsse (Wetter, Tagesform, was auch immer), nicht in den eigentlichen Regeln enthaltene zusätzliche (aber fehlerhafte) Faktoren wie Vorurteile, und vieles mehr verfälscht dann die Vorhersagekraft.

Das heißt nicht, dass Psychologen nicht gut wären. Gute Psychologen sind sogar sehr dicht an statistischen Verfahren dran, und um mehrere Welten vor Laien (allein die Anwesenheit von Psychologen erhöht die Vorhersagekraft eines Assessment Centers signifikant), und um noch mehr Welten vor Quacksalberei wie Graphologie oder Astrologie, nur... ich sage es einmal so: Ein guter (Laien-) Psychologe sollte statistische Marker mit bedenken, und sich seiner eigenen Urteilsverzerrungen bewusst sein. Das erhöht die Treffsicherheit der Vorhersage deutlich.

Und Vorhersagen treffen zu können gehört mit zur Handwerkskunst. Damit ist keine Zukunftsdeuterei gemeint, nur Wahrscheinlichkeiten, die weit über Zufallsniveau liegen. Denn man muss oft Vorhersagen treffen. Jemand in der klinischen Praxis muss entscheiden, welche Therapiemethode die größte Aussicht auf Erfolg hat. Jemand in der A&O muss entscheiden, welche Personalentwicklungsmaßnahme die besten Ergebnisse bringen wird. Jemand in der Studienberatung muss Studieninteressierten eine realistische Antwort auf die Frage geben können, ob das gewünschte Studium wirklich das Richtige für sie ist.

Verantwortung. Darum geht es am Ende.

Und das bedeutet auch, sich nicht blind auf das Bauchgefühl zu verlassen. Mein gestriger Artikel über Statistik hat dich diesbezüglich hoffentlich angeregt, darüber nachzudenken. Das ist nämlich auch ein Aspekt, weshalb die statistische Vorhersage oft besser abschneidet als die menschliche.

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