Mittwoch, 27. Februar 2013

Psychologische Phänomene ausnutzen für Spaß und Profit! I

Heute: Priming

Es gibt eine ganze Reihe von Studien, gerade aus dem Marketing, die immer wieder eins zeigen - der Kontext bestimmt die Wahrnehmung. Was zum Beispiel ein angemessener Preis ist.

Seien es Autos, seien es Billardtische (ja, sogar dazu gab es Studien!), seien es Kühlschränke, ganz egal. Neben verschiedenen anderen Strategien kann man sie in einer Rangreihe dem Kunden vorstellen. Vom günstigsten zum teuersten, oder vom teuersten zum günstigsten. Schon alleine das beeinflusst, für welches Produkt sich entschieden wird. Fangen die Verkäufer mit dem teuersten Modell an, wird am Ende ein im Schnitt deutlich hochpreisigeres Modell verkauft, als wenn der Verkäufer mit den billigen Modellen anfängt. Das ganz unabhängig von etwaigen Kundenwünschen.

Womit haben wir es bei diesem Phänomen zu tun?

Priming. Der Prime ist entweder ein hoher Preis, oder ein niedriger Preis. Jener Prime bestimmt, wie attraktiv die daraufhin folgenden Preise sind. Fängt man mit dem niedrigen an, werden die Preise immer unattraktiver; fängt man mit dem hohen an, werden die Preise immer attraktiver. Gleichzeitig interagiert dies natürlich mit dem Kundenwunsch. Da bleibt aber das Fazit am Ende, die Bereitschaft, mehr auszugeben steigt, wenn hoch geprimed wird.

Übrigens vielleicht auch eine ganz praktische Anwendung fürs Priming: Wenn man so etwas wie eine Abschlussarbeit in einem Studiengang schreibt, empfehle ich, in Sachen Rechtschreibung und so gerade über die ersten Seiten drüberzugehen und dort möglichst alle Fehler zu beseitigen. Priming läuft unterbewusst ab. Mkay?

Dienstag, 26. Februar 2013

Spaß mit (Pseudo-)Logik

Es gibt ja verschiedene Formen des Schließens - unter anderem Deduktion, Induktion und Abduktion. Sie unterscheiden sich darin, von welcher Art von Aussagen auf welche andere geschlossen wird.

Im Alltag finden sich oft Induktion und Abduktion wieder. Bloß... nun ja. Sie sind nicht wirklich korrekt, obwohl viele sie für den ersten Blick für korrekt halten. Nun ja, nicht unbedingt nur für den ersten Blick. Oft für unumstößlich. (Ich hatte heute eine halbstündige Diskussion wegen eines abduktiven Fehlschlusses...)

Ich möchte das ganze einmal demonstrieren; vielleicht erkennst du ja manche Argumentationsschlüsse wieder:

Deduktion:
1. Sokrates ist ein Mensch.
2. Alle Menschen sind sterblich.
=> Sokrates ist sterblich.

Dieser Schluss ist logisch korrekt. Deduktionen sind gültig.


Induktion I:
1. Sokrates ist sterblich.
2. Sokrates ist ein Mensch.
=> Alle Menschen sind sterblich.

Klingt logisch, oder? Ich bringe mal ein paar mehr induktive Beispiele:

Induktion II:
1. Amokläufer bringen Menschen um.
2. Amokläufer tragen Unterwäsche.
=> Wer Unterwäsche trägt, bringt Menschen um!

Induktion III:
1. Quebecer sprechen französisch.
2. Quebecer sind Kanadier.
=> Alle Kanadier sprechen französisch.


Deduktion:
1. Sokrates ist sterblich.
2. Alle Menschen sind sterblich.
=> Sokrates ist ein Mensch!

... Sokrates kann genauso mein hypothetischer Wellensittich sein.

Sonntag, 24. Februar 2013

Wissenschaft vs. Politik I

Ein und dieselbe Studie einmal von Seiten der Wissenschaftler und der Politik:

- Wissenschaftler: "Wir haben ältere Menschen (60 bis 77 Jahre) Zeit mit einem MMO-Videospiel verbringen lassen, was sich in einigen Fällen positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit ausgewirkt hat."
(Anmerkung: Das überrascht mich nicht. Videospiele als interaktives Medium sind auf alle Fälle dem Fernseher als passives Medium vorzuziehen. Soziale Interaktion, gut verkaufte Mathematik, ein wenig räumliche Wahrnehmung und Hand-Augen-Koordination sind nicht ganz verkehrt.)

- Entrüstung eines Republikaners: "Die Regierung hat 1,2 Millionen Dollar staatliche Förderung für Studien ausgegeben, bei denen alte Leute WoW spielen!"

- Erwiderung der Universität: "Die Kosten der Studie beliefen sich auf 5.000 Dollar."

Sollten die übrigen 11.995.000 Dollar noch irgendwo herumliegen, ich nehm sie gern!

Freitag, 22. Februar 2013

Klartext und Sprache

Es gibt da diesen Satz "Wir kennen den Klartext nicht, von dem die natürliche Sprache der Code sein soll.", aber was ist damit gemeint?
Eine Metapher:

Schaue aus dem Fenster. Beschreibe, was du siehst! Vielleicht eine Wiese, ein paar Sträucher, ein Baum noch ohne Laub. Oder eine Straße, ein Fußgängerweg, ein paar parkende Autos. Oder auch den Horizont, ein paar Hügel, ein Windrad vielleicht. Möglicherweise auch nur eine andere Häuserwand.

Stelle dir vor, du beschreibst die Aussicht aus deinem Fenster jemanden, der den Ausblick nicht kennt. Kann derjenige sich eine ungefähre Vorstellung machen?
Vermutlich.
Stimmt das mental erzeugte Bild desjenigen jedoch mit dem Blick aus deinem Fenster überein?
Wohl kaum.

Klartext entspräche nun dem Original - das, was du beim Blick aus dem Fenster siehst. Im Falle der Psychologie also quasi den ursprünglichen Gedanken, die dann erst per Sprache in eine verbalisierbare Form gebracht werden. Nun ist ein Rückschluss von Sprache auf den Klartext, bzw. auf den Ausblick, nicht so einfach möglich. Denn das Fenster besteht nur in deinem Geist.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Fallstricke des Lernens am Modell

Imitationslernen. Lernen am Modell. Soziale Lerntheorie. Beobachtungslernen. Viele Umschreibungen für ein Phänomen: Man lernt vom Verhalten anderer.

Das ist - sehr oft - absolut sinnvoll. Denke an Sprache, Verhalten in der Gesellschaft, und vieles, vieles mehr. Viel von dem Wissen, das wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen, ist implizit. Viele Fertigkeiten von anderen abgeschaut. Nur... nicht immer sind diese Sachen auch funktional, richtig oder auch nur beabsichtigt.

Teils tritt sogar das Gegenteil dessen ein, was eigentlich beabsichtigt wurde. Ein schönes Beispiel ist für mich da die Fabel vom Jungen, der Wolf rief. Die soll eigentlich demonstrieren, dass sich Lügen nicht lohnt; denn am Ende wird dem Jungen, als tatsächlich ein Wolf seine Schafe riss, nicht mehr geglaubt. Entsprechend wurde diese warnende Fabel Kindern vorgelesen. Deren Neigung, selbst zu lügen, sprunghaft anstieg.

Ich selbst muss in Sachen Straßenverkehr gegen mich selbst kämpfen, etwaige Lernerfahrungen über die Modellschiene zu machen. Gerade was so Themen wie Geschwindigkeit, Blinken, Nutzung des Abblendlichts, und ein paar Themen mehr angeht - NICHT gut. Verstehe mich nicht falsch, ich will da nicht den Moralapostel spielen. Mir kommen manche Regeln auch grob unsinnig vor. Nur vor der praktischen Prüfung muss ich mich nun einmal dran halten - auch wenn ich dann als einziger von dreißig Fahrern blinke, wo man blinken muss, es aber straßenplanungsbedingt niemand tut. Umgekehrt will ich auch nicht verharmlosen - Geschwindigkeiten grob zu übertreten ist gefährlich. Komplexes Thema.Will ich jetzt gar nicht elaborieren. Nur... nicht immer ist das, was andere Vorleben, in allen Lebenslagen funktional. Und nicht immer funktionieren Modelle so, wie beabsichtigt.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Korrelation, Kausalität und Assoziation

Korrelationen... ein Großteil der Beobachtungen sind in erster Linie Korrelationen. Heißt A tritt zusammen mit B auf. Ganze Lernprinzipien, Stichwort Konditionierungen, basieren darauf. Aber inwieweit A nun B auslöst, B vielleicht auch A auslöst, gemeinsame Ursachen dahinter stecken, oder es nur Zufall ist, ist die wichtige Frage dahinter. Deshalb gibt es die, wenn man es mal durchdenkt, sehr hohe Hürde des Signifikanzniveaus - selbst ein Alpha von 0.05 heißt, dass nur eine fünfprozentige Chance besteht, dass ein Zusammenhang in der Höhe zufällig auftreten kann. Und viele Studien gehen eher in Richtung 0.01 bis hin zu < 0.001. Aber das Signifikanzniveau versucht lediglich, Zufallszusammenhänge auszuschließen. Über die Wirkrichtung wird nichts gesagt. Eine signifikante Korrelation sagt nichts zur Kausalitätsrichtung aus.

Jene muss experimentell bestätigt werden. Stichwort unabhängige Variable manipulieren, und dann entsprechend der Vorhersage Änderungen in der abhängigen Variable beobachten.

Jedoch im Alltag ist Kausalität oft gar nicht einmal so wichtig. Man denke da an den berühmten Psychotizismusfragebögen, in welchem nach gelben Regenmänteln gefragt wird. Wie hier die Kausalität aussieht? Ich will keine Vermutungen aufstellen. Auch, weil oft etwaige dritte (vierte, fünfte, etc) Faktoren mit dahinter stecken können.

Das Beispiel mit Störchen und Kindern dürfte bekannt sein - je mehr Störche in einem Dorf leben, desto mehr Kinder werden geboren. Hier gibt es eine Korrelation, aber keine Kausalität zwischen den beiden Beobachtungen (in dem Fall stecken da eine Kombination aus sozioökonomischen Faktoren und damit einhergehenden Umweltbedingungen hinter).

Nur aus dem Grund, auch wenn es absolut in der Natur des Menschen liegt, sollte man mit Kausalitätsschlüssen vorsichtig sein. Das Beispiel war bewusst skurril gewählt. Aber ähnlich sinnbefreite Kausalitäten wurden immer und immer wieder berichtet - und oft lange für wahr gehalten.

Dienstag, 19. Februar 2013

Aktives Zuhören?

Ich erinnere mich, dunkel, sehr dunkel, wie mir irgendwann einmal aktives Zuhören vermittelt worden ist. Du hast wahrscheinlich schon davon gehört: Das, was dein Gegenüber sagt, in anderen Worten zusammenfassen. Damit beweisen, dass du auch wirklich interessiert bist.

Tja. Das Problem dabei ist nur, aus kognitiver Sicht liegt hier ein Fehler drin. Den habe ich auch schon beim Thema gendergerechter Sprache angesprochen: Unterschiedliche Wörter lösen andere Assoziationen aus. Durch das aktive Zuhören bleibt man auf der gleichen Sachebene, verlässt jedoch sehr schnell die viel wichtigere emotionale Ebene.
Schlecht. Oder gar die Repräsentations- und Schlüsselebene. Ganz schlecht.

Was meine ich mit letzterem? Jeder hat seine eigene Vorstellungswelt, eigene Metaphern, Erklärungsansätze, Arten die Welt zu repräsentieren. Inhaltlich ist "ich sah die Lösung" und "ich verstand das Problem" identisch, aber erstens anders repräsentiert (visuell vs. auditiv), und zweitens anders fokussiert (Lösung vs. Problem).

Noch bedeutsamer ist ein Phänomen, das ich als persönliche Schlüsselwörter bezeichnen möchte. Das sind Wörter, mit denen jemand ganz individuell viel verbindet, weit über den normalen Kontext hinaus. Die erkennt man daran, dass sie sehr oft verwendet werden, besonders betont werden. Sie sind quasi wie Schlüssel zu bestimmten Schlüssellöchern im Verständnis. Kein anderes Wort passt dort hinein.

Woraus sich wiederum folgender Schluss anbietet: Man nutze die gleichen Wörter, und nicht andere, wenn man Aussagen aufgreift oder wiederholt.

Kann das auffallen? Ist mir noch nicht passiert. Der Widerstand gegen die eigenen Wörter ist viel geringer als durch irgendwelche Umformulierungen.

Sachebene ist, psychologisch betrachtet, nicht die beste Ebene, auf der man sich bewegen sollte. Genau das suggeriert jedoch aktives Zuhören.

Sonntag, 17. Februar 2013

Spaß mit Operationalisierungen

Gestern musste ich doch schmunzeln. Nicht, dass ich die Hypothese in irgendeiner Form bewerten will, aber die Operationalisierung schoss alles ab.

Und zwar ging es um die zugrundeliegende Annahme, dass Frauen ein besseres episodisches Gedächtnis als Männer haben. Episodisches Gedächtnis ist der Teil unserer Erinnerung, der lebendig ist, in dem wir uns selbst sehen (bzw. hören, fühlen, wie auch immer). Wenn du dich an deinen letzten Geburtstag erinnerst, das wäre ein Beispiel für das episodische Gedächtnis.

Demgegenüber steht das semantische Gedächtnis - das "Faktenwissen". Wenn ich dich frage, was die Hauptstadt von Deutschland ist, wird dir (vermutlich) Berlin in den Sinn kommen. Daran erinnerst du dich. Aber vermutlich wirst du dich nicht daran erinnern, wann du dies erfahren hast. Informationen im semantischen Gedächtnis haben keinen Bezug zum Selbst.

Wie wurde in der Studie nun das episodische Gedächtnis operationalisiert? Indem Wissen aus Frauenzeitschriften abgefragt wurde, wie zum Beispiel welches Hobby ein berühmtes Mitglied eines Königshauses hat, oder welches Kleid eine Berühmtheit auf einem besonderen Anlass trug.

Wenig überraschend wurde dann das Ergebnis gefunden, tatsächlich haben Frauen ein besseres episodisches Gedächtnis!

Ich war nicht überrascht. Aber amüsiert.

Samstag, 16. Februar 2013

False Memories im Selbstversuch

Ich habe mehrere Anzüge. Einen hatte ich relativ lange nicht mehr getragen, da er einfach nicht mehr gepasst hat. Nun habe ich in den letzten Monaten ganz ordentlich abgespeckt, und siehe da! Er passte wieder. Und da wurde es nun sehr skurril. Für mich.

Und zwar war ich felsenfest davon überzeugt, jenen Anzug zuletzt Ende 2008 getragen zu haben. Das stimmte aber nicht, da ich daraus gerade einen Zettel mit einer Wegbeschreibung und einigen Notizen zog. Die habe ich damals vergessen herauszunehmen. Und dieses damals war der April 2004.

Für mich ist das einerseits überraschend (wie es einen so geht, wenn man sich der Falschheit eigener Erinnerungen bewusst wird). Andererseits auch ein erhebendes Gefühl. Nicht nur schon gut vier Jahre, sondern fast neun Jahre an Figur zurückgebaut zu haben, damit hätte ich nicht gerechnet. Nicht jede falsche Erinnerung sorgt für böse Überraschungen.

Apropos böse Überraschungen: Irgendwie ist es aktuell wohl keine gute Idee, zu fragen, ob jemand Pferde mag. Selbst wenn man sich sicher ist, dass zu den Hobbies Reiten gehört. Hrmpf. Zum Glück geht der Skandal komplett an mir vorbei. Aber solche Diskussionen könnten einen ganzen Aktenordner füllen.

Donnerstag, 14. Februar 2013

Stille Post der Erinnerung

Ich kannibalisiere mich jetzt einfach mal selbst. Am Anfang stand die Aussage: "Was man sich lebhaft vorstellt, kann zu einer Erinnerung werden". Das ist nun erst einmal ein recht allgemeines Prinzip. Man denke hier an Bücher. Oder An Geschichten, die jemand vorträgt.

Diese Aussage löste die Frage aus, wie es denn sei, wenn man sich an schöne Ereignisse erinnert. Die haben doch wirklich stattgefunden und sind nicht bloß Einbildung!

Meine Antwort, ein wenig umgeschrieben: Das Gedächtnis ist nicht statisch, und funktioniert nicht wie eine Videokassette. Nehmen wir an, du erinnerst dich lebhaft an ein schönes Erlebnis. Sagen wir einmal einen Strandbesuch. Nun nimmt man nie wirklich alles aus seiner Umwelt wahr - dafür reicht die Aufmerksamkeit nicht. Daher sind auch sämtliche Erinnerungen in gewisser Weise lückenhaft. Behalten wird, was für uns bedeutsam ist. Bei einem Strandbesuch, ich rate jetzt einfach mal, vermutlich nicht die genaue Aufstellung etwaiger Strandkörbe, der Rhythmus der Wellen, oder hier und da vorbeigehende andere Strandbesucher, die nicht einmal die Ränder der Aufmerksamkeit streifen.

Nun erlebst du den Strandbesuch in deiner Imagination wieder. Da das Gedächtnis ein aktiver Prozess ist, werden diese unbewusst Lücken gefüllt. Nun kann es passieren, dass diese Lückenfüller im Gedächtnis bleiben. Zum Beispiel Passanten fehlen, die Anordnung der Strandkörbe etwas anders ist, die Wellen einen anderen Rhythmus haben.

Umgekehrt, Stichwort zum Beispiel Suggestivfragen, können ebenso von außen hinzugekommene Informationen beeinflussen, wie die Aufmerksamkeitslücken gefüllt werden. Um im Kontext des Strandbesuchs zu bleiben zum Beispiel wenn du mit jemanden sprichst, der auch zugegen war, aber auf andere Dinge geachtet hat, oder eigene Lückenfüller als Fakten vorstellt.

Nur weil etwas stattgefunden hat, heißt das nicht, dass die Rekonstruktion im Gedächtnis von etwaigen Imaginations- und Informationsprozessen unbeeinflusst bleibt.

(Womit wir übrigens wieder beim schönen Thema Konstruktivismus wären. Ich mag Konstruktivismus - der ist wie ein Telefonanruf von einer unbekannten Nummer! Man weiß nie, was einen erwartet, aber am Ende weiß man mehr - oder ist noch verwirrter.)

Mittwoch, 13. Februar 2013

Ein Gleichnis

Stell dir einen Klienten vor, der eine Panikattacke hat. Zum Beispiel in einem Flugzeug.

Man könnte an Klaustrophobie denken - der Angst vor engen Räumen. Kann dies der Fall sein?

Durchaus, so der Klient auch in anderen beengten Räumen zu Panikattacken neigt.

Was aber, wenn nicht? Wenn die Panikattacken nur im Flugzeug auftreten?

Nun, dann scheidet Klaustrophobie schon einmal aus.

Vielleicht Flugangst?

Ebenso durchaus, so der Klient in jeder Flugmaschinerie zu Panikattacken neigt.

Was aber, wenn nur bestimmte Flugzeugtypen betroffen sind? Oder bestimmte Fluglinien? Vielleicht sogar etwas ganz Obskures als unterscheidender Faktor eine Rolle spielt, ob nun eine Panikattacke ausgelöst wird oder nicht?

Einerseits plaudere ich hier wieder einmal ein wenig aus dem Nähkästchen (in dem Fall lag es an der Musik der Fluggesellschaft, die dummerweise mit einem Trauma verknüpft war -> PTSD). Andererseits soll es auch veranschaulichen, was ich mit folgender Aussage meinte:
Nun, ich hatte Dutzende Kinder mit ADHS-Diagnose (diagnostiziert von Medizinern) kennengelernt, nicht eines erfüllte die Diagnosekriterien nach dem DSM-IV.
Es war keine Aussage dazu, ob es AD(H)S gibt. Das Gehirn kann eine Menge verrückter Störungen produzieren. Sondern nur eine bezüglich der Diagnosekriterien. Genauso wie die Klaustrophobie kontextunabhängig auftreten muss, gilt dies auch für etwaige Aufmerksamkeitsstörungen. Da auf dieses Diagnosekriterium jedoch (zumindest in der Vergangenheit) nicht immer unbedingt geachtet wurde, gab es eben so viele fragwürdige Fälle. Warum ist die Kontextunabhängigkeit wichtig? Genauso wie bei einem Klaustrophoben erwartet werden kann, dass er in jedem engen Raum zu Panik neigt, ist bei einer generellen Aufmerksamkeitsstörung von einer generell gestörten Aufmerksamkeit auszugehen. Denn wo soll die Störung sein, wenn sich jemand doch in vielen Kontexten gut konzentrieren kann? Auf Urlaub in Brasilien? Womit wir wieder beim Flugzeug wären.

Aber nur, weil es fragwürdige Fälle gibt, heißt es ja nun nicht, dass es keine realen Fälle gäbe. Oder anders, nur weil einige Pilze essbar sind, heißt es ja nicht, dass alle Pilze essbar seien.

Ich mag Gleichnisse. Die haben etwas von Schnitzeln - manchmal echt zäh, aber Hauptsache paniert!

Dienstag, 12. Februar 2013

Ooh, ein Vogel! Oder auch: Aufmerksamkeit

Einer der berühmtesten Demonstrationen in der Psychologie: Versuchspersonen werden angewiesen, bei einem Basketballspiel die Anzahl der Pässe zu zählen. Das gelingt ihnen. Sehr gut. Und sonst fiel ihnen am Spiel nichts weiter auf.

Während des Spiels lief jemand im Gorillakostüm über das Spielfeld, tanzte herum, trommelte auf der Brust, ging direkt an den Spielern mit dem Ball vorbei.

Und er wurde doch nicht gesehen. "Inattentional Blindness" bei Youtube sollte für solche Experimente ein paar Beispiele ausspucken.

Eine Spielerei. Ebenso wie dies eine Spielerei ist:

Lege deine Hände neben die Tastatur. Atme tief ein, und wieder aus. Wollen wir einmal den Grad an Körperempfindlichkeit testen!

Achte auf deine Hände, während du dies hier liest. Sie werden sich nicht ganz gleich anfühlen. Nur ein kleiner Unterschied. Vielleicht ein Unterschied im der Schwere. Du nutzt deine Hände unterschiedlich oft, unterschiedlich stark, daher ist die Muskulatur unterschiedlich. So kommt es, dass eine Hand sich leichter anfühlt, und die andere schwerer. Und wenn du diesen Unterschied erst bemerkst, wird er dir immer bewusster, so wie dir der Atem immer bewusster wird, so du darauf achtest. Und mit jedem Atemzug wird eine Hand schwerer, so wie die andere leichter wird.
Oder vielleicht spielt die Durchblutung die größere Rolle. Auch die unterscheidet sich. Eine Hand mag sich wärmer anfühlen, die andere hingegen kühler. Mit jedem Atemzug, mit jedem Pulsschlag, und mit jedem gelesenen Wort wird die eine Hand ein klein wenig wärmer und wärmer, die andere kühler und kühler.

Und während du nun die Unterschiede in den Händen bemerkst, fragst du dich vielleicht, ob diese schon immer da waren. Hände sind unterschiedlich. Denke nur an Rechts- und Linkshändler. Dadurch fühlen sich Hände auch anders an, wenn man nur einmal auf sie achtet. Und was bemerkst du gerade?

Ehrlich gesagt bin ich nicht ganz sicher, ob obiges in geschriebener Form klappt. Gesprochen (und natürlich leicht verändert, da liest derjenige immerhin nichts) bemerkten immerhin bisher so 50% bis 75% einen solchen Unterschied in den Händen. Der ist zwar nicht real und die Begründung pseudomedizinisches Geschwafel, aber nun ja. Umgekehrt war der Affe im Basketballspiel real, und der wurde nicht bemerkt.

Wie kann das sein?

Die Sache mit der Aufmerksamkeit ist, sie entscheidet maßgeblich darüber, was wir als Realität erleben. Tatsächlich funktionieren die allermeisten psychologischen Phänomene nur, wenn in irgendeiner Form die Aufmerksamkeit mitspielt. Lernen am Modell (Bandura) klappt schlecht, wenn das Modell ignoriert wird. Appraisalprozesse (nach Lazarus) kommen erst gar nicht ins Spiel, wenn der Tiger in der Hecke übersehen wird. Operantes Konditionieren schlägt fehl, wenn die Verstärker nicht das Bewusstsein erreichen. Umgekehrt sind aber auch eine Reihe problematischer Prozesse letztendlich ein Problem der Aufmerksamkeit. Ich habe dazu ja schon einmal etwas geschrieben:

Aufmerksamkeit ist ein hochinteressantes Thema. Tatsächlich lassen sich eine Reihe psychischer Störungen auch als eine Störung der Aufmerksamkeit verstanden werden kann.

Nein, ich meine nicht AD(H)S. Nehmen wir einmal soziale Phobie: Wie laufen dabei die Aufmerksamkeitsprozesse ab? Aus Sicht des Betroffenen findet sich dort einerseits eine Fokussierung auf sich selbst und die eigenen wahrgenommenen Unvollkommenheiten, die hinderlich ist. Andererseits eine andere nicht auf die aktuelle Situation im Umgang mit anderen, sondern auf die erwarteten negativen Konsequenzen. Eine ziemlich destruktive Kombination.

Noch faszinierender ist für mich, wie stark die Aufmerksamkeit von allen möglichen inneren Faktoren beeinflusst ist. Das Beispiel mit der sozialen Phobie? Glaubenssätze. Der Affe im Basketballspiel? Aufgabenset, bzw. Vorabrahmensetzung. Die unterschiedlich schweren bzw. warmen Hände? Hypnose. Auch im Alltag verändert sich die Aufmerksamkeit fließend. Für mich zumindest ist es ein riesiger Unterschied, ob ich selbst ein Auto fahre, oder als Beifahrer dabei bin. Ich achte auf völlig andere Dinge.

Selbst Erinnerungen sind, da auch das Gedächtnis ein aktiver Prozess ist, von Aufmerksamkeitsprozessen beeinflusst. Beispielsweise, wenn in der Rückschau auf Ereignisse plötzlich bestimmte Dinge bewusst werden, die man bis dahin nicht beachtet hat. Oder auch die Tendenz, sich die Welt entsprechend zurechtzuerklären.

Aufmerksamkeit ist... oh, ein Vogel!

Sonntag, 10. Februar 2013

Spaß mit Stereotypen

Was im Fernsehen läuft, bildet nicht die Realität ab. Man muss da gar nicht große konstruktivistische Prinzipien und etwaige Informationsverzerungen bemühen. Die Darstellung vieler Dinge, gerade im fiktionalen Bereich, ist einfach nur komplett irreal. Ich glaube, all die Mitarbeiter in Krankenhäusern, im Justizsystem und vielen, vielen mehr können davon ein Lied singen.

Wir Psychologen kommen seltener vor. Aber wenn, dann ... nun ja.Vielleicht ebenso verdreht? Noch verdrehter?

Gestern hatte ich mal wieder so einen Moment, wo so ziemlich jedes Klischee bedient wurde - obwohl die meisten ziemlich fern der Realität waren. Der Film war trotzdem nett, aber irgendwie habe ich aus anderen Gründen als beabsichtigt vor mich hingegrinst.

Die Stereotypen waren:
- Alle Psychotherapeuten sind psychoanalytisch geprägt: Der Film spielte in den USA. Hat man in Deutschland offiziell nur die Wahl zwischen psychoanalytischen und verhaltenstherapeuten Ansätzen, gibt es in den USA noch viel mehr praktizierende Schulen. Immerhin ein Körnchen Wahrheit, da es ja durchaus Psychoanalytiker gibt. Nur eben nicht alle.
- Klienten werden auf die Couch geschickt: Gemeint damit ist (so wie es auch gezeigt wurde), dass der Klient irgendeinen Punkt im Raum betrachtet, während er selbst vom Therapeuten beobachtet wird. Das geht auf Ideen Freuds zurück, die aber selbst bei Psychoanalytikern kaum mehr umgesetzt werden. So eine Aufstellung ist nämlich einerseits sehr schädlich für die Vertrauensbildung zwischen Klient und Therapeut (weil der Klient den Therapeuten nicht sieht), anderers gehen dabei eine Menge Informationen (Mimik und co) für den Therapeuten verloren. Daher dürfte das kaum mehr Standard sein. (In Ausnahmefällen kann es sinnvoll sein, wenn beispielsweise der Klient ein Problem damit hat, zu sprechen, während er andere ansieht, aber nun ja, Ausnahmen gibt es immer, und das traf im Film nun echt nicht zu.)
- Psychologen nutzen Hypnose: Einerseits ist Hypnose in kaum einem Lehrplan vertreten, andererseits (nur um Salz in die Wunde zu streuen) stand gerade Freud der Hypnose kritisch gegenüber. Ich kenne hunderte von Psychologen (das Resultat, wenn man das studiert hat und in dem Feld arbeitet), mit Hypnose in irgendeiner Form zumindest im Ansatz vertraut sind um die zwanzig.
- Hypnose funktioniert über sich bewegende Objekte (z.B. pendelnde Uhr): Auf Bewegungen zu achten macht es schwerer, in Trance zu geraten. Das ist so, als wenn du versuchst ein spannendes Buch zu lesen und gleichzeitig zu kochen. Entweder du kommst nicht wirklich in das Buch herein, oder es gibt Kohle als Mahlzeit.
- Alles Verhalten ist in der Kindheit begründet: Nein, nein, nein, nein, nein! Was ich damit sagen will, worauf der Artikel da dann auch eingeht, ist, dass manches Verhalten durchaus seinen Ursprung in (fernster) Vergangenheit haben kann, aber das nur bedingt bis nichts mehr mit dem aktuellen Verhalten zu tun haben muss. Gerade (Selbst-)Konditionierungsprozesse sind überaus mächtig. Positiv wie auch negativ.
- Hypnose ist Gedankenkontrolle: Im Film wurde das mehrfach direkt gezeigt, aber auch indirekt, indem zum Beispiel sämtliche Geheimnisse ausgeplaudert wurden. Hypnose ist nichts von alledem, beides sind absolute Mythen. Es ist ein geänderter Geisteszustand, in dem stärkerer Fokus auf der inneren Welt und auf einzelnen Ideen liegt.

Freitag, 8. Februar 2013

Lernen am Modell, Bewältigungsstrategien und Wahrscheinlichkeiten

Was haben die drei Dinge im Titel miteinander zu tun? Nun, letzte Woche entfachte auf einem Seminar darüber ein sehr schönes Gespräch. Am Anfang stand folgende Beobachtung: Warum übernehmen manche Kinder dysfunktionales Verhalten der Eltern (z.B. Substanzmissbrauch), andere hingegen schlagen ins Gegenteil? Und warum fallen dann manche derer, die sich gezielt dagegen entscheiden, dann in kritischen Lebensabschnitten doch in solche Verhaltensmuster zurück?

Die Antwort ist komplex. Auf der einen Seite muss man sehen, dass Lernen am Modell in zwei Richtungen gehen kann - entweder ein Verhalten wird imitiert, oder gemieden. Es wird imitiert, wenn Vorteile dadurch beobachtet werden, wenn eine gute Einstellung zum Vorbild besteht, und dazu noch eine Reihe weiterer Faktoren (angefangen von Aufmerksamkeit, Anzahl an Demonstrationen, und vieles mehr). Aber zentral sind hier die Punkte "was für Folgen werden gesehen?" und "wie steht das Kind zum Modell?"

Objektive Folgen sind nicht gleich subjektive Folgen. Gerade mittelbare Folgen (z.B. gesundheitliche Folgen durch längeren Substanzmissbrauch) sind oft nicht unmittelbar sichtbar. Und selbst wenn sie sichtbar sind, z.B. geändertes Verhalten, ist ebenso unklar, wie dies interpretiert wird - der Konstruktivismus winkt gerade ganz fröhlich. Sagen wir, ein Kind erlebt einen alkoholbedingten geistigen Totalausfall eines Elternteils - wird es diesen auf den Alkohol beziehen? Auf sich? Auf andere Familienmitglieder? Wird er den Ausfall selbst eher positiv oder negativ betrachten? Das hängt von der jeweiligen Situation ab.

Wie kommt es dann nun, dass selbst jemand, der sich gezielt gegen vorgelebtes Verhalten entscheidet, doch manchmal abstürzt? Kritische Lebensereignisse (Todesfälle im familiären oder sozialen Umfeld, Trennungen, schwere Krankheiten, Arbeitslosigkeit und viele mehr) sind psychisch belastend. Nun gibt es mehr oder weniger funktionale Bewältigungsstrategien. Manche werden irgendwo vorgelebt. Andere selbst erworben. Wieder andere von professioneller Seite her vermittelt (da kämen wir Psychos übrigens wieder ins Spiel).
So, aber welche Bewältigungsstrategien hat nun jemand, der aus einem sehr dysfunktionalen Umfeld stammt? Vielleicht wurde irgendwo abseits (Rollen außerhalb des familiären Umfelds, eigene Weiterbildung, woher auch immer) Bewältigungsstrategien erworben.
Was aber wenn nicht?
Dann ist die Gefahr eines Absturzes sehr groß. Dieser kann nun dieselbe Form annehmen wie das eigentlich abgelehnte Verhalten. Oder auch in verschiedenen psychischen Problemen. Dysfunktionaler Familienhintergrund ist ein Vulnerabilitätsfaktor für eine ganze Reihe von Störungen.

Aber es ist auch nur ein Vulnerabilitätsfaktor! Kein Schicksal! Nur weil so etwas vorkommen kann - und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit vorkommt als es normal zu erwarten wäre, heißt es nicht, dass es dazu kommt. In der Psychologie ist keine Korrelation bei 1.0, das heißt, bei einem bestimmten Individuum kann es anders ablaufen. Aus dem Grund sollte man auch nicht davon ausgehen, nur weil ein bestimmter Faktor in der Vergangenheit liegt, dass dann dies und das die Folge sein wird. Denn wenn man so etwas missachtet, kann dies das Ergebnis sein: Worte lassen das Gehirn schrumpfen!

Donnerstag, 7. Februar 2013

Zum DSM-5

Aktuell wird die Sau vom DSM-5 und der "Psychiatrisierung der Gesellschaft" durchs Dorf getrieben. Wer davon nichts mitbekommen hat: Demnächst wird die neue Fassung des von der APA herausgegebenen Diagnosehandbuch für mentale Krankheiten (eben die fünfte Auflage des DSM) erscheinen, und angeblich sollen dann ganz, ganz viele alltägliche Verhaltensmuster zu Störungen umgedeutet werden.

Okay.

Wurde die Sau nicht schon beim DSM-IV durchs Dorf getrieben? Mir fällt da etwas ein. Kürzlich wurde veröffentlicht, wie stark die Fallzahlen von ADHS gestiegen seien. So soll mittlerweile jeder vierte Mann im Laufe seines Lebens eine ADHS-Diagnose erhalten. Nun, ich hatte Dutzende Kinder mit ADHS-Diagnose (diagnostiziert von Medizinern) kennengelernt, nicht eines erfüllte die Diagnosekriterien nach dem DSM-IV. Zugegebenermaßen hat man hier auch einen ordentlichen Sampling Bias hinter (heißt ich werde kaum die Kinder getroffen haben, wo es absolut eindeutig und schon von mehreren Stellen bestätigt war), von daher ist meine persönliche Erfahrung nicht allzu viel wert was die ADHS-Prävalenz betrifft. Wohl aber, was problematische Diagnostikkriterien angeht.

Das DSM ist von seiner Natur her erstens psychologischer orientiert als das ICD-10, und konservativer. Tatsächlich dürften die Prävalenzen mit dem DSM-5 gegenüber dem DSM-IV sogar leicht fallen.

Sicherlich fallen hier und da Begrenzungen weg. Beispielsweise die Mindestdauer für Depressionen nach einschneidenden Lebensereignissen. Ganz pragmatisch gefragt, warum denn auch nicht? Normale Trauer oder Traurigkeit ist KEINE Depression. Bei einer Depression kommen noch ein paar sehr bedeutende weitere Eigenheiten dazu. Traurigkeit verhält sich zu Depression wie ein Schwimmbadbesuch zu einem Köpper die Niagarafälle hinab.

Wie zum Beispiel eine erhöhte Suizidgefahr. Welche übrigens auch in jenem Zeitraum beobachtet werden kann, der aktuell so heftig kritisiert wird. Kommt nur mir das menschenverachtend vor? "Hey, derjenige bringt sich vielleicht um, die Rate dafür ist ja nur so 1000% höher, aber immerhin ist er normal und nicht psychisch krank, wenn er das tut!"

Dienstag, 5. Februar 2013

Verhalten vs. Intention

Betrachten wir heute einmal ein kleines, in der Alltagspsychologie oft übersehenes Problem: Das der Intention.

Man macht es sich zu einfach, wenn man nur auf mehr oder weniger funktionales Verhalten schaut. Nicht immer ist Verhalten mit einer zielgerichteten Absicht verbunden. Oft, gerade wenn man es mit festgefahrenen Schemata oder grob dysfunktionalen Verhaltensweisen zu tun hat, ist die Intention dahinter bestenfalls unklar. Irgendwie muss ich da gerade auch an ein ziemlich misanthropisches und zugleich doch philantrophisches Meme denken - "schiebe nie etwas auf Bosheit, was auch durch Dummheit erklärbar ist!" ("Hanlon's Razor")

Nur weil etwas dysfunktional, problematisch erscheint, muss dahinter nicht auch eine dysfunktionale Intention stehen. Phobien, oder auch Zwangsstörungen, können so durchaus einem Sicherheitsbedürfnis dienen.

Wenn man das ignoriert, kann das zu einem riesigen Problem werden. Gerade, wenn man mit eher sanfteren Verfahren arbeitet. Es ist nicht sinnvoll, gegen funktionale Intentionen zu arbeiten - dagegen wird extrem geblockt. Wenn man jemanden mit generalisierter Angststörung sagt, "du, du machst dich nur selbst krank", dann ist das zwar auf sachlicher Ebene korrekt, aber auf intentionaler Ebene hört der Klient dann "du, du sollst in ständiger Angst leben!"
Nun ist es sicher in dem Fall einer der großen Ironien, dass genau diese Angst vor der Angst erst die Angst(störung) auslöst. Auf Ironien hinzuweisen bringt jedoch wenig. Stattdessen geht es dann darum, aufzuzeigen, wie der Klient sich auch ohne dauernde Angst sicher fühlen kann; eben mit der Intention arbeiten, nicht gegen sie.

Die wenigsten Menschen haben wirklich dysfunktionale Intentionen. Nur teils extrem problematische und falsche Umsetzungen jener Intentionen.

Montag, 4. Februar 2013

Priming

Kennst du die Legende? Früher soll angeblich eine Form von Werbung ausprobiert worden sein, bei der für den Bruchteil einer Sekunde, nicht bewusst wahrnehmbar, in Filmen Werbebotschaften, Bilder und ähnliches plaziert worden ist. Das ganze funktionierte nur dummerweise so gar nicht.

Priming ist ein interessanter kognitiver Prozess, bzw. Gedächtnis. Kurz gesagt das nicht bewusste Wahrnehmen von Zusammenhängen - unabhängig davon, ob jene real sind, oder eben nicht. Skinners abergläubische Tauben entstanden durch 'erkannte' Zusammenhänge, die nicht real waren. Priming ist ein sehr abstraktes Konzept. Zwei Beispiele fallen mir dazu ein:

Mir geht es so, wenn ich im Auto unterwegs bin, nehme ich einen Teil der Schilder gar nicht mehr bewusst wahr. Und kann dennoch genau sagen, wie die rechtliche Situation auf der Straße ist. Die Schilder wirken als Priminghinweise.

Dann gibt es da ein sehr krasses Experiment. Dort wurden zwei Gruppen von Studierenden Texte zu lesen gegeben. Einer neutral, der andere voller Primes in Richtung Alter und Rentner. Dann wurde gemessen, wie schnell die Studierenden beim Raumwechsel durch den Flur gingen. Die Gruppe, die auf Alter geprimed war, ging signifikant langsamer.

Lässt sich so etwas nutzen? Nun. Ich bin der Überzeugung, dass viele psychologische Phänomene oft im Alltag genutzt werden, bereits völlig unbewusst - erlernt einfach dadurch, dass beobachtet wurde, was funktioniert. Warum etwas funktioniert, ist oftmals gar nicht mal so interessant. Ich meine, frage dich einmal, wie die Schwerkraft funktioniert! Dazu gibt es unzählige Theorien in der Physik, aber bisher konnte diesbezüglich nichts gefunden werden. Trotzdem ist die Schwerkraft real - sie funktioniert, und auch die damit einhergehenden Effekte (Newton, Einstein und co) sind beobachtbar. Nutzbar. Um auf das Priming zurückzukommen, mir ist in meinen Lieblingsbüchern fiktionaler Natur durchaus eine gewisse Häufung bestimmter Themen aufgefallen. Themen, die gar nicht irgendwo postuliert sind, sondern Teil des Erzählstils und der Geschichte sind. Hm.

Sonntag, 3. Februar 2013

Die Magie des fehlenden Endes

Eine Beobachtung zieht sich durch viele Bereiche der Psychologie. Wir lieben es, wenn Geschichten, Erzählungen, Handlungen, wie auch immer, einen Abschluss haben. Es ist ein magischer Moment, wenn sich ein Ziel gesetzt wird (siehe z.B. Ach, Lewin, Gollwitzer und einige Dutzend Namen mehr). Ein Ziel, das nicht erledigt ist, bleibt bevorzugt im Gedächtnis. Geschichten, unvollendet, über Jahre und mehr. Aber wenn das Ziel erreicht ist, das Ende da ist? Dann ist diese Magie verflogen, vorbei.

Dieses Phänomen findet sich in unterschiedlichster Form wieder. Man denke da einmal an Serien im Fernsehen, und welche den Zuschauer (halbwegs) erfolgreich bei der Stange halten. Man denke an Menschen, die ein bestimmtes Ziel im Leben verfolgen. Umgekehrt, die Schattenseite davon; was ist, wenn etwas in der Vergangenheit geschah, nicht abgeschlossen wurde und weiterschwelt?


Oder, als Kontrapunkt dazu, auf die falsche Weise abgeschlossen wurde? Was wäre gewesen, wenn?

Wir stellen uns diese Fragen, weil wir nicht irgendwelche Enden haben möchten - ganz getreu nach den Simpsons* "wir haben ein Ende. Das ist doch auch etwas.", sondern ein Ende soll sich auch "richtig" anfühlen - sonst ist es keins. Oder doch?

Pratchett stilisiert dies in seinen Scheibenwelt-Romanen gar zu einem Naturgesetz hoch - der narrativen Kausalität. Nur jene in unserer Welt zu finden dürfte schwierig sein. Oder? Nun, man denke an so viele Ideenkomplexe, die versuchen, Sinn zu stiften. Ganz großes Thema in der Religion. In manchen Philosophien - ich habe vergessen, welcher Ureinwohnerstamm es war, aber irgendwo hieß es "die Wahrheit über Geschichten sei, dass wir in ihnen leben", bis hin zu Psychophilosophen a la Jung.

* = ich bin ja der Meinung, man kann wichtige Theorien der Psychologie hervorragend an den Simpsons demonstrieren. Das erinnert mich daran, dass mir da eigentlich

Freitag, 1. Februar 2013

Angst vor der Couch?

Sollte es noch nicht aufgefallen sein, normalerweise nehme ich meine Beiträge hier nicht allzu ernst. Fundiert, ja. Anregungen zum Nachdenken? Auch. Informativ und interessant? Na ich hoffe doch sehr!

Jetzt bin ich jedoch einmal kurz ernst. Mir fällt auf, dass doch so einige Leute (aus welchen Grund auch immer) hier zu meinem kleinen Blog finden, Angst vor einer psychoanalytischen Behandlung haben. Hier verstehe ich ehrlich gesagt nicht, warum ich da auftauche, da ich zu dem Thema weder etwas geschrieben habe, noch mich überhaupt groß (abseits von einigen Seitenstichen) mit der Psychoanalyse beschäftigt habe.

Man kann sich dieser Angst auf zwei Wegen nähern, einer pragmatischen, und einer analysierenden. Ich werde beide wählen.

Da ich heute sogar einmal versuche, möglichst neutral zu sein, fange ich sogar mit dem analytischen Ansatz an: Über Psychologen generell und Psychotherapeuten speziell und Psychoanalyse ganz besonders gibt es eine ganze Reihe von Ideen, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Da werden Sorgen und Ängste geschürt, die keine Grundlage haben.

Manchmal sind Vorteile auch Nachteile, und Nachteile können auch Vorteile sein. Alle Formen der Psychotherapie sind, verglichen mit anderen Heilberufen, extrem sanft. Ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut und Klient ist eine Grundvoraussetzung.

Ich habe von ganz verschiedenen Ängsten gehört. Erzählt man da vielleicht Sachen, die man lieber für sich behalten würde; entblößt man sozusagen seine Seele und alle Leichen im Keller? Nein. (Dies gilt übrigens genauso für Hypnose, dort hört man den Mythos noch öfter.)
Wird man vom Therapeuten für etwas verurteilt, muss man soziale Missbilligung fürchten? Nein. Interessanterweise sind die Probleme, welche Klienten für ganz persönlich und einmalig halten oft die, die am weitesten verbreitet sind. Zudem gibt es da noch so etwas wie ärztliche Schweigepflicht. Und ein Therapeut will helfen.
Muss man fürchten, ausgequetscht zu werden, eine sozial sehr unangenehme Situation erleben? Nun, zumeist nicht. Ich kann nicht ausschließen, dass sich hier und da noch Psychoanalytiker dem etwas inquisitorischen Stil Freuds verpflichtet sehen, mir zumindest ist jedoch keiner bekannt.
Was, wenn eine Phobie vor einem Sofa besteht, traumabedingt z.B.? Es wird Stühle dort geben.
Schließlich noch, was ist mit der Furcht, sich den großen Dunkelheiten der eigenen Seele auszusetzen? Hier möchte ich den Bogen zur Pragmatik spannen.

Ich könnte auf solche Ängste auch einfach entgegnen: "Wer Angst vor einer Psychoanalyse hat, kann zu einem kognitiven Verhaltenstherapeuten gehen!", und damit hätte ich erstens recht, und würde zweitens zu einer signifikant wirksameren und dabei noch schnelleren Therapieform raten. Bitte daran denken, ich bin kein Freund der Psychoanalyse. Ich bin nicht neutral. Aber ich habe die Forschung auf meiner Seite.
Jedoch lässt mich diese saloppe Aussage durchaus auch innehalten. Ein Charme weniger wirksamen Therapieformen, wie eben der Psychoanalyse oder der Gesprächspsychotherapie (die auch wirksamer ist als die Psychoanalyse, aber in Deutschland nicht als Therapiemethode anerkannt ist) ist es, dass sie sanfter sind als die Verhaltenstherapie. In der Verhaltenstherapie ist die Konfrontation mit den inneren Dunkelheiten direkter, und sie legt einen starken Fokus auf die Gegenwart und die Zukunft. Damit geht eine Perspektive der Hoffnung einher (man kann etwas ändern, auch allein, man ist nicht Sklave der Vergangenheit), aber es beraut einen auch gewisser Entschuldigungen und Ausreden - man ist eben kein Sklave der Vergangenheit.

Jedoch, und deshalb der Bogen über die Pragmatik, ein ganz wichtiger Schritt ist auch der Aufbau bzw. Mobilisierung von Ressourcen des Klienten. Bei einer vernünftigen Psychotherapie, egal welcher, wird man gestärkt, einem sozusagen das Schwimmen sanft und in angemessenen Schritten beigebracht. Nicht einfach in das kalte Wasser der eigenen Dunkelheit gestoßen nach dem Motto "schau mal, wie du zurechtkommst!"

Sind daher Ängste unbegründet? Ich weiß es nicht. Ich habe sicher nicht alle Ängste abgedeckt. Sollten etwaige Ängste verhindern, Hilfe zu suchen? Nun ja, für mich sind sie eher ein Signal dafür, sich wirklich Hilfe zu suchen.