Freitag, 8. Februar 2013

Lernen am Modell, Bewältigungsstrategien und Wahrscheinlichkeiten

Was haben die drei Dinge im Titel miteinander zu tun? Nun, letzte Woche entfachte auf einem Seminar darüber ein sehr schönes Gespräch. Am Anfang stand folgende Beobachtung: Warum übernehmen manche Kinder dysfunktionales Verhalten der Eltern (z.B. Substanzmissbrauch), andere hingegen schlagen ins Gegenteil? Und warum fallen dann manche derer, die sich gezielt dagegen entscheiden, dann in kritischen Lebensabschnitten doch in solche Verhaltensmuster zurück?

Die Antwort ist komplex. Auf der einen Seite muss man sehen, dass Lernen am Modell in zwei Richtungen gehen kann - entweder ein Verhalten wird imitiert, oder gemieden. Es wird imitiert, wenn Vorteile dadurch beobachtet werden, wenn eine gute Einstellung zum Vorbild besteht, und dazu noch eine Reihe weiterer Faktoren (angefangen von Aufmerksamkeit, Anzahl an Demonstrationen, und vieles mehr). Aber zentral sind hier die Punkte "was für Folgen werden gesehen?" und "wie steht das Kind zum Modell?"

Objektive Folgen sind nicht gleich subjektive Folgen. Gerade mittelbare Folgen (z.B. gesundheitliche Folgen durch längeren Substanzmissbrauch) sind oft nicht unmittelbar sichtbar. Und selbst wenn sie sichtbar sind, z.B. geändertes Verhalten, ist ebenso unklar, wie dies interpretiert wird - der Konstruktivismus winkt gerade ganz fröhlich. Sagen wir, ein Kind erlebt einen alkoholbedingten geistigen Totalausfall eines Elternteils - wird es diesen auf den Alkohol beziehen? Auf sich? Auf andere Familienmitglieder? Wird er den Ausfall selbst eher positiv oder negativ betrachten? Das hängt von der jeweiligen Situation ab.

Wie kommt es dann nun, dass selbst jemand, der sich gezielt gegen vorgelebtes Verhalten entscheidet, doch manchmal abstürzt? Kritische Lebensereignisse (Todesfälle im familiären oder sozialen Umfeld, Trennungen, schwere Krankheiten, Arbeitslosigkeit und viele mehr) sind psychisch belastend. Nun gibt es mehr oder weniger funktionale Bewältigungsstrategien. Manche werden irgendwo vorgelebt. Andere selbst erworben. Wieder andere von professioneller Seite her vermittelt (da kämen wir Psychos übrigens wieder ins Spiel).
So, aber welche Bewältigungsstrategien hat nun jemand, der aus einem sehr dysfunktionalen Umfeld stammt? Vielleicht wurde irgendwo abseits (Rollen außerhalb des familiären Umfelds, eigene Weiterbildung, woher auch immer) Bewältigungsstrategien erworben.
Was aber wenn nicht?
Dann ist die Gefahr eines Absturzes sehr groß. Dieser kann nun dieselbe Form annehmen wie das eigentlich abgelehnte Verhalten. Oder auch in verschiedenen psychischen Problemen. Dysfunktionaler Familienhintergrund ist ein Vulnerabilitätsfaktor für eine ganze Reihe von Störungen.

Aber es ist auch nur ein Vulnerabilitätsfaktor! Kein Schicksal! Nur weil so etwas vorkommen kann - und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit vorkommt als es normal zu erwarten wäre, heißt es nicht, dass es dazu kommt. In der Psychologie ist keine Korrelation bei 1.0, das heißt, bei einem bestimmten Individuum kann es anders ablaufen. Aus dem Grund sollte man auch nicht davon ausgehen, nur weil ein bestimmter Faktor in der Vergangenheit liegt, dass dann dies und das die Folge sein wird. Denn wenn man so etwas missachtet, kann dies das Ergebnis sein: Worte lassen das Gehirn schrumpfen!

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