Dienstag, 12. Februar 2013

Ooh, ein Vogel! Oder auch: Aufmerksamkeit

Einer der berühmtesten Demonstrationen in der Psychologie: Versuchspersonen werden angewiesen, bei einem Basketballspiel die Anzahl der Pässe zu zählen. Das gelingt ihnen. Sehr gut. Und sonst fiel ihnen am Spiel nichts weiter auf.

Während des Spiels lief jemand im Gorillakostüm über das Spielfeld, tanzte herum, trommelte auf der Brust, ging direkt an den Spielern mit dem Ball vorbei.

Und er wurde doch nicht gesehen. "Inattentional Blindness" bei Youtube sollte für solche Experimente ein paar Beispiele ausspucken.

Eine Spielerei. Ebenso wie dies eine Spielerei ist:

Lege deine Hände neben die Tastatur. Atme tief ein, und wieder aus. Wollen wir einmal den Grad an Körperempfindlichkeit testen!

Achte auf deine Hände, während du dies hier liest. Sie werden sich nicht ganz gleich anfühlen. Nur ein kleiner Unterschied. Vielleicht ein Unterschied im der Schwere. Du nutzt deine Hände unterschiedlich oft, unterschiedlich stark, daher ist die Muskulatur unterschiedlich. So kommt es, dass eine Hand sich leichter anfühlt, und die andere schwerer. Und wenn du diesen Unterschied erst bemerkst, wird er dir immer bewusster, so wie dir der Atem immer bewusster wird, so du darauf achtest. Und mit jedem Atemzug wird eine Hand schwerer, so wie die andere leichter wird.
Oder vielleicht spielt die Durchblutung die größere Rolle. Auch die unterscheidet sich. Eine Hand mag sich wärmer anfühlen, die andere hingegen kühler. Mit jedem Atemzug, mit jedem Pulsschlag, und mit jedem gelesenen Wort wird die eine Hand ein klein wenig wärmer und wärmer, die andere kühler und kühler.

Und während du nun die Unterschiede in den Händen bemerkst, fragst du dich vielleicht, ob diese schon immer da waren. Hände sind unterschiedlich. Denke nur an Rechts- und Linkshändler. Dadurch fühlen sich Hände auch anders an, wenn man nur einmal auf sie achtet. Und was bemerkst du gerade?

Ehrlich gesagt bin ich nicht ganz sicher, ob obiges in geschriebener Form klappt. Gesprochen (und natürlich leicht verändert, da liest derjenige immerhin nichts) bemerkten immerhin bisher so 50% bis 75% einen solchen Unterschied in den Händen. Der ist zwar nicht real und die Begründung pseudomedizinisches Geschwafel, aber nun ja. Umgekehrt war der Affe im Basketballspiel real, und der wurde nicht bemerkt.

Wie kann das sein?

Die Sache mit der Aufmerksamkeit ist, sie entscheidet maßgeblich darüber, was wir als Realität erleben. Tatsächlich funktionieren die allermeisten psychologischen Phänomene nur, wenn in irgendeiner Form die Aufmerksamkeit mitspielt. Lernen am Modell (Bandura) klappt schlecht, wenn das Modell ignoriert wird. Appraisalprozesse (nach Lazarus) kommen erst gar nicht ins Spiel, wenn der Tiger in der Hecke übersehen wird. Operantes Konditionieren schlägt fehl, wenn die Verstärker nicht das Bewusstsein erreichen. Umgekehrt sind aber auch eine Reihe problematischer Prozesse letztendlich ein Problem der Aufmerksamkeit. Ich habe dazu ja schon einmal etwas geschrieben:

Aufmerksamkeit ist ein hochinteressantes Thema. Tatsächlich lassen sich eine Reihe psychischer Störungen auch als eine Störung der Aufmerksamkeit verstanden werden kann.

Nein, ich meine nicht AD(H)S. Nehmen wir einmal soziale Phobie: Wie laufen dabei die Aufmerksamkeitsprozesse ab? Aus Sicht des Betroffenen findet sich dort einerseits eine Fokussierung auf sich selbst und die eigenen wahrgenommenen Unvollkommenheiten, die hinderlich ist. Andererseits eine andere nicht auf die aktuelle Situation im Umgang mit anderen, sondern auf die erwarteten negativen Konsequenzen. Eine ziemlich destruktive Kombination.

Noch faszinierender ist für mich, wie stark die Aufmerksamkeit von allen möglichen inneren Faktoren beeinflusst ist. Das Beispiel mit der sozialen Phobie? Glaubenssätze. Der Affe im Basketballspiel? Aufgabenset, bzw. Vorabrahmensetzung. Die unterschiedlich schweren bzw. warmen Hände? Hypnose. Auch im Alltag verändert sich die Aufmerksamkeit fließend. Für mich zumindest ist es ein riesiger Unterschied, ob ich selbst ein Auto fahre, oder als Beifahrer dabei bin. Ich achte auf völlig andere Dinge.

Selbst Erinnerungen sind, da auch das Gedächtnis ein aktiver Prozess ist, von Aufmerksamkeitsprozessen beeinflusst. Beispielsweise, wenn in der Rückschau auf Ereignisse plötzlich bestimmte Dinge bewusst werden, die man bis dahin nicht beachtet hat. Oder auch die Tendenz, sich die Welt entsprechend zurechtzuerklären.

Aufmerksamkeit ist... oh, ein Vogel!

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