Donnerstag, 7. Februar 2013

Zum DSM-5

Aktuell wird die Sau vom DSM-5 und der "Psychiatrisierung der Gesellschaft" durchs Dorf getrieben. Wer davon nichts mitbekommen hat: Demnächst wird die neue Fassung des von der APA herausgegebenen Diagnosehandbuch für mentale Krankheiten (eben die fünfte Auflage des DSM) erscheinen, und angeblich sollen dann ganz, ganz viele alltägliche Verhaltensmuster zu Störungen umgedeutet werden.

Okay.

Wurde die Sau nicht schon beim DSM-IV durchs Dorf getrieben? Mir fällt da etwas ein. Kürzlich wurde veröffentlicht, wie stark die Fallzahlen von ADHS gestiegen seien. So soll mittlerweile jeder vierte Mann im Laufe seines Lebens eine ADHS-Diagnose erhalten. Nun, ich hatte Dutzende Kinder mit ADHS-Diagnose (diagnostiziert von Medizinern) kennengelernt, nicht eines erfüllte die Diagnosekriterien nach dem DSM-IV. Zugegebenermaßen hat man hier auch einen ordentlichen Sampling Bias hinter (heißt ich werde kaum die Kinder getroffen haben, wo es absolut eindeutig und schon von mehreren Stellen bestätigt war), von daher ist meine persönliche Erfahrung nicht allzu viel wert was die ADHS-Prävalenz betrifft. Wohl aber, was problematische Diagnostikkriterien angeht.

Das DSM ist von seiner Natur her erstens psychologischer orientiert als das ICD-10, und konservativer. Tatsächlich dürften die Prävalenzen mit dem DSM-5 gegenüber dem DSM-IV sogar leicht fallen.

Sicherlich fallen hier und da Begrenzungen weg. Beispielsweise die Mindestdauer für Depressionen nach einschneidenden Lebensereignissen. Ganz pragmatisch gefragt, warum denn auch nicht? Normale Trauer oder Traurigkeit ist KEINE Depression. Bei einer Depression kommen noch ein paar sehr bedeutende weitere Eigenheiten dazu. Traurigkeit verhält sich zu Depression wie ein Schwimmbadbesuch zu einem Köpper die Niagarafälle hinab.

Wie zum Beispiel eine erhöhte Suizidgefahr. Welche übrigens auch in jenem Zeitraum beobachtet werden kann, der aktuell so heftig kritisiert wird. Kommt nur mir das menschenverachtend vor? "Hey, derjenige bringt sich vielleicht um, die Rate dafür ist ja nur so 1000% höher, aber immerhin ist er normal und nicht psychisch krank, wenn er das tut!"

Kommentare:

  1. Ich hatte vor einer Weile in der Scientific American Mind (Mai/Juni2012) einen interessanten Artikel dazu gelesen und war dann über die Hysterie", die duch unsere Medien ging ganz verwundert. In dem Artikel hatte ich eher den Eindruck, dass man sich von einer ganzen Menge "Diagnosemüll" trennt und Kategorien zusammenfasst, die für die Praxis viel tauglicher schienen z.B. sollen Störungen im Kindesalter wie z.B. diverse Autismusstörungen nicht mehr so extrem ausdifferenziert werden etc. Klang für mich alles ziemlich plausibel. Ich habe mal ne kurze Weile in den USA ein Praktikum in der Psychatrie gemacht und fand die dortige diagnostische Herangehensweise,strukturiert durch die DSM, sehr klar und umfänglich verständlich. Das hatte mir eigentlich gut gefallen. Nun, ich bin mal gespannt, was dann tatsächlich im Buch steht, soll ja wohl im Mai veröffentlicht werden.

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  2. Ich hatte vor einer Weile in der Scientific American Mind (Mai/Juni2012) einen interessanten Artikel dazu gelesen und war dann über die Hysterie", die duch unsere Medien ging ganz verwundert. In dem Artikel hatte ich eher den Eindruck, dass man sich von einer ganzen Menge "Diagnosemüll" trennt und Kategorien zusammenfasst, die für die Praxis viel tauglicher schienen z.B. sollen Störungen im Kindesalter wie z.B. diverse Autismusstörungen nicht mehr so extrem ausdifferenziert werden etc. Klang für mich alles ziemlich plausibel. Ich habe mal ne kurze Weile in den USA ein Praktikum in der Psychatrie gemacht und fand die dortige diagnostische Herangehensweise,strukturiert durch die DSM, sehr klar und umfänglich verständlich. Das hatte mir eigentlich gut gefallen. Nun, ich bin mal gespannt, was dann tatsächlich im Buch steht, soll ja wohl im Mai veröffentlicht werden.

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  3. Sorry für die Dopplung, ich war unsicher, ob der Kommentar wirklich abgesendet war. Die Darstellung dauert ewig...

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  4. Ehrlich gesagt war mein Beitrag da oben auch nur meine übliche "Advocatus Diaboli"-Reaktion auf die Hysterie. Denn mein Eindruck ist da derselbe wie Deiner - von der beschworenen "Pathologisierung der Gesellschaft" habe ich nicht so viel bemerkt. (Aber manchmal entgehen mir auch Sachen, aus dem Grund typischer "Advocatus Diaboli" von mir.)

    Ich freue mich da auf den Mai - aber bis dahin wird das Thema ohnehin wieder ganz verschwunden sein, und neue Säue durchs Dorf getrieben. Mal schauen, welche dann ;-).

    Björn

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