Samstag, 9. März 2013

Homöopathie

Da soll noch einmal jemand behaupten, ich würde Minenfelder umtanzen! Homöopathie ist ein Thema, wo ich immer (und immer und immer wieder) den Kopf schütteln muss. Aus einem kleinen und einem großen Grund.

Der kleine Grund ist die dahinter stehende Theorie. Die es gleichzeitig schafft, sehr skurril und sehr inkonsequent zu sein. Da wird von einem Wassergedächtnis ausgegangen, dass umso stärker wird, je geringer das noch vorhanden ist, woran sich erinnert werden soll. Gleichzeitig ist es doppelt selektiv - erinnert wird sich nur an das Gute des Wirkstoffs, nicht an das Schlechte. Oder auch mal an das Gegenteil. Zugleich wird sich sonst an nichts erinnert, womit das Wasser mal in Kontakt kam. Verfolge nur einmal im Gedanken den Weg eines Wassertropfens. Wie er sich in den Wolken formt, durch verschmutzte Luft rast, irgendwo in einem Hundehaufen landet, abfließt durch die Kanalisation und dort sich mit all den Abwässern vermengt, um schließlich irgendwo in einer Kläranlage zu landen, um von da dann über alte, verrostete Rohre weiter zur Abfüllanlage der Homöopathiepräparatshersteller zu gelangen? Daran erinnert sich das Wasser nicht? Oder anders - wenn ich einen Geldschein zerreiße, zu Pulver zermahle, und ins Meer werfe, ein paar Orkane abwarte - macht mich das Wasser dann reich? Klingt seltsam, ist aber die Logik der Homöopathie.

Der größere Grund ist die Befundlage.
- Homöopathie wirkt genau auf Placeboniveau.
- Was wirkt, ist der Umgang mit dem 'Arzt'. Welches Präparat er verschreibt, das ist völlig irrelevant.

Die skurrile Theorie ist für mich nur der kleinere Grund. Verschiedene Phänomene hatten anfangs skurrile Theorien. Aber sie erzeugten - anders als etwaige Quacksalberei - messbare Wirkungen. Jenseits des Placeboeffekts.

Man sollte den Placeboeffekt nicht unterschätzen. Man muss das bei Krankheiten ohnehin einmal so sehen - einfach um auch klinische Studien zu begreifen, und weshalb Doppelblindstudien so wichtig sind:
- Auch ohne Intervention klingen die allermeisten Krankheiten irgendwann in einer bestimmten Anzahl von Fällen von alleine ab. Die Frage ist da nur das "wann" und das "wie viel". Beispielsweise lässt sich für Depressionen sagen, dass nach sechs Monaten auch ohne Intervention die Hälfte abgeklungen ist. Erkältungen sind viel, viel schneller und mit nahezu 100% vorbei. Das ist der erste Nennwert, den man im Hinterkopf behalten muss. Der ist nur dummerweise von Krankheit zu Krankheit verschieden.
- Darauf kommt dann noch der Placeboeffekt. Den sollte man nicht kleinreden. Tatsächlich glaube ich, man könnte bei leichten bis mittelschweren Krankheiten gut unterstützen, wenn man diesen regelmäßig auslösen würde. Der Placeboeffekt ist eine muntere Mischung aus klassischen und operanten Konditionierungen, Suggestionen, selektiver Wahrnehmung, direkte Verhaltensmodifikation (= z.B. geregelter Tagesablauf, regelmäßiges Trinken, etc), indirekte Verhaltensmodifikation (= z.B. Patient nimmt Präparat, glaubt sich besser zu fühlen, unternimmt mehr, und das Mehr an Unternehmungen verbessert seinen Zustand), sozialer Interaktion, und einiges mehr. Wie auch die natürliche Heilung hängt der Placeboeffekt stark vom Krankheitsbild ab, wie gut er hilft.
- Und dann erst kommen die Wirksamkeit von Medikamenten, bzw. sämtlichen Formen von Therapien. Auf der Placeboebene kann man dem Patienten alles geben und ihm alles raten, und alles hilft gleich gut (oder schlecht). Hier erst geht es dann darum, darüber hinausgehend Wirkungen zu zeigen. Alles, was es nicht in diesen Bereich schafft, ist (bestenfalls) ein Placebo.

Es kann auch ein sehr teurer Placebo mit seltsamer Hintergrundtheorie sein.

Übrigens fürs Protokoll: Da ein Großteil des Placeboeffekts wieder auf unseren Freund Pawlow (richtig, der mit den sabbernden Hunden) zurückgeführt werden kann, findet sich jener selbstverständlich auch bei Kleinkindern und Tieren. Placebos wirken sogar bedingt durch einige der Faktoren, wenn der Patient weiß, dass ein Placebo verabreicht wird!

Wirklich nervig an der ganzen Sache finde ich die Unehrlichkeit. Placeboeffekte sind toll. Und können in vielen Fällen auch wirken - nämlich immer dann, wenn keine ernsten körperlichen und/oder psychischen Probleme hinter den Beschwerden stecken. Nur sollte man Placebos dann schon aus ethischen Gründen als nichts anderes bezeichnen. Denn wenn es dann doch mal ernste Probleme gibt, Placebos nicht helfen, aber weiter aufgrund ihrer pseudomedizinischen Aufmachung vertraut wird, dann sterben Menschen.

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