Samstag, 2. März 2013

Steinzeitprogrammierung I

Unser heutiges Leben hat wenig mit der Umwelt in der Entwicklungsgeschichte des Menschen zu tun. Ein paar Jahrhunderte, selbst wenige Jahrtausende wäre schon übertrieben, machen keine Jahrtausende rückgängig. Unser Denken ist in überlebenswichtigen Dingen noch in einer Zeit, die längst nicht mehr besteht.

Und das zeigt sich auch bei einigen psychologischen Auffälligkeiten und Kuriositäten.

Fangen wir mit einem ganz einfachen Beispiel an: Positive vs. negative Reize. Wir reagieren unendlich stärker auf potentiell bedrohliche Informationen sofern sie Äquivalente in der Entwicklungsgeschichte haben als auf positive. Hier haben wir direkt zwei Ebenen.

Erstens das, was Seligmann als "Preparedness" beschrieb. Was heutzutage Phobien auslöst, korrespondiert kaum mit der realen Gefährlichkeit. Spinnen, Schlangen, Schmerzreize (z.B. Nadeln), Menschenmassen, enge Räumlichkeiten... all das war in der Steinzeit gefährlich. Heutzutage eher weniger. Die in Deutschland lebenden Spinnen sind zum Beispiel harmlos. Und bei den Schlangen ist selbst die Kreuzotter nicht tödlich. Bei diesen Kategorien gibt es jedoch unzählige Phobiker. Die heutigen wahren Gefahren des Alltags - nun, ich kenne wenige Leute mit einer Auto-, Zigaretten- oder Fettphobie.

Zweitens, dass unsere Aufmerksamkeit wesentlich stärker auf negative Reize reagiert. Ganz generell. Das ist auch relativ einfach zu erklären: Übersahen unsere Vorfahren ein paar leckere Beeren, war das nicht unmittelbar lebensgefährlich. Übersahen sie hingegen ein paar jagende Bären, nun ja. Man kann das auch heutzutage im Alltag gut beobachten! Die Medien bombardieren uns nicht aufgrund einer wie auch immer gearteten FUD-Kampagne mit schlechten Nachrichten, sondern weil jene die beste Quote bringen. Genauso werden etwaige Widrigkeiten von manchen Menschen (zum Glück nicht von allen!), die sie selbst betreffen, völlig skurril verzerrt wahrgenommen. Da gab es wirklich ein paar Szenen, die ich nie vergessen werde. Was das ganze Konzept wiederum bestätigt. Ein Teufelskreis.

Auch in Sachen Konditionierungen sieht man dies wieder. Wie mal zum Thema Weihnachten und Symbole geschrieben, lassen sich durchaus auch positive Konditionierungen erreichen - also Verknüpfungen, durch die wir uns besser fühlen, wenn sie ausgelöst werden. Nur die benötigen in der Regel viel mehr Darbietungen und mehr Kraft, um sich auszubilden, als negative. Die gehen teils echt flott.

Und warum das alles? Weil die Frühgeschichte des Menschen kein sonderlich toller Ort war. Sondern im Gegenteil ziemlich gefährlich. Die ganzen Komplexe im Bereich Phobien, Stress, Burnout beruhen dort stark mit drauf. Damals waren die Gefahren in aller Regel unmittelbarer und körperlicher Natur, und darauf sind wir ausgelegt. Für eher mentale Angriffspunkte (wie z.B. chronischer Stress auf der Arbeit) sind wir nicht ausgelegt - da wird das Programm zur körperlichen Gefahrenabwehr abgespielt, was dann erstens dysfunktional ist, und zweitens bei dauerhafter Aktivierung schnell krank machen kann.

Wir mögen die Steinzeit verlassen haben, aber die Steinzeit hat nicht uns verlassen.

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