Dienstag, 9. April 2013

Die Stabilität von Persönlichkeit

Einmal mein Gleichnis von Persönlichkeit und Beruf weitergesponnen. Eine große diagnostische Herausforderung ist ein Detail, welches oft unterschlagen wird. Die gezeigte Persönlichkeit ist zustandsabhängig. Entsprechende Testverfahren haben das dadurch recht gut gelöst, indem sie verhältnismäßig unauffällige Zustände zur Erhebung nutzen, eben solche, in denen sich die Person zumeist befindet. Das ist einerseits gut, weil es ziemlich gut wiederholbare (reliable) und vergleichbare Grundwerte liefert. Andererseits ist es nicht gut, denn wenn man als Psychologe in der Praxis mit Klienten zu tun hat, egal in welchem Kontext, dann hat man es oft mit eher außergewöhnlicheren Zuständen zu tun. Und da gilt dann nicht immer das, was auch im Normalzustand gilt.

Beispiel Verträglichkeit. Eine der fünf großen Dimensionen. Bei sehr vielen Personen ändert sich die Verträglichkeitsausprägung ihres Charakters, wenn sie unter Stress geraten (durchaus in beide Richtungen). Hohe Unverträglichkeit bei Stress lässt sich daher kaum vorhersagen, wenn man die Person nicht bei Stress erlebt hat. Umgekehrt machen Verträglichkeitsförderungen für diesen Fall wenig Sinn, wenn die Person nicht gestresst ist. Zustandsabhängiges Lernen, kognitive Netzwerke und solche Späße.

Insofern findet man hier wieder einen Vergleich zum Beruf. Einerseits hat man es hier quasi mit ausgetretenen neuralen Pfaden zu tun, also mit eingeübten Denk- und Verhaltensmuster, andererseits mit etwas, das durchaus vom Kontext abhängt. Genau wie du dich auf der Arbeit kaum genau so verhalten wirst wie im Freundeskreis (vielleicht relativ ähnlich, aber nicht gleich), so fluktuiert auch die Persönlichkeit. Nur dort abhängig vom Kontext des Zustands. Auch die Persönlichkeit ist bis zu einem gewissen Grad formbar - ändere den Zustand, und die gezeigte Persönlichkeit ändert sich mit.

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