Donnerstag, 25. April 2013

United States of Psychology II

Sprechen wir ein wenig mehr über emotionale bzw. geistige Zustände (States). Es gibt da ein Phänomen, das ganz zentral zum Verständnis menschlichen Handelns ist, und doch selbst unter Psychologen kaum bekannst ist. Könnte damit zusammenhängen, weil es zwar gut beobachtbar und auch nutzbar, aber kaum erklärbar ist. Jedenfalls ist mir keine Erklärung bekannt. Heißt wir haben es hier schon einmal mit einem external konstruierten Phänomen zu tun. (Heißt eines, das aus Beobachtungen gewonnen und nicht aus einer Theorie abgeleitet wurde).

States haben zwei Eigenheiten.
- Erstens, sie sind zeitlich sehr instabil. Ein emotionaler Impuls bleibt nur Sekunden bestehen, wenn man ihn nicht selbst verstärkt. Sich über längere Zeit im selben State zu halten kostet Kraft. Je mehr Kraft, umso länger er bestehen soll.
- Zweitens, sie sind in ihrer maximalen Tiefe extrem stabil. Man erreicht ziemlich schnell bei jedem State ein bestimmtes Plateau, und weiter geht es nicht, bzw. nur mehr extrem langsam.

Das ganze kann schon einmal genutzt werden. Denke an Expositionstherapie: Die Angst (vor was auch immer die Phobie besteht) steigt ab einen Punkt nicht weiter, weil sie die maximale Tiefe erreicht. Zudem fällt sie recht bald wieder, weil der Angst-State nicht zeitlich stabil ist. Oft wird das mit Habituation erklärt, und in gewisser Weise ist es Habituation. Aber nicht auf Reizebene, sondern auf Statebene.

Nun gibt es aber noch eine Beobachtung, die dazu kommt:
-Die maximale Tiefe wird durch Kontraste deutlich erhöht, und zwar bei jedem Kontrastdurchlauf.

Dieses Prinzip findet sich angewendet an sehr vielen Stellen. Meist ohne, dass sich dessen bewusst ist. Sogar ich habe es unbewusst in der Vergangenheit verwendet. Mal ein paar Beispiele:
- In erfolgreichen Büchern wird oft zwischen spannenden und weniger spannenden Abschnitten gewechselt. Es wird (oft) zwischen verschiedenen Handlungssträngen gesprungen. Warum? Warum ist nicht alles spannend? Warum wird nicht bei einem Handlungsstrang geblieben?
- In erfolgreichen Filmen finden sich ebenso oft ganz unterschiedliche Handlungsstränge. Zum Beispiel Action auf der einen Seite, ein romantischer Subplot woanders. Warum nicht nur Action?
- Bei Stand-Up-Comedians kann man oft (okay, besser gesagt kann ich oft bei denen, die ich mag) beobachten, dass sie regelmäßig wechseln von komischen zu ernsten Themen, unterschiedliche Arten von Humor nutzen, auch das Fokusziel immer wieder durchwechseln (auf sich, auf das Publikum, auf spezielle Ereignisse, auf allgemeine Tendenzen, etc).
- Im Laufe der Zeit habe ich es mir auf Präsenzveranstaltungen angewöhnt, permanent den Aufmerksamkeitsfokus zu ändern. Zuhören, selbst nachdenken, zuhören, etwas ausprobieren, zuhören, sich an etwas erinnern, und so weiter. Früher hatte ich das weniger durchmischt, doch je mehr ich das durchmischte, desto besser wurde gelernt.

Wurde so etwas schon einmal irgendwo in der Psychologie beschrieben?

Lustigerweise fand ich es nur an einer Stelle. Und zwar beobachteten Hypnotherapeuten, dass die Klienten im Laufe der Therapie immer besser und tiefer in Trance fielen. Die Idee war zunächst, dass auch zwischen den Sitzungen etwas passierte - da lagen immerhin immer mindestens sieben Tage zwischen. Aber irgendwann kam jemand auf die Idee, "ich schaue mal, was passiert, wenn ich nicht eine Woche, sondern nur einen Tag warte", und das Phänomen trat auf. Danach dann ein Abstand von Stunden. Wieder trat es auf. Schließlich nur Minuten. Und wieder trat es auf (lies, es lag nicht daran, dass da in der Zwischenzeit etwas passierte). Da eine tiefe Trance für den Therapieerfolg ziemlich bedeutsam ist, war das eine wichtige Entdeckung.

Bei mir sah die letzte Woche so aus, und deshalb musste ich daran denken: Sie war generell ziemlich stressig. Kommissionssitzungen. Ich jedenfalls stelle die Gläser auf. Da zerspringt mir eins beim Anfassen in der Hand (daher auch so lange kein neuer Beitrag). Das war schon einmal übel. Nach der Kommissionssitzung den Arbeitsrechner eingeschaltet. Hand notdürftig verarztet. "Please insert bootable disk" -> Neustart -> Festplatte nicht erkannt -> vom Strom getrennt, Neustart -> Festplatte erkannt, Rechner startet nicht -> Neustart -> Festplatte nicht erkannt -> vom Strom getrennt, Neustart -> Festplatte erkannt, Rechner startet, Windowsladebildschirm stürzt mit Bluescreen ab. Das ganze ging noch ein wenig weiter. Jedenfalls war der Rechner hinüber. Kein so schöner Tag. (Man sieht hier auch sehr schön, wie unterschiedliche Stressoren vorkamen.)
Am nächsten Tag als völligen Kontrast dafür eine extrem erfreuliche Nachricht erhalten. Da war ich dann erst einmal ein glücklicher kognitiver Pudding. Ohne die Vorgeschichte direkt am Vortag wäre ich wohl auch sehr glücklich gewesen, aber weit vom "kognitiven Pudding"-Status entfernt.

Hier waren es jetzt einmal äußere Gründe. Interessanter finde ich da eine eigene Beobachtung (Achtung, nicht wissenschaftlich gestützt - reine Vermutung meinerseits): Mir erscheint es so, dass sich Menschen unbewusst selbst regelmäßig den State zerdeppern, damit er bei Wiederauftritt umso intensiver erlebt wird. Wenn das stimmen sollte (wovon ich ausgehe, aber wie gesagt, ich kenne dazu keine Quellen) würde das eine ganze Reihe ansonsten widersinniger Verhaltensweisen erklären, mit welchen die sonstigen Emotions- und Motivationstheorien große Probleme hätten.

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