Donnerstag, 30. Mai 2013

Symbole, Werte und Betriebssysteme

Symbole werden oft stellvertretend für Werte verwendet. Klassisches Beispiel ist unser Geldsystem. Es ist die Abstraktion von "eine Kuh ist drei Schweine oder sieben Säcke Weizen wert". Das sieht man gut daran, dass die Zahlen darauf nur sehr wenig aussagen, sondern nur vom Kontext (i.e. dem Tauschwert, den man dafür bekommt) abhängt.

Aus dem Grund wird dir wahrscheinlich ein 100€-Schein mehr wert sein als ein 100JPY-Schein, weil der nur etwa 0,75 Cent wert ist. Womit wir wieder bei den Kühen und Schweineteilen sind.

Bezüglich der aktuellen Version eines beliebten Betriebssystems (nennen wir es Winzigweich Fenster) wurde sich ein Symbol zurückgewünscht, nämlich der Startknopf. Tatsächlich wird er mit dem kommenden Update eingebaut.

... und er ruft nur die Kacheloberfläche auf.

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, hier wurde ignoriert, dass sich eigentlich der Wert des Symbols zurückgewünscht wurde, eben dessen Funktionalität.

Montag, 27. Mai 2013

(Dis-)Empowerment

Was ist wahre Hilfe?

Es gibt dieses durchaus treffende Gleichnis: "Gebe einem Mann einen Fisch, und er wird satt für einen Abend. Zeige ihm, wie man fischt, und er wird satt für den Rest seines Lebens."

Im Zusammenhang mit jedweder Form von Hilfe stellt sich immer die Frage, ob sie den Hilfsbedürftigen (mittel- und langfristig) aufbaut, oder nicht.

Man betrachte einmal zwei Szenarien:
Szenario A: Dem Klienten wird ihm Rahmen der Therapie vermittelt, dass er selbst an der Lösung beteiligt und selbst Ressourcen beigetragen hat.

Szenario B: Der Therapeut stellt heraus, dass etwaiger Erfolg auf ihn beruhe und der Klient lediglich mitgehen bräuchte.

Überspitzt dargestellt, ja, aber Szenario B ist in anderen Kontexten extrem häufig anzutreffen (man denke nur mal an den Bildungskontext!). Problem dabei ist, so nimmt man den Leuten zwar Verantwortung ab (jene liegt dann nur beim Therapeuten, was es durchaus einfacher machen kann, weil auch etwaiger Misserfolg ihnen zufällt), aber die Betroffenen bleiben so unselbständig.

"Falsche Hilfe" wirkt ähnlich. Schon Schulkinder lernen heute beim Thema Alkoholismus, dass man Betroffene im eigenen Dreck liegen lassen sollte, aus eben jenem Grund. Aber wie oft erlebt man im Rahmen von PTSD, Depressionen, Sozialphobien und ähnlichen Störungen, dass da aus dem Umfeld geraten wird, sich störungskonform zu verhalten, dem Impuls der Störung nachzugeben? Nichts zu tun? Die bunten Pillen und dem Psychodoc fröhlich wirken lassen?

Dahinter steckt derselbe Rahmen wie bei Szenario B - und es ist dasselbe, wie Alkoholikern, die am Boden liegen, noch ein paar extra Flaschen Bier zu bringen. Das ist keine Hilfe (Empowerment), das ist vollkommen entmachtend (Disempowerment).

Samstag, 25. Mai 2013

Politisch (in-)korrekte Wörter

Eine Anmerkung meinerseits zu politisch inkorrekten Wörtern, die ich ohne weiteren Kommentar stehen lasse:
Das neue Wort erhält dieselbe Konnotation wie das alte Wort, wodurch es wieder politisch inkorrekt und ausgetauscht wird. So werden in einem Hamsterrad nur immer mehr und mehr Worte verschlissen und zweckentfremdet.
Zugegebenermaßen sorgt dies manchmal auch für Erheiterung. So war es in bestimmten geschichtlichen Epochen üblich, Mäuse „Ratten“ zu nennen, weil niemand mehr das Wort „Maus“ in den Mund nahm. Wenig später nannte man dann die Ratten (und Mäuse) plötzlich „Biber“. Und für das, was dann ursprünglich mal Maus als das ickste Ersatzwort genutzt wurde, wird in manchen Teilen der Welt heute noch als Biber bezeichnet... dafür werden dort nun Bibern alternative Namen gegeben, denn Biber ist ein ganz furchtbar schmutziges Wort!

Donnerstag, 23. Mai 2013

Geschichten und Masken

Einst hörte ich einen Kollegen sagen "the most important story you'll ever tell will be the story about yourself". Das hat mich nachdenklich werden lassen. Einerseits stimmt es. Man kann sein Leben auf vielerlei Arten betrachten, und wie man es darstellt, sagt extrem viel über einen selbst aus. Über die eigenen Werte und Vorstellungen, das Denken und Handeln. Mit ihnen kann man seinem Gegenüber sagen "so bin ich!" - ohne sich in emotionsloser Selbstbeschreibung zu versuchen.

Andererseits gab es an der Aussage auch etwas, das mich massiv gestört hat. Ich habe so oft erlebt, wie sich jemand versucht hat, seinen Selbstwert durch eine Geschichte zu erreichen. Angefangen bei den stereotypischen Statussymbolen ("mein Haus, mein Auto, meine Yacht!"), über körperliche oder geistige Eigenheiten (Intelligenz, Aussehen, was auch immer davon), über Erfolge und Ereignisse im Leben; wie auch immer. Diese Art von Geschichten haben bloß eine Schwachstelle: Sie sind brüchig.

Wir sind mehr als die Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen. Baut man seinen Selbstwert auf so eine Geschichte, erschafft man nichts anderes als eine Maske. Eindimensional, unvollständig, und teils extrem leicht zu erschüttern.

Und was passiert dann, wenn sie erschüttert wird, wenn sie bricht? Das hängt davon ab, wie groß die Maske ist. Fängt man an, sich über die Maske zu definieren - und das tun leider viele Menschen - dann erscheint die Gefährdung der Maske lebensbedrohlich, Erschütterungen führen zu extremer Gegenwehr, ein Zusammenbruch der Maske zur Zusammenbruch der Person.

Und deshalb, glaube ich, habe ich dem Kollegen widersprochen. Inzwischen sagt er "the most important story you'll ever tell another person will be the story about yourself. Always remember though, you are much more than your story!"

Montag, 20. Mai 2013

Die Qual der Wahl

Es gibt da dieses schöne Sprichwort "die Qual der Wahl". Aus psychologischer Sicht steckt da viel Wahres drin. Unabhängig davon, aus welcher Perspektive man es betrachtet.

Nehmen wir die diagnostische Seite, Stichworte Testtheorie und Testkonstruktion: Da gilt als Daumenregel, dass höchstens neun Abstufungen halbwegs sicher unterschieden werden können.  Bei mehr Abstufungen geraten die einschätzenden Personen ins Grübeln, ob etwas jetzt zum Beispiel eine "13" oder "14" ist, unabhängig davon, was sich hinter diesen Zahlen verbirgt. Darunter leidet die Reliabilität, weil die Leute in derselben Situation bei derselben Einschätzung etwas anderes wählen könnten. Zu viele Auswahlmöglichkeiten sind nicht trennscharf genug.

So etwas findet sich auch im Bildungskontext. Noten wie "sehr gut" vs. "gut" sind gut voneinander abzugrenzen. Wo jetzt aber, außer bei rein mathematischen Tests, genau der Unterschied zwischen "14" und "13" (i.e. Abiturnoten "sehr gut" und "sehr gut minus") liegt, ist viel unschärfer und mehr im Interpretationsraum des Beurteilers.

Im Alltag findet sich dann wiederum, jenseits aller Tests, so etwas wie eine Auswahllähmung. Verkaufs- und Marketingkontext: Stellt man den Leuten zwei, drei, vielleicht vier Dinge zur Auswahl, dann (sofern Interesse am Produkt vorliegt) kaufen sie auch. Stellt man hingegen eine riesige Auswahl zur Verfügung, ab zweistellig und darüber hinaus, dann kaufen einerseits weniger Leute überhaupt etwas - und die, die kaufen, greifen wesentlich mehr auf Heuristiken und Bauchgefühl zurück. Heißt die Qualität der Wahl geht zurück, womit auch zugleich die Wahrscheinlichkeit für "buyer's remorse" (also die gefühlte Reue, etwas Falsches gekauft zu haben) wächst.

Sonntag, 19. Mai 2013

Eine Geschichte für die Pfingsttage

Ich habe vor kurzem eine Geschichte gehört, die ich interessant fand. Und zwar habe ich jemanden getroffen, der pilgern war. In Italien, auf irgendeiner mir unbekannten Straße, quer durch die Dörfer und Provinzen, am Mittelmeer entlang. Und er hat mir erzählt, dass er hat dort einen ehemaligen Fischer getroffen hat, der dort eine kleine Pension betrieben hat an diesem Pilgerweg.

Und er hat diesen Mann gefragt, wie kam es, dass er genau dort, wo eigentlich ganz selten jemand vorbei kommt, eine Pension aufgemacht hat. Dazu ein eigenes Gemüsebeet, einen großen Garten, ein wenig Handwerk, jedenfalls warum er dort dieses Leben gewählt hat. Und da hat dieser Mann angefangen zu erzählen.

"Ich war einmal Fischer, viel weiter im Süden. Aber der See dort gab immer weniger Fische, er versalzte, verbrackte, und ich war richtig, richtig am Boden. Denn ursprünglich kam ich von Sizilien, einem Fischerdorf am Meer. Und fragte mich, warum bin ich an diesen See gezogen? Wie soll das weitergehen? Ich fange immer weniger Fische, die Zukunft kann so nicht aussehen, die Zukunft muss anders sein! Ich bin doch hierher gekommen, um eine bessere Zukunft zu haben!

Und dann geschah es, dass ich in einer Taverne einen Barden traf. Ich weiß nicht, was er dort machte, was ihn in unser Dorf führte. Ich weiß nur, dass er ein Reisender war, sich über Wasser hielt mit seinen Instrumenten. Mit Gitarre und Laute, sogar mit einer Harfe. Was sehr seltsam klang, aber jeder hat einen anderen Musikgeschmack.

Und dieser Barde hat etwas zu mir gesagt, als ich ihm erklärt hatte, dass ich leider nur ein paar Lire geben konnte. Er hatte mir eine Frage gestellt, folgende: "Wo bist du, dass du nicht glücklich bist?"

Das hat in mir etwas ausgelöst. Ich habe gedacht, was meint er denn damit? Ich weiß, wo ich bin. Und ich bin nicht glücklich.Wo soll ich denn sonst sein?

Und dann fiel mir ein, hey, es gibt ja auch noch Flüsse, die zum See führen, und die sind nicht versalzt! Also bin ich dorthin, warf dort meine Angel aus, und fing wenigstens ein paar Forellen. Aber leider nicht genug, um davon zu leben.

Ein paar Wochen später traf ich denselben Barden wieder in der Taverne, er machte sich schon zum Aufbruch bereit. Und er sah, dass es mir nicht gut ging. Ich sagte ihm, dass mir seine Frage gar nichts gebracht hat.

Er schaute mich an, legte den Kopf zur Seite, runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf und meinte "ich glaube du hast nicht verstanden, worum es eigentlich ging. Und zwar, kehre doch mal zurück an den Punkt, wo du die Entscheidung getroffen hast, hierher zu kommen."

Meine Gedanken reisten zurück zu Sizillien, und da sagte der Barde noch etwas. "Dann geh noch etwas zurück, noch ein paar Tage, noch ein paar Stunden."
Ich schaute ihn verwirrt an, und der Barde meinte "Und nun, denke doch mal nach, wie viele Möglichkeiten du hast, für wie viele Wege du dich entscheiden kannst. Was für Wege dir noch offen stehen. War diese eine Entscheidung nur ein Tropfen in einem weiten Meer. Ist es nicht wunderbar, immer noch in deiner gesamten Zukunft Hunderte, Tausende, Millionen von Entscheidungen treffen zu können - was macht da schon eine falsche?"

Und da wurde mir bewusst, was der Barde ganz am Anfang gemeint hat mit "wo bist du, dass du nicht glücklich bist?" und ich verstand, dass ich mich am völlig falschen Ort befand. Und packte meine Sachen, und brach auf, und während ich auf Reisen war, auf der Suche war nach einer Zukunft, einer neuen Zukunft, fand ich diese Straße, diese Landschaft. Und ich wusste, hier bin ich, hier ist das Glück. Und so kam es, dass ich erst ein Stück zurückgehen musste, um zu erkennen, wie viele Wege mir offenstehen."

So wurde mir die Geschichte zugetragen vom Pilgerweg in Italien und jenem ehemaligen Fischer, der dort eine Pension betreibt. Ich fand diese Geschichte sehr schön, denn heutzutage verlaufen unsere Lebenswege nicht immer gerade, aber das muss nicht schlecht sein. Denn manchmal kommen wir erst über Umwege an unser Ziel.

Und das ist eine Idee, die durchaus zu Pfingsten passt. Einen schönen Feiertag wünsche ich!

Freitag, 17. Mai 2013

So lange es niemand weiß, oder auch: Spontaneität

Ein schönes Detail hat es, wenn man kein Wort darüber verliert, warum man etwas macht, was man erwartet. Man hält sich ziemlich flexibel. Zeigt sich zum Beispiel, dass ein Klient auf eine bestimmte Methode nicht anspringt, wechselt man einfach zur nächsten. Aus dem Grund hat man ja einen Blumenstrauß davon.

Andererseits (Stichwort Rahmensetzung) können Aktionen, die so gar nicht das bewirken, was sie eigentlich sollten, schlicht umgedeutet werden. Ein wenig geht es mir so mit der Raumfrage. Eigentliches Ziel war es gewesen, eine bestimmte Eigenart von Sprache zu kommunizieren, wenn man Frage auf eine bestimmte Art und Weise stellt. Nur fiel mir dann auf, schriftlich funktioniert das nicht. Zumindest nicht so, wie gedacht. Man liest zu schnell, wodurch der Subtext meinem Eindruck nach nicht ausreichend bearbeitet wird. Es verbleibt die Sachebene, und auf der findet sich das nicht wieder, was ich eigentlich darin unterbringen wollte.

Dafür jedoch wurde daraus, finde ich, eine gute Analogie zu verschiedenen Problemen - und das völlig unbeabsichtigt. Bei dem Punkt "im Raum ist kein Stuhl" klang das ja schon an. Warum scheitern denn so manche Ernährungsumstellungen? Die Aufgabe schlechter Gewohnheiten? Das Unterlassen von Zwangshandlungen? Weil ein mentales Vakuum gebildet wird - und das geht nicht. Will man etwas ändern, muss irgendein neuer Aufmerksamkeitsanker her. Ansonsten bleibt man gehen die Gedanken zu dem Vakuum hin, lösen den entsprechenden Zustand aus, und dann hilft nur noch "Willenskraft". Nur ist Willenskraft (sehr krass gesprochen) eine Illusion der Aufmerksamkeit. Sobald sich die Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtet, aber der State noch der alte ist, wird dann das alte Verhalten gezeigt.

Auch die andere Stuhlverschiebungen sind gute Analogien zu verschiedenen dysfunktionalen Copingstrategien. Und all das war komplett unbeabsichtigt.

Montag, 6. Mai 2013

Eine einfache Frage

Frage: Was ist das Gegenteil von "hinten im Raum steht ein Stuhl"?

Sehr oft erlebe ich als Antwort "vorne im Raum steht ein Stuhl".

Oder auch "hinten im Raum liegt ein Stuhl".

Nun stellen wir uns vor, der Stuhl wäre ein Problem. Sei es, weil er zu viel Platz wegnimmt. Sei es, weil er nicht zur Tapete passt. Nur weil man ihn woanders hinstellt, bleibt er weiterhin da. Nur weil man ihn in einen etwas anderen Blickwinkel betrachtet, bleibt er dennoch weiterhin da.

Man kann natürlich auch so klug sein, und den Stuhl im Schrank verstecken. Dann ist er immerhin nicht mehr in Sicht - aber weiterhin im Raum.

Jetzt magst du denken "aha, das Gegenteil ist also "Im Raum ist kein Stuhl"! Aber das funktioniert nicht. In dem Fall wurde der Raum negativ definiert, und mental mit einem stuhlförmigen Loch versehen. Vergleichbar mit einem Süchtigen, dem man die Droge wegnimmt. Das Problem ist immer noch da.

Das Gegenteil von "hinten im Raum steht ein Stuhl" ist daher "ein Raum".