Dienstag, 11. Juni 2013

NLP I

Manchmal ist es nützlich, die Geschichte zu kennen, wie Menschen zu ihrem Weltbild bzw. zu ihren Ideen kommen. Konkretes Beispiel: Ein Arbeitskollege arbeitete viel mit Soldaten, die Einsätze in Krisengebieten erlebt haben. Ich hingegen mit "Zivilisten". Er ist wesentlich weniger konstruktivistisch eingestellt als ich - und ich wage zu behaupten, die unterschiedliche Klientengruppen können da ein Anteil dran gehabt haben. Denn es ist schon ein Unterschied, ob eine Agoraphobie (Angst vor Plätzen) darauf beruht, dass man da ein leichteres Ziel ist und erschossen werden kann - oder aufgrund etwaiger mentaler Fehlverknüpfungen zustande kam. Und ein ehemaliger Kommilitone arbeitet in einer neurologisch orientierten Psychiatrie und ist viel organischer orientiert.

Was hat das mit NLP zu tun? NLP entstammt einer Zeit, wo die kognitive Wende der Psychologie gerade erst begann. Therapiemethoden generell waren sehr unsystematisch, verhältnismäßig trüb und stark ideologisch eingefärbt. Die Gründer des NLPs haben damals verschiedene erfolgreiche Therapeuten analysiert und versucht herauszudestillieren, was sie tun, und wie jenes funktioniert. Im Ergebnis stand so etwas wie ein Welt- und Menschenbild, aus dem sich verschiedene Techniken ableiteten.

Heutzutage wird oft auf die Techniken verwiesen, aber das halte ich für fehlgeleitet. Das ist so, als würde man ein wunderschönes Pferd vor sich haben, sagen "Wahnsinn, das macht sich bestimmt gut auf der Rennbahn!", anschließend das Pferd skalpieren, allein mit der Mähne durch die Stadt laufen, auf die Haare zeigen und rufen "schaut was für ein tolles Pferd ich habe!"

Hinter dem Kürzel NLP verbirgt sich "neuro linguistic programming". Das klingt für viele, die dies hören, erst einmal wild. "Wie bitte? Das Nervensystem durch Sprache programmieren?!"
Nun ja. Die Wortschöpfung stammt aus einer Zeit, wo Programmierung noch eine etwas andere Bedeutung hatte. Denke an Radio oder Fernsehen.

Ein einfaches Experiment, was jeder an psychologischen Phänomenen Interessierte einmal in seinem Leben machen sollte:
Vorbereitung 1: Rekrutiere ein paar Freiwillige. Ich würde bei jedem Schritt zu anderen Versuchspersonen raten.
Vorbereitung 2: Besorge dir ein Skript zur progressiven Muskelentspannung (Google sollte helfen).
Vorbereitung 3: Besorge dir ein bis zwei politische oder wissenschaftliche oder hobbybezogene Artikel in etwa derselben Länge. Sie sollten für die Versuchsperson zumindest im Ansatz interessant sein.
Durchgang 1: Lese den Artikel normal vor.
Durchgang 2: Lese den Artikel so vor, wie du das Skript zur progressiven Muskelentspannung vorlesen würdest.
Durchgang 3: Lese das Skript zur progressiven Muskelentspannung wie den Artikel vor.
Durchgang 4: Lese das Skript zur progressiven Muskelentspannung so vor, wie es gedacht ist, also so, dass sich die Versuchsperson entspannen soll.
Durchgang 5: Lese das Skript zur progressiven Muskelentspannung so vor, als wäre gerade ein Feuer ausgebrochen und alle in Panik ausbrechen.

(Bei wenigen Freiwilligen empfehle ich als Kontrast lediglich Durchgang 1 und 4 zu vergleichen.)

Im Vergleich zu zuvor werden sich die Freiwilligen im unterschiedlichen Ausmaß entspannen (oder eben nicht). Entspannung bzw. Anspannung wird vom Nervensystem gesteuert. Hier werden quasi unterschiedliche Programme des Nervensystems abhängig davon ausgelöst, was man sagt. Dazu gehört aber auch, wie man etwas sagt. Um hier auf das Bild vom skalpierten Pferd zurückzukommen: Hat man nur die Techniken im Blick, aber nicht die dahintersteckende Weltsicht, dann bewegt man sich möglicherweise nur auf dem Niveau von Durchgang 3. Vielleicht sogar Durchgang 5.

Bevor ich in kommenden Beiträgen auf die Weltsicht, Techniken und co eingehe, kurz zur Wissenschaftlichkeit: Die ist ziemlich diffus. Im NLP finden sich extrem viele Konzepte aus verschiedensten Bereichen der Psychologie wieder. Ob man etwas nun Ankern oder Konditionieren nennt, einerlei. Als wirklich eigene Konzepte brachte das NLP eigentlich nur die Abrufhinweise ein - und jene bestätigten sich in Studien so gar nicht. Gemeint mit Abrufhinweise ist die Idee, dass bestimmte Augenbewegungen symptomatisch für bestimmte Arten des Informationsabrufs sei. Beispielsweise nach rechts oben schauen sollte der Abruf bildlicher Erinnerungen sein. Aber, wie gesagt, das ging schief. Was jedoch nicht heißt, dass damit alle anderen Ideen und Aspekte verworfen werden sollten - denn das wäre so, wie ein gesamten Sammelband zu verdammen, weil ein Beitrag sich als falsch herausgestellt hat.

1 Kommentar:

  1. Zitat:
    "Aber, wie gesagt, das ging schief. "
    Es ging schief, weil man falsche Hypothesen prüfte.
    Man prüfte, ob sich "Lügen" vorhersagen ließ.
    Und das ist natürlich Krampf - und der ist schon beinahe zwangsläufig die Folge, wenn reine Theoretiker Forschung betreiben.

    AntwortenLöschen