Sonntag, 28. Juli 2013

Freud in neuem Kleid...

Gestern habe ich eine Menge gelernt. Wusstest du...
... dass Kirchtürme ihre Form haben, um damit die umgebende Stadt zu penetrieren?
... die Form von Flugzeugen im Endeffekt männliche Geschlechtsorgane mit Flügeln sind?
... Bohrmaschinen mit ihren Bohrköpfen eine Verherrlichung des männlichen Parts beim Paarungsspiel sind?
... der Griff von Besenstilen eine Analogie zur Benutzung von Händen in einem ganz anderen Kontext ist, und jene nur deshalb so geformt sind?
... Züge ihre Form fanden, quasi als Poesie, um ein bestimmtes männliches Körperteil zu feiern?

Ich tue Freud mit der Überschrift unrecht. Selbst er, ausgerechnet Freud, sagte, "manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre". Etwas, dem die jene Personinnen, die Obiges vertreten, wohl nicht zustimmen würden. Bonuspunkte dafür, dass jene Personinnen jeglichen biologischen Anteil an der Geschlechtsidentität abstreiten, und dennoch überall mehr Penisse sehen, als es wohl selbst Freud getan hätte.

Dank meiner doch arg konstruktivistischen Weltsicht hatte ich eine Menge Spaß. Aus wissenschaftlicher Sicht hingegen... werde ich die Teufelin tun, und das kommentieren.

Sonntag, 21. Juli 2013

Realitäten I

Es gab in meinem Seminar gestern und vorgestern ein paar schöne Anmerkungen zum Thema "was ist real?", oder auch zu angewandtem Konstruktivismus. Nämlich Beispiele dafür, wie wir Realität formen:

- Feueralarm in der Mensa und niemand reagiert: Am Anfang wird eine Orientierungsreaktion gezeigt, und wenn niemand den Anfang macht, bleibt der Rest auch sitzen (selbst schon mehrfach erlebt). Hat auch etwas von Verantwortungsdiffusion. Das Beispiel stammt aus dem Kontext von Wallbots kommunikativen Funktionen von Emotionen.

- Ob ein Lehrer bei einer schlechten Note wütend oder resigniert ist. Ersteres wird der Schüler eher auf mangelnde Anstrengung, zweiteres auf Befähigung beziehen. Der so genannte Rosenthaleffekt funktioniert unter anderem auch darüber. Das Beispiel stammt aus dem Kontext Weiners Attributionstheorie.

- Wie anziehend oder abstoßend ein Objekt ist, ist subjektiv. Es hängt davon ab, wie es mit den inneren Werten und Wünschen einer Person interagiert (oder anders gesagt: Jemand mit Angst vor Bäumen reagiert anders auf einen Wald als jemand ohne, jemand mit Hunger anders auf Essensgeruch als jemand ohne Hunger). Das Beispiel stammt aus Lewins Feldtheorie.

- Falschzuordnung in semantischen Wissensnetzwerken sind möglich. Es gab das Beispiel der "Milchstulle". Stammt aus dem Bereich der Gedächtnispsychologie.

- Der Level an 'Stresshormonen' ist bis zu fünfmal höher, wenn man einfach mal in einem Seminarraum aufsteht und dem Rest zuwinkt, als wenn man vor einer bedeutenden schriftlichen Prüfung steht. Dies ist auch dadurch bedingt, dass diese 'Stresshormone' (also Cortisol, Adrenalin, Noradrenalin) zur generellen Aktivierung dienen und nicht nur in stressigen Situationen ausgeschüttet werden. Kann dies aber als Angsthinweis fehlinterpretiert werden? Bei manchen Sozialphobikern durchaus vorstellbar. Das Beispiel stammt aus dem Bereich von Schachter und Singers Zwei-Faktoren-Theorie.

- Das hier geschilderte Beispiel der kompletten Fehlassoziationen und Disassoziation, die zu einer Heidelbeerphobie führte. Das Beispiel stammt aus dem Bereich der Gedächtnispsychologie.

Und vermutlich gab es noch einige Beispiele mehr. Denn ich gehe mittlerweile davon aus, dass es zwölf Realitäten gibt.

Zwölf?

Oh ja.

Nur eine davon ist aber das, was man im Alltag als real bezeichnen würde. Aber die Irrealen entfalten dennoch ihre Wirkung.

Freitag, 12. Juli 2013

Und als Motivbeilage: Reiss I

Und wenn man denken könnte, die Überschriften könnten nicht übler werden, dann...

Egal. Eine Sache fasziniert mich im Bereich der Motivations- und Persönlichkeitspsychologie enorm. Und zwar, dass die Studien eines gewissen Steven Reiss relativ unbekannt sind. Zumindest im deutschsprachigen Raum. Ich kann mir das auch relativ gut erklären: Reiss hat sich mit den Motiven beschäftigt, die uns Menschen antreiben. Während in dem Bereich oft lediglich Theorien postuliert wurden (z.B. Maslow), die dann mal mehr und mal weniger überprüft worden sind, hat Reiss die ganze Sache external aufgebaut.

Das heißt, geschaut, was man so bei tausenden von Menschen findet. So ähnlich, wie letztendlich auch das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit entstanden ist - nur eben bei Reiss bezüglich auf Motive. Herausgekommen ist eine Liste von 16 Motiven.

Schön an diesen Motiven ist, dass sie direkt die Vielfalt des menschlichen Verhaltens abdecken. Ein Verhalten kann durch unterschiedliche Motive begründet sein, ebenso kann ein Motiv sich unterschiedliche Ausdrucksformen suchen. Klingt auf den ersten Blick etwas wischiwaschi, was bei external konstruierten Skalen oft so ist. Aber daraus ergeben sich einige sehr große Vorteile:

1. Dysfunktionales Verhalten bedient oft ein Motiv (oder mehrere). Identifiziert man dies, kann man sehr gut Alternativen anbieten und so die Rückfallgefahr erheblich reduzieren. Die Liste von Reiss zu verinnerlichen schult einen darin, so etwas zu erkennen - und entsprechend das Motiv zu "reframen" (lies dessen Rahmen zu verändern).

2. Die meisten Interventionen benötigen Mitarbeit des Klienten. Magische Pillen sind in der Psychologie relativ selten. Erkennt man die Motive des Klienten, kann man ihn angemessen motivieren. Klassische Modelle sind weniger umfangreich - dort passgenaue Motive zu finden ist ungleich schwieriger.

3. Es erlaubt, Motive zu "installieren" (um einen Begriff aus dem Computersprech zu verwenden). Wie das? Nun, es kann vorkommen, dass ein Klient ein bestimmtes Ziel hat, und diesbezüglich um Hilfe bittet. Oft findet man da dann heraus, dass es bisher nicht klappte, weil ein bestimmtes Motiv nicht vorhanden war. Das lässt sich dann als Sekundärmotiv vermitteln. Klassisches Beispiel: Wer abnehmen möchte (aus welchem anderen Motiv auch immer), der braucht zumindest eine gewisse Dosis eines Machtmotivs in der Ausprägung "Macht über sich selbst". Ohne geht es schlecht. Wenn man das weiß, kann man es vermitteln. Und dann klappt es auch. (Man schaue sich einmal meine beiden Beiträge (1, 2) zum Thema Gewichtsverlust an - sie alle implizieren ein Machtgewinn über sich selbst.)

Mittwoch, 10. Juli 2013

United States of Psychology III

Ja ich weiß. Heutzutage würde ich das Wortspiel mit dem Titel auch nicht mehr verwenden. Als ich die Reihe begann, sah die Welt noch etwas anders aus. Egal. Es geht also mal wieder um aktuelle (emotionale) Zustände - oder kurz um "States".

Teil 1, Teil 2.

Zum Thema: Eine weitere, eher unbekannte Eigenheit von States ist, dass sie in gewisser Weise süchtig machen. Was meine ich damit? States haben eine körperliche Komponente, und eine psychische. Auf Seiten der körperlichen Komponente ist zum Beispiel der jeweilige Hormoncocktail zu nennen, der Aktivierungsgrad verschiedener Teile des Nervensystems, und vieles mehr. Bleiben States längere Zeit bestehen, beziehungsweise werden immer wieder aufgesucht, gewöhnt sich der Körper daran. Es wird unangenehm, seltsam, wenn er sich nicht in jenem State befindet. Selbst wenn der State selbst ein negativer ist.

Auch geistig werden States dabei zu so etwas wie Gewohnheiten. Wir neigen dazu, das zu tun, was bekannt ist. Die Pfade zu beschreiten, die wir kennen. Selbst wenn es absolut keinen Sinn macht. Im Großen wie im Kleinen. Schönes Problembeispiel dafür sind Fluchtwege - bricht Panik in einem Gebäude aus, entstehen regelmäßig große Trauben und Massen vor den normalen Ausgängen, während die Fluchtwege kaum benutzt werden.

Aus dieser Sicht heraus sind so manche Alltagsratschläge zum Umgang mit emotionalen Herausforderungen ziemlich destruktiv. Wut einfach herauslassen? Die Leute werden noch cholerischer und wutanfälliger im Laufe der Zeit. Sich bei Depressionen zurücklehnen und auf Besserung hoffen? Die Leute werden noch depressiver im Laufe der Zeit. Dampf ablassen und anderen ihre Schuld vor den Kopf werfen? Willkommen beim Blame-Frame.

Aber: Hier liegt auch eine Chance. Schafft man es, entsprechende Motivation ist da aber eine Grundvoraussetzung, dass lange genug alternative States aufgesucht werden, werden quasi neue Pfade im Wald des Geistes angelegt, die dann viel wahrscheinlicher beschritten werden. So lässt sich z.B. erklären, warum Menschen mit großer Metta-Meditationserfahrung kaum mehr Stress erleben.

Ganz davon abgesehen lassen sich aus diesem Phänomen noch ein paar andere Sachen ableiten. Beispielsweise, was der Musikgeschmack über die Person aussagt. Die eigentliche Musikrichtung, nun, darüber sollen sich andere streiten. Aber Musik beeinflusst sehr stark den eigenen Zustand - und welcher Zustand dort angestrebt wird, gibt durchaus Hinweise.
Dies erklärt auch, warum Fans regelmäßig richtig tollwütig werden, wenn eine Musikband ihre Stilrichtung ändert. State-Entzugserscheinungen.

Samstag, 6. Juli 2013

Es wird kalt!

Vor ein paar Jahren bekam ich plötzlich wieder Post von echten Menschen. Das war... seltsam. Ich bekomme normalerweise nur Post von juristischen Personen (lies Werbung von Unternehmen, behördliche Dinge, solche Sachen). Warum bekam ich plötzlich Post? Echte? So mit Brief und so? Warum keine E-Mails? Keine SMS? Keine Telefonate? Da ließe es sich doch viel schneller regeln - haben die Leute die Lust an der Langsamkeit und kostenpflichtiger Kommunikation entdeckt?

Nun, es war nicht sonderlich viel Post. Aber sie kam aus einem Grund: Der Vorratsdatenspeicherung.

Es gibt da diesen Satz "wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten!"

Die Dämmerung des gläsernen Menschen. Sicher sind zumeist keine juristischen Probleme zu befürchten, wenn jemand in Sachen geistiger oder körperlicher Gesundheit nicht ganz auf dem Berg ist. Aber dennoch hat jeder Mensch ein Grundrecht darauf, dass Dinge privater Natur vertraulich bleiben. Aus dem Grund gibt es die Schweigepflicht - unter die auch ich als Psychologe falle. Dinge, die den Kernbereich des eigenen Lebens berühren, gehen niemanden sonst etwas an. Ganz egal, ob man deswegen etwas zu befürchten hat, oder nicht.

Bestand eine konkrete Bedrohungssituation? Ich glaube nicht. Eine abstrakte aber sehr wohl - denn in den Datenhalden waren entsprechende Verknüpfungen durchaus zu finden. Wer wann in welcher Frequenz Anwälte, Ärzte, Drogenberater, Therapeuten, Geistliche, wen auch immer kontaktiert hat. Ob sich jemand dafür interessiert hat - einerlei. Damals wohl nicht. Später? Wer kann schon in die Zukunft schauen?

In diversen Gesetzesbereichen gibt es mit gutem Grund "abstrakte Gefährdungslagen". Wer mit 130 durch eine 30er-Zone brettert kann auch nicht behaupten "aber es war ja niemand sonst unterwegs!"

Manche Gesetze, manche Vorkommnisse, lösen einen so genannten "Chilling Effect" aus. Sie unterbinden bereits die Nutzung von Grundrechten oder ethischen Imperativen durch eine abstrakte Gefährungslage.

Großflächige, anlassunabhängige Aushorchung der Bevölkerung - egal ob 'legitimiert' (Vorratsdatenspeicherung, wurde später von Karlsruhe kassiert) oder illegal (PRISM und co) - mir läuft da ein kalter Schauer über den Rücken. Ein ganz kalter.

Wie sagte Benjamin Franklin? Wer die Freiheit für ein bißchen Sicherheit opfert, verdient am Ende weder Freiheit, noch Sicherheit!