Sonntag, 21. Juli 2013

Realitäten I

Es gab in meinem Seminar gestern und vorgestern ein paar schöne Anmerkungen zum Thema "was ist real?", oder auch zu angewandtem Konstruktivismus. Nämlich Beispiele dafür, wie wir Realität formen:

- Feueralarm in der Mensa und niemand reagiert: Am Anfang wird eine Orientierungsreaktion gezeigt, und wenn niemand den Anfang macht, bleibt der Rest auch sitzen (selbst schon mehrfach erlebt). Hat auch etwas von Verantwortungsdiffusion. Das Beispiel stammt aus dem Kontext von Wallbots kommunikativen Funktionen von Emotionen.

- Ob ein Lehrer bei einer schlechten Note wütend oder resigniert ist. Ersteres wird der Schüler eher auf mangelnde Anstrengung, zweiteres auf Befähigung beziehen. Der so genannte Rosenthaleffekt funktioniert unter anderem auch darüber. Das Beispiel stammt aus dem Kontext Weiners Attributionstheorie.

- Wie anziehend oder abstoßend ein Objekt ist, ist subjektiv. Es hängt davon ab, wie es mit den inneren Werten und Wünschen einer Person interagiert (oder anders gesagt: Jemand mit Angst vor Bäumen reagiert anders auf einen Wald als jemand ohne, jemand mit Hunger anders auf Essensgeruch als jemand ohne Hunger). Das Beispiel stammt aus Lewins Feldtheorie.

- Falschzuordnung in semantischen Wissensnetzwerken sind möglich. Es gab das Beispiel der "Milchstulle". Stammt aus dem Bereich der Gedächtnispsychologie.

- Der Level an 'Stresshormonen' ist bis zu fünfmal höher, wenn man einfach mal in einem Seminarraum aufsteht und dem Rest zuwinkt, als wenn man vor einer bedeutenden schriftlichen Prüfung steht. Dies ist auch dadurch bedingt, dass diese 'Stresshormone' (also Cortisol, Adrenalin, Noradrenalin) zur generellen Aktivierung dienen und nicht nur in stressigen Situationen ausgeschüttet werden. Kann dies aber als Angsthinweis fehlinterpretiert werden? Bei manchen Sozialphobikern durchaus vorstellbar. Das Beispiel stammt aus dem Bereich von Schachter und Singers Zwei-Faktoren-Theorie.

- Das hier geschilderte Beispiel der kompletten Fehlassoziationen und Disassoziation, die zu einer Heidelbeerphobie führte. Das Beispiel stammt aus dem Bereich der Gedächtnispsychologie.

Und vermutlich gab es noch einige Beispiele mehr. Denn ich gehe mittlerweile davon aus, dass es zwölf Realitäten gibt.

Zwölf?

Oh ja.

Nur eine davon ist aber das, was man im Alltag als real bezeichnen würde. Aber die Irrealen entfalten dennoch ihre Wirkung.

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