Donnerstag, 8. August 2013

Realitäten III

Kommen wir dann einmal zu den inhaltlichen Realitäten - die wie erwähnt einmal in der Gegenwart existieren, dann aber auch jeweils in Vergangenheit und Zukunft.

Die sowohl offenkundigste als auch am stärksten überschätzte Realität ist die physische Realität. Das ist, grob gesagt, alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Jetzt einmal etwaige konstruktivistische Aspekte (Stichwort z.B. Cocktailpartyphänomen) außen vor, ist hier schon einmal wichtig zu verstehen, dass die physische Realität nur aus den Sinneseindrücken besteht. Insofern hat sie durchaus etwas von dem, was man gemeinhin als "real" bezeichnen würde. Dies ist auch die Realität, die man nur durch physische Tätigkeiten ändern kann.

Aber sie ist sehr beschränkt. Du siehst diesen Text gerade (wahrscheinlich) auf einen Bildschirm. Aber bereits dadurch, dass die Dinge benannt worden sind, wurde die physische Realität bereits verlassen. Wir haben hier ein "du", einen "Text", einen "Bildschirm" - womit bestimmte Bedeutungen assoziiert sind, die aber jenseits der rein physischen Realität liegen.

Stelle dir beispielsweise vor, jemand unterschreibt gerade mit ernster Miene ein Dokument. Was weißt du, nur anhand dieses Bildes, über die Situation? Eigentlich nichts. Ist es ein Mietvertrag? Eine Kündigung? Ein Testament? Ein Geständnis? Ein Abschiedsbrief? Oder was auch immer? Um überhaupt Sinn in dieses Bild zu bringen, brauchen wir Kontextinformationen - diese liegen aber nicht in der physischen Realität, sondern in den anderen drei Realitäten.

Tatsächlich funktionieren (na ja, eher durchwachsen) projektive Verfahren wie der TAT so: Szenen werden vorgegeben, und es wird analysiert, welche Kontextassoziationen dies beim Getesteten auslöst. (Im obigen Beispiel: Was wird da unterschrieben? Etwas positives? Negatives? Neutrales? Wie fühlt sich die Person dabei?)

Ein Stuhl hat für einen Künstler eine andere Bedeutung als für ein Kind als für einen Sachbearbeiter als für einen Tischler. Ein kleiner, romantischer, kuscheliger Raum hat eine andere Bedeutung für eine normale Person als für einen Klaustrophobiker. Ohne Kontextinformationen aus den anderen Realitäten macht die physische Realität nur sehr wenig Sinn.

Sofern du einen Führerschein hast, versetze dich mal zurück in die Zeit, wo du noch keinen hattest. Wo du als (mehr oder weniger) kleines Kind an Straßen entlang gingst. Da gab es viele bunte Schilder. Manche werden dir vielleicht etwas gesagt haben, andere auch nicht ("Oh, ein viereckiges Spiegelei!", oder das Zitat, was ich mal von einem Fahrschüler hörte "Was bedeutet dieses Dreieck mit der Rakete?!"). Heute haben diese Schilder eine andere Bedeutung. Haben sich die Schilder rein physisch verändert? Nein. Physisch nicht. Aber in den anderen Realitäten, da haben sie sich verändert.

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