Dienstag, 20. August 2013

Realitäten IV

Ich habe lange darüber gerätselt, wo ich bei den Realitäten weitermachen soll. Sinnvoll wäre als nächste die intellektuelle Realität - aber deren Eigenheiten ohne konkretes Beispiel zu verdeutlichen, ist schwierig. Zum Glück sind mir kürzlich ein paar schöne Beispiele begegnet.

Man kann sich die intellektuelle Realität als Ableitung der physischen Realität vorstellen. Hier findet sich der Umgang mit Daten und Fakten, ebenso Erklärungen und Rationalisierungen. Das Problem dabei ist nur: Wir sind als Menschen verdammt gut darin zu rationalisieren, und sehr schlecht bei wirklich rationalen Betrachtungen.

Zwei Vorstöße aus der Politik verdeutlichen dies sehr gut. Dort wird sich scheinbar auf der rationalen Ebene bewegt, in Wirklichkeit jedoch kontrafaktisch und auf der emotionalen.

Beispiel 1: Die PKW-Maut für Ausländer.
"Nur damit können genug Einnahmen für den Straßenerhalt eingenommen werden - und wer unsere Straßen nutzt, soll auch dafür bezahlen!"
Hier wird zuletzt schon einmal eine emotionale Betrachtung eingeworfen (dazu komme ich später). Die Sache mit den Einnahmen ist aus vielen Gründen völliger Käse.
- Einnahmen aus KFZ- und Mineralölsteuern betragen zusammen 52 Mia €, dem stehen Ausgaben für den Straßenerhalt und -ausbau in Höhe von 24 Miä € (davon 6 Mia € Länder und Kommunen, Schätzung von 2010. Lediglich 17 Mia € vom Bund sind offiziell ausgewiesen) gegenüber.
- Selbst wenn ich hier etwas übersehen haben sollte, reden wir hier von sehr geringen Einnahmen, die kaum die Ausgaben decken werden (der Anteil ausländischer PKWs auf Autobahnen ist extrem gering). Und zudem gegen EU-Recht verstoßen würde. Sinnig würde das erst, wenn man von einer PKW-Maut für alle ausgeht.

Eine PKW-Maut für alle hat aber verschiedene weitere Probleme. Hier kommt das Problem der Gerechtigkeit ins Spiel. Das Argument suggeriert, es ginge hier um Gerechtigkeit. Aber tut es das?
- PKW belasten die Straßen kaum. Vergleichen wir Kleinwagen von sagen wir mal einer Tonne mit einem großen LKW von vierzig Tonnen, so (Physik) belastet der LKW die Straße nicht 40x so viel, sondern 10 000x so viel (konservativ geschätzt - weniger konservative Schätzungen hängen durchaus noch eine Null dran). Für LKWs, auch ausländische, gibt es bereits eine Maut. Damit eine Maut auch nur halbwegs gerecht wäre, müsste erstens nach dem Gewicht unterschieden werden, und zweitens nach der gefahrenen Kilometeranzahl. Sieht man einmal von ausländischen PKWs ab, ist daher das aktuelle System aus Mineralölsteuer (i.e. verbrauchsabhängig) und KfZ-Steuer (jene ist von der Umweltverträglichkeit und Motorisierung abhängig) deutlich gerechter. Und orientiert man sich an der Straßenbelastung, würden PKWs entweder für Centbeträge durch die Gegend fahren, oder LKWs müssten Unsummen bezahlen (die dann auf die Produkte umgelegt würden).
- Schon bei Transportern ab 3,5t verzichtet Deutschland auf eine Maut, da die Einnahmen dort in keinem Verhältnis zu den Kosten der Erfassung stehen. Es könnte also passieren, dass ein wie die LKW-Maut gestaltetes halbwegs faires Mautsystem zum Nullsummenspiel oder gar zum Verlust wird. (Erst ab 12 Tonnen sind LKWs mautpflichtig.)
- Eine Maut könnte Verkehr von den Autobahnen auf die Landstraßen verlagern. Jene sind deutlich unsicherer (die meisten Verkehrstoten und schwere Unfälle ereignen sich auf Landstraßen).
- Eine Maut würde, wie es in anderen Ländern der Fall ist, so nicht direkt Mehrbelastungen erzeugt werden sollen, eine Begünstigung von Vielfahrern und umwelt- und straßenschädlicheren Verkehrsteilnehmern zum Nachteil von Wenigfahrern und umwelt- und straßenfreundlicheren Verkehrsteilnehmern.

Klingt nicht mehr so gerecht.


Beispiel 2: Der Veggie-Day.
"Für gesündere Ernährung und mehr Bewusstsein im Umgang mit Nutztieren ein fleischfreier Kantinentag pro Woche!"
Der Punkt gesündere Ernährung stimmt schlicht nicht. Der Logik nach müssten auch ungesunde vegetarische Lebensmittel gestrichen werden, umgekehrt dürften gesunde fleischliche Produkte nicht betroffen sein. Korrekt ist, rotes Fleisch ist, besonders in Massen, ungesund. Aber es gibt mehr als nur rotes Fleisch. Hier wird schlicht nicht differenziert (NLP würde hier von einer ungültigen Verallgemeinerung sprechen). Das Bewusstseinskriterium ist reine  Emotionalität.

Ich fände mehr Abwechslung bei vegetarischen Gerichten toll, da ich selbst kein rotes Fleisch mag. Nur halte ich Zwang für den falschen Weg - und erst recht pseudorationalisierten rein auf Emotionalität begründeten Zwang. Gesündere Ernährung, hey, toll! Ich habe meine Ernährung vor nun mehr über einem Jahr grundlegend umgestellt, und mir geht es heute besser als in den letzten zehn Jahren davor. Aber aus psychologischer Sicht kann so etwas durch Zwang nicht erreicht werden.


Die intellektuelle Realität ist jene, wie wir die Welt verstehen. Sie ist sehr oft von Pseudologik geprägt und die anderen Realitäten (einschließlich der physischen) werden hier rationalisiert. Im Grunde hat sie etwas von einem Kinozuschauer. Man glaubt, man sieht einen Film - aber was der Film auslöst, Gefühle, wie auch immer, wird rationalisiert. Und es wird nicht erkannt, dass man nicht wirklich Bewegungen o.ä. sieht, sondern nur schnell aneinander gereihte Standbilder.

Wir bewegen uns im Alltag oft stark in der intellektuellen Realität. Interessanterweise leiten verschiedene Meditationsarten dazu an, jene zu verlassen (u.a. Achtsamkeitsmeditation), ebenso finden die meisten psychotherapeutischen Interventionen nicht auf der intellektuellen Ebene statt (CBT ist das prominenteste Beispiel).

Ich stelle in Seminaren am Anfang immer folgende Frage: "Stellen Sie sich vor, ein Spinnenphobiker kommt zu Ihnen. Sie erklären ihm lang und breit, alle in Deutschland lebenden Spinnen sind harmlos. Führen Studien dazu an. Zeigen auf, dass Spinnen verschiedene nervige und sogar gefährliche Insekten vertilgen und ihn dadurch sogar schützen! Glauben Sie, er ist danach von seiner Spinnenphobie befreit?"

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