Sonntag, 29. September 2013

Das Änderungsparadox

Es gibt da ein Phänomen, das sich massenhaft in lustigen Videoclips demonstriert sieht: "Change Blindness". Auf deutsch, Blindheit gegen Veränderungen. Da werden dann z.B. Passanten angesprochen, zwischen dem Passant und der Person ein großes Möbelstück transportiert, und währenddessen die Person, die eigentlich angesprochen hat, ausgetauscht gegen jemand anderen. Selbst bei gröbsten Änderungen (Alter, Hautfarbe, Geschlecht) löst dies keine großartige Irritation aus, und das Gespräch verläuft normal weiter.

Hat sicherlich auch etwas mit Rahmen zu tun - da sie Realität definieren, und es nicht sein kann, dass da plötzlich wer anders steht. Andersherum findet man dieses Phänomen aber auch schon auf der niedrigsten Ebene der Wahrnehmung: Stellen wir uns vor, Probanden sollen ein Ball zu einem Ziel hin werfen. Und während sie blinzeln, wird das Ziel (elektronisch) verschoben. Nicht nur, dass das nicht gemerkt wird, sie treffen auch gleich gut.

Klingt soweit nur kurios. Jetzt wird es jedoch bitter. Stellen wir uns vor, jemand hat irgendein Problem im Leben. Soll vorkommen. Und derjenige geht dieses Problem auch an. Sehr gut. Aber die Frage ist, wie reagiert seine Umgebung darauf?

Manchmal durchaus hilfreich. Manchmal jedoch auch sehr destruktiv. Selbst wenn die Veränderung bemerkt wird, weil sie nicht mehr zu übersehen ist, so ist oft doch eine Dynamik da, denjenigen zurück in die alte Rolle und in die alten Verhaltensmuster zu drängen.

Paar konkrete Beispiele:
- Jugendlicher, Behandlung wegen Stottern. Stottern ziemlich erfolgreich in Behandlung. Bricht Behandlung ab und fängt wieder an zu stottern, weil er im sozialen Umfeld extremen Druck ob des fehlenden Stotterns bekommt. (Toller Freundeskreis, nebenbei.)
- Klient mit niedrigem Selbstbewusstsein, der immer klein bei gibt und unglücklich ist. Wird erfolgreich aufgebaut. Aber sein Umfeld versucht ihn umso mehr klein und in der alten Rolle zu halten.
- Ernährungsberatung, Klient stellt seine Ernährung um. Wird familiär weiterhin stur mit den "alten" Lebensmitteln versorgt.

Dies, und viel mehr, fällt unter etwas, was ich "Änderungsparadox" nennen möchte. Hier steckt keine Bosheit hinter - nur die (ausgeprägte) Tendenz, Änderungen weder wahrzunehmen, noch zu akzeptieren.

Was kann man dagegen tun?

Meine üblichen Ratschläge:
- Ausweichen in neue Kontexte. Dort gibt es noch keine vorgefertigten Rollenbilder.
- Auszeit von aktuellen Kontexten nehmen, so lange wie möglich. Auch wenn manche Änderungen schnell geschehen können, je mehr Zeit verstreicht, desto brüchiger wird gemeinhin das "alte" Bild.
- Ressourcen aufbauen bzw. zur Hand haben, um die Veränderung zu demonstrieren. Eine gute Demonstration erreicht mehr als zehntausend Worte.
- Geduld. Genauso wie sich das alte Bild verselbständigt hat, wird sich das neue Bild verselbständigen, so es nur lange genug gezeigt wird. Sich also von ersten Rückmeldungen aus der Umwelt nicht verunsichern lassen.

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