Dienstag, 29. Oktober 2013

Welchen Wert hat ein Menschenleben in den USA?

Ein Gedanke, eine Frage kam mir vorhin: Welchen Wert hat eigentlich ein Menschenleben in den USA?

Da gibt es einen seltsamen Dissenz. Wenn man einmal darüber nachdenkt. Durch einen Terroranschlag, so schlimm er auch gewesen sein mag, sterben etwas über 3000 Menschen. Daraufhin werden Billionen Dollar dafür ausgegeben, die Verantwortlichen zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Das ganze Land damit finanziell an den Abgrund gebracht. Und zudem auch moralisch - Bürgerrechte ausgehöhlt, die ganze Welt bespitzelt, und auch dafür insgesamt wieder Abermilliarden an Dollar ausgegeben.

Umgerechnet gab es in den letzten 15 Jahren pro Jahr in den USA circa 200 Todesopfer durch terroristische Anschläge pro Jahr. Es wird also sehr viel Geld in die Hand genommen, um hier etwas zu unternehmen.

Gleichzeitig, bezogen auf das Jahr 2010, gab es folgende Zahlen:
- Knapp 18.500 Mord- und Totschlagopfer im Zusammenhang mit Schusswaffen.
- Über 37.500 Tote im Straßenverkehr..
- Mehrere 100.000 Tote im Zusammenhang mit Adipositas.

Mal ein paar Anmerkungen dazu:
- Verglichen mit anderen Ländern der westlichen Welt haben die USA mit die höchste Anzahl an Verkehrstoten pro Einwohnern bei der geringsten Verkehrsdichte. Hier findet sich auch die einfachste Fahrausbildung, in etwa auf dem Niveau von Indien.
- Adipositas ist ein riesiges Problem in den USA. Ich fand keine genauen Zahlen, Schätzungen schwankten zwischen ¼ und ½ Million. Wir reden hier nicht über ein paar Pfunde zu viel, sondern über 50% bis jenseits von 100% zu hohes Körpergewicht.
- Man sollte es sich nicht zu einfach machen, die Anzahl an Mordopfern nur auf die laxen Waffengesetze zu schieben. Die haben sicherlich ihren Anteil daran, aber sie sind nicht der einzige Faktor. Sozioökonomische Faktoren kommen dazu (die Schweiz hat ähnlich lasche Waffengesetze, aber eine auf die Bevölkerung umgerechnet viel viel geringere Mordrate).

All das wären Faktoren, wo man schon durch eine modifizierte Gesetzeslage, die bei weitem nicht so drastisch sein müsste wie bei den Sicherheitsgesetzen nach 9/11, enorm viele Menschen retten könnte. Würde man dazu noch Geld hinzu nehmen, um zum Beispiel das Problem der Adipositas richtig anzugehen oder die sozioökonomischen Ursachen für die hohe Mordrate zu verändern, ich vermag kaum zu schätzen, wie viele Menschen gerettet werden können.

Aber sie werden es nicht.

Und warum nicht?

Furcht. Und Kontrollüberzeugungen. Die Terroranschläge kamen von außen. Und da greifen keine Kontrollüberzeugungen. Daher lassen sich damit so leicht Leute hinter den Maßnahmen gegen Terrorismus versammeln, nicht jedoch gegen die ungleich größeren Bedrohungen.

Übrigens halte ich nichts davon zu glauben, unsere Politiker seien besser. Ich erinnere da an Friedrichs "Supergrundrecht Sicherheit". Wiederum, Furcht.

Es gibt ein Supergrundrecht. Artikel 1 GG: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Die Würde auf dem Altar der Sicherheit zu opfern, gerade wo es so viele größere Baustellen gibt, wo so viel mehr Leben gerettet werden könnten - ich finde das ekelhaft. Unwürdig.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Das andere Änderungsparadoxon

Ich habe vor einiger Zeit über das so genannte Änderungsparadoxon gesprochen - nämlich die Tendenz, dass die Umwelt einen anfangs wieder in die alte Rolle zu zwingen versucht.

Dabei habe ich ein ganz anderes Änderungsparadoxon übersehen, quasi das Gegenteil. Nämlich wenn wir uns verändern, nicht plötzlich, sondern im Laufe der Zeit, sind wir oft die letzten, die das bemerken.

Mir ging das letztens so, als ich Fotos von mir sah. Fotos, die noch kein Jahr alt waren. Der Unterschied war viel drastischer als ich dachte (im positiven Sinne). Aber es ist nicht nur das Aussehen. Ich glaube, Dir ist das schon sehr oft so gegangen. Nimm nur einmal Vorlieben in Sachen Freizeitbeschäftigungen, wie sich jene im Laufe der Jahre verändern. Oder Geschmacksvorlieben. Musik.

Das ist nicht nur psychologisch bedingt - sicher auch, da unsere Sinnessysteme nicht darauf angelegt sind, Veränderungen über längere Zeiträume wahrzunehmen und unser Gedächtnis sehr konstruktivistisch ist (kleines Experiment: Denke an ein Ereignis, an dem du beteiligt warst, und das mindestens ein Jahr zurück liegt. Siehe dich darin selbst. Sei ehrlich, Du hast dich darin ganz überwiegend so gesehen, wie du heute bist. So geht es zumindest nahezu allen Menschen - und das ist auch absolut sinnvoll*).

Dazu kommt auch eine physiologische Komponente - verschiedene Sinne, wie zum Beispiel der Geschmackssinn, verändern sich im Laufe des Lebens. Daher ist es normal, mit fünf, mit fünfzehn, mit fünfundzwanzig (und so weiter) etwas andere Vorlieben zu haben.

Nur oft nehmen wir dies nicht wahr. Unsere Umwelt, besonders wenn sie uns längere Zeit nicht gesehen hat, hingegen umso mehr. Ich glaube, daher kommt der Rat (dem ich inzwischen auch gut nachvollziehen kann), Entwicklungen (je nachdem welcher Natur) mit Tagebüchern und/oder Fotos zu dokumentieren. Als Motivationshilfe. Um überhaupt zu sehen, wie weit man schon gekommen ist.

* = Absolute Kurzfassung: Tatsächlich können Probleme entstehen, wenn negative Ereignisse in der Vergangenheit von aktuellen Ressourcen losgelöst sind. Da kann es sogar oft helfen, die Erinnerung wieder mit der Gegenwart zu verbinden.

Montag, 21. Oktober 2013

Geldwert

Ursprünglich hatte ich vor, etwas über ein Phänomen zu schreiben, was in den Bereich der Verkaufspsychologie fällt. Dabei fiel mir auf, erst einmal sollte ich mich darüber auslassen, was denn genau Geld ist. Wenn ich mich so an verschiedenste Meinungen aus den Berichten zur Finanzkrise erinnere, sollte ich aber wohl darauf hinweisen, dass ich da eine sehr abweichende Meinung habe. Und irgendwie glaube, dass ich recht habe.

Größenwahnsinnig, ich weiß. War ich schon immer.

Also: Geld ist letztendlich eine symbolische Repräsentation von Wert.

Nicht mehr, nicht weniger.

Was bedeutet dies? Gehen wir mal zurück in die Antike: Du hast Mehl, ich habe Kühe. Sagen wir, ein Sack Mehl entspricht einer Viertelkuh. Jetzt haben wir einen Austausch von Werten - du bekommst soviel Kuh gegen soviel Mehl. Genauso ließen sich vielleicht auch zwei Kühe und ein Schaf gegen ein Pferd tauschen.

So ein System ist nur ziemlich unhandlich. Man muss bei Tauschgeschäften seinen Besitz dabei haben, möglicherweise über viele Ecken tauschen (beispielsweise ich will ein Pferd, aber der Pferdebesitzer will keine Kühe, sondern Gerste, und der Gerstebesitzer will nur Mehl...). Da kam die Erfindung von Geld herein. Alles Geld - von den Goldmünzen von einst bis zu den Baumwollpapierscheinen von heute sagt letztendlich "du bekommst so und so viel Wert im Austausch dafür!"

Das ist zentral zu verstehen. Geld hat nichts mit Gold zu tun. Gold wurde gewählt, weil es eine begrenzte Ressource und verhältnismäßig fälschungssicher war/ist. Es erfüllte schon immer denselben Zweck - es repräsentierte Wert, aber es war kein Wert. Bei dem heutigen nicht mehr von Gold gedecktem Geld wird oft der Begriff "Fiatmoney" benutzt - eben man "glaubt" nur, dass dahinter Wert steckt. Das galt aber auch für Gold. Ich erinnere mich, dass ich bei einigen Familien ziemlich interessante Erbstücke gesehen habe. Kostbarkeiten, die man eher beim Adel erwartet hätte. Wo kamen die her? Aus den Zeiten der Hyperinflation, weil da die Vorfahren Mittel zur Nahrungsproduktion hatten. Tausche Goldbecher gegen Laib Brot. Gold selbst hat auch nur den Wert, dem man ihn zuweist.
Das gilt für alles. An der Finanzkrise seit 2008 sah man zum Beispiel, dass auch Grundbesitz plötzlich viel weniger wert sein konnte. Genauso gab es im Laufe der Geschichte Substanzen, die genauso oder mehr wert waren als Gold - heutzutage dank neuer Produktionsmethoden jedoch nur noch einen Bruchteil wert sind (Zucker z.B.).

Wogegen sich eher bei manchen Ökonomen ein Widerstand regt, würde ich als "Ex Nihilo"-Geld bezeichnen - Geld aus dem Nichts, ohne Gegenwert. Sich aber nur auf Gold als Gegenwert zu beziehen sind meiner Einschätzung nach arge Scheuklappen. Jeder Wert, der geschafft wird, sollte mit Geld hinterlegt sein, sonst ist eine Deflation die Folge. Heutzutage gibt es viel mehr erschaffene Werte als vor hundert Jahren. Das war ja letztendlich auch das Problem bei der Hyperinflation in der Weimarer Republik - das dort gedruckte Geld war "Ex Nihilo".

Ich will gar nicht darüber spekulieren, wie viel Geld heutzutage von Wert gedeckt ist (oder nicht), einfach weil ich dafür als Psychologe wohl der falsche Ansprechpartner bin und ich absolut keine Anhaltspunkte habe. Aber in dem Moment, wo es um die Vermarktung von Produkten geht, dann spielt das Verständnis Geld = Wert eine sehr große Rolle.

Denn, und das hatte mich eigentlich angeregt, etwas dazu zu schreiben, da bauen manche Hersteller richtig großen Mist. Sie haben ein Produkt. Vielleicht sogar ein tolles Produkt, und dann verringern sie dessen Wert. Fangen dann an, auf externe Ursachen zu schimpfen, dass die Verkaufszahlen nicht stimmen. Na Überraschung!

Ich hielt kürzlich eine DVD aus den frühen Nullerjahren in den Händen. Und mir wurde sofort wieder ins Gedächtnis gerufen, was für eine desaströse Zeit das war. Man legt die DVD ein, muss erst einmal eine Sprache wählen. Damit erst einmal eine Minute lang ein Copyright-Hinweis eingeblendet wird. Danach zwei "Raubkopierer sind Verbrecher!!einseinself"-Spots (sehr sinnvoll* bei einer Original-DVD, das dem Käufer an den Kopf zu klatschen). Danach nicht überspringbare Werbung. Irgendwo dabei auch nochmal eine Minute FSK-Hinweis. Also für den Fall, dass man den riesengroßen Aufdruck auf der Verpackung nicht gesehen haben sollte. Bonuspunkte, es war sogar ein Film freigegeben ab 6, also nicht einmal etwaige FSK18-Klötze. All das nicht abbrechbar. UOP bei DVD-Playern ist auch etwas, das letztendlich ein Negativwert ist.
Unsinnig zu erwähnen, dass ich die meisten DVDs aus der damaligen Zeit gebraucht oder aus dem Grabbeltisch gekauft habe. Nicht, weil ich nicht bereit sei, generell für DVDs etwas auszugeben - sondern, weil so etwas den Wert der DVD entsprechend senkte.

* = Und wo wir gerade von Rahmen sprechen. Ein National Park in den USA stellte mal das Schild "bitte keinen Müll mehr wegwerfen" auf. Folge war, es wurde weitaus mehr Müll in die Landschaft geschmissen.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Eine Geschichte über Strategien und Ziele

Ich habe gestern eine Geschichte gehört, die erstmal nur völlig skurril ist. Wo sich viele Leute denken, "was ein Idiot!"
Tatsächlich war das auch der Aufmacher, unter dem die Geschichte veröffentlicht worden ist.

Sie ging so: Ein Mann war mit seinen Kindern auf einem Jahrmarkt. Dort gab es ein Spiel, bei dem es als ersten Preis eine aktuelle Spielekonsole zu gewinnen gab. Da dachte sich der Vater, hey, die wäre toll für meine Kinder - und begann zu spielen.

Nur war er nicht sonderlich gut. Spielte aber immer weiter. Verzockte 300$.

Lektion gelernt? Neee. Er ging zur Bank, holte seine Ersparnisse. Waren 2300$. Er wollte diese Spielekonsole!

Und verzockte das ganze Geld.

Ähm. Doof gelaufen. Aber die Geschichte geht noch weiter. Denn nun beschwerte sich der Mann, machte großen öffentlichkeitswirksamen Ärger. Drohte mit Klagen. Und die Trostpreise, die er vom Veranstalter bekam, waren ihm nicht genug. Er wollte diese Spielekonsole!

In gewisser Weise ging die Geschichte ja noch irgendwie, hm, gut aus, weil nun Unbeteiligte für den armen Vater sammelten und so seine Kinder die Konsole bekamen.

Aber jetzt einmal rein psychologisch betrachtet, hier können drei (offenkundig) dysfunktionale Verhaltensaspekte am Zug gewesen sein. Warum dysfunktional? Weil es die Konsole zum Zeitpunkt der Geschichte für 200$ im Laden gegeben hätte. Welcher Verhaltensaspekt nun genau dahinter steckt, nun, Ferndiagnosen sind schwierig. Daher werfe ich sie nur mal als mögliche Erklärungen hinein.

Möglichkeit 1: Es ging nicht um die Spielekonsole, sondern um das Gewinnen des Spiels. Für manche Menschen ist es ein sehr starkes Motiv, in kompetetetiven Situationen erfolgreich abzuschneiden. Hier läge das Problem auf Seiten der Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Möglichkeit 2: Eine einmal gewählte Zielstrategie wurde immer weiter verfolgt, selbst wenn diese eindeutig aus dem Ruder lief. Das ist gar nicht einmal so ungewöhnlich. Erinnert mich an ein Ereignis, das schon acht oder neun Jahre zurück liegt. Da geriet ich in ein Gebäudebrand. Befand mich in einer Art ebenerdiger Saal, mit großen Scheiben und Sicherheitstüren in ihnen. Der Saal war voll. Eine Handvoll Leute (u.a. ich) nahmen die Sicherheitstüren, und waren direkt draußen. Der Rest hingegen strömte durch die regulären Eingänge, durch verrauchte Flure und einigen Engstellen, nach draußen. Gab einige leichte Rauchvergiftungen. Diese Art des Tunnelblicks ist leider alles andere als selten.

Möglichkeit 3: Das klassische Zocker-Problem. Um die Verluste zu rechtfertigen, wird immer weiter investiert. Selbst wenn es überhaupt keinen Sinn mehr macht. Alle Casinos und Spielhallen beruhen darauf. Quasi eine Extremform des Sunk-Cost-Dilemma (wo man immer mehr investiert, um die bisherigen Investitionen zu rechtfertigen, auch wenn es längst absolut irrational ist - nur hat man bei SCD wenigstens irgendwas, bei verzockten Einsätzen nur Lehrgeld und kognitive Dissonanz).

Dienstag, 15. Oktober 2013

"Ich habe keine Zeit dafür!"

Spielen wir einmal wieder ein Ratespiel. Sagen wir, wir haben da einen Klienten vor uns. Für den wäre es extrem hilfreich, wenn er täglich für eine Übung 30 Minuten investiert.

Wenn man das vorschlägt, ist sehr oft die Reaktion "dafür habe ich absolut keine Zeit!"

Wie reagieren wir darauf?

Die meisten würden anfangen Fragen zu stellen a la
- "wirklich nicht?"
- "ist vielleicht nicht irgendwo noch etwas frei?"
- "können Sie das irgendwo unterbringen?"

Schlechte Rahmen. Der Punkt ist, die allermeisten Menschen haben keine Zeitlöcher in ihrem Tagesablauf. Sie haben immer etwas zu tun. Stellt man obige Fragen, suchen sie nach Freizeit - die sie ziemlich oft nicht haben.

Wie wäre es hingegen mit folgender Perspektive:

"Was ist wichtiger?"

In dem Fall wird nicht nach freier Zeit gesucht, sondern mental verglichen. Ob man zum Beispiel vier Soaps jeden Tag verfolgen muss, oder eine davon vielleicht doch unwichtiger ist als ein bestimmtes persönliches Ziel zu erreichen. Oder ob wirklich zwei Stunden jeden Tag soziale Netzwerke konsumiert werden müssen. Oder ob... jedenfalls, durch diese Frage verändert sich die Perspektive, und plötzlich finden sich Zeiten. Zeiten, die ansonsten oft nicht gefunden worden wären.

Montag, 14. Oktober 2013

Mini-Rahmen

Es gibt große Rahmen, und es gibt kleine Rahmen. Wie in einer etwas längergehenden Serie erklärt, sind Rahmen letztendlich so etwas wie Kontextinformationen, ohne die die Welt keinen Sinn macht. Nur sind diese Kontextinformationen veränderbar - wenn es um geistige Konstrukte geht. Oder strategisch plazierbar, wenn es um weltliche Konstrukte geht.

Drei Beispiele für letzteres - ich glaube, mindestens zwei habe ich auch schon einmal irgendwo erwähnt.

1. Von der Größe des Geschirrs hängt ab, wie groß die Portionen sind, die gegessen werden, bis die Leute satt sind. Kleinere Teller = kleinere Portionen.
In dem Fall wirkt das Geschirr als Bezugsrahmen. Das ergibt logisch absolut 0 Sinn - 400 Gramm sind 400 Gramm, egal ob sie flach verteilt in einem trogähnlichen Schalenteller sind, oder sich gestapelt auf einem Teller finden, der als Untertasse durchgehen könnte.
Aber Rahmen müssen nichts mit Logik zu tun haben, sie wirken dennoch.

2. Wie viel Geld Kunden für einen Billardtisch ausgeben, hängt davon ab, ob ihnen zuerst die teuren oder zuerst die günstigen Tische gezeigt werden. Teurer zuerst = mehr Geld wird ausgegeben.
In dem Fall wird der zuerst gezeigte Tisch zum Bezugsrahmen, an dem die nachfolgenden Produkte gemessen werden.

3. Ein Produkt der mittleren Preisklasse verkauft sich dann besonders gut, wenn es einerseits flankiert wird von einem besseren, aber deutlich teureren Produkt, und andererseits von einem schlechteren, aber nur unwesentlich billigereren Produkt. Gerade letzteres erhöht die Attraktivität des Produkts deutlich. (Dies macht für Geschäfte deshalb Sinn, weil die Gewinnspanne bei der mittleren Preisklasse meist spürbar höher ist als die bei "fair" bepreisten der niedrigereren Preisklasse.)

Sonntag, 13. Oktober 2013

Destruktiver Emotionsrahmen trifft symbolische Realität

Eine (Martketing-)Studie, die so skurril ist, dass ich sie einfach nur toll finde!

Grundfrage war jeweils, unter welcher Bedingung sich mehr Teilnehmende freiwillig für ein ehrenamtliches Engagement melden. Die Studie ist nicht ganz sauber, weil eine echte Kontrollgruppe fehlte, also nur Experimentalgruppen verglichen worden sind. Dennoch sehr interessant.

Durchgang 1
- Gruppe 1: Soll daran denken, wo ihnen früher geholfen worden ist.
- Gruppe 2: Soll daran denken, wo sie früher Mist gebaut haben.

Folge: Gruppe 2 meldet sich ganz signifikant häufiger.

Wenn wir uns erinnern: Letzteres löst Schuld- bzw. Schamgefühle aus.

Durchgang 2
- Gruppe 1a: Soll daran denken, wo ihnen früher geholfen worden ist. Bekommen als Dank für die Studienteilnahme einen Stift geschenkt.
- Gruppe 1b: Soll daran denken, wo ihnen früher geholfen worden ist. Bekommen als Dank für die Studienteilnahme ein Feuchthandwaschtuch geschenkt.
- Gruppe 2a: Soll daran denken, wo sie früher Mist gebaut haben. Bekommen als Dank für die Studienteilnahme einen Stift geschenkt.
- Gruppe 2b: Soll daran denken, wo sie früher Mist gebaut haben. Bekommen als Dank für die Studienteilnahme ein Feuchthandwaschtuch geschenkt.

Folge: Keine Veränderung in den beiden "Gruppe 1"-Bedingungen. Gruppe 2a weiterhin unverändert hoch. Aber Gruppe 2b ist plötzlich fast auf demselben niedrigen Niveau wie die Gruppe1-Bedingungen.

Wie das? Meine Vermutung, weil hier ein Symbol ins Spiel kommt. Eine Möglichkeit, Schuld- und Schamgefühle loszuwerden ist nicht nur Wiedergutmachung, Buße, wie auch immer (darauf beruht die erhöhte Teilnahmebereitschaft), sondern eben auch symbolische Gesten. Wie sich von etwas reinwaschen.

Samstag, 12. Oktober 2013

Rahmenspaß mit destruktiven Emotionen VII

Es gibt so ein paar klassische Gegensatzpaare bei Gefühlen, die immer wieder behauptet werden. Ich sage aber, die stimmen so nicht. Nehmen wir einmal Furcht und Wut: Beide haben dieselbe Intention, nur gegenteilige Ausdrucksformen hinter derselben Struktur. Zu beiden würde ich eher 'pity' (ich wähle hier eines der englischen Wörter für Mitleid, weil das deutsche 'Mitleid' nicht weniger als vier Konzepte umfasst und daher nur bedingt trennscharf ist) als Gegenteil ansehen - die Rahmenbedingungen von 'pity' machen es unmöglich, dass man dem Ziel gleichzeitig Furcht oder Wut entgegen bringen kann. Wie ich darauf komme? Nun, oft wird als Gegenteil von Liebe Hass aufgeführt. Strukturell schließen sich die beiden jedoch nicht aus. So etwas wie Hassliebe ist nicht nur Wortklauberei. Dann, schon etwas spirituell angehaucht, wird manchmal zu beiden als Gegenteil "Indifferenz" aufgeführt. Da steckt ein wenig Wahrheit hinter, aber es ist so eine Metaebene wie zu sagen die Gegenfarbe zu Violett ist Schwarz. So rein rahmentechnisch durchaus korrekt, und dann wiederum nicht.

Da ich Indifferenz jetzt mal nicht als Gefühl bezeichnen mag, möchte ich noch auf einen Aspekt eingehen, den ich in der Einleitung vergessen habe. Manchmal sind Gefühle kulturelle Artefakte. Sie werden nicht wirklich erlebt, nur vorgespielt, weil sie erwartet werden. Hey, da Emotionen sehr wichtig für Rahmen sind, und wenn eine Kultur sagt "zu dem Rahmen gehört die Emotion!", dann soll man sie zeigen, mit den Erwartungen spielt. Aber zwischen zeigen und empfinden besteht ein Unterschied.

Denn nun komme ich als Abschluss in meiner kleinen Beitragsreihe zur zweitdestruktivsten Emotion. Eine Emotion, die nur deshalb nicht destruktiver als Hass ist, weil sie meist nur eine kleine Anzahl von Personen ins Verderben reißt. Eine Emotion, die dabei das Gegenteil von Liebe ist - dabei als unvereinbar mit Hass erscheint, doch dieselbe Wirkrichtung von Hass hat. Eine Emotion so zerstörerisch, dass sie in Reinform das repräsentiert, was im Buddhismus als Quelle allen Leidens gesehen wird.

Eifersucht

Warum?
- Besser gefragt, mit welcher Facette anfangen? Der Rosenthaleffekt sollte allgemein bekannt sein - Menschen verhalten sich zumeist so, wie man annimmt, dass sie sich verhalten werden. Schon mal also ein ganz schlechter Rahmen. Schlimmer noch, er wird nicht besser dadurch, wenn er nicht eintritt. Das sorgt nicht für mehr, sondern für noch weniger Vertrauen.
- Kern von Eifersucht sind Verlustängste. Etwas (egal ob Partner, Besitz, wie auch immer) wird als Teil von einem selbst wahrgenommen, und entsprechend verteidigt. Sind Liebe, Hass, Hassliebe, wie auch immer allesamt nach außen gerichtet, ist Eifersucht auf etwas gerichtet, das internalisiert wurde. Man soll sich von dem aufgestellten Frame nicht täuschen lassen. Es geht nicht um die andere Person, oder um mögliche Nebenbuhler.
- Das sorgt auch für das paradoxe Verhalten, dass zwar den Wertvorstellungen der Person nach inakzeptables Verhalten antizipiert oder auch (selbst nur angenommenes) tatsächliches Verhalten sanktioniert wird, nie jedoch Konsequenzen gezogen werden. Wenn man jemanden nicht traut, warum eine Beziehung führen? Wenn jemand angeblich so wichtiges Vertrauen bricht, warum die Beziehung weiterführen? Aus Liebe? Ist es Liebe, beide leiden zu lassen? Nein. Hier vermischen sich Selbstwertprobleme mit mangelndem Rückgrat.
- Auch wenn Eifersucht öfter mal mit Liebe in Zusammenhang gebracht wird (in Lateinamerika ist es da sogar ein kulturelles Artefakt), finden sich doch massive strukturelle Ähnlichkeiten zu Hass. So wird das Ziel zum Beispiel dehumanisiert, eingeschränkt, und - letztendlich - vernichtet.

Das ist der (durchaus ironische) Witz an der ganzen Sache - Eifersucht soll etwas mit (psychischer oder physischer) Gewalt erhalten, und schafft doch am Ende immer das Gegenteil. Ich habe eine hohe dreistellige Zahl an Paaren erlebt, wo einer zur Eifersucht neigte. Es gab immer nur zwei Folgen: Entweder die Beziehungen zerbrachen (oft genau daran), oder der Partner wurde restlos zerstört. Das ganze nicht einmal mit Absicht, nicht einmal durch konkrete Anlässe. Sondern, weil selbstzerstörerische Tendenzen (die die meisten Menschen irgendwo haben) verstärkt wurden. Das entspricht der Intentionsrichtung von Eifersucht: Je tiefer jemand im Dreck steckt, desto geringer die Anziehung auf andere, und desto geringer die Chance, dass derjenige geht. Oder anders formuliert, es wird ein wunderbar schöner goldener Käfig gebaut und verteidigt - für einen Vogel mit (selbst-) gebrochenen Flügeln. Aber am Ende bleibt es ein Gefängnis, und der Insasse kaputt. Das ist das Ziel von Eifersucht. Daher ihr zerstörerischer Impetus.

Die Frage ist nun, wie damit umgehen?

Kommt drauf an, ob man selbst unter Eifersucht leidet - oder ob der Partner eifersüchtig ist.

Leidet man selbst unter Eifersucht: Überhaupt erst einmal begreifen, dass man es hier mit einer äußerst zerstörerischen Kraft zu tun hat - und, dass es in erster Linie um einen selbst geht, nicht um den Partner.
Heißt erst einmal an den Verlustängsten arbeiten. Natürlich besteht auch ohne Verlustängste die Gefahr, verlassen oder betrogen zu werden - aber Verlustängste erhöhen die Chance darauf, statt sie zu senken.
Hieße zum Beispiel, erstens den eigenen Selbstwert aufbauen. Zweitens zu akzeptieren, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg geht, und niemals Teil von einem selbst sind. Sie können gehen, ja - aber man selbst bleibt intakt. Entsprechend (das ist aber generell zu empfehlen) auch sich selbst weiterhin als getrenntes Wesen betrachten. Sogar bei einer Hochzeit wird von "Mann und Frau" gesprochen, nicht von "Verschmelzung zu einem Wesen". Ist man selbst nur durch einen anderen Menschen vollständig, läd man so viel Druck auf ihn, dass das kaum gut gehen wird. Weiterhin sollte es das Ziel sein, sein Gegenüber mehr zu der großartigen Person werden zu lassen, die derjenige sein kann (Empowerment). Nicht weniger. Heißt kein selbstzerstörerisches Verhalten unterstützen. Schließlich noch, das ist das wichtigste, konsequent sein. Taten zählen, nicht Worte. Ist keine Vertrauensgrundlage da, wurde die Vertrauensgrundlage zerstört, dann muss einer gehen, oder umdefiniert werden.

Ist der Partner eifersüchtig: Hier gibt es keine guten Lösungen. So tiefgreifende Änderungen lassen sich nicht über Ecken erreichen. Die Frage ist hier auch, wie stark die Eifersucht ist. Sobald es haarig wird, also sobald versucht wird ein Käfig aufzubauen oder selbstzerstörerisches Verhalten verstärkt wird, kann man entweder mit den Folgen leben (mehr Klienten für meine Kollegen!) - oder fliehen.

Um einigen Fragen vorzubeugen:
"Aber es gibt doch Ausnahmen?"
Dachte ich mal. Aber irgendwie hatten die mir bekannten Ausnahmen die Angewohnheit, nach einigen Jahr(zehnt)en in erbittersten Psychokriegen mit völliger gegenseitiger Zerstörung zu enden. Seither bin ich pessimistischer.

"Und was ist, wenn die Eifersucht begründet ist?"
Dann geht man. Ja, man kann einen anderen Menschen ändern. Nein, durch eifersüchtiges Verhalten gelingt dies nicht. Hat man da keinen Anlass zu, sollte man es nicht zeigen. Hat man da Anlass zu, gibt es keinen Grund es zu zeigen, denn dann braucht es stattdessen Rückgrat.

"Eifersucht liegt in der Natur des Menschen!"
Tode durch Blinddarmentzündungen auch. Eifersucht ist nicht anderes als eine fremd- und selbstzerstörerische Verlustangst. Ja, betrogen zu werden oder einen Partner zu verlieren tut weh. Nein, durch eifersüchtiges Verhalten lässt sich dies nicht verhindern. Eher im Gegenteil. Und man macht alle Beteiligten gleichzeitig kaputt. Wir als vernunftbegabte Wesen haben die Wahl. Wir können sagen: Bis hierher, und nicht weiter! Was unsere eigene Gefühlswelt angeht. Was unsere Beziehungen angeht. Und somit auch, was unsere Zukunft angeht.

Freitag, 11. Oktober 2013

Rahmenspaß mit destruktiven Emotionen VI

Jetzt wird es unspaßig. Kommen wir zur nächste destruktiven Emotion.

Trauer

Trauer hat zwei Gesichter. Ein funktionales und ein dysfunktionales.

Gesicht I:
- Vergangenheitsorientiert
- Reaktion auf einen Verlust
- Ziel ist die Verarbeitung des Verlusts

Gesicht II:
- Zukunftsorientiert
- Rekreation eines Verlusts
- Ziel ist die Aufrechterhaltung des Verlusts

Trauer ist zuvorderst ("Gesicht I") eine Reaktion auf einen Verlusts. Eine Phase, durch die die allermeisten Menschen bei einem Verlust gehen - abhängig davon, wie schwer der Verlust war. Hier gab es in jüngerer Vergangenheit Diskussionen, ob so etwas überhaupt zu einem Fall für Psychotherapeuten hochstilisiert werden sollte (meine Meinung, da wir hier bereits eine deutlich erhöhte Suizidrate haben, ist das bei schweren Fällen durchaus angemessen). Hier wäre die Hilfe bei der Verarbeitung sinnvoll. Vielleicht auch ein anderer Blick auf die Erinnerung.

So formuliert, sehr unschöne Verluste können in gewisser Weise das Andenken an das Verlorene kontaminieren. Beispielsweise wenn ein Kind unter sehr unglücklichen Umständen starb, kann es passieren, dass sämtliche Gedanken nur noch darum und den damit einhergehenden Schmerz kreisen, und die schönen Zeiten ausgeklammert werden. Keine Integration in die Autobiographie stattfindet. Dann ist der Übergang zum zweiten Gesicht nicht weit.

In dem Fall wird der Verlust in die Zukunft extrapoliert, immer wieder "neu erschaffen" (Gedankenschleifen z.B.). Hier wird der Verlust aufrechterhalten, statt verarbeitet. Er wird zu etwas die Person Definierendem. Das ist sehr, sehr problematisch. Hier muss die Rekreation des Verlusts gestoppt werden, neue Zukunftsperspektiven aufgezeigt werden - möglicherweise gar mit einem neuen Selbstbild.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Rahmenspaß mit destruktiven Emotionen V

Bald geschafft. Nur noch drei destruktive Emotionen verbleiben (die ich in dieser kurzen Reihe behandeln mag).

Neid
- Zukunftsorientiert
- Etwas nicht erreichen können, was jemand anders hat
- Dies external bedingt.
- Selbstwertproblem

Neid ist eine ziemlich einfache Sache. Kern ist, dass eine Zukunft antizipiert wird, in der man etwas nicht hat, was andere haben.
Die Frage da ist, warum nicht? Wobei jeder der Gründe wiederum rein subjektiv ist und stimmen kann, oder auch nicht.
- Kann an unterschiedlichen Startbedingungen liegen.
- Kann an unterschiedlichen starren Kompetenzen liegen.
- Kann an externen Faktoren wie Glück oder Schicksal liegen.
Gemeinsam ist den (und allen weiteren Gründen) allen, dass hier die Ursache nicht in Faktoren gesehen werden, die man selbst kontrollieren kann. Neid bei Faktoren, die kontrolliert werden können, sorgt meist dafür, dass gehandelt wird. (Aus dem Grund findet sich in Werbung auch ziemlich oft Neidmotive.)

Dabei spielt auch der Selbstwert mit herein - Stichwort sich über etwas anderes zu definieren. Warum will man überhaupt etwas, was jemand anders hat? Das ist eine ziemlich normale Reaktion und auch durch entsprechende Rahmeneigenheiten gut zu erklären - wenn jemand anders etwas hat, dann muss es ja gut sein! Was ist in einem Haus mit 3.000 Spielzeugen und zwei kleinen Kindern das wichtigste Spielzeug? Das, womit das andere Kind gerade spielt...
Nur funktional ist das nicht unbedingt.

Zweiter Ansatzpunkt ist die Frage, warum etwas nicht erreicht werden kann, wenn man es denn erreichen will. Wiederum eine Selbstwertfrage. Möglicherweise auch eine Ressourcenfrage.

Montag, 7. Oktober 2013

Rahmenspaß mit destruktiven Emotionen IV

Heute werde ich direkt zwei Emotionen abhandeln, weil sie sich (bis auf ein Detail) sehr ähneln. Tatsächlich sogar im Sprachgebrauch teils synonym verwendet werden.

Schuld & Scham
- Vergangenheitsorientiert
- Unterschreiten eines Standards
- Schuldgefühle: Eines eigenen Standards
- Scham: Eines fremden Standards

Standard ist hier sehr weit zu sehen - das reicht von sehr externalen Dingen wie gesellschaftlichen Regeln über Zielsetzungen, Leistungen, Vorhaben, ethische Werte, Motive, und so weiter und so fort.

Gemeinhin wird empfohlen, abzuklopfen, ob der Standard wirklich angemessen war. Denn einen unangemessen hohen Standard kann man kaum erfüllen.

Durchaus wahr. Ich möchte das aber differenzierter betrachten. Emotionen haben eine Signalfunktion. Sie teilen etwas mit. Im Falle von Schuld und Scham kann es sein, dass man einem unerreichbaren Maßstab nacheifert, ja.

Aber es kann auch sein, dass hier wirklich Mist gebaut wurde - und die entsprechende Lehre daraus ist, es in Zukunft besser zu machen. Eben nicht mehr denselben Fehler zu machen. Klingt hart, ist auch so gemeint. Ich habe genug Leute erlebt, die mal kurzzeitig Cluster-B-Verhalten* gezeigt haben. Allesamt sind danach (so sie keine Cluster-Bs waren) emotional komplett abgestürzt, weil dieses Verhalten enorme kognitive Dissonanz hervorruft. Schuldgefühle können ein Hinweis darauf sein, dass der Standard zu hoch ist. Sie können aber auch ein Hinweis darauf sein, dass man eine rote Linie überschritten hat - und in dem Fall ist die Lösung, erstens, es nicht wieder zu tun. Zweitens, es versuchen wieder gutzumachen. Drittens, sich selbst zu vergeben.

* = gemeint ist die ganze Bandbreite an Cluster-B-Persönlichkeitsstörungen. Psycho- und Soziopathen, Narzissten, Borderliner. Gemeinsam ist allen ein Empathiemangel, daher kommt es bei ihnen nicht zu dieser Rückkopplung.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Rahmenspaß mit destruktiven Emotionen III

Und immer noch gilt, was ich im ersten Teil schrieb!

Hass

Hass ist eine seltsame Emotion. Hochgradig destruktiv. Mit den meisten anderen Emotionen kann man irgendwie arbeiten. Dort sehe ich hier und da auch ethische Anwendungen (ich habe mal jemanden vom Selbstmord abgehalten, indem ich ihn schlicht und ergreifend stinkwütend gemacht habe). Hass jedoch? Hier sehe ich einerseits keine Anwendung, die auch nur in irgendeiner Weise ethisch vertretbar wäre. Andererseits ist hier die Auflösung wesentlich schwerer als bei anderen Emotionen.

Zunächst will ich Hass einmal abgrenzen. Oft werden hier Vorurteile mit ins Spiel gebracht. Das ist jedoch nicht wirklich der Fall. Vorurteile sind kognitive (also gedankliche) Konstrukte. Hass ist eine Emotion. Die können aufs selbe Ziel gerichtet sein.

Aber erst einmal wieder die Rahmenbedingungen für Hass:
- Entstanden durch fortwährende Furcht- oder Wutereignisse
- Vergangenheits- und zukunftsorientiert
- Ziel: Vernichtung des gehassten Ziels

Zentral für Hass sind fortwährende negative Ereignisse. Das können Furcht- oder Wutereignisse (und natürlich auch beides) sein. Das ist die Vergangenheitsorientierung. Die Zukunftsorientierung beruht auf der Intentionsrichtung der Emotion.

Wie nun damit arbeiten, um Hass loszuwerden? Erstmal haben die Furcht- bzw. Wutereignisse dieselben Ansatzpunkte wie sie schon beschrieben worden sind in den vergangenen beiden Teilen. Eine Möglichkeit besteht darin, jene aufzulösen. Die nächste ist, das Ziel (ziemlich radikal) zu reframen. Ich erinnere mich da an die Aussage eines Mönchs aus Kambodscha - "wenn ich die Roten Khmer hassen würde, wäre mein Geist noch immer in deren Todeslagern". Geht in Richtung Vergebung - andererseits kann man hier natürlich auch gut wiederum Ärger auslösen, im Sinne von die Ketten zur Vergangenheit aufzeigen.

Einfach ist das jedoch nicht. Hass ist überaus destruktiv - sowohl für den Hassenden, als auch für den Gehassten (zumindest, sollte der Hassende die Möglichkeit bekommen, seinen Hass auszuleben). Entsprechend halte ich es auch für ethisch absolut verwerflich, in irgendeiner Weise Hass zu erzeugen.

Samstag, 5. Oktober 2013

Ziel der Kritik?

Ein Punkt, der immer mal wieder gerne ignoriert wird, ist, dass Kritik konstruktiv sein sollte. Im Sinne von, was willst du mit der Kritik erreichen? Einen bestimmten Umstand, Verhalten, wie auch immer abstellen ist nicht konstruktiv - wichtig ist, was stattdessen da sein soll. Nur so lässt sich verhindern, dass Kritik (furchtbar) nach hinten los geht.

Mich erinnert das an mein Studium. Wir hatten da einige recht klagewütige Kommilitonen. Mit interessanten Ergebnissen.
So wurde das Multiple-Choice-Format der Klausuren angegangen. Erfolgreich. Es gab nun keine Wahlaufgaben mehr, da jene dem Studiengang untersagt worden sind. Keine Doppeldeutigkeiten, keine sprachlichen Fallen mehr, toll! Oder? Nun ja. Die neuen Frageformate waren rechtlich gesehen viel sicherer. Aber die Ergebnisse waren anders. Gab es vorher einen Deckeneffekt (i.e. sehr viele sehr gute Noten), gab es danach... ich möchte es so formulieren: Bei einer Kohorte von 160 Studierenden schafften die Allgemeine II-Prüfung, in der ich mit schrieb, sagenhafte 7 Studierende.
Oder Studiengebühren. Ich bin ein absoluter Gegner von Studiengebühren, aber das soll nicht das Thema sein. Jedenfalls hatte damals meine Universität noch ein halbwegs den Studierenden entgegenkommendes Modell eingeführt. Dagegen wurde geklagt. Erfolgreich. Ergebnis: Die Studiengebühren verdreieinhalbfachten sich.
Und was bei der Vergabe von den Diplomarbeiten abging, war noch so ein Thema für sich. Konnte vorher getrickst werden, konnte es danach passieren, dass man in ärgste Zeitnot geriet oder sogar ganz große Probleme bekam. Die Daten für meine Arbeit bekam ich erst Tage vor dem Abgabedatum vom Labor. Seither habe ich immerhin Geschmack an Cappuccino gefunden.

Was haben all diese Fälle gemeinsam? Man sollte über die Konsequenzen seiner Handlungen nachdenken. Hinter all jenen der obigen Entscheidungen steckten positive Intentionen. Nur das Gegenteil von "gut gemacht" kann nun leider manchmal auch "gut gemeint" sein.

Freitag, 4. Oktober 2013

Rahmenspaß mit destruktiven Emotionen II

Bitte dran denken: Das Vorwort aus dem ersten Teil gilt auch hier!

Ärger
- Reaktion auf eine Grenzverletzung. (Es ist unerheblich, was für eine Grenzverletzung - ob körperlich, ideel, emotional, finanziell, und so weiter.)
- Zumeist vergangenheitsorientiert. Ausnahme ist die direkte Abwehrreaktion auf eine akute Grenzverletzung (in dem Fall gegenwartsorientiert).
- Persönliche Komponente des Grenzverletzers. Gemeint ist, dass je mehr Verantwortung einer Person (oder einer Personifizierung) zugeschrieben werden kann, und je unlauterer dessen Motive sind, desto größer ist der Ärger.
- Ziel ist Wiederherstellung der Grenze.
- Und Ziel ist die Vermeidung zukünftiger Grenzverletzungen. Dies ist in aller Regel mild destruktiv (lies, den Grenzüberschreiter für die Grenzüberschreitung zahlen lassen).

Oftmals werden Furcht und Ärger als zwei Seiten einer Medaille beschrieben (beispielsweise in Cannons "flight or fight system"). In gewisser Weise stimmt das; Furcht ist defensiv und dient dem Selbstschutz; Ärger ist offensiv und dient dem Schutz der eigenen Grenzen. Ebenso können sie miteinander verwoben sein. In beiden findet sich auch eine Schmerzkomponente.

Allerdings ist die Zeitorientierung eine völlig andere (Furcht ist zukunfts- und Ärger vergangenheitsorientiert). Ebenso hat Furcht nicht zwangsweise eine persönliche Komponente. Ärger schon.

Jene kann sich, wie jeder der Rahmenfaktoren, nutzen lassen. Klassisches Beispiel, wenn mehrere wichtige Mitarbeiter nicht miteinander zurechtkommen und sich ständig streiten, einen beliebigen Persönlichkeitstest vorlegen und als Streitgrund dann ein Missverständnis aufgrund unterschiedlicher Kommunikationsstile konstruieren. Das depersonalisiert die Reibereien, wodurch die Leute dann viel besser miteinander zurecht kommen. Ganz klassisch konstruktivistisch stimmt das einerseits, und andererseits nicht. Nur ist dies egal - es entzieht der Emotion einen ihrer Grundpfeiler und erlaubt es, das Problem zu lösen, ohne dass irgendwer sein Gesicht verliert. (Denn das wäre schnell wieder eine Grenzverletzung. Hey toll, nun sind sie sauer auf den zugekommenen Dritten statt aufeinander!)

Dienstag, 1. Oktober 2013

Rahmenspaß mit destruktiven Emotionen I

In dieser Serie will ich einmal kurz umreißen, was bestimmte Emotionen gemeinhin aussagen.

Was meine ich mit "aussagen"? Damit überhaupt eine Emotion entstehen kann, müssen bestimmte Grundvoraussetzungen erfüllt sein. Empfindungen wie Angst oder Wut entstehen nicht aus dem "nichts". Allein, dass sie auftreten, spricht für bestimmte Faktoren, die da sein müssen. Aber, und das ist das wichtige, subjektiv da sein müssen. Wir sind hier also wieder bei Rahmen. Diese Faktoren sind aus zwei Gründen interessant: Sie sagen etwas darüber aus, wie diejenige Person ihre Realität konstruiert. Und man kann mit ihnen arbeiten - meist reicht es, einen der Faktoren zu ändern, und die ganze Emotion kollabiert.

Bitte dabei aber auch bedenken: Oft hat man es in der Praxis mit Emotionskonglomeraten zu tun, Gemischen aus verschiedensten Emotionen, die alles verkomplizieren. Und ich gehe von prototypischen Situationen aus. Das sind keine Naturgesetze. Ausnahmesituationen lassen sich jeweils konstruieren.

Nachdem das aus dem Weg ist, fangen wir mit der ersten an:

Furcht

- Zukunftsorientierung. Furcht kann nicht vergangenheitsorieniert sein. Von Ausnahmefällen abgesehen auch nicht gegenwartsorientiert. (Ausnahme: Akute Panik. Die meisten Menschen schalten in solchen Situationen aber auf Autopilot.)
- Ein Ereignis wird mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erwartet.
- Das Ereignis wird als negativ betrachtet.
- Die eigenen Bewältigungskompetenzen werden als nicht sicher ausreichend betrachtet.
- Es besteht Hoffnung, das Ereignis zu vermeiden.

All das sind mögliche Ansatzpunkte, zum Beispiel für Ressourcenaktivierung, Reframing, Verhaltensmodifikationen, und so weiter.