Samstag, 12. Oktober 2013

Rahmenspaß mit destruktiven Emotionen VII

Es gibt so ein paar klassische Gegensatzpaare bei Gefühlen, die immer wieder behauptet werden. Ich sage aber, die stimmen so nicht. Nehmen wir einmal Furcht und Wut: Beide haben dieselbe Intention, nur gegenteilige Ausdrucksformen hinter derselben Struktur. Zu beiden würde ich eher 'pity' (ich wähle hier eines der englischen Wörter für Mitleid, weil das deutsche 'Mitleid' nicht weniger als vier Konzepte umfasst und daher nur bedingt trennscharf ist) als Gegenteil ansehen - die Rahmenbedingungen von 'pity' machen es unmöglich, dass man dem Ziel gleichzeitig Furcht oder Wut entgegen bringen kann. Wie ich darauf komme? Nun, oft wird als Gegenteil von Liebe Hass aufgeführt. Strukturell schließen sich die beiden jedoch nicht aus. So etwas wie Hassliebe ist nicht nur Wortklauberei. Dann, schon etwas spirituell angehaucht, wird manchmal zu beiden als Gegenteil "Indifferenz" aufgeführt. Da steckt ein wenig Wahrheit hinter, aber es ist so eine Metaebene wie zu sagen die Gegenfarbe zu Violett ist Schwarz. So rein rahmentechnisch durchaus korrekt, und dann wiederum nicht.

Da ich Indifferenz jetzt mal nicht als Gefühl bezeichnen mag, möchte ich noch auf einen Aspekt eingehen, den ich in der Einleitung vergessen habe. Manchmal sind Gefühle kulturelle Artefakte. Sie werden nicht wirklich erlebt, nur vorgespielt, weil sie erwartet werden. Hey, da Emotionen sehr wichtig für Rahmen sind, und wenn eine Kultur sagt "zu dem Rahmen gehört die Emotion!", dann soll man sie zeigen, mit den Erwartungen spielt. Aber zwischen zeigen und empfinden besteht ein Unterschied.

Denn nun komme ich als Abschluss in meiner kleinen Beitragsreihe zur zweitdestruktivsten Emotion. Eine Emotion, die nur deshalb nicht destruktiver als Hass ist, weil sie meist nur eine kleine Anzahl von Personen ins Verderben reißt. Eine Emotion, die dabei das Gegenteil von Liebe ist - dabei als unvereinbar mit Hass erscheint, doch dieselbe Wirkrichtung von Hass hat. Eine Emotion so zerstörerisch, dass sie in Reinform das repräsentiert, was im Buddhismus als Quelle allen Leidens gesehen wird.

Eifersucht

Warum?
- Besser gefragt, mit welcher Facette anfangen? Der Rosenthaleffekt sollte allgemein bekannt sein - Menschen verhalten sich zumeist so, wie man annimmt, dass sie sich verhalten werden. Schon mal also ein ganz schlechter Rahmen. Schlimmer noch, er wird nicht besser dadurch, wenn er nicht eintritt. Das sorgt nicht für mehr, sondern für noch weniger Vertrauen.
- Kern von Eifersucht sind Verlustängste. Etwas (egal ob Partner, Besitz, wie auch immer) wird als Teil von einem selbst wahrgenommen, und entsprechend verteidigt. Sind Liebe, Hass, Hassliebe, wie auch immer allesamt nach außen gerichtet, ist Eifersucht auf etwas gerichtet, das internalisiert wurde. Man soll sich von dem aufgestellten Frame nicht täuschen lassen. Es geht nicht um die andere Person, oder um mögliche Nebenbuhler.
- Das sorgt auch für das paradoxe Verhalten, dass zwar den Wertvorstellungen der Person nach inakzeptables Verhalten antizipiert oder auch (selbst nur angenommenes) tatsächliches Verhalten sanktioniert wird, nie jedoch Konsequenzen gezogen werden. Wenn man jemanden nicht traut, warum eine Beziehung führen? Wenn jemand angeblich so wichtiges Vertrauen bricht, warum die Beziehung weiterführen? Aus Liebe? Ist es Liebe, beide leiden zu lassen? Nein. Hier vermischen sich Selbstwertprobleme mit mangelndem Rückgrat.
- Auch wenn Eifersucht öfter mal mit Liebe in Zusammenhang gebracht wird (in Lateinamerika ist es da sogar ein kulturelles Artefakt), finden sich doch massive strukturelle Ähnlichkeiten zu Hass. So wird das Ziel zum Beispiel dehumanisiert, eingeschränkt, und - letztendlich - vernichtet.

Das ist der (durchaus ironische) Witz an der ganzen Sache - Eifersucht soll etwas mit (psychischer oder physischer) Gewalt erhalten, und schafft doch am Ende immer das Gegenteil. Ich habe eine hohe dreistellige Zahl an Paaren erlebt, wo einer zur Eifersucht neigte. Es gab immer nur zwei Folgen: Entweder die Beziehungen zerbrachen (oft genau daran), oder der Partner wurde restlos zerstört. Das ganze nicht einmal mit Absicht, nicht einmal durch konkrete Anlässe. Sondern, weil selbstzerstörerische Tendenzen (die die meisten Menschen irgendwo haben) verstärkt wurden. Das entspricht der Intentionsrichtung von Eifersucht: Je tiefer jemand im Dreck steckt, desto geringer die Anziehung auf andere, und desto geringer die Chance, dass derjenige geht. Oder anders formuliert, es wird ein wunderbar schöner goldener Käfig gebaut und verteidigt - für einen Vogel mit (selbst-) gebrochenen Flügeln. Aber am Ende bleibt es ein Gefängnis, und der Insasse kaputt. Das ist das Ziel von Eifersucht. Daher ihr zerstörerischer Impetus.

Die Frage ist nun, wie damit umgehen?

Kommt drauf an, ob man selbst unter Eifersucht leidet - oder ob der Partner eifersüchtig ist.

Leidet man selbst unter Eifersucht: Überhaupt erst einmal begreifen, dass man es hier mit einer äußerst zerstörerischen Kraft zu tun hat - und, dass es in erster Linie um einen selbst geht, nicht um den Partner.
Heißt erst einmal an den Verlustängsten arbeiten. Natürlich besteht auch ohne Verlustängste die Gefahr, verlassen oder betrogen zu werden - aber Verlustängste erhöhen die Chance darauf, statt sie zu senken.
Hieße zum Beispiel, erstens den eigenen Selbstwert aufbauen. Zweitens zu akzeptieren, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg geht, und niemals Teil von einem selbst sind. Sie können gehen, ja - aber man selbst bleibt intakt. Entsprechend (das ist aber generell zu empfehlen) auch sich selbst weiterhin als getrenntes Wesen betrachten. Sogar bei einer Hochzeit wird von "Mann und Frau" gesprochen, nicht von "Verschmelzung zu einem Wesen". Ist man selbst nur durch einen anderen Menschen vollständig, läd man so viel Druck auf ihn, dass das kaum gut gehen wird. Weiterhin sollte es das Ziel sein, sein Gegenüber mehr zu der großartigen Person werden zu lassen, die derjenige sein kann (Empowerment). Nicht weniger. Heißt kein selbstzerstörerisches Verhalten unterstützen. Schließlich noch, das ist das wichtigste, konsequent sein. Taten zählen, nicht Worte. Ist keine Vertrauensgrundlage da, wurde die Vertrauensgrundlage zerstört, dann muss einer gehen, oder umdefiniert werden.

Ist der Partner eifersüchtig: Hier gibt es keine guten Lösungen. So tiefgreifende Änderungen lassen sich nicht über Ecken erreichen. Die Frage ist hier auch, wie stark die Eifersucht ist. Sobald es haarig wird, also sobald versucht wird ein Käfig aufzubauen oder selbstzerstörerisches Verhalten verstärkt wird, kann man entweder mit den Folgen leben (mehr Klienten für meine Kollegen!) - oder fliehen.

Um einigen Fragen vorzubeugen:
"Aber es gibt doch Ausnahmen?"
Dachte ich mal. Aber irgendwie hatten die mir bekannten Ausnahmen die Angewohnheit, nach einigen Jahr(zehnt)en in erbittersten Psychokriegen mit völliger gegenseitiger Zerstörung zu enden. Seither bin ich pessimistischer.

"Und was ist, wenn die Eifersucht begründet ist?"
Dann geht man. Ja, man kann einen anderen Menschen ändern. Nein, durch eifersüchtiges Verhalten gelingt dies nicht. Hat man da keinen Anlass zu, sollte man es nicht zeigen. Hat man da Anlass zu, gibt es keinen Grund es zu zeigen, denn dann braucht es stattdessen Rückgrat.

"Eifersucht liegt in der Natur des Menschen!"
Tode durch Blinddarmentzündungen auch. Eifersucht ist nicht anderes als eine fremd- und selbstzerstörerische Verlustangst. Ja, betrogen zu werden oder einen Partner zu verlieren tut weh. Nein, durch eifersüchtiges Verhalten lässt sich dies nicht verhindern. Eher im Gegenteil. Und man macht alle Beteiligten gleichzeitig kaputt. Wir als vernunftbegabte Wesen haben die Wahl. Wir können sagen: Bis hierher, und nicht weiter! Was unsere eigene Gefühlswelt angeht. Was unsere Beziehungen angeht. Und somit auch, was unsere Zukunft angeht.

Kommentare:

  1. "erstens den eigenen Selbstwert aufbauen" Das sagt sich immer so leicht, aber glaubst du wirklich, dass dort große Veränderungen möglich sind und wenn ja wie genau? Diese typischen Ratschläge wie "Werden Sie sich Ihrer Stärken bewusst" hat doch sicher jeder schon hunderte male gelesen, aber ob dies dann wirklich zu einer Veränderung geführt hat...Hmmm...

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  2. Aloha,

    so etwas in aller Regel nicht leicht, ganz besonders, wenn man alleine dran arbeitet. Wäre es leicht, besonders allein, gäbe es das Problem nicht.

    Man kann den Selbstwert einer Person aufbauen. Auch kann man das eigene Selbstbild aufbauen (z.B. durchs Erreichen selbstgesetzter Ziele, Erweiterung eigener Ressourcen, Statuserhöhung in verschiedenen Kontexten, und vieles mehr).

    Gemeinhin zeigen die Personen, deren Selbstwert egal in welchem Kontext gestiegen ist, tendenziell weniger Eifersucht. Der Trick ist hier nämlich, das hat auch etwas mit Kontextfaktoren zu tun: Es schafft (leichteren) Zugang zu Alternativen. Wenn man in einer Welt lebt, in der man potentiell viele Partner haben kann, sieht die eigene Emotionswelt ganz anders aus als wenn man in einer Welt lebt, in der man nur den einen Partner haben kann. Im letzteren Fall gibt man extrem viel Macht aus der Hand - und es ist in den allermeisten Fällen derjenige, der mehr Macht hat, der fremdgeht und am Ende die Beziehung beendet.

    Das ganze hilft nun nicht, den eigenen Selbstwert aufzubauen. Will man den eigenen Selbstwert aufbauen, rate ich da sehr zu Taten. In Interaktionen kann ein Gegenüber die Aufmerksamkeit auf Stärken und Erfolge lenken, die sich vorher außerhalb der Aufmerksamkeit befunden haben - alleine aber, Stichwort "werden Sie sich ihrer Stärken bewusst" - wenn das so einfach ginge, hätte man es schon getan!

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