Dienstag, 19. November 2013

[Übertriebene?] (Psycho-)Hygiene

Gehen wir einmal kurz in den medizinischen Bereich. Wir haben ein ziemlich gutes Immunsystem, und dieses Immunsystem lernt im Laufe unserer frühen Jahre, zwischen Bedrohungen und harmlosen Objekten zu unterscheiden. Wie geschieht dies? Letztendlich, indem es mehr oder weniger bedrohlichen Erregern ausgesetzt wird. Referenzerfahrung sammelt.
Selbstverständlich ist es sinnvoll, dass nicht zu große Bedrohungen (also für das Immunsystem nicht überwindbare) Bedrohungen auftreten. Pest und Cholera sind schlecht, mkay.
Nur das Gegenteil, also eine zu hygienische Umwelt, ist auch nicht gut. Denn dann lernt das Immunsystem nicht, zwischen "gefährlich" und "harmlos" zu unterscheiden - das nennt sich dann zum Beispiel "Allergie" (nicht die einzige Ursache, aber eine wohl wichtige davon; genauso wie auch andere Störungen dadurch häufiger auftreten).

Unsere Psyche hat kein Immunsystem im medizinischen Sinne. Jedoch gibt es ein Phänomen, welches sich Resilienz nennt - kurz umschrieben Widerstandsfähigkeit gegen belastende Ereignisse. Auch jene ist zum Teil erlernt. Durch kleinere Konflikte, Frustrationen, Rahmenbildungen (wird zum Beispiel eher vermittelt, dass man auf der Ursachen- oder Effektseite im Leben steht?), oder auch Geschichten. Märchen, gerade klassische, haben eine ganze Reihe von bedrohlichen Aspekten. Nimm einmal ein beliebiges Märchen von den Gebrüdern Grimm und versuche eines zu finden, wo nicht irgendeine (zumeist hilflose) Gestalt verlassen, verfolgt, ausgesetzt, ausgebeutet, gefressen, bedroht, körperlich versehrt, oder sonstwie in Gefahr gerät.
All die kleinen Geschichten, all die kleinen Herausforderungen im Leben, egal ob in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule, sie bereiten auf die großen Herausforderungen vor.
Was passiert, wenn es jene nicht gibt? Dann treten keine körperlichen Allergien auf, nein. Aber sobald es die ersten großen Herausforderungen gibt, fehlen die Ressourcen, um damit umzugehen. Zugleich wird sehr neurotisch (quasi als Allergieäquivalent) auf kleine Herausforderungen reagiert.

Wie ich gerade darauf kam? Nun, ein Ergebnis eines Kollegen, dass bestimmte Kinder heute weniger resilient sind. Sein Vorschlag, wie darauf reagiert werden sollte?

Genau jene Kinder noch mehr in Watte packen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen