Dienstag, 31. Dezember 2013

Ein Blogjahr im Kurzrückblick I

2013 neigt sich dem Ende zu, daher wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Ich muss zugeben, das Blogformat ist nicht ganz ideal für das, worüber ich manchmal schreibe. Einfach weil neuere Beiträge vor älteren erscheinen. Schwierig dann auf Sachen aufzubauen (Links auf ältere Beiträge zu setzen sind wenig mehr als eine Notlösung). Dennoch glaube ich, habe ich ein paar interessante Beiträge geschrieben.

Besonders gefreut hat mich eine Zuschrift:
"Ich habe vor kurzem über die Grasfresserbewegung in Japan gelesen. Nach Ihren Ausführungen zum Rahmenspaß mit destruktiven Emotionen habe ich sofort bemerkt, was gegen diese Bewegung versucht wird zu tun - und warum das nicht klappt!"
(Anmerkung: Ich finde es sehr seltsam, wenn im Internet gesiezt wird.)

Tatsächlich halte ich einige der Reihen - über emotionale Zustände, über Rahmen, über die Rahmenbedingungen für Emotionen für die lesenswerteren Beitragsreihen. Entsprechend ist es auch ein Vorhaben für mich fürs kommende Jahr, diese einfacher auffindbar zu machen. Da ich hier meist das herunterschreibe, was mir gerade so durch den Sinn geht, ist der Blog zugegebenermaßen ein wenig unsortiert.

Erstaunlich finde ich dazu im Vergleich, welches die drei am meisten gelesenen Beiträge sind:
  1. Rahmenspaß mit destruktiven Emotionen V
    Vermutlich, weil es dort so viele Kommentare gibt. Die anderen Rahmenspäße haben nicht einmal ein Bruchteil der Leser.
  2. Eine einfache Frage
    Hier muss ich zugeben, habe ich mich während des Beitrags völlig verlaufen. Ich wollte eigentlich etwas ganz anderes demonstrieren; habe dann aber gemerkt, hey, das ist eigentlich auch nett. Nur ist das sicherlich einer der verwirrensten Beiträge.
  3. Angewandte Weihnachtspsychologie
    Ein absoluter Spaßbeitrag aus den Anfängen des Blogs. Typische Tischgespräche zwischen Psychologen, einmal schriftlich festgehalten. Mit aktuellem Bezug.
 Und nun: Möge 2014 kommen!

Montag, 30. Dezember 2013

Ungeselligkeit - Schüchternheit - Introversion?

Ein Verhalten kann durch ganz unterschiedliche Dinge motiviert sein. Wichtiger als das eigentlich gezeigte Verhalten ist dabei, was dahinter steckt - also warum dieses Verhalten gezeigt wird. Ich muss dabei an eine Abschlussarbeit denken, die ich dieses Jahr begutachten musste. In ihr ging es um die Frage, ob Ungeselligkeit bei Kindern mit geringeren sozialen Fähigkeiten einhergeht - es kam übrigens heraus, dies ist nur für Schüchterne der Fall, aber nicht alle ungeselligen Kindern waren schüchtern.

Denn schauen wir uns einmal an, was es da für mögliche Ursachen für Ungeselligkeit geben kann:
- Schüchternheit: Hier hinter steckt erstens ein starkes Anerkennungsmotiv samt der Befürchtung, aufgrund eigener Unzulänglichkeiten keine Anerkennung zu erhalten.
- Introversion: Extraversion und Introversion haben in gewisser Weise etwas mit dem Energiemanagement zu tun, quasi wo man seine inneren Batterien wieder aufläd. Extravertierte laden ihre Batterien in Gesellschaft vieler anderer Menschen auf, Introvertierte in Abwesenheit vieler anderer Menschen.
- Sozialphobie: Hier steckt die Angst vor anderen Menschen dahinter.
- Fehlendes Geselligkeitsmotiv: Hier sieht die Person schlicht keinen Grund, etwas mit anderen Menschen zu unternehmen.
- Aversiv gepoltes Geselligkeitsmotiv: Hier wird die Anwesenheit von anderen Menschen als unangenehm erlebt.
- Stark ausgeprägtes Unabhängigkeitsmotiv: Hier wird die Anwesenheit von anderen Menschen als Einschränkung der eigenen Freiheit empfunden.

Bei der Liste sollte etwas auffallen. Einem Teil belastet die Ungeselligkeit aus unterschiedlichen Gründen, die anderen nicht. Wenn man nun jemanden zu mehr Geselligkeit motivieren möchte, ist es auch wichtig, den richtigen Ansatzpunkt zu finden. Etwas, was jemanden mit Schüchternheit hilft, wird bei jemanden mit stark ausgeprägtem Unabhängigkeitsmotiv ... eher weniger passen.

Freitag, 27. Dezember 2013

Unkluge Ziele - oder auch: Wenn das Ziel nur der Weg, und der Weg ein Hamsterrad ist

Vor gut einem Jahr schrieb ich über "kluge Ziele". Jetzt kommt das Gegenteil. Dieser wird leider etwas chaotischer. Was folgt ist meine Beobachtung - wahrscheinlich gibt es dazu Forschung, nur jene ist mir nicht bekannt. Und es ist ein etwas komplexeres Thema.

Woran ich hier auch erinnern muss, ist die Wichtigkeit von so genannten States - emotionalen Zuständen, welche das Denken, Entscheiden, Handeln und so weiter stark beeinflussen.

Denn stellen wir uns einmal eine Person vor, die sich in einem negativen Zustand ("nZ") befindet. Diese Person will aus dem nZ heraus. Nun kann es passieren, dass sich diese Person denkt, "wenn ich X habe, dann bin ich glücklich!"

Jetzt kann Folgendes passieren: Die Person versucht, X zu erreichen. Wendet dafür entsprechende Ressourcen auf. Verbleibt dabei aber permanent im nZ. Was jetzt passiert, ist ganz klassisch klassische Konditionierung - sowohl die Bemühung als auch X werden mit nZ assoziiert.

Passiert dies, ist die Person zwischen Skylla und Charybdis gefangen - scheitern die Bemühungen, ist sie frustriert, und der nZ wird verstärkt. Gelingen die Bemühungen, und es wird X erreicht, löst X den nZ aus.

Dies kann dann ein Hamsterrad auslösen - denn dann denkt sich die Person, "hey, vielleicht werde ich ja glücklich, wenn ich Y habe!", oder "hey, vielleicht werde ich ja glücklich, wenn ich 2X habe!", und das Spiel beginnt von vorne.

Wenn du Menschen kennst, die viel erreichen, und dennoch nie glücklich sind - dies ist der Grund. Ich kenne selbst einige, darunter sogar ein Psychologieprofessor, der genau nach dem Schema handelte. Und selbst sagte, "eigentlich, wenn ich so zurückblicke - ich habe alles erreicht, was ich wollte. Glücklich war ich jedoch nie."

Die Frage ist nun, wie kann dies vermieden werden? Die Antworten klingen einfacher, als sie sind:
1. Bei der Verfolgung von X in einem positiven Zustand sein. In gewisser Weise gilt hier (ich bin mir der Ironie bewusst), dass der Weg auch das Ziel sein sollte - bereit es einem Freude, ein Ziel zu erreichen, wird das Ziel mit einem positiven statt einem negativen Zustand assoziiert.
2. Sich an die Funktion, nicht die Form halten. Ziele werden gesetzt, weil irgendein Bedürfnis unerfüllt ist. Konzentriert man sich nun auf die Form, statt auf die Funktion, gelangt man einerseits wesentlich schwerer in einen positiven Zustand bei der Verfolgung, andererseits kann sich die Erreichung des Ziels dann schnell hohl anfühlen.

Das Ganze einmal demonstriert:
Stellen wir uns vor, eine Person fühlt sich nicht sozial anerkannt genug und denkt sich, "wenn ich ein Instrument spielen kann, dann werde ich beachtet!" (man sieht hier schon, wie die Funktion - soziale Anerkennung - von der Form überschrieben wird). Sie beginnt nun, ein Instrument zu lernen, stellt jedoch fest, es macht ihr keinen Spaß. Das wird in der Konstellation nahezu immer der Fall sein, weil das Spielen des Instruments mit dem nZ assoziiert wird - wann immer daran geübt wird, dann, weil das gewünschte Bedürfnis noch unerfüllt und dies bewusst ist. Vielleicht gibt die Person auf - dann ist der nZ stärker, weil das Ziel weiter unerreicht ist und dafür Ressourcen aufgewendet worden sind. Oder die Person krampft sich durch den Lernprozess hindurch. Stellt dann fest, "hm, das war jetzt den Aufwand doch nicht wert, denn so groß und lang andauernd ist die Anerkennung nicht" (auch das wird durch die Assoziierung der Tätigkeit mit dem nZ sehr wahrscheinlich ausgelöst) -> vielleicht sucht sie dann einen anderen Weg, oder sie intensiviert ihre Bemühungen um noch besser das Instrument zu lernen.

Wie könnte dies vermieden werden?

Erstens, indem die Aufmerksamkeit während des Übens weg vom negativen Zustand gebracht wird. Egal auf was - States sind instabil, nimmt man ihnen die Aufmerksamkeit weg, kollabieren sie. Klingt einfach, ist einfach, wirkt jedoch erstaunlich gut - einfach weil dies Assoziationen zwischen dem nZ, der Tätigkeit und dem Ziel vermieden werden.
Zweitens, indem sich auf die Funktion, nicht auf die Form konzentriert wird. Wenn die Tätigkeit wirklich der Person nicht liegt, dann eine Finden, die dies tut.

Montag, 23. Dezember 2013

Schoko-Weihnachtskalender und Motivation

Manche Sätze, Situationen sind absolut unbedeutend - und doch, so geht es zumindest mir, erinnert man sich noch Jahre, Jahrzehnte später daran. Ich musste heute an eine Bemerkung aus meinen Grundschultagen denken. Da meinte ein anderes Kind beiläufig Anfang Dezember, bezogen auf diese Schokoladen-Weihnachtskalender: "Ich habe bei meinem sofort alle Türen aufgemacht und gegessen."

Nicht im Sinne des Erfinders. Sicher, rein aus kognitionspsychologischer Sicht, Stichwort Problemlösen, könnte man sagen: Problem gut erkannt und gelöst, denn warum sich an Regeln halten, die keine Bedeutung haben?

Im Falle des Schoko-Adventskalenders stimmt das auch. Problematisch wird so eine hier gezeigte Tendenz, sofort alles haben zu wollen, wenn es um größere Probleme geht. Sei es, sich eine neue Fähigkeit anzueignen - das geht nicht über Nacht. Sei es, aus welchen Gründen auch immer, seinen Körper besser in Form zu bringen (egal ob Gewichtsabnahme, Muskelaufbau, was auch immer). Sei es, längerfristige Projekte zu verwirklichen. Im Sprichwort "Rom wurde nicht an einem Tag erbaut" steckt viel Wahrheit.

Umgekehrt kann so ein Schoko-Adventskalender durchaus Anregungen geben, wie sich aus motivationaler Sicht größere Vorhaben leichter umsetzen lassen. Nämlich, wenn es währenddessen schon kleine Belohnungen gibt. Nehmen wir Fähigkeiten, beispielsweise ein Instrument zu lernen, sich auch über die kleinen Schritte - und sei es nur die erste richtig gespielte Tonleiter - freuen. Sich auch während längerfristiger Projekte etwas Gutes gönnen; die Idee, "ich bin im Stress, also darf ich mir keinen Ausgleich gönnen" ist ein Garant für affektive Tiefflüge.

So oder so, morgen wird das letzte Türchen des Adventskalenders geöffnet, falls einer da ist. Manchmal kann man in großen wie in kleinen Schritten sein Ziel erreichen.

Sonntag, 22. Dezember 2013

Symbolische Korruption

Die Sage von Ikarus. Vielleicht kennt sie nicht jeder, aber doch die meisten. Eine Sage von Hochmut - mit Wachsflügeln flog Ikarus vogelgleich hinauf in den Himmel. Bis die Sonne seine Flügel schmolz und er in den Tod stürzte. Die Lehre? Hochmut kommt vor dem Fall, oder noch drastischer: Kenne deinen Platz!

Sieht man einmal vom kleinen Detail ab, dass die Sage so, wie sie die meisten kennen, komplett durch den Fleischwolf gedreht worden ist. Die Urfassung hat eine ganz andere Aussage.

Der Erbauer der Flügel und zugleich Vater von Ikarus, Daidalos, hatte schwere Verbrechen begangen. Und die Götter - die in der griechischen Sagenwelt schon immer Fans von "cruel and unusual punishment" waren, straften ihn mit dem Tod seines Sohnes. Es war nicht der eigegene Hochmut, der Ikarus zu Fall brachte; tatsächlich ist die Geschichte nicht einmal über ihn, sondern über seinen Vater. Es ist eine sehr alte Geschichte, mit symbolischen Strukturen, die in der Antike durchaus öfter anzutreffen waren, heute jedoch aus der Mode gekommen sind (Sippenhaft z.B.). Die Lehre war eher jede Handlung hat Konsequenzen, und jene können ganz unerwartete Formen annehmen. Oder auch: Halte dich an die Regeln, sonst machen die Götter Ärger. Vielleicht keine so moderne Symbolik.

Was wir hier haben, ist eine symbolische Korruption.

Nein, ich meine nicht die Wandlung der Geschichte - jene werden immer unter anderen Vorzeichen, mit anderen Schwerpunkten, manchmal auch mit anderer symbolischer Struktur. Tatsächlich, die Geschichtserzähler im Laufe der Jahrhunderte hatten meist nur eine Handvoll Geschichten, die sie immer abhängig vom Publikum abwandelten.

Was ich meine: Kannst du noch so von Ikarus denken, wie zu vor einigen Minuten, bevor du diesen kleinen Text gelesen hast? Ist Ikarus noch ein Symbol für Übermut?

Symbolische Korruption.

Oh und ja, den Begriff habe ich mir gerade selbst zusammengereimt. Klingt interessanter als "Symbol-Manipulation".

Freitag, 20. Dezember 2013

Versymbolifizierung

Ich habe vor einiger Zeit über die symbolische Realität gesprochen - quasi eine Kodierung emotionaler Eindrücke und Informationen. Aktuelles Beispiel: Was macht Weihnachten aus? Was löst bei dir Weihnachtsstimmung aus?

Es gibt ein Beispiel für eine Kodierung emotionaler Eindrücke, die so den Alltag durchdringt, dass die meisten Menschen dem gegenüber völlig blind sind.

Mal ein paar Beispiele - ich bin sicher, du wirst das Muster erkennen:

- Marketing: "Auf einer Skala von 1 bis 10, wie zufrieden sind Sie mit ihrer Wahl?"
- Gesundheit: "Auf einer Skala von 1 bis 10, wie stark ist der Schmerz?"
- Psychotherapie: "Auf einer Skala von 1 bis 10, wie groß ist die Angst?"

Ziemlich leicht zu entdeckendes Muster, hoffe ich. Die Sache ist nur zweierlei:
Erstens, die Zahl ist nicht das Gefühl. Die Zahl ist wesentlich fester. Gefühle (auch so etwas wie Schmerz) sind schwankend, dynamisch, im Wandel begriffen. Wandelt man sie in eine Zahl um, verfestigt man sie. Man kann dabei nicht die Zahlen wieder in die Gefühle zurückrechnen. Dies schafft zugleich aber auch Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen genannten Zahlen. (Dies klappt übrigens nur bei Skalen bis ungefähr 10, sobald es darüber hinaus geht, wird die Kodierung ungenau. Anders formuliert, wir können noch recht gut sagen, ob wir bei einer Wahl eher bei der Zufriedenheit bei 7 oder 6 liegen. Nicht jedoch, ob bei 71% oder 72%.)
Zweitens, die Zahl kann manipuliert werden. Und wenn die Zahl manipuliert wird, und die Manipulation am Wachverstand vorbei kommt, verändert sich das zugrunde liegende Gefühl.

Mal eine Implikation aus dem ersten Punkt: Bei Prüfungsangst sorgen alle Prüfungsformen gemeinhin für einen Deckeneffekt, also anders gesagt eine "10 von 10". Aus der Forschung weiß man jedoch, dass bestimmte Prüfformen körperlich (i.e. physische Realität) viel stressiger sind als andere. Emotional jedoch sind sie äquivalent.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Na wer konnte das ahnen...

Es gab eine interessante Studie in Oakland, Neu-Seeland (veröffentlicht im British Journal of Medicine). Besser gesagt eine Vorstudie. Es sollte untersucht werden, ob Ehen glücklicher sind, wenn der Mann seiner Frau immer zustimmt und ihr alle Wünsche (sofern möglich) erfüllt.

Das Ergebnis war für die Studienleiter überraschend.

Erstens, die Zufriedenheit (gemessen auf einer 10-Punkte-Skala) der Frau nahm nur minimal zu (von 8 auf 8,5).
Zweitens, die Zufriedenheit des Manns sank von 7 auf 3.
Drittens der Mann sank in weniger als zwei Wochen in eine ausgewachsene Major Depression. Die Vorstudie musste abgebrochen werden.

Erinnert das an etwas?

Richtig, der Bittsteller-Frame.

Mich hat der Verlauf der Entwicklung eher weniger überrascht. Nenne den nicht umsonst einer der beiden tödlichen Rahmen.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Diverser Spaß mit Vorabrahmen

Vor langer, langer Zeit sprach ich über Vorabrahmen - quasi mehr oder weniger verbalisierte vorab gesetzte Bedeutungsrahmen. Wird immer gemacht, macht jeder Mensch, meist ohne es sich gänzlich bewusst zu sein.

Beispiele für kognitive Vorabrahmen sind mannigfaltig. Man denke da nur einmal an das Menschenbild in der klientenzentrierten Psychotherapie : "Jeder Mensch hat die Ressourcen zur Lösung seiner Probleme schon in sich." & "Hinter jeder Handlung steckt eine positive Intention."; und da der Therapeut entsprechend kommuniziert, "fällt" der Klient meist irgendwann in diesen Rahmen und fängt an, seine Probleme zu lösen.

Interessant finde ich jedoch auch die nicht kognitiven Vorabrahmen. Mal ein paar Beispiele:

- Die meisten Ärzte hängen entsprechende Urkunden aus. Warum? Weil das Kompetenz demonstriert, ganz getreu dem Motto "schau, was ich kann!".
Mein Zahnarzt hat dazwischen seine Urkunde als Fliegerpilot der Bundeswehr hängen. Die Reaktion der Leute zu sehen, die über die Urkunden schauen, ist immer wieder unterhaltsam. Verwirrung, Irritation.
Warum die Urkunde da hängt? Keine Ahnung. Wahrscheinlich weil der Arzt flugbegeistert ist. Andererseits... "ich kann Düsenjets fliegen, da bekomme ich doch wohl so nen Bohrer gehalten und kann mit Komplikationen problemlos zurechtkommen"... wer weiß.

- Die letzte Zeit ging die Wirkung von Kleidung öfter mal herum, auch im Infotainment - vor kurzem bei einem Experiment, wo von der Art der Kleidung auf den Beruf und auf die Charaktereigenschaften zurückgeschlossen wurden. Gerade der letzte Punkt ist interessant - sicher gibt es gewisse Tendenzen in der Kleidungsauswahl auch jenseits des Arbeitsplatzes, aber gleich Charaktereigenschaften? Besonders, da die Personen ganz unterschiedlich eingeschätzt wurden, je nachdem, was sie trugen. Als ob man seinen Charakter so einfach wie einen Anzug wechseln könnte.
(Kann man, aber das soll hier nicht der Punkt sein.)
Geht aber noch darüber hinaus. Das komplette Aussehen zählt hinzu. Entspricht nicht ganz der politischen Korrektheit, aber ich halte da nichts von Illusionen. Und sage es auch Leuten, die mich danach fragen: Versucht, das Beste aus euch herauszuholen.

- Hier und da finden sich interessante Interaktionen mit Einstellungen. Konkretes Beispiel, in manchen Disziplinen werden freie Reden besser bewertet, da sie mit Fachkenntnis und Mut assoziiert sind. In anderen (da bin ich dieses Jahr einmal ganz übel auf die Nase gefallen) hingegen sind sie mit Faulheit und mangelndem Respekt assoziiert (im Sinne von "der hatte keine Lust, seine komplette Rede zu schreiben!"). War eine interessante Erfahrung.
(Ich trage weiterhin frei vor. Von einem Skript ablesen kann auch ein Text-to-Voice-Programm. Dabei wird mir langweilig! Soviel zu beiden Assoziationen.)
(Übrigens führte es dann wirklich zu mangelndem Respekt - selbsterfüllende Prophezeiung, in gewisser Weise. Auch etwas, was man öfter mal erleben kann. Da gibt es Leute, die können richtig gut Reden ablesen. Sobald es dann interaktiv wird, bricht ihre Aura zusammen, stammeln, nutzen massig Füllwörter, kriegen komplexere Gedanken nicht vernünftig artikuliert. Wenn das von Leuten kommt, die sich fachlich mit Eloquenz beschäftigen, dann - wie gesagt, es war eine interessante Erfahrung.)

- Dann gibt es da so ein Phänomen, dass ich kaum beschreiben kann, ohne irgendwem auf die Füße zu treten. Diesbezüglich scheinen Menschen im Laufe ihres Lebens dümmer zu werden; zumindest, wenn es sie selbst betrifft. Kurz zusammengefasst - der beste Prädiktor für zukünftiges Verhalten ist vergangenes Verhalten. Beispielsweise in der Schule: Wer wird zuerst in Sportteams geholt? Umgekehrt, wer zuerst in Matherateteams?
Dann wird das vergessen. Nicht, was andere Leute betrifft (da haben die allermeisten Menschen, die ich kennenlernte, durchaus einen guten Sinn für). Aber, was sich selbst betrifft. Wenn jemand, abstrakt gesagt, über Jahre X tut, dann plötzlich behauptet, ab jetzt Y zu tun... Menschen können sich ändern. Ich weiß das. Die Psychologie beschäftigt sich damit, Menschen zu helfen, die zu tun. Nur ist dies die Ausnahme, nicht die Regel, daher wird weiterhin die Mehrheit nicht glauben, dass da eine Änderung stattgefunden hat. Ergo weiter vermutet, dass X getan wird. Auch die eigene Geschichte wirkt als Vorabrahmen.

Was dann wieder den Kreis schließt. Denn warum hängen Ärzte ihre Urkunden auf? Weil es die eigene Geschichte darstellt. Auch wenn sich jene mit Kampfflugzeugen beschäftigt.

Samstag, 14. Dezember 2013

Damals vs. Heute | Biologie vs. Kultur

Eins finde ich faszinierend. Allerdings in einem sehr negativen Sinne.

Über verschiedene Fachrichtungen hinweg, innerhalb der Psychologie, aber ganz besonders auch außerhalb der Psychologie, wird über die Frage gestritten, was angeboren und was erlernt ist.

Bei der Psychologie als evidenzbasierte Wissenschaft (anders ausgedrückt, mit ergebnisoffenen Experimenten) zeigte sich nun immer wieder, dass in den allermeisten Bereichen des Lebens ein "sowohl, als auch" gilt. Heißt beides eine Rolle spielt.

Es ist auch, meiner persönlichen Ansicht nach, sinnvoll, beides zu betrachten. Die biologische Seite, denn sie erklärt oftmals sehr gut die Herkunft und Wurzel von Verhaltensweisen. Und die kulturelle Seite, denn die Kultur formt dann jeweils jene biologischen Grundlagen.


Nun gibt es leider immer wieder Bestrebungen, die eine oder andere Seite (aktuell schwingt das Pendel sehr stark in Richtung Kultur) zu betonen und die andere auszuklammern. Dabei geht jedoch eine ganze Menge an Informationen verloren.

Wir können den Menschen nicht verstehen, wenn wir seine Entwicklungsgeschichte ausklammern. Warum wir die Welt so wahrnehmen, wie wir sie wahrnehmen. Warum wir so denken, wie wir denken. Warum wir so fühlen, wie wir fühlen. All dahinter (und noch viel mehr) steckt Evolution. Etwas, was heutzutage nicht mehr funktional ist (z.B. Phobien), kann es in der Vergangenheit sehr wohl gewesen sein.

Das heißt nicht, dass die andere Seite des Pendels - biologischer Determinismus - eine gute Idee wäre. Ist sie auch nicht. Denn der Mensch ist ein erstaunlich adaptives Wesen, das durch seine Umwelt mit geformt wird - aber eben nur geformt und nicht von Grundauf aufgebaut wird. Dieselben biologischen Impulse können in verschiedenen Kontexten völlig andere Ausdrucksformen finden und andere Konsequenzen haben.

Nehmen wir einmal ein Beispiel: Übergewicht
- Biologische Faktoren (Auswahl, nicht vollständig): Wodurch Hunger- und Sättigungsgefühle ausgelöst werden. Warum bestimmte Nahrungsmittelbestandteile den meisten Menschen "besser" oder "schlechter" schmecken. Wie Energiereserven im Körper angelegt und aufgebraucht werden. Welche Folgen jene Energiereserven haben. Wie bestimmte Bedingungen das Hungergefühl modifizieren.
- Kulturelle Faktoren (Auswahl, nicht vollständig): Auf welche Nahrung primär geprägt wird. Welche Portionsgrößen als normal gelten. Wie viele Mahlzeiten am Tag. Wie auf unterschiedliches Körpergewicht reagiert wird. Welche Rolle Mahlzeiten im sozialen Miteinander einnehmen.

All diese, und noch viel mehr, Faktoren spielen eine Rolle. Streicht man eine Seite heraus - glaubst du, man kann dadurch Menschen besser helfen? Oder sie nur verstehen?

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Keine einfache Rechnung

2 - (-1) = 3

Das lernt man so in der Schule. Und in der Mathematik stimmt dies auch. Ebenso wurde (mir zumindest, und ich glaube, ich bin damit nicht ganz alleine) ebenfalls vermittelt, dass das auch auf sprachlicher Ebene so stimmt. Stichwort auch sprachliche Intelligenztests und doppelte Verneinungen - in Worten ausgedrückt wäre der Teil "-(-1)" eine doppelte Verneinung.

Problem an der Sache ist nur: Es stimmt nicht.

Ich fordere hier jeden Leser mal zu einem kleinen Experiment auf: Wenn dir jemand mal eine Verneinung an den Kopf wirft (z.B. "ich kann nicht aufhören zu rauchen"), werfe die doppelte Verneinung zurück. Aber (das ist wichtig) entsprechend betont. Mit Pause zwischen den beiden Verneinungen und bedeutsamer Betonung einer (aber nicht beider) Verneinungen (tatsächlich wird die Antwort unterschiedlich sein, welche Verneinung man betont).

Schlüsseln wir es einmal mathematisch-linguistisch auf:
mutig = 1
nicht mutig = -1
nicht nicht mutig = - (-1)
Aber: Was ist noch nicht nicht mutig? Fröhlich, psychotisch, gleichgültig, depressiv, heiter, wütend, verliebt, neidisch... quasi die gesamte Bandbreite ist hier möglich.

Das lässt sich sogar als Trick nutzen: Jemand wirft eine negative Charaktereigenschaft ein, zum Beispiel "ängstlich". Dann polt man die um. Setzt dann eine doppelte Verneinung dazu, fliegt der ganze Bedeutungsrahmen auseinander. (Krudes Beispiel, verbunden mit einer meiner drei Lieblingsfragen: "Ich bin ängstlich." -> "Woher weißt du, wenn du nicht nicht mutig bist?")

Umgekehrt ist dies auch ein Problem. Dort oben habe ich aus gutem Grund nicht nur positive Beispiele genannt. Mathematisch lassen sich positive und negative Vorzeichen problemlos ineinander umwandeln. Im Bereich des Psychischen nicht.

Ich erinnere da auch an meinen Zusammenschrieb zum Thema "Eine einfache Frage": Probleme versuchen einfach nur umzudrehen löst sie nicht zwangsläufig. Menschen sind da unfrustrierend nicht wie keine Computer.

Montag, 9. Dezember 2013

Wahrheit und Lügen

Eine Frage, die sich sowohl in der Forschung als auch im Alltag immer wieder stellt: Kann man erkennen, ob jemand lügt?

Das Problem dabei ist, dass man erst einmal darüber nachdenken sollte, was denn Wahrheit ist. Denn es gibt so etwas, was ich "gefühlte Wahrheit" nennen würde. Da fällt alles drunter, was objektiv gesehen unwahr ist, jedoch subjektiv als wahr angesehen wird. Kann viele Ursachen haben - eine habe ich schon mal im Blog erwähnt, nämlich falsche Erinnerungen.
Anderes Beispiel: Aufmerksamkeitslücken. Stelle dir folgende Situation vor - jemand geht an einer Straße spazieren, achtet auf den Weg vor sich. Auf der Straße kracht es. Nun ist die Aufmerksamkeit auf dem Unfall. Auch wenn das Unfallgeschehen außerhalb der Aufmerksamkeit lag, wird der Verstand konstruieren, was unmittelbar davor geschehen ist. Obwohl dies nicht so sein muss. Großes Problem bei Zeugenaussagen. (Ich bin selbst schon einmal in so eine Situation geraten - zum Glück passte das Schadensbild zu meiner Aussage, nicht zu dem der dritten Person.)
Solche Effekte (und da gibt es leider eine Menge von) sorgen dafür, dass Aussagen als "wahr" erscheinen, weil sie es subjektiv für die Person sind - jedoch objektiv nicht wahr sein müssen.

"Lügendetektoren" zum Beispiel melden gar nicht "gelogen" zurück (auch wenn das gewisse Fernsehshows gerne so darstellen), sondern lediglich "sicher" und "unklar". "Unklar" heißt aber nicht "gelogen" - es kann alle möglichen Gründe dafür geben. Zum Beispiel, wenn eine Frage psychischen Druck aufbaut - dann kann selbst bei einer subjektiv/objektiv wahren Antwort als Ergebnis "unklar" bei herauskommen. Genauso müssen "Lügendetektoren" auf die Person kalibriert werden - bei manchen Personen klappt das schon einmal nicht. Und andere können sie auch an der Nase herumführen. Habe selbst mal bei einem entsprechenden Experiment erfolgreich teilgenommen.

Worauf man im Alltag achten kann, ist das Kontrastprinzip. Aber auch hier fallen in erster Linie Sachen auf - was dahinter steckt (ob Lüge, psychischer Druck, wie auch immer) ist jedoch ebenfalls nicht klar. Wenn man klare Verhaltensmuster für "ja" und "nein" heraushat (die jedoch individuell sind), hat man zumindest eine ziemlich gute Wahrscheinlichkeit, das richtig einschätzen zu können. Jedoch auch keine 100% Sicherheit. Und (Bonusminuspunkte dafür) gibt es keinen Kontrast zwischen "objektiv wahren" und "subjektiv wahren" Aussagen - selbst wenn die "subjektiv wahren" Aussagen ganz offensichtlich nicht stimmen können.

Auch über die berühmt-berüchtigten "Eye-Accessing-Cues" wurde versucht herauszufinden, ob jemand lügt - ergebnislos. Was mich persönlich auch nicht wundert - das Gedächtnis ist so ein komplexes Wollknäuel bei dem oft gar nicht klar ist, wie viel "wahr" und wie viel "rekonstruiert" und wie viel "zurechtgebogen" und wie viel "gelogen" ist.

Es wird sogar noch schlimmer. Gewisse Fragen - insbesondere im emotionalen und motivationalen Bereich - werden nur in den seltensten Fällen wahr beantwortet. Warum? Weil man es da mit Rationalisierungen zu tun bekommt. Aus dem Grund rate ich da in Seminaren zu diesen Themen auch immer "folgt der Emotionsspur", ansonsten kommt man da oft gar nicht an den Kern der Sache heran. Aufgrund des Kontrastprinzips würden aber gerade diese Antworten dann als "unsicher" gelten, die Rationalisierungen hingegen nicht.
In den gleichen Topf wie die Rationalisierungen fallen dann so Aspekte wie soziale Erwünschtheit. Gegen jene zu verstoßen löst psychischen Druck aus - sie einzuhalten jedoch nicht.

Wahrheit und Lügen also zu unterscheiden... manchmal ist es schön, sehr konstruktivistisch orientiert zu sein.

Freitag, 6. Dezember 2013

Wilde Reise durch den Sturm

Gestern war ein seltsamer Tag. Er fing schon interessant an! Erst war mein Auto zugeparkt - irgendeine Institution, die nach den Bäumen am Straßenrand sah. Kommt vor. Da ich jedoch keine Zeit hatte (da ich ein Seminar abhielt), ab zur Bushaltestelle. Dort sah ich noch, wie in der Kreuzung davor der Bus blinkte, abbog und die Haltestelle nicht anfuhr. Wie bei Kyrill bin ich völlig geistesabesend in einen Sturmtag hineingestartet, obschon die ersten Signale offensichtlich waren.

Während des Seminars sah alles draußen noch friedlich aus. Nachmittags ein wenig Regen, das wars. Es wurde dunkel. Was ich am Ende des Seminars sah, war, wie die Lichterkette eines Tannenbaums im Wind wehte. Ich musste danach noch eben den Raumschlüssel wegbringen. Trat aus der Tür heraus - und weg flog mein Regenschirm!

Nur ein paar hundert Meter von der Uni entfernt befand sich die nächste Bushaltestelle. Als ich dort ankam, waren dort bereits einige große Plakatschilder draufgefallen. Auch war ein Zettel drangeklebt, dass die Haltestelle nicht mehr angefahren wird. Zugegebenermaßen war sie auch teilweise bedeckt von den umgefallenen Plakaten. Also los zur nächsten Haltestelle, in knapp zwei Kilometern Entfernung. An einem Autobahnzubringer entlang. Über eine Autobahnbrücke. Bei Platzregen. Bei Windböen im Bereich der 100 km/h.

Es war... meditativ. Jeder Schritt, bedeutsam. Jede Böe, zu beachten. Die Autos, vorbeirasende Lichter in Weiß und Rot. Feuerwehrsirenen in der Ferne. Donner. Ampeln, Auren in Rot und Gelb und Grün. Die Figuren längst verwaschen. Und dann kam die Brücke.

Es war seltsam. Ich musste an Kyrill zurückdenken. Damals habe ich wohl eine der waghalsigsten Aktionen meines Lebens gebracht. Auch ein Sturm. Hatte ich etwas dazugelernt? Während Kyrill bin ich in Hamm gestrandet. Als der Sturm nachließ, fand sich eine Gruppe und ein mutiger Taxifahrer zur Weiterfahrt. Aber kaum losgefahren, hatte Kyrill wieder zugelegt. Ich sah, wie vor mir ein Van nur noch auf zwei Reifen stand, für einige Sekunden. Ich sah, wie Schieferplatten wie Schuppen von Häusern fielen. Ich sah, wie Satellitenschüssel wie Heuballen über die Straße geweht wurden. Im Bahnhof wäre es sicher gewesen. Ich hatte ihn verlassen. In meinem Büro wäre es sicher gewesen. Ich stand vor der Brücke. Rechts der Abgrund und die vorbeischießenden Lichter. Links die Straße, mit noch viel mehr vorbeirasenden Lichtern. Näheren Lichtern. Böen rauschten mal von vorn, mal von rechts heran.

Meditativ. Mit dem Wind gehen. Ihm die Seite zuwenden. Windpausen nutzen. Halt suchen, wenn eine besonders kräftige Böe über das Land fegte. Ja, ich habe gelernt. Am Abgrund entlang zu tanzen. Auch letztes Jahr bin ich an einem Abgrund entlanggeschlittert, wenn auch ein Abgrund ganz anderer Art.

Am erstaunlichsten fand ich jedoch, als ich eine Haltestelle erreicht hatte, und mit dem Bus fuhr. War ich vorher im Sturm. In gewisser Weise Teil des Sturms. Sah ich nun nur beschlagene, regenüberströmte Scheiben. Lichtblitze. Polarlichtergleiche Spiele aus Licht, von vorbeirasenden Weihnachtsdekorationen. Nur etwas wirklich zu sehen, mehr als nur Schemen, durch die Frontscheibe. Zu hören der Hagel, der Regen, der Donner. Dazu Stille im Bus. Und das war wohl am ungewöhnlichsten!

Noch mehr jedoch, nun, auf mich wirkte der Sturm schlimmer, als ich im Bus saß, als während ich über die Brücke getanzt bin. Obwohl ich auf der Brücke gesehen habe, wie sich auf der anderen Seite Leute an Bäumen festhielten. Obwohl mein Mantel und Schal wie Flaggen im Wind flatterten. Obwohl dort der Regen auf mich einprasselte. Es war, wie es war. Und es war in Ordnung. Im Bus hingegen war der Sturm ausgesperrt, und zugleich wütete er weiter. Äste fielen herab, Schildermasten fielen.

Schließlich war ich wieder im Sturm. Und kurz darauf, daheim.

Heute früh, es schien nicht die Sonne. Aber der Nikolaustag begann mit einem Blick auf verschneite Wiesen und Dächer.

Schön!

Montag, 2. Dezember 2013

One Ping Only

Ich glaube, es wird mal wieder Zeit, meine ... unfreundlichere Seite herauszuholen.

Menschen sind nicht immer das, was sie vorgeben zu sein. Bei zwei wichtigen Aspekten gibt es jedoch einen (an sich ziemlich offensichtlichen) Trick, dies herauszufinden. Dieser Trick ist, jenen Teil verbal anzustubsen - und zu schauen, was für Reaktionen kommen. Ausgehend von einer gewissen Szene in "Jagd auf roter Oktober" nenne ich es für mich "anpingen".

Aspekt 1: Hass als treibende Kraft.
Warum setzt sich jemand für etwas ein? Dahinter können eine ganze Reihe von Motiven stecken (z.B. Idealismus, Geselligkeit, Macht, wie auch immer), und die allermeisten davon sind in Ordnung. Sich hingegen mit hasserfüllten Menschen abzugeben, ist meiner Erfahrung nach zugleich eine Zeitverschwendung als auch ein Garant dafür, dass es einem selbst danach schlechter geht. Vergleiche hierzu auch die Rahmenspaßepisode zum Hass.
Sicher, mit Hass kann ich auch arbeiten (z.B. die zugrundeliegende Furcht oder Wut gegen den Hass richten, um ihn aufzulösen, oder die Ursachen der Furcht/Wut angehen, wie auch immer), aber die Betonung hier liegt auf "arbeiten". Privat geht es mir viel besser, seit ich einen Bogen um hasserfüllte Menschen mache.
Wie geht das? Nun, entweder ist der Hass offensichtlich. Oder aber er versteckt sich. Hier frage ich dann einfach mal ganz neutral (die Neutralität ist wichtig!), warum sich für etwas eingesetzt wird.
Daraufhin werden immer Emotionen gezeigt. Steckt dort so etwas wie Idealismus, Überzeugungen, wie auch immer hinter, Enthusiasmus, teils missionarischer Eifer. Steckt dort etwas anderes hinter, wie zum Beispiel Geselligkeit, wird meist die Aufmerksamkeit darauf gelenkt.
Explodieren die Leute aber und wollen einem für die neutrale Frage am liebsten den Kopf abreißen; allein schon dafür, dass man nicht von Anfang an ihre Meinung hat... da steckt Hass hinter. Ebenso wenn stattdessen Argumente kommen, die allein über die persönliche Ärger- oder Furchtschiene laufen.
(Und wie so oft beim Hass ist die Ironie, dass er nichts bringt - denn so etwas schreckt ab. Selbst wenn z.B. der Ärger berechtigt sein sollte - simpelste Kommunikationspsychologie.)

Aspekt 2: Maske als gezeigte Persönlichkeit
Hier muss ich etwas weiter ausholen. Manche Menschen verstecken sich komplett hinter Masken. Da steckt keine böse Absicht hinter, eher im Gegenteil: Diese Masken sind ein Selbstschutz. Aber sie haben zwei große Probleme - erstens sind sie nicht verbunden mit den Ressourcen einer Person (wenn du zum Beispiel jemand kennst, der in bestimmten Situationen plötzlich viel lebendiger, leidenschaftlicher zu sein scheint, oft in so genannten "Flow States", dann sind das die Situationen, in denen die Maske unten ist). Zweitens und noch viel wichtiger, die Masken sind oft brüchig. Dummerweise sind sie als Selbstschutzmechanismus oft sehr stark mit dem Selbstwert assoziiert. Da reicht es meist, unabsichtlich die Maske auch nur eine Winzigkeit anzukratzen, und ein Vulkan geht hoch.
Warum? Selbe Ursache wie oben, weil sich hinter der Maske ein ziemlicher Abgrund auftun kann. Was mache ich also? Ich pinge die Maske an. Warte die Reaktionen ab. Geht ein Vulkan hoch, weiß ich, was Sache ist. Auch hier ist wieder wichtig, das ganze neutral zu tun. Angriffe werden die meisten abwehren.

Beides ist sicherlich praktisch im Privatleben (des eigenen Seelenfrieden willen). Jedoch auch im beruflichen Kontekt im Umgang mit Klienten. Denn wenn bei einem der Pings etwas hochgeht, dann ist das meiner Erfahrung nach ein sehr guter Hinweis darauf, dass das Problem größer.