Dienstag, 17. Dezember 2013

Diverser Spaß mit Vorabrahmen

Vor langer, langer Zeit sprach ich über Vorabrahmen - quasi mehr oder weniger verbalisierte vorab gesetzte Bedeutungsrahmen. Wird immer gemacht, macht jeder Mensch, meist ohne es sich gänzlich bewusst zu sein.

Beispiele für kognitive Vorabrahmen sind mannigfaltig. Man denke da nur einmal an das Menschenbild in der klientenzentrierten Psychotherapie : "Jeder Mensch hat die Ressourcen zur Lösung seiner Probleme schon in sich." & "Hinter jeder Handlung steckt eine positive Intention."; und da der Therapeut entsprechend kommuniziert, "fällt" der Klient meist irgendwann in diesen Rahmen und fängt an, seine Probleme zu lösen.

Interessant finde ich jedoch auch die nicht kognitiven Vorabrahmen. Mal ein paar Beispiele:

- Die meisten Ärzte hängen entsprechende Urkunden aus. Warum? Weil das Kompetenz demonstriert, ganz getreu dem Motto "schau, was ich kann!".
Mein Zahnarzt hat dazwischen seine Urkunde als Fliegerpilot der Bundeswehr hängen. Die Reaktion der Leute zu sehen, die über die Urkunden schauen, ist immer wieder unterhaltsam. Verwirrung, Irritation.
Warum die Urkunde da hängt? Keine Ahnung. Wahrscheinlich weil der Arzt flugbegeistert ist. Andererseits... "ich kann Düsenjets fliegen, da bekomme ich doch wohl so nen Bohrer gehalten und kann mit Komplikationen problemlos zurechtkommen"... wer weiß.

- Die letzte Zeit ging die Wirkung von Kleidung öfter mal herum, auch im Infotainment - vor kurzem bei einem Experiment, wo von der Art der Kleidung auf den Beruf und auf die Charaktereigenschaften zurückgeschlossen wurden. Gerade der letzte Punkt ist interessant - sicher gibt es gewisse Tendenzen in der Kleidungsauswahl auch jenseits des Arbeitsplatzes, aber gleich Charaktereigenschaften? Besonders, da die Personen ganz unterschiedlich eingeschätzt wurden, je nachdem, was sie trugen. Als ob man seinen Charakter so einfach wie einen Anzug wechseln könnte.
(Kann man, aber das soll hier nicht der Punkt sein.)
Geht aber noch darüber hinaus. Das komplette Aussehen zählt hinzu. Entspricht nicht ganz der politischen Korrektheit, aber ich halte da nichts von Illusionen. Und sage es auch Leuten, die mich danach fragen: Versucht, das Beste aus euch herauszuholen.

- Hier und da finden sich interessante Interaktionen mit Einstellungen. Konkretes Beispiel, in manchen Disziplinen werden freie Reden besser bewertet, da sie mit Fachkenntnis und Mut assoziiert sind. In anderen (da bin ich dieses Jahr einmal ganz übel auf die Nase gefallen) hingegen sind sie mit Faulheit und mangelndem Respekt assoziiert (im Sinne von "der hatte keine Lust, seine komplette Rede zu schreiben!"). War eine interessante Erfahrung.
(Ich trage weiterhin frei vor. Von einem Skript ablesen kann auch ein Text-to-Voice-Programm. Dabei wird mir langweilig! Soviel zu beiden Assoziationen.)
(Übrigens führte es dann wirklich zu mangelndem Respekt - selbsterfüllende Prophezeiung, in gewisser Weise. Auch etwas, was man öfter mal erleben kann. Da gibt es Leute, die können richtig gut Reden ablesen. Sobald es dann interaktiv wird, bricht ihre Aura zusammen, stammeln, nutzen massig Füllwörter, kriegen komplexere Gedanken nicht vernünftig artikuliert. Wenn das von Leuten kommt, die sich fachlich mit Eloquenz beschäftigen, dann - wie gesagt, es war eine interessante Erfahrung.)

- Dann gibt es da so ein Phänomen, dass ich kaum beschreiben kann, ohne irgendwem auf die Füße zu treten. Diesbezüglich scheinen Menschen im Laufe ihres Lebens dümmer zu werden; zumindest, wenn es sie selbst betrifft. Kurz zusammengefasst - der beste Prädiktor für zukünftiges Verhalten ist vergangenes Verhalten. Beispielsweise in der Schule: Wer wird zuerst in Sportteams geholt? Umgekehrt, wer zuerst in Matherateteams?
Dann wird das vergessen. Nicht, was andere Leute betrifft (da haben die allermeisten Menschen, die ich kennenlernte, durchaus einen guten Sinn für). Aber, was sich selbst betrifft. Wenn jemand, abstrakt gesagt, über Jahre X tut, dann plötzlich behauptet, ab jetzt Y zu tun... Menschen können sich ändern. Ich weiß das. Die Psychologie beschäftigt sich damit, Menschen zu helfen, die zu tun. Nur ist dies die Ausnahme, nicht die Regel, daher wird weiterhin die Mehrheit nicht glauben, dass da eine Änderung stattgefunden hat. Ergo weiter vermutet, dass X getan wird. Auch die eigene Geschichte wirkt als Vorabrahmen.

Was dann wieder den Kreis schließt. Denn warum hängen Ärzte ihre Urkunden auf? Weil es die eigene Geschichte darstellt. Auch wenn sich jene mit Kampfflugzeugen beschäftigt.

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