Montag, 9. Dezember 2013

Wahrheit und Lügen

Eine Frage, die sich sowohl in der Forschung als auch im Alltag immer wieder stellt: Kann man erkennen, ob jemand lügt?

Das Problem dabei ist, dass man erst einmal darüber nachdenken sollte, was denn Wahrheit ist. Denn es gibt so etwas, was ich "gefühlte Wahrheit" nennen würde. Da fällt alles drunter, was objektiv gesehen unwahr ist, jedoch subjektiv als wahr angesehen wird. Kann viele Ursachen haben - eine habe ich schon mal im Blog erwähnt, nämlich falsche Erinnerungen.
Anderes Beispiel: Aufmerksamkeitslücken. Stelle dir folgende Situation vor - jemand geht an einer Straße spazieren, achtet auf den Weg vor sich. Auf der Straße kracht es. Nun ist die Aufmerksamkeit auf dem Unfall. Auch wenn das Unfallgeschehen außerhalb der Aufmerksamkeit lag, wird der Verstand konstruieren, was unmittelbar davor geschehen ist. Obwohl dies nicht so sein muss. Großes Problem bei Zeugenaussagen. (Ich bin selbst schon einmal in so eine Situation geraten - zum Glück passte das Schadensbild zu meiner Aussage, nicht zu dem der dritten Person.)
Solche Effekte (und da gibt es leider eine Menge von) sorgen dafür, dass Aussagen als "wahr" erscheinen, weil sie es subjektiv für die Person sind - jedoch objektiv nicht wahr sein müssen.

"Lügendetektoren" zum Beispiel melden gar nicht "gelogen" zurück (auch wenn das gewisse Fernsehshows gerne so darstellen), sondern lediglich "sicher" und "unklar". "Unklar" heißt aber nicht "gelogen" - es kann alle möglichen Gründe dafür geben. Zum Beispiel, wenn eine Frage psychischen Druck aufbaut - dann kann selbst bei einer subjektiv/objektiv wahren Antwort als Ergebnis "unklar" bei herauskommen. Genauso müssen "Lügendetektoren" auf die Person kalibriert werden - bei manchen Personen klappt das schon einmal nicht. Und andere können sie auch an der Nase herumführen. Habe selbst mal bei einem entsprechenden Experiment erfolgreich teilgenommen.

Worauf man im Alltag achten kann, ist das Kontrastprinzip. Aber auch hier fallen in erster Linie Sachen auf - was dahinter steckt (ob Lüge, psychischer Druck, wie auch immer) ist jedoch ebenfalls nicht klar. Wenn man klare Verhaltensmuster für "ja" und "nein" heraushat (die jedoch individuell sind), hat man zumindest eine ziemlich gute Wahrscheinlichkeit, das richtig einschätzen zu können. Jedoch auch keine 100% Sicherheit. Und (Bonusminuspunkte dafür) gibt es keinen Kontrast zwischen "objektiv wahren" und "subjektiv wahren" Aussagen - selbst wenn die "subjektiv wahren" Aussagen ganz offensichtlich nicht stimmen können.

Auch über die berühmt-berüchtigten "Eye-Accessing-Cues" wurde versucht herauszufinden, ob jemand lügt - ergebnislos. Was mich persönlich auch nicht wundert - das Gedächtnis ist so ein komplexes Wollknäuel bei dem oft gar nicht klar ist, wie viel "wahr" und wie viel "rekonstruiert" und wie viel "zurechtgebogen" und wie viel "gelogen" ist.

Es wird sogar noch schlimmer. Gewisse Fragen - insbesondere im emotionalen und motivationalen Bereich - werden nur in den seltensten Fällen wahr beantwortet. Warum? Weil man es da mit Rationalisierungen zu tun bekommt. Aus dem Grund rate ich da in Seminaren zu diesen Themen auch immer "folgt der Emotionsspur", ansonsten kommt man da oft gar nicht an den Kern der Sache heran. Aufgrund des Kontrastprinzips würden aber gerade diese Antworten dann als "unsicher" gelten, die Rationalisierungen hingegen nicht.
In den gleichen Topf wie die Rationalisierungen fallen dann so Aspekte wie soziale Erwünschtheit. Gegen jene zu verstoßen löst psychischen Druck aus - sie einzuhalten jedoch nicht.

Wahrheit und Lügen also zu unterscheiden... manchmal ist es schön, sehr konstruktivistisch orientiert zu sein.

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