Freitag, 6. Dezember 2013

Wilde Reise durch den Sturm

Gestern war ein seltsamer Tag. Er fing schon interessant an! Erst war mein Auto zugeparkt - irgendeine Institution, die nach den Bäumen am Straßenrand sah. Kommt vor. Da ich jedoch keine Zeit hatte (da ich ein Seminar abhielt), ab zur Bushaltestelle. Dort sah ich noch, wie in der Kreuzung davor der Bus blinkte, abbog und die Haltestelle nicht anfuhr. Wie bei Kyrill bin ich völlig geistesabesend in einen Sturmtag hineingestartet, obschon die ersten Signale offensichtlich waren.

Während des Seminars sah alles draußen noch friedlich aus. Nachmittags ein wenig Regen, das wars. Es wurde dunkel. Was ich am Ende des Seminars sah, war, wie die Lichterkette eines Tannenbaums im Wind wehte. Ich musste danach noch eben den Raumschlüssel wegbringen. Trat aus der Tür heraus - und weg flog mein Regenschirm!

Nur ein paar hundert Meter von der Uni entfernt befand sich die nächste Bushaltestelle. Als ich dort ankam, waren dort bereits einige große Plakatschilder draufgefallen. Auch war ein Zettel drangeklebt, dass die Haltestelle nicht mehr angefahren wird. Zugegebenermaßen war sie auch teilweise bedeckt von den umgefallenen Plakaten. Also los zur nächsten Haltestelle, in knapp zwei Kilometern Entfernung. An einem Autobahnzubringer entlang. Über eine Autobahnbrücke. Bei Platzregen. Bei Windböen im Bereich der 100 km/h.

Es war... meditativ. Jeder Schritt, bedeutsam. Jede Böe, zu beachten. Die Autos, vorbeirasende Lichter in Weiß und Rot. Feuerwehrsirenen in der Ferne. Donner. Ampeln, Auren in Rot und Gelb und Grün. Die Figuren längst verwaschen. Und dann kam die Brücke.

Es war seltsam. Ich musste an Kyrill zurückdenken. Damals habe ich wohl eine der waghalsigsten Aktionen meines Lebens gebracht. Auch ein Sturm. Hatte ich etwas dazugelernt? Während Kyrill bin ich in Hamm gestrandet. Als der Sturm nachließ, fand sich eine Gruppe und ein mutiger Taxifahrer zur Weiterfahrt. Aber kaum losgefahren, hatte Kyrill wieder zugelegt. Ich sah, wie vor mir ein Van nur noch auf zwei Reifen stand, für einige Sekunden. Ich sah, wie Schieferplatten wie Schuppen von Häusern fielen. Ich sah, wie Satellitenschüssel wie Heuballen über die Straße geweht wurden. Im Bahnhof wäre es sicher gewesen. Ich hatte ihn verlassen. In meinem Büro wäre es sicher gewesen. Ich stand vor der Brücke. Rechts der Abgrund und die vorbeischießenden Lichter. Links die Straße, mit noch viel mehr vorbeirasenden Lichtern. Näheren Lichtern. Böen rauschten mal von vorn, mal von rechts heran.

Meditativ. Mit dem Wind gehen. Ihm die Seite zuwenden. Windpausen nutzen. Halt suchen, wenn eine besonders kräftige Böe über das Land fegte. Ja, ich habe gelernt. Am Abgrund entlang zu tanzen. Auch letztes Jahr bin ich an einem Abgrund entlanggeschlittert, wenn auch ein Abgrund ganz anderer Art.

Am erstaunlichsten fand ich jedoch, als ich eine Haltestelle erreicht hatte, und mit dem Bus fuhr. War ich vorher im Sturm. In gewisser Weise Teil des Sturms. Sah ich nun nur beschlagene, regenüberströmte Scheiben. Lichtblitze. Polarlichtergleiche Spiele aus Licht, von vorbeirasenden Weihnachtsdekorationen. Nur etwas wirklich zu sehen, mehr als nur Schemen, durch die Frontscheibe. Zu hören der Hagel, der Regen, der Donner. Dazu Stille im Bus. Und das war wohl am ungewöhnlichsten!

Noch mehr jedoch, nun, auf mich wirkte der Sturm schlimmer, als ich im Bus saß, als während ich über die Brücke getanzt bin. Obwohl ich auf der Brücke gesehen habe, wie sich auf der anderen Seite Leute an Bäumen festhielten. Obwohl mein Mantel und Schal wie Flaggen im Wind flatterten. Obwohl dort der Regen auf mich einprasselte. Es war, wie es war. Und es war in Ordnung. Im Bus hingegen war der Sturm ausgesperrt, und zugleich wütete er weiter. Äste fielen herab, Schildermasten fielen.

Schließlich war ich wieder im Sturm. Und kurz darauf, daheim.

Heute früh, es schien nicht die Sonne. Aber der Nikolaustag begann mit einem Blick auf verschneite Wiesen und Dächer.

Schön!

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