Montag, 20. Januar 2014

Das Problem mit Problemen I

Vorab: "Probleme" ist hier extrem weit gefasst, und nicht nur auf Störungen o.ä. bezogen!
 
Was macht ein Problem aus? Und wo sind Ansatzpunkte? Das wird jetzt ein sehr komplexer Abriss - komplexer, als er zunächst scheint. Mir ist, wie ich gestehen muss, das bisher auch nicht wirklich gelungen, gut zu vermitteln. Um auf das zu kommen, was ich zu erklären suche, habe ich den induktiven Weg gewählt, heißt es aus vielen voneinander unabhängigen Erfahrungen zusammengebastelt. Heißt von unten nach oben konstruiert. Erklärungen sind hingegen meist deduktiv - ein gerades Herunterbrechen, aus X ergibt sich Y und Z. Nur auf diese Art funktionieren Probleme im psychologischen Bereich oft nicht. Würden sie es, könnte sie jeder ziemlich einfach selbst lösen.

Es ist eine Frage, wo die Aufmerksamkeit liegt. Wo das "bekannte" Wissen über ein psychologisches Problem liegt. Abseits davon gibt es in aller Regel noch Aspekte jenseits der Aufmerksamkeit, ein Wissen jenseits des Wissens, was ein Problem am Leben erhält. Erweitert man die Grenze des Bewusstseins können daher Probleme förmlich implodieren. Genauso (das ist die dunkle Seite der Medaille) können so auch Probleme entstehen. Aufmerksamkeit schafft Realität. Was neben der Aufmerksamkeit ist, kann per se alles Mögliche sein. Von Ressourcen, nutzbaren Schätzen, bis hin zu "here be Dragons".

Ein Problem hat mehrere Dimensionen - jede lohnt sich zu betrachten. Oft verfestigen sich Probleme, weil jene Dimensionen unbetrachtet bleiben.

Was sind das für Aspekte?

1. Die Grenzen. Wann besteht ein Problem? Wann nicht?
=> Nur die allerwenigsten Probleme sind ein Dauerzustand. Selbst die allermeisten Depressiven sind nicht permanent depressiv (nur die meiste Zeit über). Spinnenphobiker fürchten sich oft nur vor bestimmten Spinnen, und nur in bestimmten Situationen. Die Grenzen können weiter gestreckt sein, oder sehr eng sein. Aber sie sind da.

2. Welche Intention steckt hinter dem Problem?
=> Probleme werden noch zusätzlich verkompliziert, weil das, was gemeinhin für das Problem gehalten wird, oft nicht das Problem selbst, sondern nur ein Symptom ist. Beispiele: Prokrastination -> weshalb wird aufgeschoben? Schüchternheit -> weshalb wird der Bewertung durch andere ein zu hoher Stellenwert zugeschrieben?
Die Intention dahinter ist sogar oftmals (, manche würden auch sagen "immer",) positiv, nur die Umsetzung der Intention problematisch. Teils sehr problematisch. Aber das ist auch ein Ansatzpunkt, beispielsweise aufzeigen, wenn die Intentionsumsetzung der Intention eigentlich entgegen geht. Prokrastination, um den Emotionshaushalt positiv zu halten -> wie positiv ist er, wenn man dann am Ende nur noch mehr Stress hat? Das ganze funktioniert aber nur, wenn man die Intention erstmal herausbekommt; um im Beispiel zu bleiben, es gibt viele Gründe fürs Prokrastinieren, das war nur einer davon.

3. Wie assoziiert ist ein Problem? Wie nominalisiert ist ein Problem?
=> Anders formuliert, wie sehr ist ein Problem in das Selbstkonzept der Person eingebunden? Zudem wie stark wird das Problem als fest oder als Prozess angesehen? "Ich bin Spinnenphobiker" vs. "Ich habe eine Spinnenphobie" vs. "Ich reagiere phobisch auf Spinnen" vs. "Spinnen lösen bei mir Panik aus" und so weiter. Gerade starke affektive Ketten sprengt man oft schon, wenn man Probleme disassoziiert und denominalisiert. Dann sind die Probleme noch nicht gelöst, aber erscheinen leichter, sind in gewisser Weise auch leichter, weil entfestigt und nicht mehr im selben Maße Teil der wahrgenommenen Persönlichkeit.

4. Wie sieht der Zielzustand aus?
=> Probleme sind in aller Regel nicht freischwebend. Oft erscheint es so (aber dies ist zumeist durch Problem #2 bedingt), dass zu einem Problem kein Lösungsbewusstsein vorliegt. Hier kommt das Kontrastprinzip ins Spiel - wenn das Problem "X" ist, was ist dann "nicht-X"? Selbst hochproblematische Zustände sind für die meisten Menschen gar nicht als solche erkennbar, wenn nicht irgendwo ein Konzept des "nicht-X" schon vorliegen würde. In dem Fall wäre es nämlich kein Problem, sondern der Normalzustand.
Beispiel dafür: Gedankenexperiment. Stellen wir uns eine Kultur vor, in der jeder phobisch auf Spinnen reagiert. Sei es auch einfach nur, weil im Lebensraum der Kultur sehr viele gefährlich giftige Spinnen leben. Würde jemand, der in so einem Kontext auf Spinnen phobisch reagiert, es als Problem sehen? Eher nicht. Tatsächlich hätte hier eher jener ein Problem, der keine Spinnenphobie hat. In dem Fall ist die Spinnenphobie nämlich funktional, und die Nichtspinnenphobie dysfunktional. Hingegen ist es in unseren Breiten, in unserer Kultur, umgekehrt.
Denken wir einmal das Gedankenexperiment weiter, und gehen zu einer Kultur, in der Spinnen völlig unbekannt sind. Kann in so einer eine Spinnenphobie überhaupt existieren? Hier kann es keinen wie auch immer gearteten Zielzustand geben, der von einem Anfangszustand abweicht.
Anders formuliert: Damit so etwas wie eine "Spinnenphobie" vorkommen kann, müssen nicht nur bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sein, sondern es muss auch etwas geben, das "Nicht-Spinnenphobie" ist. Ganz unabhängig davon, was davon das Problem, und was die Lösung ist. Ohne Problem keine Lösung. Heißt auch, ohne Lösung kein Problem!

5. Welche Rahmenbedingungen erlaub(t)en es, dass das Problem entstand bzw. fortbesteht?
=> Dies schließt an das an, was ich beim vierten Punkt geschrieben habe. Es müssen bestimmte Bedingungen herrschen, damit überhaupt ein Problem besteht (vergleiche hier auch die Reihe über Emotionsrahmen). Diese Bedingungen beziehen sich nur nur auf die reine Existenz, sondern auch auf Fragen der Wahrnehmung (phobisch auf nicht wahrgenommene Spinne reagieren?), auf Fragen der Priorität (phobisch vor Spinne zurückweichen, die am Notausgang hängt, während das Gebäude brennt?), auf Fragen der Zeit (hast du heute Angst vor deinem ersten Schultag?).

6. Daraus ergibt sich, welche Ressourcen können nicht gleichzeitig mit dem Problem existieren?
=> Und wenn man den Punkt heraus hat, hat man oft schon die Lösung vor sich.

Das war der einfache Teil. Der schwierige Teil ist, aber dazu komme ich in späteren Beiträgen, dass man all das auf sprachlicher Ebene angehen kann. Was selbst sogar ziemlich einfach ist - nur der Weg dahin ist schwer, und wie ich zugeben muss, habe ich dafür den richtigen Weg noch nicht gefunden. Aber ich probiere es weiter!

Mittwoch, 15. Januar 2014

Und was wollen Emotionen eigentlich?

Und wieder einmal kannibalisiere ich mein Seminar! In dessen Verlauf kam die Anmerkung auf, dass in einem (vom Teilnehmer nicht näher genannten) pseudowissenschaftlichen Bereich Emotionen als Hinweis auf irgendeine Art Unwohlsein sein - und jener gelindert würde, wenn man sich darauf konzentriert.

Macht mir Bauchschmerzen. Hauptsächlich, weil es sehr grob ist. Erinnert an Hull - wobei da eher Mängel als Ursache gesehen wurden.

Die Aussage ist per se gar nicht einmal falsch. Nur aus einem etwas tiefer gehenden Grund. Wie in meiner "Rahmenspaß"-Reihe aufgeführt, haben Emotionen einen evolutionären Zweck, eine Funktion. Sie sind eine Art Signalsystem uralter Hirnregionen. Horcht man in Emotionen hinein, bekommt man deren Nachricht mit.

Sowohl Nachricht als auch Emotion selbst müssen nicht mehr funktional sein. Gerade im Furcht- und Stressbereich sind sie es oft nicht mehr. Betonung liegt hier auf dem "mehr" - unsere Art auf die Umwelt zu reagieren, auch mit Emotionen, beruht auf Jahrmillionen der Evolution. Wo entsprechend sehr alte Hirnregionen beteiligt sind - aus dem Grund kann man sich auch nicht einfach sagen "ich will jetzt glücklich sein, also bin ich glücklich!"; was durchaus durch einige mentale Techniken möglich ist, aber nicht durch einfache Entscheidungen des Verstands.

Unter dem Gesichtspunkt Emotionen zu ignorieren, ist wie einen losgehenden Rauchmelder zu ignorieren. Irgendwann kriegt man Kopfschmerzen, selbst wenn es nur ein Fehlalarm ist.
Und falls nicht, bekommt man eine wichtige Information. Aber auch nur, wenn man nicht rationalisiert - "das Geräusch da kommt nur daher, weil ich heute zu lange gearbeitet habe!"

Dienstag, 14. Januar 2014

Motivinteraktionen

Eine Anmerkung aus meinem letzten Seminar. Wörtlich kriege ich es nicht mehr zusammen, daher einfach mal zusammengefasst.

Motive interagieren miteinander - heißt die Ausprägung eines Motivs wird durch andere Motive mit beeinflusst. Im Seminar war das Beispiel "Rache" (nach Reiss):
- Ob Grenzüberschreitungen in bestimmten Kontexten überhaupt Wut / Rachegedanken auslösen, hängt davon ab, wie viel Wert die Person jenen Kontexten zuschreibt. Beispielsweise Verletzung von gesellschaftlichen Normen ziehen nur, wenn jene für die Person wichtig sind. Statusherabsetzungen, wenn jener für die Person wichtig ist. Einschränkung von Freiheiten, wenn die Person nach Unabhängigkeit strebt, und so weiter.
- Das Ausmaß der angestrebten Rache kann zum Beispiel durch so etwas wie die Wichtigkeit von sozialer Anerkennung bestimmt sein. Ob überhaupt eine Rache angestrebt wird, und wenn ja, in welcher Höhe. Sofern die soziale Anerkennung der Person wichtig ist. Ist sie es nicht, ist es hingegen eher wenig berechenbar.
- Auch auf Aspekte wie Versöhnung wirkt sich das auch. Eine sehr harmoniebedürftige Person wird tendenziell eher weniger destruktive Rache suchen und eher die andere Person schlicht aus ihrem Leben streichen; gleichwohl ist es von so einer Person viel schwieriger, eine zweite Chance zu bekommen.

Aufgrund solcher Interaktionen behaupte ich, dass man recht schnell die Motivationsstruktur einer Person erschließen kann. Denn die Ausprägungen vieler Motive beeinflussen sich gegenseitig.

Montag, 13. Januar 2014

Spaß mit Aufmerksamkeit und Interpretationen

Es gibt da einen kleinen Partytrick - den man in ganz unterschiedliche Rahmen setzen kann. Entweder im Sinne von "Aufmerksamkeit formt Wirklichkeit" (was in diesem Fall sogar stimmt, wenn auch anders als angenommen), im Sinne von "Was ich als *X* alles erkenne" (X = Psychologe oder was auch immer), im Sinne von "ich kann die Zukunft voraussagen", und viel mehr.

Der Trick ist einfach: Man nehme vier Gegenstände, präsentiere sie einer anderen Person. Schreibe einen der Gegenstände auf einen Blatt (aber nicht die andere Person das Blatt lesen lassen), gebe den Zettel weg. Nun lässt man sich zuerst zwei Gegenstände geben - ist der aufgeschriebene Gegenstand dabei, bleiben die im Spiel. Falls nicht, lege man sie weg. Nun lasse man von den verbliebenen beiden Gegenständen einen auswählen und richte dann die Aufmerksamkeit auf den aufgeschriebenen Gegenstand ("du willst also X haben?" / "du willst also, dass ich Y bekomme?"). Der Trick funktioniert, weil man vorher nicht die Regeln nennt.

Interessant war gestern auf einem Seminar, wie der Trick interpretiert wurde. Von "reiner Zufall" über "Suggestion durch andere Betonung" bis hin zu "subliminalen Gesten" war alles dabei.

Die fehlende Regelerklärung, wodurch ich den aufgeschriebenen Gegenstand immer sowohl im Spiel halten konnte, als auch am Ende herausstellen konnte, darauf musste ich erst hinweisen.

Manchmal liegt die Magie wohl doch nicht da, wo sie vermutet wird.

Sonntag, 5. Januar 2014

Das tyrannische Prinzip

Fakten an Prinzipien anpassen, statt Prinzipien an Fakten.

Da gibt es diese klassische Anekdote aus der analytischen Ecke:
Klient: "Ich glaube nicht, dass die Therapie wirkt."
Therapeut: "Dann sollten wir uns damit beschäftigen, warum Sie sich der Therapie widersetzen!"

Klingt lustig, ist es jedoch nicht. Anderes schönes Beispiel gab es in der frühen Neuzeit*, bei der Hexerverfolgung: Jemand wird beschuldigt? Gesteht nicht? Natürlich kann derjenige gefoltert werden, bis er gesteht - immerhin hätte Gott sonst verhindert, dass er überhaupt beschuldigt wird! Tyrannische Prinzip in Aktion.

* = Hexenverfolgung fand ganz überwiegend nicht im Mittelalter, sondern in der Neuzeit statt.

Anderes schönes Beispiel findet sich heute in der Forschung. In dem Moment, wo Interessensgruppen Forschungen finanzieren, entspricht das Ergebnis extrem oft genau dem Interesse der Förderer. Anderenfalls wird es sehr häufig schlicht gar nicht veröffentlicht. Aus dem Grund sind Meta-Analysen so wichtig - denn wenn dann z.B. gefunden wird, dass für Medikament A 500 positive Studien gefunden wurden, zu Medikament B jedoch nur 30, dann spricht dies insgesamt entweder für eine höhere Wirksamkeit von Medikament A, oder für eine bessere Forschungsförderung des Unternehmens von Medikament A. Ups.

Dabei muss ich sagen, der ganze medizinische bzw. therapeutische Bereich ist trotz allem noch relativ unbeeinflusst. Sobald es um soziale Themen geht, wird es richtig übel. Ich kenne da genug Kollegen, die vor einer schwierigen Zwickmühle stehen: Entweder verstümmeln sie ihre Ergebnisse bis zur Unkenntlichkeit, oder sie kriegen jene nicht veröffentlicht, weil sie nicht dem Zeitgeist entsprechen.

All das ist letztendlich etwas, was gemeinhin als "tyrannisches Prinzip" genannt wird - Fakten an Prinzipien, statt Prinzipien an Fakten anpassen. Das ist unwissenschaftlich - und gefährlich. Da braucht man gar nicht bis zur Hexenverfolgung zurückzugehen (wobei es Äquivalente dazu durch die gesamte Geschichte hindurch gegeben hat - ja, auch heute noch).
Man denke da nur einmal an die Subprime-Krise in den USA: Erst wurde dort eine Kausalrichtung umgedeutet (Beobachtung: Hausbesitzer führen stabilere Leben und haben bessere Karrieren. Schlussfolgerung: Geben wir Leuten ohne Grundeigentum die Möglichkeit, ein Haus zu besitzen, werden auch sie stabilere Leben führen und besser Karriere machen. Ernsthaft, das ist dieselbe Pseudologik die sagt, zieht euren Kindern übergroße Schuhe an, denn die Schuhgröße korreliert mit den Mathematikfähigkeiten). Dann, obwohl sich über Jahre abzeichnete, dass die angenommene Kausalrichtung nicht stimmte, sie immer weiter befeuert - bis die Blase schließlich platzte. Hinterher ist man immer schlauer. War ja nicht das erste mal in der Geschichte.