Sonntag, 5. Januar 2014

Das tyrannische Prinzip

Fakten an Prinzipien anpassen, statt Prinzipien an Fakten.

Da gibt es diese klassische Anekdote aus der analytischen Ecke:
Klient: "Ich glaube nicht, dass die Therapie wirkt."
Therapeut: "Dann sollten wir uns damit beschäftigen, warum Sie sich der Therapie widersetzen!"

Klingt lustig, ist es jedoch nicht. Anderes schönes Beispiel gab es in der frühen Neuzeit*, bei der Hexerverfolgung: Jemand wird beschuldigt? Gesteht nicht? Natürlich kann derjenige gefoltert werden, bis er gesteht - immerhin hätte Gott sonst verhindert, dass er überhaupt beschuldigt wird! Tyrannische Prinzip in Aktion.

* = Hexenverfolgung fand ganz überwiegend nicht im Mittelalter, sondern in der Neuzeit statt.

Anderes schönes Beispiel findet sich heute in der Forschung. In dem Moment, wo Interessensgruppen Forschungen finanzieren, entspricht das Ergebnis extrem oft genau dem Interesse der Förderer. Anderenfalls wird es sehr häufig schlicht gar nicht veröffentlicht. Aus dem Grund sind Meta-Analysen so wichtig - denn wenn dann z.B. gefunden wird, dass für Medikament A 500 positive Studien gefunden wurden, zu Medikament B jedoch nur 30, dann spricht dies insgesamt entweder für eine höhere Wirksamkeit von Medikament A, oder für eine bessere Forschungsförderung des Unternehmens von Medikament A. Ups.

Dabei muss ich sagen, der ganze medizinische bzw. therapeutische Bereich ist trotz allem noch relativ unbeeinflusst. Sobald es um soziale Themen geht, wird es richtig übel. Ich kenne da genug Kollegen, die vor einer schwierigen Zwickmühle stehen: Entweder verstümmeln sie ihre Ergebnisse bis zur Unkenntlichkeit, oder sie kriegen jene nicht veröffentlicht, weil sie nicht dem Zeitgeist entsprechen.

All das ist letztendlich etwas, was gemeinhin als "tyrannisches Prinzip" genannt wird - Fakten an Prinzipien, statt Prinzipien an Fakten anpassen. Das ist unwissenschaftlich - und gefährlich. Da braucht man gar nicht bis zur Hexenverfolgung zurückzugehen (wobei es Äquivalente dazu durch die gesamte Geschichte hindurch gegeben hat - ja, auch heute noch).
Man denke da nur einmal an die Subprime-Krise in den USA: Erst wurde dort eine Kausalrichtung umgedeutet (Beobachtung: Hausbesitzer führen stabilere Leben und haben bessere Karrieren. Schlussfolgerung: Geben wir Leuten ohne Grundeigentum die Möglichkeit, ein Haus zu besitzen, werden auch sie stabilere Leben führen und besser Karriere machen. Ernsthaft, das ist dieselbe Pseudologik die sagt, zieht euren Kindern übergroße Schuhe an, denn die Schuhgröße korreliert mit den Mathematikfähigkeiten). Dann, obwohl sich über Jahre abzeichnete, dass die angenommene Kausalrichtung nicht stimmte, sie immer weiter befeuert - bis die Blase schließlich platzte. Hinterher ist man immer schlauer. War ja nicht das erste mal in der Geschichte.

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