Mittwoch, 5. März 2014

Placebo, kein Placebo?

Kürzlich hatte ich ein recht skurriles Gespräch, bei dem es grob umrissen um Therapiemethoden und Placeboeffekte ging. Mir fiel dabei wieder etwas auf, was ich schon mehrfach im Blog versucht habe zu vermitteln: Verneinungen und Negative in mathematischer Art im Alltag anzuwenden klappt nicht.

Hypothetisches Beispiel: In einer Doppelblindstudie zeigt sich eine Wirkung des Placebos von 40%, die des Medikaments beträgt 70%.

Wie hoch nun ist die Wirkung des Medikaments ohne Placeboeffekt?

Problem ist, man weiß es schlicht nicht.

Sie kann 70% betragen (Szenario A) - das ist zum Beispiel der Fall, wenn primär körperliche Faktoren beeinflusst werden (anders formuliert: Knollenblätterpilze bringen einen auch um, wenn man glaubt, Champignons gegessen zu haben). Sie kann 30% betragen (Szenario B), und die restlichen 40% ist der Placeboeffekt, der mit ausgelöst wurde. Sie kann auch auch 0% betragen (Szenario C) - das ist zum Beispiel der Fall, wenn primär Symptome beeinflusst werden, und deren Änderung durch die nicht verlagerte Aufmerksamkeit schlicht übersehen werden. Sie kann auch beliebig sonstwo sein, irgendwo zwischen 0% und 70% (Szenario D).

Lässt sich so etwas herausfinden? Theoretisch schon, praktisch aber aus ethischen Gründen nicht. Wirkungslose Scheinmedikamente zu geben ist eine Sache. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass jene nicht wirken. Die Gabe von potentiell wirkenden Substanzen zu verschweigen und verschleiern?

Die Diskussion entzündete sich darin, dass eine Kollegin meinte, gezielt den Placeboeffekt mitzunehmen wäre unredlich - dem wiederum ein anderer Kollege (der viel mit Schmerzpatienten arbeitet) widersprach. Die Argumente waren da "Täuschung" (was ich übrigens als nicht ganz redliches Reframe des Placeboeffekts betrachte) vs. "Beschneidung der Behandlungswirksamkeit". Wobei die Seite "Täuschung" von Szenario A ausging, die Fraktion "Beschneidung der Behandlungswirksamkeit" von Szenario B.

Skurril war die Diskussion deshalb, weil (ob des Problems mit dem Negativ) letztendlich sicher nur Szenario D stimmt - und Szenario D schließt die Szenarien A, B und C mit ein. In dem Fall aber, da nicht zwangsläufig A stimmen muss, stand ich der Ablehnung der Placeboeffekts ablehnend gegenüber.

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