Samstag, 19. April 2014

Milgrams Frosch

Gestern lief eine doch recht interessante (wenn auch stellenweise fragwürdige) Doku über eine Wiederholung des berühmten Milgram-Experiments. Zeit, meine Gedanken dazu einmal niederzuschreiben!

Beim Milgram-Experiment ging es um die Frage, wie autoritätshörig die Teilnehmer waren. Die Teilnehmer nahmen die Rolle eines Fragenstellers ein, und sollten bei falschen Antworten dem Befragten zunehmend stärkere Stromstöße verabreichen. Angefangen bei 15 Volt, bis hoch zu 450 Volt. Die Coverstory war entsprechend die Frage, ob durch Bestrafung besser gelernt wird. In Wirklichkeit waren alle Anwesenden außer der Versuchsperson Schauspieler, es wurden keine Stromstöße oder ähnliches verabreicht. Es ging darum, wer dazu bereit war, aufgrund einer Autoritätsperson einen Menschen trotz Schmerzensschreie und Flehen um Gnade weiterzuquälen. Stellte sich heraus, es waren gut 2/3. Das war die eine Erkenntnis des Experiments von Milgram. (Bei der Wiederholung war die relative Zahl noch höher, allerdings war die Teilnehmerzahl geringer, weshalb die Vergleichsbarkeit schwierig ist.)

Das Experiment demonstrierte jedoch noch ein paar weitere psychologische Prinzipien in Aktion.
  • Zuvorderst das Salamischeibenprinzip. Die Stromstöße begannen klein, steigerten sich mit der Zeit. Die Leute wurden über kleinere Schritte, die sie alle gingen, hin zu den wirklich problematischen Regionen geführt. Auch bei den großen Gräuel der Geschichte fand man davor meist einen schleichenden Prozess. Umgekehrt, wenn man Menschen zu einer wie auch immer gearteten Verhaltensbesserung bewegen möchte, ist in den allermeisten Fällen auch ein schrittweises Eingewöhnen viel erfolgreicher als ein Hau-Ruck-Verfahren. Hier spielt das Konsistenzprinzip mit herein - sobald man sich einmal auf einem Weg begeben hat, sorgt jeder kleine Schritt dafür, dass es wahrscheinlich wird, ihn weiterzugehen. Im Falle des Milgram-Experiments mit jenen erschreckenden Ergebnissen. (Übrigens: Bei der Wiederholung sollte geprüft werden, ob ein positives Vorbild im Raum dafür sorgte, dass die Leute weniger dazu neigen, ihre Mitmenschen zu quälen. Dummerweise hat man die Stromstöße vor der kritischen Grenze, wo sie schmerzhaft werden, von dem positiven Vorbild geben lassen, dass dann das Experiment verließ. Entsprechend bin ich da, was die positive Interpretation anbelangt, dass die Leute bei Anwesenheit eines positiven Vorbilds sich auch positiv verhalten, vorsichtiger - da wurde der Frosch nicht langsam hochgewärmt, sondern direkt ins heiße Wasser geworfen.)
  • Man konnte in der Doku wie auch auf den Aufnahmen von Milgram (die mir bisher, wie ich zugeben muss, auch unbekannt waren) extrem gut die "Realitätspings" der Teilnehmenden sehen. Ab dem Moment, wo die Schmerzensschreie kamen, reagierten die Teilnehmenden mit einem "was geht denn hier ab?"-Gesichtsausdruck und wandten sich dem "Versuchsleiter" (ein Schauspieler im Arztkittel) zu. Jener reagierte schallplattenartig und ruhig, dass alles harmlos sei und das Experiment fortgeführt werden müsse. Ich habe das Gefühl, hätte der seinen Rahmen nicht gehalten, sondern hätte auch Nervosität gezeigt, hätten mehr Personen abgebrochen.
  • Man konnte extrem gut die Verantwortungsattributionen in der Wiederholung sehen. Anders formuliert, wen die Teilnehmenden für verantwortlich hielten. Oder noch anders gesagt, wo sie sich selbst sahen - auf der Ursachen- oder Wirkungsseite. Je mehr die Leute auf der Wirkungsseite waren, desto eher waren sie bereit, ihren Mitmenschen weiterzuquälen, obwohl sie angefleht wurden, aufzuhören. Je mehr sich Leute auf der Ursachenseite waren, desto mehr rangen sie mit sich selbst und versuchten mit dem "Versuchsleiter" zu diskutieren.
Mal etwas zum historischen Hintergrund des Milgram-Experiments. Es fand in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts statt. Sollte auch der Frage nachgehen, ob so etwas wie "in Deutschland" (=drittes Reich) auch woanders möglich wäre. Die Ergebnisse damals waren schockierend. In der Wiederholung wurden die Teilnehmenden gefragt, wer denn verantwortlich gewesen wäre, wenn dem anderen "Versuchsteilnehmer" (=Schauspieler) etwas passiert wäre. Die allermeisten deuteten auf den "Versuchsleiter". Diese Verteidigung wurde in den Nürnberger Prozessen auch versucht - und wurde immer abgeschmettert.

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