Montag, 21. April 2014

Tanzende Berge und Ostern

Über die Ostertage ist ein alter Freund zu Besuch in Deutschland, der seit Jahren seinen Lebensmittelpunkt in Japan hat. Gestern stellte er mir eine Frage, die mich nachdenklich hat werden lassen. "Du, können Berge tanzen?"

Diese Idee hat er irgendwo im fernen Asien aufgeschnappt, als er ein altes buddhistisches Kloster besucht hat. Dort hat er die Mönche gefragt, warum sie meditieren - und als Antwort gehört, damit sie die Berge tanzen sehen. Er daraufhin, die Wochen danach, am grübeln. Wie soll ein wenig oder ein wenig mehr Stillsitzen dazu führen, dass man etwas so Festes wie Berge, harter Fels und Gestein, die Jahrmillionen überdauern, tanzen sieht? Wie verrückt ist das?

Ich war überrascht. Fasziniert. Denn, und das sagte ich auch, "weißt du, die Berge tanzen wirklich. Nur so langsam, dass wir es nicht sehen. Die allermeisten Berge, egal ob sie in den Alpen oder im Himalaya stehen, heben sich ein paar Zentimeter bis Meter pro Jahr oder Jahrzehnt, oder senken sich in derselben Zeit. Fügst du Bilder aus hundert Jahren Fotografien von einem Gebirge zusammen, wie einen Film im Schnelldurchlauf, in dem hundert Jahre in einer Minute vergehen, dann wabbeln die Berge wie Wackelpudding!"

"Mooooment", rief mein alter Freund. "Geologie? Ich hatte eher an Physik gedacht. Was, wenn ich darüber nachdenke, völllig unmöglich ist."

Es gab bei einer Folge einer beliebten Sitcom ein Gedankenexperiment eines sehr exzentrischen Physikers. Was, wenn sich die Menschen aus Reptilien entwickelt hätten? Die fühlen keine Wärme oder Kälte, bewegen sich aber bei Wärme schneller und bei Kälte langsamer. Also würde dann unser Wettermann nicht sagen, "zieh dich morgen dick an, es wird kalt!", sondern "zieh dich morgen dick an, es wird langsam!"
Ich weiß nicht, ob es den Autoren bewusst war, aber dieser Witz liegt näher an der physikalischen Realität als unsere Wahrnehmung. Was wir als Wärme und Kälte wahrnehmen, sind vereinfacht gesagt Schwingungen auf molekularer Ebene. Je langsamer die sind, als desto kälter nehmen wir es wahr. Aus dem Grund gibt es einen absoluten Nullpunkt, ca. -273°C. "Kälter" kann es nicht werden, weil da nichts mehr schwingt. Da es selbst an der Spitze des Mount Everest keine -273°C ist, war ihm klar, so fest die Berge auch scheinen mögen, sie bewegen sich. Zu klein aber, um es zu sehen. Und, was er übersah, zu langsam, um es zu sehen.

"Es kommt immer darauf an, wie wir die Welt sehen", sagte ich. "Weniger darauf, wie die Welt wirklich ist. Sondern, was wir darauf machen. Da gab es vor ein paar Jahren ein unabsichtliches Experiment im holländischen Fernsehen. Zwei Gruppen von Menschen wurden auf quasi identischen Inseln ausgesetzt, ganz im Sinne Robinson Crusoe. Die eine Gruppe setzte sich dran, einige gingen fischen, andere bauten Unterkünfte, wieder andere suchten Wasser, stellten Tierfallen auf. Nach ein paar Tagen hatten sie eine funktionierende, kleine Zivilisation. Die andere Gruppe malte SOS in den Sand, verbrachte die Tage mit Sonnenbaden und gingen ins Meer schwimmen. Nach drei Tagen waren sie am Ende. Das einzige, was sie gemacht haben, das aufgemalte SOS, wurde von einem Sturm fortgeweht. Ich frage dich, waren die Inseln unterschiedlich? Oder das, was die Leute daraus gemacht haben?"

Erstaunlich, wie das Reality-TV Quasi-Experimente durchführen kann, ohne es überhaupt zu wollen. Aber diese Begebenheit ließ mich an Ostern denken. Ostern, das Fest der Kreuzigung und Wiederauferstehung Christis. Was ist, nur als Gedanke, wenn sich dahinter noch eine andere Idee verbirgt?

Eine Allegorie, dass wir immer Herr über unsere Welt sind? Und egal wie schlimm es kommt, selbst bei einem kompletten Zusammenbruch, einem metaphorischen Tod, neu anfangen können? Könnte das nicht die noch größere Nachricht der Hoffnung sein, des Aufbruchs, des Neuanfangs, die unsere Kultur mit Ostern verbindet?

Oder es geht nur um Hasen und um Eiersuche. Diese Wahl liegt bei uns.

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