Montag, 5. Mai 2014

Geschichtenerzählung II: Grundstruktur

Rückblickend betrachtet hätte ich vielleicht damit anfangen sollen. Kommen wir zur Frage, was eine Geschichte eigentlich zu einer Geschichte macht. Völlig unabhängig vom Kontext oder Genre. Es sind drei Elemente, wobei eins von denen nur angedeutet werden braucht.

Erstens: Eine Routine. Dies ist ein Element, das angedeutet werden kann. So verläuft es, wenn alles normal verläuft. Klassischer Anfang. Erzählt man nur von der Routine, ist es erstens langweilig, zweitens wird es nicht als Geschichte wahrgenommen.

Zweitens: Brechung der Routine. Hier geschieht etwas. Unerwartet, unbekannt, wie auch immer. Die Routine, der Alltag, kann nicht mehr aufrecht erhalten werden. Die Brechung der Routine kann alle möglichen und unmöglichen Formen annehmen. Sie kann von außen kommen (klassisch in sämtlichen Geschichten, die auf der archetypischen "Reise des Helden" beruht), sie kann von innen kommen. Völlig egal. Sie ist das Element, das Spannung herein bringt.

Drittens: Veränderung. Es wird nicht einfach nach dem Bruch der Routine zur Routine zurückgegangen. Auch das würde dafür sorgen, dass die Erzählung nicht als Geschichte wahrgenommen wird ("ich fuhr die Straße entlang, und plötzlich sah ich einen Löwen an der Seite! Jedenfalls fuhr ich dann weiter..."). Nein. Mit der Brechung der Routine wird irgendwie umgegangen, und das sorgt für eine Veränderung - des Protagonisten, anderen Personen, der Umwelt, wie auch immer.

Aus psychologischer Sicht ist interessant, dass gerade letzter Aspekt als eine Art Kausalverknüpfung extrem gut im Gedächtnis bleibt. Einfaches Experiment - einer Gruppe trägt man irgendeinen Zusammenhang in Form von Statistiken und Daten vor, einer weiteren Gruppe in Form einer Anekdote, einer weiteren Gruppe in Form von Daten und Anekdote. Die Erinnerung der beiden Gruppen mit Anekdote werden etwa gleich sein, der nur mit Daten hingegen weit dahinter.

Letzteres ist auch ein Indiz dafür, weshalb Einzelfälle so gern generalisiert werden. Verfügbarkeitsheuristik - die bleiben im Gedächtnis, hingegen bleiben die Zahlen, die zeigen, dass dies ein Einzelfall ist, weitaus weniger gut erhalten (und ihnen fehlen Aspekte wie eine emotionale Komponente und co).

Wenn du die recht einfache Grundstruktur (Routine -> Brechung der Routine -> Veränderung) im Hinterkopf behältst, kannst du aus quasi jedem Erlebnis eine Geschichte zusammenbauen. Probiere es aus! Gerade auch mit Erlebnissen, die sonst andere eher langweilig finden. Sei es zum Beispiel, du hast irgendein Naturdenkmal besucht - statt es einfach nur als Erlebnis zu beschreiben, erzähle ein wenig von der Routine davor, wie es auf dich gewirkt hat als Brechung der Routine, und schließlich irgendeine (und sei es auch noch so kleine) Veränderung, die sich daraus ergibt. Schon dadurch wird etwas, was sonst als sehr trockener Vortrag hätte enden können, viel lebendiger.

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