Sonntag, 11. Mai 2014

Konstruktivismus IV

Vor langer, langer Zeit habe ich bereits eine dreiteilige Reihe über den Konstruktivismus geschrieben (1, 2, 3), welcher einige physikalische und psychologische Grundlagen behandelt. Dann habe ich vor einiger Zeit über verschiedene Realitäten geschrieben.

Beim Konstruktivismus ist die Frage, wie gemäßigt bzw. radikal man ihn auffasst. Gleiches gilt auch für ein nicht-konstruktivistisches Weltbild. Zentral sind zwei Positionen:
- Die physikalische Realität.
- Die Gleichheit von gedanklichen Prozessen.

Je radikaler man konstruktivistische Ideen auffasst, desto mehr wird die physikalische Realität infrage gestellt. Nehmen wir sie so wahr, wie sie ist? Nehmen wir sie teilweise beschränkt und verzerrt wahr? Falls ja, wie beschränkt und verzerrt? Können wir sie überhaupt wahrnehmen? Falls wir sie nicht wahrnehmen können, gibt es sie überhaupt?

Letzteres klingt wie ein abgehobenes Gedankenspiel. Denkt man jedoch an die Quantenmechanik, dann haben wir genau jene Situation dort. Nicht grundlos hat einer der Pioniere der Quantenmechanik gesagt, wer jene glaubt hat zu verstanden, und nicht völlig abgestoßen davon sei, habe sie nicht verstanden. Das ist jetzt nur die physikalische Ebene. Aus psychologischer Sicht halte ich sie zwar für faszinierend, jedoch für nebensächlich.

Interessanter finde ich einerseits, wie unsere Sinne arbeiten. Andererseits, was unser Verstand dann mit den wahrgenommenen Informationen macht. Wie wir "unsere" Welt zusammenbauen. Insofern bin ich kein radikaler Konstruktivist, weil ich von der Existenz einer "realen" physikalischen Welt überzeugt bin - es gibt (wie in der oberen Reihe dargelegt) jedoch in der Psychologie eine ganze Reihe von Hinweisen, dass jene unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert wird.

Womit wir beim zweiten Punkt wären. Ein komplett nichtkonstruktivistischen Weltbild kann man nur aufrecht erhalten, wenn man Menschen ihre Individualität abspricht. Ich kenne keinen Psychologen, der das tut. Die Unterschiede liegen meist darin, für wie wichtig die physikalische Realität gehalten wird. Wer zum Beispiel viel mit Traumata arbeitet, der bewertet jene meist höher als jemand, der viel mit Angststörungen arbeitet. Bei Traumata hat man ein reales Erlebnis, wobei auch dort eine große Rolle spielt, wie derjenige damit umgeht. Bei Angststörungen ohne phobisches Element hingegen fehlt oft ein auslösendes physikalisches Ereignis.

Stellt man die Frage, was spricht gegen den Konstruktivismus, so muss man erst einmal Konstruktivismus definieren. Den radikalen, welcher die Existenz einer physikalischen Realität anzweifelt, dagegen lässt sich eine Menge anführen - egal wie beschränkt unsere Sinne arbeiten, so erzeugen sie doch in aller Regel sehr ähnliche Sinneseindrücke. Das lässt darauf schließen, dass das, was immer sie wahrnehmen, doch konsistent ist.
Etwas ganz anderes ist, wenn man versucht, die generelle Subjektivität unserer Wahrnehmungen zu kritisieren. In dem Fall muss man Menschen nicht nur ihre Individualität nehmen, sondern auch die allermeisten physikalischen Erkenntnisse der letzten hundert Jahre über den Haufen werfen, Stichwort allein Relativitätstheorie.

Klingt für mich nach einem Kampf gegen Windmühlen. Womit wir ein klassisches Beispiel aus der Literatur haben.

Kommentare:

  1. Vielen Dank. An dieser Stelle trifft die Psychologie wohl auf die Philosophie. LG Reader

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  2. Sehr gern. Ich bin immer froh über Themenanregungen!

    Meist schreibe ich nur herunter, was mir gerade durch den Kopf geht. Kommt dann schon einmal vor, dass ich die Filmmusik aus dem weißen Hai versuche niederzuschreiben. Muss nicht sein.

    Grüße

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