Freitag, 16. Mai 2014

Wie unfair!

Stellen wir uns folgende Situation vor (welche übrigens, auch wenn ich sie etwas abstrakt beschreibe, real ist - ich beobachte tatsächlich regelmäßig ein solches Dilemma): Eine Reihe von Personen kann zwischen zehn verschiedenen Preisen wählen. Es gibt hier keine Nieten, kein per se besser oder schlechter, sondern allein Fragen der persönlichen Präferenz. Entsprechend können die Personen auch Präferenzlisten bilden - welchen Preis sie am liebsten hätten, welchen am zweitliebsten, und schließlich welchen am drittliebsten.

Nun sind die Preise in der Quantität begrenzt. Es sind genug Preise für alle da, aber nicht jeder kann seinen Lieblingspreis erhalten. Sagen wir, es gibt jeweils fünf Stücke von jedem Preis, bei zehn Kategorien wären das fünfzig Preise, denen stehen fünfzig Personen gegenüber.

Wie nun die Preise verteilen? Hier begeben wir uns in die Untiefen der Verteilungsfairness, bzw. Testfairness.

Es gibt viele Möglichkeiten - die folgende Liste ist nicht erschöpfend!

Möglichkeit #1: Es werden zuerst die Erstpräferenzen zugeteilt pro Preis. In einem zweiten Schritt werden dann von den übrig gebliebenen Preisen entsprechend die Zweitpräferenzen zugeteilt, bis auch diese erschöpft sind. Schließlich dasselbe mit den Drittpräferenzen. Was dann noch übrig bleibt, wird per Zufall verteilt.
Vorteil: Eine hohe Quote an Erstpräferenzen werden erfüllt.
Nachteil: Hier kann es sehr schnell passieren, dass Personen überhaupt keine ihrer Präferenzen bekommen, sollte ihre Erstpräferenz nicht geklappt haben.

Möglichkeit #2: Es werden den Personen nacheinander ihre Preise zugeteilt. Ist deren Erstpräferenz bereits aufgebraucht, bekommen sie die Zweitpräferenz. Ist jene schon fort, die Drittpräferenz. Ist jene schon fort, eine Zufallszuteilung.
Vorteil: Es erhalten mehr Personen überhaupt etwas von ihrer Präferenzliste.
Nachteil: Es erhalten viel weniger Personen ihre Erstpräferenz. Weiterhin werden Preise durch die Zufallszuteilung vergeben, die sich andere mehr gewünscht hätten.

Möglichkeit #3: Die Preise werden komplett zufällig zugelost, die Präferenzen werden ignoriert.
Vorteil: Hier hat jeder die gleiche Chance auf jeden Preis, was bei unglücklichen Präferenzlisten oder späterer Platzierung in der Bearbeitungsliste in den ersten beiden Möglichkeiten nicht der Fall ist.
Nachteil: Kaum wer bekommt einen Preis, den derjenige wirklich will.

Möglichkeit #4: Die Preise werden versteigert. (Das ist nicht nur auf Geld bezogen, sondern auch an so etwas wie Engagement o.ä., genauso fielen alle Formen von Bestechlichkeit hier herein.)
Vorteil: Man erhält Ressourcen und die Preise gehen an denjenigen, der am meisten dafür bereit ist zu geben.
Nachteil: Aus dem Preis wird eine Ware, und die Ressourcen der Personen kommen ins Spiel.

Möglichkeit #5: Man führt Gewichtungen der Präferenzen ein, abhängig von externen Kriterien, wie sehr jemand den Preis verdient bzw. braucht.
Vorteil: Man kann hier förderbedürftige Personen einen Vorteil verschaffen.
Nachteil: Man benachteiligt alle anderen. Unklarheit, wie valide die Gewichtungen sind.

Und viele mehr.

In dem Fall, den ich beobachtete, wurde sich übrigens für Möglichkeit #1 entschieden. Nur, das ist der Punkt, alle Möglichkeiten sind auf ihre eigenen Arten und Weisen fair, und ebenso auf ihre eigenen Arten und Weisen unfair.

Das Beispiel ist harmlos, weil letztendlich jeder einen Preis bekommt. An anderer Stelle ist es ein riesiges Problem. Ich habe einmal gehört, wie jemand es als sehr bezeichnend bezeichnete, dass es in der deutschen Sprache kein Wort für 'fair' gäbe*. Was aber, wenn es so etwas wie 'Fairness' gar nicht gibt? Was, wenn es sinnvoller wäre, auf die Konsequenzen der Entscheidungen zu schauen? Die werden ohnehin von manchen als fair, von anderen als unfair wahrgenommen.

* = Am nähesten käme meiner Einschätzung noch 'gerecht', was jedoch anders konnotiert war bzw. ist.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen