Sonntag, 8. Juni 2014

Flüsse und Ozeane

Es ist noch gar nicht so lange her, da bin ich an einem Fluss spazieren gegangen, achtete ein wenig auf meine Umgebung. Auf die kleinen Wellen, die der Wind schuf. Wie das Schilf wehte und raschelte. Kleine Frösche, bräunlich, daumennagelgroß, herumhüpften. Seerosen, nahe am Ufer, noch ohne Blüten, nur ihre Blätter lugten aus dem Wasser. Ich sagte mir, es gibt so viel Schönes entlang des Weges, wenn du nur einmal hinschaust. Auch abseits des großen Ganzes auf die kleinen Dinge achtest.

Ich stand auf einer Brücke, blickte hinab, und erinnerte mich an eine Metapher. Das Leben sei wie ein Fluss, dahinfließt, und man nicht weiß, wo es einen hinbringt. Ich mag dieses Bildnis nicht! Ein guter Freund hat einmal einen wesentlich schöneren Vergleich verwendet. Den einer Reise. Aber nicht irgendeiner Reise, sondern den der Wikinger, wie sie aufbrachen, über den Atlantik. Mit ziemlich primitiven Schiffchen, dem ganzen Ozean trotzten, um mit ihren ganzen Familien eine neue Heimat zu finden. Durch Stürme, hohe Wellen, nicht einmal wussten, was sie erwartete. Und doch so eine neue Welt entdeckten, an einer Insel anlandeten, sich eine neue Heimat schufen.

Diese Insel nannten sie "grünes Land".

Woran denken wir heute, wenn wir "Grönland" hören? An Schnee, Eis, Arktis, Kälte. Aber was ist ein wenig Kälte, wenn man dem ganzen Ozean getrotzt hat? Es überrascht mich nicht, dass die Wikinger dieses Land "grünes Land" nannten, und eine neue Heimat fanden. Denn, so sagte er mir, wie würdest du darüber denken, wenn du all diese Herausforderungen gemeistert hättest, wäre dann noch so etwas wie ein wenig Kühle schlimm? Nach Sturm, Entbehrungen, Unwissenheit darüber, je wieder überhaupt Land unter den Füßen zu haben? Um dann dort zu landen. Grünes Land.

Er führte weiter aus, aus seinem Leben. Es war nicht immer so verlaufen, wie er erhofft hatte. Auch sein Leben hatte Wendungen genommen, die unerwartet gewesen waren. Wie er so schön sagte, erst durch den Sturm weißt du den Sonnenschein wirklich zu schätzen. Es kommt gar nicht drauf an, dass wir alle Stürme umschiffen. Sondern, dass wir aus den Erfahrungen, die wir machen, etwas mitnehmen. Etwas lernen. Das Leben so zu schätzen lernen.

Ich musste an diese Geschichte zurückdenken, weil ich in mir dieses Bildnis ein wenig weitergesponnen habe. Ich finde, gewisserweise ist es auch so, dass die Menschen um uns uns ein Stück auf unserer Reise begleiten. Manchmal nur einen sehr kurzen Weg, manchmal ein längerer Weg. Vielleicht sind sie niemals ganz vergangen, wenn wir die Erinnerungen weitertragen, selbst wenn sie von uns gegangen sind. Wie es leider bei meinem guten Freund der Fall ist, in Erinnerungen war er immer noch bei mir, als ich dort am Fluss hinabblickte, und sah, wie der Frosch ins Wasser sprang, als ein Vogel sich am Himmel abzeichnete. Eine Raupe am Schilf knabberte.

Ich musste dabei an Bücher denken. Ich weiß nicht, ob es dir auch so geht. Wenn du ein Buch gelesen hast, es dann nach Jahren wieder liest, dass du dann vielleicht dieselbe Geschichte liest, und die Geschichte doch anders ist. Du völlig neue Tiefen entdeckst. Nicht die Geschichte hat sich verändert, sondern du.

Was hat das mit der Raupe zu tun? Entdeckt die Raupe nicht auch neue Tiefen in sich, wenn sie sich in einen Schmetterling verwandelt? Vielleicht. Aber eigentlich musste ich daran denken, als ich im Hintergrund den Fluss sah. Du kannst ein wenig in die Tiefe sehen, je nachdem, wie klar das Wasser ist. Aber der Fluss verändert sich. Sein Grund. Sein Ufer. Und auch unser Leben verändert sich. Es ist in gewisser Weise niemals dasselbe, so wie wir es sehen, immer davon beeinflusst, wer wir gerade sind.

Ich kann für mich sagen, ich bin nicht mehr derselbe wie vor einigen Jahren. Oder als ich zuletzt an diesem Fluss stand. Das lag fast zwanzig Jahre zurück, ein Ort aus meiner Kindheit. Ein idyllisches Fleckchen, das die wenigsten je sehen werden. Und doch weiß ich, dass jeder solche Orte hat, haben kann. Und die sich auch seltsamerweise sowohl verändern, als auch gleich bleiben. Auch wenn die Welt sich verändert, und wir uns in ihr verändern, so gibt es doch eine Konstante in ihr.

Dieselbe Konstante, die schon damals den Wikingern geholfen hat, als sie den Atlantik überquerten und ihr eigenes kleines Paradies fanden. Wir selbst. Insofern, und deshalb mag ich das Bildnis, mag das Leben manchmal dahinplätschern, Windungen und Biegungen zu nehmen, die wir nicht absehen können. Es gibt einen Unterschied; und das ist die Lehre, die wir aus der Reise der Wikinger ziehen können. Wir bestimmen unseren Kurs.

Wir bestimmen, welche Lehren wir aus unserem Leben ziehen. Am Ende, dort wo wir anzukommen glauben, denn meist das Leben geht immer irgendwie weiter, wo wir vorher gar nicht wissen, ahnen können, was es sein wird. Da ist es nicht mehr wichtig, wo wir herkommen. Oder wo wir hinwollen. Sondern, dass wir unseren Kurs bestimmen.

Denn stellen wir uns vor, die Wikinger hätten damals gesagt, hey, nett, Wind! Wir lassen uns mal treiben. Schauen, wo wir enden. Sie haben es nicht getan. Da schaute ich den Fluss hinab, dachte mir, vermutlich werde ich diesen Fluss nie wieder sehen. Selbst wenn ich an ihn zurückkehre, wird es nicht mehr derselbe Fluss sein. Und ich nicht mehr derselbe Mensch sein. Aber die Erinnerung bleibt.

Genauso wie uns die Erinnerung an all die Menschen bleibt, die uns ein Stück auf unseren Wegen begleitet haben. Ebenso die Erinnerungen an all die Wege, die wir beschritten haben.

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