Samstag, 7. Juni 2014

Noch mehr emotionaler Rahmenspaß II

Heute möchte ich über 'eine' Emotion sprechen, bei der ich behaupten würde, dass dahinter mindestens drei verschiedene Emotionen stecken.

Mitleid

Ich habe zuerst darüber nachgedacht, dass hier vielleicht so eine Art Spektrum vorliegt. Vielleicht tut es das auch. Allerdings haben die folgenden drei Ausprägungen so unterschiedliche Rahmenfaktoren, dass ich da wenn dann mehr von einer Emotionsmischung ausgehe. Die unterschiedliche Natur zeigt sich meiner Einschätzung nach auch darin, wie auf Mitleid reagiert wird. Weshalb reagiert dieselbe Person mal auf gezeigtes Mitgefühl sehr positiv, und explodiert förmlich ein anderes mal?

Es gibt mehrere Grundpfeiler, die immer gegeben sein müssen, für jede Form:
- Ziel ist eine andere Person.
- Der Person ist ein negatives Ereignis widerfahren, oder ein negatives Ereignis wird erwartet.
- Der Person, der ein negatives Ereignis widerfahren ist, wird als nicht ursächlich intentional dafür verantwortlich gesehen.
- Die Bewertung als negativ ist rein subjektiv, hängt also von der Person ab, die Mitleid (egal welcher Form) empfindet.

Gerade der letzte Punkt ist wichtig! Für Mitleid ist nicht entscheidend, was die Person denkt, der etwas widerfahren ist - sondern was die andere Person darüber denkt. Ist einerseits eine Frage der Empathie. Andererseits der eigenen Situationsbewertung. Empathie und Situationsbewertung interagieren miteinander. Findet jemand eine Situation schlimm, kennt er sie möglicherweise auch selbst als schlimm, ist das Kriterium erfüllt. Ist die Situation unbekannt, so kann Empathie die Lücke füllen, so die Situation nicht als trivial eingeschätzt wird. Ein Nervenzusammenbruch, weil der Lieblingsfüller nicht mehr schreibt, dürfte eher kurios als mitleidserweckend wirken.

Der Punkt mit der Verantwortung ist auch interessant. Dies ist keine Entweder-Oder-Frage. Generell ist die Hilfsbereitschaft als auch das gezeigte Mitleid gleich welcher Form höher, je weniger derjenige wiederum subjektiv für das Ereignis verantwortlich ist. Einer der effektivsten Möglichkeiten, Mitleid zu verhindern, ist darzustellen, wie jemand für sein eigenes Unglück verantwortlich ist.

Kommen wir dann zu den drei Ausprägungen, Formen, wie auch immer!


Form #1: Furchtbasiert
- Der eigene Status wird insgesamt als höher gesehen als jener der anderen Person.
- Was der Person widerfahren ist, wird aufs eigene Leben projiziert.
- Es wird der Person nicht zugetraut, selbst die Schwierigkeit zu überwinden. Oder auch, je hilfloser die Person wirkt, desto stärker ist das empfundene Mitleid.
- Emotionsziel: Animiert zur Hilfe der Person als gesellschaftlicher Leim in schwierigen Lebenslagen.

Der Punkt mit dem Status wird auch bei der zweiten Form eine Rolle spielen. Hier tritt die Emotion nur auf, wenn das eigene Leben insgesamt als besser angesehen wird als das jener Person, der etwas schlimmes widerfahren ist. Aus diesem Grund tritt diese (und die nächste) Form auch so gut wie nie gegenüber den Reichen, Mächtigen, und sonstwie Glücklichen auf, außer es zerlegt ihnen ihr gesamtes Leben. Dies ist auch mit der Grund, warum viele Leute, die wirklich in einer schwierigen Situation stecken, empfindlich auf 'Mitleid' reagieren, und es als herabschauend interpretieren. Sie haben recht.

Aufgrund des Punkts mit der Projektion spreche ich hier von furchtbasiert. Der Grund für das Mitleid, und dem Ziel der Emotion, ist jemanden in Not zu helfen. Dahinter steckt auch die Vorstellung, dass einem selbst hoffentlich auch geholfen wird, wenn man in einer ähnlichen Situation steckt.

Dies erklärt auch, warum in bestimmten Kontexten kein Mitleid gezeigt wird, auch wenn man es erwarten würde. Entweder, die Person glaubt, gegen welchen Schicksalsschlag auch immer immun zu sein, heißt der Furchtaspekt greift nicht. Oder sie antizipiert, dass ihr in einer ähnlichen Lage nicht geholfen werden wird. Letzteres muss sich nicht auf die Person beziehen, sondern kann sich ebenso auf die Gesellschaft als Ganzes beziehen. Erwartet jemand, mit seinen Nöten allein gelassen zu werden, wird derjenige diese Form des Mitleids nicht empfinden. Genauso wenn derjenige nicht glaubt, dass ihm selbst dies widerfahren könnte.


Form #2: Disassoziativ
- Der eigene Status wird insgesamt als höher gesehen als jener der anderen Person.
- Vom Leid des anderen wird sich komplett disassoziiert.
- Emotionsziel: Das eigene Selbst aufwerten bzw. erhalten.

Hier haben wir es mit dem fast kompletten Gegenteil der obigen Emotion zu tun. Ebenfalls spielt hier der Status mit herein, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Dies ist quasi eine gesellschaftliche Maske, die den Eindruck der ersten Form erwecken will, aber ganz andere Zwecke verfolgt. So in etwa, wenn man ein Kleintier überfährt, nach außen hin so etwas sagt wie "das arme Tierchen!" und insgeheim gar keine Tiere mag.

Damit lässt sich auch wunderbar das eigene Ego aufwerten. Leute, die sich am Leid anderer ergötzen, ohne helfend einzugreifen, zeigen oft diese Emotion. Auf diese Form wird noch allergischer reagiert als auf die erste, denn nicht nur ist das hier herabschauend, es wird auch als heuchlerisch erlebt.

Muss es nicht unbedingt sein .Es kann auch ein Copingmechanismus sein, um sich vom Leid der anderen nicht herabziehen zu lassen. Ich halte es allerdings für keine funktionale Strategie.


Form #3: Prinzipienbasiert
- Auf Empathie beruhend.
- Oftmals an Vorbedingungen geknüpft, z.B. persönliche Eigenheiten der Person, der Leid widerfahren ist.
- Emotionsziel: Den Schmerz fortnehmen.

Ein englischsprachiger Kollege umschrieb diese Form einmal mit "I wish I could take your pain away" als Grundeinstellung. Hier fällt direkt auf, dass der Status keine unmittelbare Rolle spielt. Dies führt auch dazu, dass auf diese Form des Mitleids in aller Regel positiv reagiert wird, weil sie eben nicht herablassend wirkt.

Allerdings setzt diese Form erstens Empathie voraus, sich ins Gegenüber einfühlen zu können bzw. überhaupt zu wollen. Außerdem kann bei dieser Form das Gegenüber disqualifiziert werden, weil sie zum Beispiel als wie auch immer geartete schlechte Person gesehen wird und damit des Mitleids unwürdig sei. Ein weiterer Grund, warum im Allgemeinen positiv darauf reagiert wird, wenn diese Form des Mitleids gezeigt wird - denn es sagt der Person, der Leid widerfahren ist, dass sie trotz allem für eine tolle Person gehalten wird.

An dieser Stelle auch ein sehr kurzer Ausflug ins Spirituelle: In diversen Weltreligionen finden sich Anregungen, sich von diesen Vorbedingungen zu lösen als Schritt zur eigenen Erleuchtung bzw. Erlösung. Aus dem Grund auch der Zusatz "oftmals".


Man sieht auch die Wirkung der einzelnen Emotionen sehr schön im Verhalten, das im Falle einer Krisensituation gezeigt wird. Folgende Gruppen sah ich immer wieder, wenn Leuten Todesfälle im engsten Familien- bzw. Freundeskreis widerfuhren: Da gab es erstens Leute, die in erster Linie Hilfe bei der Bewältigung der Probleme anboten (jene fielen in Form #1). Dann gab es Leute, die sich mehr darauf verstanden, den anderen aus seinem Loch herauszuholen (jene fielen in Form #3). Und dann gab es in jeder solchen Situation auch immer ein paar Leute, die die Situation kleinredeten (jene fielen in Form #2).

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