Sonntag, 15. Juni 2014

Noch mehr emotionaler Rahmenspaß IV

Das, was ich heute besprechen möchte, ist nicht wirklich eine klassische Emotion. Es hat verschiedene Elemente mit Emotionen gemeinsam. Geht man die drei klassischen Merkmale einer Emotion durch, auf die sich die meisten Forscher einigen können (bestimmter Bezugspunkt, Erlebnisaspekt, zeitliche Begrenztheit), dann erfüllt dieser Zustand jene Kriterien. Allerdings ist der Zustand weniger direkt emotional, und mehr trance-artig.

Flow

Flow-States sind faszinierend. Es gibt hierfür keine vernünftige deutsche Übersetzung - am ehesten würde noch so etwas wie Tätigkeitsrausch passen. Flow ist ein trance-artiger Zustand, der bei bestimmten Tätigkeiten auftritt, und von den allermeisten Menschen als sehr positiv erlebt wird. Wenn irgendeine Arbeit Spaß macht, welcher Art auch immer jene ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man sich dabei in einem Flow-State befindet. Bei Hobbies werden jene Flow-Erlebnisse oft aufgesucht. Wer Flow-Erlebnisse im Berufsleben findet, hat eine deutlich erhöhte Lebensqualität. Wer beim Lernen, egal ob im Bereich von Fähigkeiten oder Wissen, in Flow-States gerät, lernt deutlich erfolgreicher.

Insofern ist Flow ein sehr nützlicher Zustand. Für einen selbst. Genauso im Umgang mit anderen. Nehmen wir einmal so etwas wie Fortbildungen: Gerät das Publikum regelmäßig in Flow-Zustände lernt es besser, ist motivierter, und die Zeit vergeht wie im Flug. Wenn ich eine einwöchige Blockveranstaltung starte, schnippe ich am Anfang mit dem Finger und sage, so schnell wird schon Sonntag sein. Glaubt mir zu dem Zeitpunkt niemand. Am Ende bestätigen jedoch fast alle diesen Eindruck.

Aber wie kommt es nun zum Flow-Zustand? Er kann nicht erzwungen werden. Und manche der Rahmenbedingungen sind sehr individuell. Gemeinhin zeichnet sich Flow aus durch:
- Aufmerksamkeitsfokussierung auf die Tätigkeit.
- Die Tätigkeit liegt in einem recht engen Korridor zwischen Anforderungen und vorhandenen Fähigkeiten.
- Die Tätigkeit erzeugt regelmäßige Rückmeldungen. Die Rückmeldungen sind von den Handlungen beeinflusst.
- Die Tätigkeit selbst motiviert, lies hier ist intrinsische Motivation im Spiel.

Gehen wir kurz die einzelnen Aspekte durch. Die Aufmerksamkeitsfokussierung ist ein wichtiger Punkt. Kann man sich nicht konzentrieren, aus welchen Gründen auch immer, wird kein Flow auftreten. Umgekehrt ist dieser Punkt auch der Grund, weshalb Flow so trance-artig ist. Was ist Kernpunkt jeder Trance, jeder Form von Hypnose? Aufmerksamkeitsfokussierung. Interessant an Flow-Erlebnissen ist nun, dass diese Aufmerksamkeitsfokussierung durch die nachfolgenden Punkte sehr wahrscheinlich wird. Diese Aufmerksamkeitsfokussierung ist auch der Grund, warum in Flow-States so etwas wie ein fragiles Ego (was ein Thema für sich selbst ist) verschwindet, und die Tätigkeit mühelos zu sein scheint.

Sie ist nämlich nicht wirklich mühelos. Eher im Gegenteil. Flow tritt nur auf, wenn eine halbwegs vernünftige Passung zwischen den Anforderungen und den vorhandenen Fähigkeiten vorliegt. Ist die Aufgabe zu einfach, tritt Langeweile auf, die Aufmerksamkeit wandert, es kommt zu keinem Flow. Ist die Aufgabe zu schwer, sind die Anstrengungen zu hoch, es kommt zu Zweifeln, Frustration, Misserfolgen, die Aufmerksamkeit wandert auch umher, kein Flow.

Rückmeldungen sind insofern wichtig, weil sie die Aufmerksamkeit auf der Tätigkeit halten. Ohne Rückmeldung über das, was man tut, wandert die Aufmerksamkeit umher. Die meisten Tätigkeiten geben Rückmeldungen - sei es, wenn man ein Auto fährt (also wenn die Lenkung oder die Pedale nicht mehr reagieren würden, gäbe mir das sehr zu denken); sei es, wenn man ein Gespräch führt (Gestik, Mimik, Reaktionen des Gegenübers); sei es, wenn man Daten auswertet (die Veränderung der Zahlenkolonnen und Rechenergebnisse auf dem Monitor); sei es, wenn man bei einem Ballspiel den Ball bewegt. Problematisch wird es, wenn es keine Rückmeldungen gibt, oder wenn es keinen Einfluss auf die Ergebnisse gibt. In dem Fall wieder ist die Aufmerksamkeit ungebunden, und Flow tritt nicht auf.

Schließlich der letzte Punkt, die Tätigkeit muss irgendwie die Motivation der Person ansprechen. Ansonsten kümmert sie sich nicht um die Rückmeldungen, ihre Aufmerksamkeit ist nicht gebunden. Sie mag die Tätigkeit noch ausführen, weil sie sich dazu verpflichtet fühlt, aber die Gedanken werden dabei wandern, und entsprechend wird es eher keinen Flow geben.

(Habe ich jetzt wirklich Flow unter emotionalen Rahmenspaß gepackt? Hey, Flowerleben beim Schreiben!)

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