Donnerstag, 19. Juni 2014

Noch mehr emotionaler Rahmenspaß V

Endlich mal wieder eine Emotion, die sowohl eindeutig ist, als auch klar als Emotion bezeichnet werden kann! Allerdings mit einer sehr seltsamen zeitlichen Orientierung.

Reue
- Eine Entscheidung wurde getroffen.
- Diese Entscheidung stellte sich als negativ heraus.
- Es wurden keine Lernerfahrungen aus der Entscheidungsfindung gezogen.

Reue und Trauer können ineinander übergehen, wenn der letzte Punkt nicht mehr möglich ist - also Entscheidungen fielen, die nicht korrigierbar sind. Von solchen Fällen abgesehen, wo also Reue und Trauer miteinander einhergehen, ist Reue alleine eigentlich eine fast schon leere Emotion. Wenn ich auf Seminaren demonstrieren will, wie einfach man durch Worte negative Emotionen zerbröseln kann, wähle ich daher gern Reue.

Reue ist wie ein Tanz auf dem Drahtseil. Wäre Reue nur vergangenheitsorientiert, bestünde sie nicht. Komplett abgeschlossene Ereignisse lösen keine Reue aus. Die zugrunde liegende Entscheidung erstreckt sich in die Zukunft. Allerdings auch nicht komplett. Denn wenn klar wird, dass man sich in Zukunft in ähnlichen Situationen anders entscheiden kann - ja sogar bedingt durch die falsche Entscheidung uns wahrscheinlicher richtig entscheiden, auch dann tritt keine Reue auf. (Ausnahme die Vermengung mit Trauer, siehe oben.)

Das ist ein Ansatzpunkt.

Der andere Ansatzpunkt ist, dass hier ein Prozess verdinglicht wird. Entscheidungen gibt es eigentlich gar nicht. Es gibt den Prozess, sich für (bzw. gegen) etwas zu entscheiden. Dieser Prozess wird aufrecht erhalten. Im Falle von Reue mehr oder weniger bewusst zumeist immer weiter nachrationalisiert. Sobald dieser Prozess einmal unterbunden wird, verschwindet Reue ebenfalls. Das heißt nicht, dass man die daraus erfolgte Handlung korrigiert. Es heißt nur, dass man die eigene Entscheidung bzw. Handlung nicht mehr rationalisiert und aufrechterhält, quasi in die Gegenwart und Zukunft projiziert. Reue ist in gewisser Weise eine Warnemotion, die da sagt "hier wurde ein Fehler gemacht! Mache es in Zukunft richtig!", und dem geht es entgegen, wenn man den Fehler rationalisiert.

Schließlich noch die Frage, wie negativ die Entscheidung letztendlich war.

Wenn ich es mit Reue ohne Trauerkomponente zu tun bekomme, mache ich folgendes: Kurz das auslösende Ereignis anschneiden und erfragen, was die Person lieber besser gemacht hätte. Fragen, wo die Person war. Daraufhin fragen, wo die Person davor war. Anschließend die Person von diesem Standpunkt aus komplett in die Zukunft orientieren und auf all die zukünftigen verweisen, wo sich in Zukunft besser entschieden werden kann. (Fürs Protokoll, das muss ziemlich schnell ablaufen.)

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