Samstag, 28. Juni 2014

Projektion I

Wenn ich gefragt werde, welches Phänomen aus den früheren Tagen der Psychologie heutzutage weniger beachtet wird, als es beachtet werden sollte, so lautet meine Antwort gemeinhin "Projektion". Dabei stammt die Grundidee dahinter gar nicht direkt aus der Psychologie - man findet sie in der Antike bei manchen Philosophen, im neuen Testament (Splitter und Balken im Auge), zu Zeiten der Renaissance, und schließlich auch bei Freud. Freud beschrieb Projektion als Abwehrmechanismus - unerwünschte eigene Tendenzen und Impulse werden anderen zugeschrieben.

Später fand sich gerade in der Motivationspsychologie, dass man durch direkte Fragen kaum an die Motive der Personen heran kam. Das Ergebnis waren überwiegend sozial erwünschte beziehungsweise selbstwertdienliche Aussagen. Ließ man die Leute jedoch mehrdeutige Bilder beschreiben bzw. Geschichten dazu erzählen, brachten sie dort ihre Motivationsstrukturen herein - sie projizierten.

Ebenso fand man in der Kognitionspsychologie systematische Denkverzerrungen. Wir sind der Meinung, dass viel mehr Menschen unsere Weltsicht haben, als wir sicher wissen bzw. es der Fall ist. Das gleiche Phänomen findet sich auch in der Sozialpsychologie, wo man fand, dass Personen von sich selbst aus auf andere Mitglieder ihrer Bezugsgruppe generalisierten.

Wenn wir mal darauf zurückgehen, wie Menschen ihre Realität konstruieren, werden all diese und noch viele weitere Phänomene verständlich. Das, was wir als Realität erleben, ist die Gesamtheit unserer Umwelt und unseres Innenlebens - Gedanken, Gefühle, Wissen und vieles mehr. Alles, was außerhalb der Außenwelt liegt, also in uns selbst, färbt unsere Erklärung der Realität ein. Und zwar immer im Einklang zu unserer inneren Wirklichkeit, die dann auf die äußere Wirklichkeit angewendet wird.

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