Sonntag, 29. Juni 2014

Projektion II

Anknüpfend an Teil 1: Lässt sich Projektion nutzen? Selbstverständlich!

Ein Anwendungsbereich wurde bereits genannt, Diagnostik. Wie eine Person Ereignisse interpretiert sagt sehr viel über die Person aus. Ebenso, was eine Person in fiktionalen Werken einbringt. Eine Übung, die ich auf Seminaren beim Thema Motivation gern einbringe, ist, Serien diesbezüglich mal abzuklopfen. Darin finden sich entweder sehr konsistente Muster, das tritt auf, wenn größtenteils nur eine kleine Anzahl an Drehbuchschreiber beschäftigt sind, oder die Drehbuchschreiber sich gut miteinander austauschen. Oder die Protagonisten und das ganze Setting wirkt sehr inkonsistent, weil jeder Autor die Charakter- und Weltvorgaben anhand seiner inneren Blaupause interpretiert. Im ersteren Fall kann man gut Rückschlüsse auf die Autoren ziehen - zumindest bezüglich auf das, was jene für interessant bzw. unterhaltend finden. Im zweiteren Fall sieht man die Unterschiede durch die Inkonsistenzen.

Dann gibt es da noch eine ganze Reihe teils nützlicher, teils auch hochgradig problematischer Folgen von Projektionen. Sprechen wir also einmal über den Rosenthaleffekt (oder auch "Ein weiterer Klassiker der Psychologie, den man heute durch keine Ethikkommission mehr bekommt.")

In der Studie von Rosenthal und Kollegen füllten Schüler am Anfang des Schuljahrs einen Leistungstest aus. Niemand erfuhr deren wahres Ergebnis. Den Lehrern wurde ein falsches Ergebnis mitgeteilt. Am Ende des Schuljahrs füllten die Schüler wieder den Leistungstest aus - ihr Ergebnis entsprach ganz überwiegend nicht mehr ihrem ursprünglichen Test, sondern dem falschen Wert, der den Lehrern mitgeteilt worden war. Die Lehrer hatten ihr (falsches) Wissen über die Schüler auf jene projiziert, und die Schüler hatten dies internalisiert.

Inzwischen gibt es auch eine ganze Reihe von Erkenntnissen dazu, worauf dieser Rosenthaleffekt funktioniert. Grundsätzlich läuft es (wieder einmal) auf Rahmensetzung hinaus. Nehmen wir einmal einen Schüler, der eine "3" geschrieben. Wie reagiert der Lehrer? Positiv überrascht? Negativ überrascht? Enttäuscht? Traurig? Wütend? Neutral? All das sind Hinweise, auf die der Schüler schon ganz unbewusst (Priming!) Rückschlüsse darauf zieht, für wie schlau ihn der Lehrer hält. Im Falle der Rosenthalstudie beruhte die Einschätzung des Lehrers jedoch auf vorsätzlich falschem Wissen. Vorab schlechte Schüler verbesserten sich so. Vorab gute Schüler verschlechterten sich. Ersteres ist gut. Letzteres böse.

Umgekehrt, man denke mal an die Grundannahme der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie. Ich meine, es war Rogers selbst, der einmal sagte, wenn man Klienten so behandelt, als seien sie großartige Menschen mit Ressourcen zur Lösung all ihrer Probleme, dann entdecken sie jene Seite in sich früher oder später. Auch in anderen Disziplinen wird ein ähnliches Menschenbild betont. Heißt, wir können unsere Projektionen auch positiv nutzen. Wie sie zum Beispiel beim Experiment von Rosenthal und Kollegen im Falle der ursprünglich schlechteren Schüler eine positive Wirkung hatten. Nur findet sich hier auch eine Warnung - wenn wir (bestimmten) Menschen von vornherein negativ gegenüber eingestellt sind, dann besteht die sehr reale Gefahr, dass sie unsere Erwartungen erfüllen.

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