Sonntag, 22. Juni 2014

Rationalisierungen

Vorweg, ich spreche hier nicht über die ökonomischen Vorgänge, sondern über die psychologischen. Die ökonomischen Vorgänge haben mit den psychologischen inhaltlich gar nichts zu tun. In der Ökonomie geht es um die Optimierung von Betriebsabläufen, sei es durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen oder durch Ersetzung von Arbeitskräften.

Nun, in gewisser Weise gibt es da doch eine Ähnlichkeit zur Psychologie. Dort dienen Rationalisierungen zur Verbesserung des kognitiven Selbst- und Weltbilds. Und kann manchmal ebenso kontraproduktiv sein wie eine ökonomische Maßnahme, die die Betriebsabläufe produktiver gestalten sollte, sie am Ende jedoch verschlechtert.

Was sind Rationalisierungen in der Psychologie? Die kurze Erklärung wäre kurz gesagt nachträgliche rationale Erklärungen für nicht rational getroffene Entscheidungen bzw. ausgeführte Handlungen.

Wie so häufig bei kurzen Erklärungen, greift diese Erklärung meiner Einschätzung nach zu kurz. Es gibt viele verschiedene Arten von Rationalisierungen. Ich möchte einige kurz vorstellen.

1. Rechtfertigung emotionaler bzw. motivationaler Handlungen: Das ist die klassische Rationalisierung. Es wird eine Entscheidung getroffen, aus einem bestimmten emotionalen Zustand heraus. Später wird auf dieselbe Entscheidung aus einem anderen emotionalen Zustand zurückgeblickt, und jene emotionalen Einflüsse einerseits ausgeblendet, andererseits durch nachträgliche rationale Erklärungen ersetzt. In sehr negativen emotionalen Zuständen lebensverändernde Entscheidungen zu treffen hat leider nur allzu oft problematische Folgen. Statt sich dies auch nur bewusst zu machen, werden dann nachträglich Gründe gesucht. Das Gedächtnis ist diesbezüglich wundersam flexibel.

2. Schutz des Selbstbilds: Sagen wir, jemand hat irgendetwas getan, was derjenige nicht hätte tun sollen. Sei es, eine wichtige Aufgabe verschlafen zu haben. Sei es, den Partner betrogen zu haben. Sei es, über Jahre die eigene Gesundheit vor die Wand gefahren zu haben. Sei es, siehe oben, eine nachträglich sehr problematische Entscheidung getroffen zu haben. Wie geht jemand damit um? Manche übernehmen Verantwortung dafür. Andere suchen stattdessen nach Ausreden, Erklärungen, die nur dazu dienen, das eigene Selbstbild intakt zu lassen bzw. zu stärken.

3. Integration neuer Informationen an bisherige Schemata: Hier werden neue Informationen in das bestehende Weltbild eingefügt, und dabei möglicherweise verfälscht. Ein schönes Sprichwort diesbezüglich ist "wenn man nur einen Hammer hat, sieht alles wie ein Nagel aus". Das tyrannische Prinzip ist eine extreme Form davon. Priming, Vorabrahmensetzung und co funktionieren ebenso durch diese Informationsverzerrung. Im Ergebnis wirkt dies wie eine Rationalisierung, obwohl es genau genommen keine ist. Das Handeln bzw. die Entscheidungen machen für die Person rational Sinn, denn das Problem ist, dass die Rationalisierung schon vorab geschehen. Dem Weltbild widersprechende Informationen wurden zurechtgebogen, und die zurechtgebogenen Informationen dienen dann als Begründung des Handelns.

4. Akzeptanz untergeschobener Vorwegannahmen: Das passiert, wenn falsche Prämissen nicht hinterfragt werden. Hier werden Begründungen für Annahmen gesucht und gefunden, obwohl die zugrunde liegende Annahme nicht stimmt. Das kommt zum Beispiel in der Forschung vor, wenn nicht fundierte angebliche Erkenntnisse, Kausalitäten, wie auch immer erklärt werden. Vielleicht erinnerst du dich an den Spinathype, den es früher mal gab. Ich mag Spinat, aber der angebliche hohe Eisengehalt beruhte auf einem Kommasetzungsfehler - dennoch erinnere ich mich an so manche Diskussionen darüber, wie es zustande kommt, dass Spinat so viel Eisen enthalten würde. Hier wurden nachträgliche Erklärungen für eine unbestätigte Vorwegannahme gesucht und gefunden.

5. Lückenschließungen: Dies kann sich sowohl auf Lücken der Aufmerksamkeit als auch auf Lücken der Erinnerung beziehen. Wenn wir dort eine Lücke haben, zum Beispiel weil wir ein bestimmtes Vorkommnis nicht gänzlich mitbekommen haben, oder weil wir unwichtigere Aspekte daraus vergessen haben, rekonstruiert unser einen möglichst schlüssigen Lückenfüller. Problem dabei ist nur, jener kann völlig falsch sein. Zum Beispiel im Bereich von Zeugenbefragungen ein Problem.

6. Reinterpretation von Erlebnissen aufgrund des aktuellen Wissensstands: Dies ist quasi die umgekehrte Situation von Fall #3. Während dort neue Informationen verzerrt werden, verzerren hier neue Informationen Erinnerungen. Wir bauen quasi neuere Erkenntnisse, Charaktereigenschaften, wie auch immer in die Vergangenheit ein, wo sie möglicherweise noch gar nicht vorlagen. Lustig ist nun, das ist gar nicht einmal schlecht. Manche emotionalen Fesseln schwierigster Erlebnisse lassen sich sprengen, wenn man aktuelle Ressourcen in die Erinnerung einbaut (siehe für ein Beispiel den Rahmenspaß zur Reue). Genauso sorgt es jedoch auch dafür, dass Erinnerungen, Entscheidungen, wie auch immer später in einem ganz anderen Licht geschildert und gesehen und erklärt werden.

Das waren jetzt nur einige wenige Beispiele für Rationalisierungsformen. Es gibt sicher noch eine Menge mehr, und ich hoffe, die kleine Einführung wird dir dabei helfen, jene zu erkennen, wenn sie dir begegnen.

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