Samstag, 19. Juli 2014

"Alte" Theorien

Ich erinnere mich noch an meine ersten Semester als Psychologiestudent. Allein in der Allgemeinen Psychologie (Emotion, Motivation, Lernen, Denken, Wahrnehmen) hatten wir mehrere Buchserien (!) als Prüfungsliteratur. Ebenso andere Fächer, beispielsweise in der differentiellen Psychologie ("Persönlichkeitspsychologie") voller Theorien und Modelle, die schon Jahrzehnte alt waren.

Damals, und daran erinnere ich mich noch, fragte ich mich "warum müssen wir denn das alles lernen?", wie ignorant ich doch war! Und auch wie heuchlerisch - ein Thema, für das ich mich immer schon interessiert hatte, war Geschichte. Aus der Überzeugung heraus, dass man aus ihr lernen konnte, viel über die Menschen erfuhr. Doch weigerte ich mich, den Wert in den eher historischen Theorien zu sehen.

Welchen Wert?

Auf der einen Seite ihren zeitlichen Bezug. Da gab es Erkenntnisse aus Studien, die in der Form heutzutage nicht mehr durchführbar sind. Ebenso die Eindrücke von der menschlichen Natur von Psychologen, die ganz andere gesellschaftliche Perspektiven hatten.

Auf der anderen Seite ihren Nutzen. In gewisser Weise hat die Psychologie mehr mit der Physik als mit der Medizin gemein. Der menschliche Körper ist ziemlich gut erforschbar, Methoden gut weiterentwickelbar. Hier braucht es keinen theoretischen Unterbau. In der Physik hat man immer noch das Gegensatzpaar der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie - Erstfassung deren wurde glaube ich vor dem ersten Weltkrieg veröffentlicht, vor über hundert Jahren. Und diese Theorien funktionieren.

In der Psychologie ist es so ähnlich. Die Methoden der Behavioristen (wie z.B. Skinner) funktionieren. Psychoanalytisch orientierte Verfahren funktionieren. Die Beobachtungen von vor vierzig Jahren, achtzig Jahren, hundertzwanzig Jahren, was den menschlichen Geist betreffen, sind heute noch genauso zutreffend wie damals. Vielleicht mag hier und da das aus der Zeit entstandene Weltbild sich zu sehr auf manche Aspekte beschränkt haben, und man würde heute andere Schlüsse ziehen. Wer weiß?

Rückblickend bin ich froh, dass ich in meinem Studium nicht nur die aktuellen Modelle einer Richtung kennengelernt habe, sondern sie alle - von Adler bis Watson. Genauso wie wir keine einheitliche Theorie der Physik haben, haben wir auch keine einheitliche Theorie der Psyche - nur verschiedene Theorien, die unterschiedliche Aspekte unterschiedlich gut erklären und für unterschiedliche Probleme unterschiedlich gut geeignet sind.

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